Über das Halbieren von Menschen

Es ist viertel vor zehn, als ich in meiner Wohnung das Klo putze und überlege, ob es wohl wieder jeden Moment an der Tür klingeln wird, wie es ja meist der Fall um diese Uhrcait ist, und als es an meiner Wohnungstür schellt, die immer dann meine ist, wenn meine Mitbewohnerin außer Haus ist, und unsere, wenn sie anwesend ist. Und da es nun an meiner Türe klingelt, weiß nun jeder, dass meine Mitbewohnerin nicht in der Wohnung ist.

„Soll ich aufmachen?!“, ruft plötzlich meine Mitbewohnerin aus dem Wohnzimmer.

Ich erschrecke, sodass ich eine bekannte Filmszene kopieren muss.

„Großer Gott, habe ich mich erschrocken! Was machst du hier?!“

„Ich wohne hier!“

„Ja, aber doch nicht um diese Zeit!“

„Ich habe heute frei! Ist dir nicht aufgefallen, dass ich den ganzen Morgen schon hier bin?!“

„Nein, ich bin zu sehr mit der Abarbeitung meines Putzplanes beschäftigt.“

Es klingelt abermals. An unserer Tür. Ich bewege mich zu dieser, als ich merke, dass meine Mitbewohnerin dieses nicht tut. Wer mag das sein? Vermutlich Merugin. Ich öffne und vor mir steht Pavel, den ich lange nicht mehr gesehen habe.

Pavel ist mein bester Kumpel, den ich an sich schon aus meinem Gedächtnis gestrichen hatte, wie es sich für einen besten Kumpel gehört, der sang- und klanglos aus meinem Leben geschieden ist.

„Pavel!“

„Seppo!“

„Pavel!“

„Ja?“

„Pavel!“

„Ja, was denn?!“

„Pavel, es ist schon ewig her, dass du hier vorbeigekommen bist!“

„Es ist auch ein Notfall!“

„Oh. Okay.“

„Merugin liegt in der Notaufnahme.“

Mir schießt das Blut in den Kopf, von da aus in die Beine. Ich sehe Pavels ernster Miene an, dass auch ich eine ebenso ernste Miene auflegen sollte. Vor lauter Hektik vergreife ich mich zunächst in der Mimik und lege ein Lächeln auf.

„Das amüsierst dich, Seppo?!“

„Nein, nein, ich hab mich vertan. Moment, warte … So, besser?“

Ich sehe nun ernsthaft schockiert aus und frage: „Ein Unfall?“

„Wie man es nimmt“, berichtet Pavel, „er hatte am Wochenende eine Idee. Er hat sich einer Halbation unterzogen.“

Halbation?! Was ist das schon wieder?!“

„Merugin hat sich halbieren lassen.“

„Also du meinst eine Halbierung?“

„Halbation. Das ist der medizinische Fachbegriff.“

„Welcher Arzt halbatiert Menschen?!“

„Halbationschirurgen. Es ist ein umstrittenes Verfahren zur Halbierung von Menschen, das der seelischen Reinigung sowie der körperlichen Entschlackung dient. In Deutschland noch kaum bekannt, da es immer wieder zu Komplikationen dabei kommt.“

Meine Mitbewohnerin stößt zu uns.

„Merugin hat was?!“, fragt sie.

„Er hat sich halbatieren lassen. Er ist nun zwei. Oder, Pavel? Ist Merugin nun zwei?“, erkläre ich ihr ruhig und schließe eine Frage an Merugin an.

„Ja, zwei halbe. Man muss es sich vorstellen wie bei dem Durchtrennen eines Regenwurmes. Nur, dass man Menschen längs halbatiert. Ein Querschnitt würde zum sofortigen Tode führen.“

Meine Mitbewohnerin schüttelt den Kopf und geht wieder ins Wohnzimmer, sagt dabei noch: „Seppo, deine Freunde haben keinen guten Einfluss auf dich.“

Ich frage, ob die Angelegenheit nun so dringlich sei, dass ich meinen Putzplan umwerfen müsse.

