Vierzehn: Vergangwartzunft

Das mit dem „Vergangwartzunft“ fiel mir heute Nacht um etwa drei Uhr ein, als ich zufällig so dalag und Dir beim Schlafen zusah. Naja, streng genommen sah ich einem Berg aus Decken beim Schlafen zu, dessen Silhouette ich bloß erahnen konnte, da es nachts ja dunkel ist – selbst in Münster, in dem es übrigens genauso viel regnet wie in den meisten anderen Regionen Deutschlands und in dem die Mehrzahl der Menschen protestantisch ist.

Gestern Abend erinnerten wir uns noch einmal daran, dass wir heute unseren Jahrestag haben würden.

„Ja! 15 Jahre, oder? Wie lange genau?“, fragtest Du.

„Nein! 14! 14 Jahre! Wir haben uns am 15. Dezember 2004 kennengelernt und verschmolzen am neunten Januar 2005.“

„Okay, 14. Kommt mir so lang vor!“

Nun weiß ich nicht, wie Du das gemeint hast: so lang. So lang im Sinne von langweilig?! Langweile ich Dich? Ich biete doch so viel Drama! Gerade jetzt wieder! Aber nein, Du hast es so natürlich nicht so gemeint. Denn 14 Jahre sind für uns, die wir uns ja beide noch im vierten Lebensjahrzehnt befinden, nicht wenig, sondern wirklich beachtlich. Diese Beziehung ist das wohl Beste und Nachhaltigste, was ich jemals zustande gebracht habe. Diese Stetigkeit, diese Stabilität und diese Konstanz sind absolut untypisch für mein Leben, wie Du weißt. Darum ist es etwas enorm Kostbares für mich. Für mich ist es wie diese Sache mit der Hummel: Man sagt ja, aus physikalischer Sicht dürfte eine Hummel gar nicht fliegen können – und sie tut es doch. Und genau so unmöglich scheint es mir, dass Du es bis zum heutigen Tag mit mir ausgehalten hast und ich erwähne, was ich jedes Jahr an dieser Stelle mit Stolz erwähne: Wir schaffen es ganz ohne einen einzigen Streit! Selbst wenn wir streiten wollten, es fehlt der dazugehörige Konflikt.

Erinnerst Du Dich, als man unsere Beziehung als „Heiti-Teiti-Beziehung“ beschimpfte? Eigentlich ja ein schönes Kompliment. Aber irgendwie hatte ich damals den Eindruck, mich dafür entschuldigen zu müssen.

Heiti-Teiti war notwendig. Notwendig, um den Schritt zu verwirklichen, den Du mit mir und ich mit Dir im vergangenen Jahr gegangen bist. Der es möglich macht, dass wir heute Abend da sitzen, wo wir früher, bevor ich 2008 nach Düsseldorf gezogen war, wohin Du mir 2012 gefolgt bist, immer zu unserem Jahrestag saßen: im „Enchilada“. Jetzt, wieder zurück in Münster, dort, wo alles anfing, können wir diese Tradition wieder aufleben lassen!

Ich weiß, mein Traditionsgehabe ist nicht immer einfach für Dich. Ist es ja nicht einmal für mich! Aber ich bin Fan dieser Riten und auch des Rituals, dass wir heute Abend wieder an dem Tisch sitzen werden. An jenem Zweier-Tisch, wo wir 2005 das erste Mal saßen und dinnierten. Lass mich dem Leser kurz etwas zu diesem Tisch sagen.

Dieser Tisch ist der einzige Zweier im gesamten Restaurant, das mexikanisches Essen und sehr gute Cocktails anbietet. Eigentlich ist dieser Tisch für zwei Personen viel zu klein. Und eigentlich steht er ungünstig, denn einer der an ihm Speisenden hat einen etwas dürftigen Ausblick: auf die Ziegelwand. Und natürlich bin auch heute Abend wieder ich derjenige von uns beiden, der gegen diese Wand starren wird, während meine Freundin den vollen Überblick über das Restaurant hat. Das ist mir aber auch ganz recht, denn gerade bei fingerfood tue ich mich schwer, vorzeigbar zu essen, da mir ein Drittel der Speise irgendwie immer im Bart hängen bleibt … muss nicht jeder sehen.

