Die Ostereiersuche

In der besten Stadt aller Erden ist es seit vielen Jahren Brauch, im hiesigen Schlossgarten Ostereier zu suchen, was dem Kalender angemessen stets zu Ostern passiert. Initiiert wird die Veranstaltung unter anderem vom ansässigen Lokalradio, das meint, auf meine Moderationskünste verzichten zu können, was entweder für eine gewisse Verblendung spricht oder dafür, dass ich schlicht zu teuer bin, obwohl meine frühe Vergangenheit durchaus gezeigt hat, dass ich auch für sittenwidrige und unmoralische Löhne zu moderieren bereit bin.

Aus zwei Gründen haben meine Mitbewohnerin und ich am heutigen Ostermontag an dieser öffentlichen Eiersuche teilgenommen. Zum einen mache ich in Münster alles mit, weil es eben in Münster ist, und zum anderen fand das große Suchen im Garten unseres prächtigen Schlosses statt, in dessen unmittelbarer Nähe wir wohnen. Wir hätten uns zu Fuß dorthin bewegen können, doch durch eine seltsame Verkettung von Fahrraddiebstählen bin ich inzwischen wieder im Besitz einer „Leeze“. Das hier auszubreiten, wäre zu ausschweifend. Ganz kurz: Meiner Mitbewohnerin wurde das Rad gestohlen, was okay ist, weil das in Münster legal ist. Es stellte sich dann heraus, dass es gar nicht gestohlen wurde, sondern vom Ordnungsamt abgeschleppt worden ist. Wir hatten aber bereits ein neues, als wir ihr altes von der Fundfahrradstation abholten, sodass wir nun also zwei haben …

Vor drei Wochen fuhr ich so das erste Mal seit mehr als zehn Jahren wieder Fahrrad und kann bestätigen, dass Fahrradfahren wie Fahrradfahren ist: Man verlernt es tatsächlich nicht. Allerdings verlernt man ein wenig die Sicherheit, mit der man sich als Radfahrer durch Münster bewegen muss und durchaus auch kann. Ich bin noch etwas wackelig unterwegs und beim Handzeichen verliere ich beinahe die Kontrolle über das Vehikel. Schlimmer ist es, ein anderer Radler hinter mir setzt zum Überholen an: Ich werde unsicher und verfalle in Panik, sobald ich sein Klingeln höre. Komme ins Schlawingern, schließe sicherheitshalber die Augen, rufe meine vor mir fahrende Mitbewohnerin um Hilfe und hoffe auf ein Gelingen des Überholmanövers des routinierten Fahrers hinter mir, nicht, ohne ihm während seiner Vorbeifahrt mitzugeben:

„Üben Sie sich in Nachsicht, ich bin Fahranfänger!“

Nun, ich muss eben noch üben und so fahren wir vielleicht auch deshalb heute mit dem Rad zum Schlossgarten, um einige der 11.000 versteckten Eier zu finden.

Während der Fahrt fahre ich zwar auch dieses Mal wieder hinter meiner Mitbewohnerin und nicht etwa neben ihr, auch wenn der Radweg dieses durchaus zuließe. Allerdings ist er dann doch nicht breit genug für meine Schlangenlinie, die meine „Schwalbe“-Bereifung in den orangefarbenen Boden zeichnet. Das Reverse meiner mir Zugetrauten fest im Blick überlege ich, wer eigentlich die 11.000 Eier versteckt hat. Und vor allem: wann. Vermutlich in der Nacht, denn der Schlossgarten ist ein öffentlicher Park in privater Hand (also nicht öffentlich, aber durchaus für die Öffentlichkeit) und clevere Münsteraner könnten ja auf die Idee kommen, die Eier schon vor dem offiziellen Eiersuchenstartschuss zu finden! Ich hatte durchaus auch darüber nachgedacht, mir diesen unfairen Vorteil zu verschaffen, allein ich bin zu phlegmatisch, zumal wir noch haufenweise Eier im Kühlschrank haben, da Eier freilich Hauptnahrungsmittel bei uns sind.

Die Fragen nach dem Wie und Wann werde ich nicht beantworten können, stelle ich fest, als wir unsere Räder beim „Zirkus Charles Knie“ abstellen, gleich neben die Kamele und jene seltsamen Tiere mit diesen monumentalen Hörnern.

„Sind das Ziegen?“, frage ich meine Mitbewohnerin. Die sieht mich erst an, guckt dann wieder weg, nimmt mich seltsamerweise nicht ernst und zieht die Tüte über ihren Sattel. Ich zucke mit ihren Schultern und frage einen Zirkus-Handlanger, der offenbar die Tiere im Auge behält.