„Nun, Merugin stirbt womöglich.“

Beide Hälften?!“

„Ja, beide. Aber mit Glück überlebt die rechte Hälfte. Ich wollte dich jetzt mit ins Krankenhaus nehmen, viel Zeit bleibt nicht mehr.“

„Fahr ruhig!“, ruft meine Mitbewohnerin mir zu, „Grüß schön! Beide Hälften!“

Ich greife zur Jacke, schnappe meinen Schlüssel und verlasse die Wohnung.

„Willst du die Putzhandschuhe nicht ausziehen?!“, fragt Pavel.

„Was? Nein, das sind keine Handschuhe. Ich bin so weiß.“

Wir nehmen rennend die Stufen und springend die Treppen. Selten derart hastig heruntergestürmt. Beide sind wir so übermütig und voller Elan, dass wir versehentlich bis in den Keller rennen.

„Was sollen wir in unserem Keller?“, frage ich Pavel.

„Ja, keine Ahnung, du warst so voller Elan, da dachte ich, das hat schon seine Richtigkeit.“

Also hasten wir wieder hoch und machen uns auf den Weg zu meinem Auto. Pavel selbst hat keines mehr. Hintergrund ist eine alberne Geschichte mit einem illegalen Autorennen auf dem Düsseldorfer Südring.

„Ich parke an der Apotheke!“, sage ich.

„Ah, wo die schöne Melina arbeitet?“

„Schon von gehört?“

„Ja, ich hab’s bei dir gelesen!“

„Ich bin umgeben von schönen Frauen. Ein Fluch, sag ich dir, Pavel!“

Wir steigen ins Auto und fahren ins Evangelische Krankenhaus, in dessen Notaufnahme ich selbst schon häufig war, da ich mir mindestens zweimal im Jahr Krebsgeschwüre einbilde. Und ich scherze nicht. Zuletzt war es Ohrenläppchenkrebs, der sich als unfassbar dicker und hartnäckiger Pickel innerhalb des Lappens herausgestellt hat. Ich sah schon vor meinem geistigen Auge, wie man mir das Ohrläppchen amputiert. Klingt immer so lustig, aber ich habe es tatsächlich geglaubt.

In der Klinik angekommen fragen wir uns zügig zur Intensivstation durch, wo uns eine Krankenschwester weiterhilft:

„Herr M. liegt in den Zimmern 122 und 124. Sie müssen sich freilich vorher diese Kittel überstreifen.“

„Moooment!“, interveniere ich, „Er liegt in zwei Zimmern?!“

„Ja, natürlich. Eine Hälfte dort, die andere da“, sagt sie auf die zwei Zimmer weisend, „Seine linke Körperhälfte ist mit einem Virus infiziert, nicht auszudenken, sie steckte die rechte an!“

„Ist er denn ansprechbar?“, will ich wissen, „Also zumindest eine der beiden Hälften?“

„Die recht, ja.“

„Dann besuchen wir eben nur die rechte Hälfte. Oder meinen sie, es hülfe der linken, wir redeten ihr gut zu?“

„Das hilft auf jeden Fall.“

„Pavel, geh du zur linken, erzähl irgendwas und ich gehe zur rechten.“

Pavel willigt ein und wir schlüpfen in die grünen Kittel.

„Haben Sie auch diese Tüten? Für über die Schuhe? Die finde ich immer so lustig!“

„Haben wir auch, liegen vor den Zimmern. Bitte überstülpen!“

Nachdem so geschehen, betrete ich Zimmer 122 mit dem Patienten „Merugin, rechts“. Ein Anblick des Grauens bietet sich mir. Merugins rechte Hälfte liegt auf der linken Bettseite, angeschlossen an Unmengen von Kabeln, die zu vermutlich lebenserhaltenden Maschinen führen. Merugins rechter Lungenflügel hebt sich langsam auf und ab.

„Merugin?“, flüstere ich, „Wie geht’s?“

Und füge den Satz hinzu, der nicht fehlen darf: „Du machst ja Sachen!“

„Seppo? Bist du es?“, Worte, geformt von einem halben Mund.