Gut, ich starre jetzt natürlich nicht permanent gegen diese Wand, denn vor dieser Wand kommst ja Du ihr den Rücken zugewandt! Also sehe ich freilich Dich an, doch hin und wieder muss mein Blick ja schweifen dürfen, da permanentes Anstarren sich auch nach 14 Jahren nicht gehört! Aber mehr als Dich und die Wand muss ich auch gar nicht sehen. Immerhin weiß ich aus Deinen Erzählungen, dass es sich um ein wirklich schönes Ladenlokal handeln muss.

Wenn wir heute Abend dort sitzen, sollten wir uns endlich einmal die Tischnummer merken. Denn als ich gestern telefonisch diesen Tisch reservierte – und man reserviert ja eigentlich nie einen bestimmten Tisch -, musste ich dem jungen Mann am Telefon umständlich klarmachen, welchen Tisch ich denn meinte:

„Hallo, Flotho mein Name! Ich würde gerne für morgen Abend ab 20 Uhr einen Tisch reservieren!“

„Ja, Moment, ich gucke nach … ja, das geht!“

„Also es muss leider ein ganz bestimmter Tisch sein, andernfalls kommen wir nicht ins Geschäft. Ihr habt, wenn man reinkommt rechts, ganz hinten rechts, so einen Zweiertisch, an dem der eine immer gegen die Wand starrt, der soll es sein. Also der muss es sein!“

Beachte bitte, dass ich den Typen am Telefon geduzt habe. Ich taue regelrecht auf, seit wir in Münster leben! Ich duze fremde Menschen! Was kommt als nächstes?! Dass ich auf fremde Menschen zugehe?!

Der Handlanger am anderen Ende des Telefons schmunzelte, verstand aber sofort und reservierte uns diesen Tisch. Und dass die Tischanordnung noch dieselbe ist wie vor rund zehn Jahren, habe ich dem 360-Grad-Rundgang auf deren Homepage entnehmen können! Nichts hat sich dort verändert, man hat auf unser Comeback gewartet!

Konstant waren unsere 14 Jahre hingegen natürlich nicht. Wir haben uns kennengelernt, als ich noch ein Fahrrad besaß. Unser erster Körperkontakt fand statt, als wir – noch kein Paar, aber kurz davor – ineinanderfuhren, da sich unsere Lenker in der Antoniusstraße miteinander verhakt hatten, als wollte uns das Schicksal einen Ruck geben. Tatsächlich lag es wohl eher an Deiner Fahrweise … Diese Anekdote bemühe ich an dieser Stelle jedes Jahr und es ist wohl eine, der wir uns, so Gott will, noch in 50 Jahren erinnern werden. Doch wir sind ja jetzt schon älter geworden, wenn auch keineswegs alt. Von einem körperlichen oder geistigen Zerfall sind wir noch weit entfernt, doch sicher haben wir uns beide verändert und sind diesen Weg zusammen gegangen. Damals steckten wir beide noch im Studium und jetzt mitten im Berufsleben, der eine mehr, der andere weniger *zwinker*. Andere wechseln Ihre Partner, wir wechseln unsere Jobs. Eben auch, damit wir unseren ersten kleinen großen Traum verwirklichen konnten, den, nach Münster zurückzukehren. Obwohl Du gar keine Münsteranerin bist, was wirklich Dein einziger Minuspunkt ist, liebst Du Münster genau so wie ich. Fast. Meine Liebe zu Münster ist ja schon krankhaft … Und dennoch bist Du vor sieben Jahren für mich nach Düsseldorf gezogen. Warm bist Du mit dieser seltsamen Stadt nie geworden und auch ich merke jetzt, wieder zurück in der deutlich schöneren und lebenswerteren, dass ich dort nie zuhause war. Dort waren wir immer in Düsseldorf, hier hingegen sind wir immer zuhause. Das wurde uns vor ein, zwei Jahren sehr klar und so starteten wir das Projekt Münster, das vor ziemlich genau einem Jahr sehr konkret wurde, sodass ich bereits damals meinen Job kündigte.