„Ja. Merugin, du siehst gut aus“, sage ich, da mir nichts besseres einfällt, „Zumindest die Hälfte, die ich sehe.“

„Wie geht es meiner linken Hälfte?“, will er wissen.

„Äh, supi. Sie ruht sich aus. Pavel ist bei dir. Oder ihr.“

„War vielleicht keine gute Idee von mir. Die Halbation.“

„Nun ja, hat das jemals bei einem Menschen funktioniert?“

„Bei der Zwillingstrennung, ja. Ansonsten selten. Bis gar nicht.“

„Sieht optisch ja auch schwierig aus, gewöhnungsbedürftig. Wie sieht es eigentlich mit deinem Gehirn aus? Ist das noch ganz?“

„Hahaha, Seppo! Nein, natürlich nicht. Wie sollte das gehen?! Wie sollte meine linke Seite ohne Hirn funktionieren?!“

„Ja, doofe Frage. Andere Frage: Stirbst du jetzt? Oder warum bin ich hier?“

„Also die Ärzte halten sich seltsam bedeckt. Der Chirurg, der die OP durchgeführt hat, kann seit gestern nicht mehr erreicht werden. Man munkelt hier, er hätte das Land verlassen. Ich habe Sorge, längsschnittsgelähmt zu sein. Ich kann auch meinen linken Arm nicht mehr bewegen.“

„Da mach dir keine Sorgen, dein linker Arm liegt auch in einem anderen Zimmer. Was sind denn so die nächsten Schritte?“

„Man überlegt, beide Hälften wieder zusammenzuführen. Aber die linke ist mit ’nem Keim oder einem Virus infiziert. Das ist natürlich dumm gelaufen. Pech im Unglück gewissermaßen.“

„Mann, da kommt ja echt einiges zusammen!“

„Und, wie läuft es bei dir so?“

„Joa, steckst nicht drin. Muss ja.“

Und so plaudern wir noch über dieses und jenes und merken gar nicht, wie die Zeit vergeht. Erst gegen späten Abend breche ich auf. Treffe noch Pavel auf dem Flur, der völlig am Ende ist.

„Seppo, das geht gar nicht. Linker Merugin liegt im Koma, sie wissen nicht, ob er jemals wieder aufwacht. Ein Arzt sagte mir, es würde im Grunde genügen, die rechte Hälfte bliebe bei Bewusstsein. Die könne die linke dann einfach mitziehen. Warum macht Merugin immer so einen Unsinn?“

„Er probiert halt viel aus.“


Es bleiben Fragen offen, die beantwortet werden in der Fortsetzung: „Merugins Dopplation“. Demnächst hier im seppolog. Bis dahin besuchen Sie mich auf Instagram und Facebook, gell?

15 Kommentare

    • Davon abgesehen: Ich bin bestürzt, mit welcher Leichtfertigkeit Chirurgen heutzutage medizinisch nicht indizierte Eingriffe durchführen…

      Im Zuge der geplanten Zusammenführung gefällt mir der Satz: „Mann, da kommt ja echt einiges zusammen!“ übrigens besonders gut!

      Gefällt 2 Personen

  1. Ich kannte da auch mal so Zwillinge, die wollten je den Arm der anderen haben. Hat auch gut geklappt, aber dann wurde die Geschichte verfilmt. Da kamen die Zwillinge kaum zur Geltung, haben die Firma verklagt und kratzen sich jetzt immer gegenseitig mit dem Arm der anderen. Tragische Geschichte.

    Gefällt 4 Personen

  2. Toll, was die Medizin so alles zustande bringt. Aber ich sehe da auch ethische, moralische und soziale Probleme.
    Ich zum Beispiel kann mir nur wenige Menschen vorstellen, die ich gern zweifach sehen würde. Die anderen … also, die in doppelt: eine Katastrophe, wo die meisten schon einzeln unerträglich sind.
    Nee, bloß nicht.

    Gefällt 1 Person

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