Einiges kam dann anders, vieles verzögerte sich, wurde schwieriger als gedacht, bis ich im Herbst letzten Jahres nicht mehr an eine Rückkehr glaubte. Doch dann fügten sich die Dinge und es ging plötzlich sehr schnell. Zu schnell. Wir kamen mit der Wohnungssuche gar nicht hinterher und so landeten wir für gemütliche zehn Wochen in einer gemütlichen Zweizimmerwohnung auf 40 Quadratmetern – und selbst da gingen wir uns eigentlich nie auf den Sack. Und dann, dann konnten wir endlich in unsere Traumwohnung; fast schon ist alles zu schön, um wahr zu sein! Es ist seltsam: Alles will gelingen! Ich kann mit dem Gefühl, dass alles gut läuft, gar nicht umgehen nach den holprigen vergangenen Jahren! Vier Jahre lang lebten wir in einer Wochenendbeziehung – von 2008 bis 2012. Ich hatte mir danach geschworen, dass das nie wieder passiert. Und dann kamen zuletzt doch noch einmal zwei Jahre, zu deren Ende hin ich merkte, dass sie uns nicht guttaten, und ich glaube, ein weiteres solches Jahr hätte uns schweren Schaden zugefügt, wäre geeignet dafür gewesen, dass wir uns auseinanderleben. Wir haben die Kurve gekriegt und so zeigt uns obiges Beitragsbild nach dem Ummelden im Bürgeramt vor einem der vielen Wahrzeichen Münsters, dem Rathaus. Wie stolz wir waren!

Wir sind wie ein Kran, der sich mit dem Wind mitbewegt, wie es Kränen vorgeschrieben ist, wie wir auf unserer kleinen Silvesterparty gelernt haben. (Diese kitischige Metapher wollte ich unbedingt noch unterbringen) Überhaupt denke ich gerne an jene Mitternacht zurück, wo wir mit Sandra auf dem Balkon standen in unseren 20-er-Jahre-Outfits, wobei zu dem Zeitpunkt mir meine Hosenträger bereits ins Klo geflitscht waren, was ich mir gar nicht mehr so richtig erklären kann. Das allgemeine Feuerwerken betrachtend war ich sehr glücklich: Da standen wir mit Blick über unsere Stadt, in die wir es endlich zurückgeschafft haben! Und so war es nicht bloß der Wind, der uns zurückbrachte, das war unser gemeinsames Werk als Generalprobe vielleicht für weitere Wünsche, die wir uns demnächst erfüllen wollen. Es ist jetzt auch etwa ein Jahr her, als ich vom Anpacken schrieb. Wir haben es angepackt! Und haben es geschafft. Jetzt steht dem nächsten Projekt kaum etwas im Wege und dass wir Widerstände plattwälzen können, wissen wir nun auch! Wir sind wirklich unser Glückes Schmied! Mit Dir an meiner Seite schaffe ich es ohnehin und ich hoffe, Dir immer das zu geben, das Du mir gibst, vielleicht ohne es zu merken, weil ich es nicht oft genug sage.

Abschließend würde ich Dich bitten, schon einmal vor heute Abend in die Speisekarte zu blicken, denn so sehr ich Dich liebe, so sehr fürchte ich doch die Langwierigkeit Deines Auswahlprozesses, der bei mir stets eine Hungersnot auslöst!

Und dessen ungeachtet frage ich Dich auf diesem Wege: Möchtest Du mich …

Haha, wohl kaum. Es war auch genug Geschwafel bis hier hin. Die besten vierzehn Jahre meines Lebens liegen direkt hinter mir. Und vor mir.

11, Zwölf., 13!

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16 Kommentare

  1. Wie schön, wie rührend! Hätte ich gestern in Münster einen bärtigen Läufer entdeckt, ich hätte ihn sofort gestoppt und ihm gedankt! Ich fand aber keinen und habe stattdessen sentimental an ein wunderschönes Konzert im – ja, es klingt profan, aber so heißt es halt -„Pumpenhaus“ gedacht. Fast zehn Jahre ist das her, ein Wahnsinn.

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