„Sind das Nashörner?!“, rufe ich ihm zu. Im Augenwinkel sehe ich, wie meine Mitbewohnerin sich von mir distanziert, örtlich vor allem.

„Das?! Das sind Rinder!“, ruft der zurück, „Kommen Sie in unsere Vorstellung?“

„Vermutlich!“, antworte ich, weil ich ja alles mache, was sich in Münster abspielt. Zumal der Zirkus auf dem Schlossplatz gastiert, der nicht mehr „Hindenburgplatz“ heißen darf, also praktisch vor unserer Haustür, die nur wenige Schritte von unserer Wohnungstür entfernt liegt.

Nachdem auch ich die Tüte über meinen Sattel gezogen habe und wir Vertreter diverser Tierschutzorganisationen passieren, die gerade unter dem Beschuss des Zirkus-Messerwerfers versuchen, die Kamele zu befreien, fange ich eines der fliegenden Messer ab und vor allem auf, da wir es noch gebrauchen könnten.

Punkt elf Uhr, Einlass. Der Vordereingang des Schlossgartens wird geöffnet und ich schätze, etwa 2.000 Menschen, die sich aus Kernfamilien zusammensetzen, strömen in den Park. Mir wird später auffallen, dass diese Veranstaltung auch durchaus ein Stück gelungener Integration ist, was mich sehr befriedigt, nachdem ich gestern mitbekommen habe, dass die Nazis im Osten stärkste Kraft sind. Wir können Integration! Wir integrieren leider nur die Falschen, die Nazis.

„Ob Nazis Eier suchen?“, frage ich meine Mitbewohnerin, die bereits die Rasenfläche abscannt, „Rote Eier mit Hakenkreuzen vielleicht? Oder sie suchen entartete Kunst …“

Während ich in meinem Element bin und mich wahnsinnig lustig finde, ist meine Mitbewohnerin in dem ihren und darüber hinaus im Gebüsch unterwegs, wo sie das erste Ei findet. Sie hat viel vor, anders kann ich mir nicht erklären, warum sie gleich einen Rucksack mitgenommen hat. Ich hingegen stelle fest, dass ich zu müde bin, um durch Büsche zu kriechen oder um mich überhaupt zu bücken. Ich hatte gestern Morgen ein neues Kugelhantel-Workout getestet, das letztlich dazu führte, dass ich gestern Abend schon um 22 Uhr ins Bett musste. Auch heute steckt eine tiefe Erschöpfung in mir, die sich mit einer aktiven Ostereiersuche nicht verträgt. Außerdem kann ich mich nicht auf die Eier konzentrieren, da ich nun meine Mitbewohnerin suchen muss.

Verdammt, wo habe ich sie zuletzt suchen gesehen?!, überlege ich, als neben mir ein Kind ein „Ü-Ei“ findet. Es gibt hier auch Ü-Eier?! Wenn das meine Mitbewohnerin erfährt, gibt es kein Halten mehr!

Ich setze mich am Kriegerdenkmal nieder, was ich pietätlos finde, meine Müdigkeit aber nicht interessiert und beschließe, solange zu warten, bis meine Mitbewohnerin wieder des Weges kommt, da der Schlossgarten ein riesiger Rundweg ist. Ich beobachte Kinder, die über deutlich mehr Energie verfügen als ich und sich ins Grün stürzen, sobald sie ein buntes Ei im Gras schimmern sehen. Viele Eier sind inzwischen bereits kaputt, nachdem Suchende darüber gelaufen sind. Und weil alle sich nur auf Eier konzentrieren, entgeht ihnen das entlaufene Kamel, das durch den Schlossgarten galoppiert, auf der Flucht vor einem PETA-Aktivisten, der wiederum vor dem Messerwerfer flieht.

Das Messer … wo ist eigentlich das Messer, das ich eben noch hatte?!

In einiger Entfernung scheint sich ein Tumult abzuspielen. Streiten sich schon die ersten um die Eier?! Ich erhebe mich unter lautem Stöhnen vom gefallenen Soldaten, um mir das näher anzusehen. Nebenbei möchte ich erwähnen, dass die Sonne herrlich scheint und alles grün ist. Ich bin derzeit ausgesprochen zufrieden. Mit dem Wetter. Mit der Situation. Mit mir. Mit allem.

Und dann sehe ich, wie meine Mitbewohnerin auf einen kleinen Jungen einprügelt.

„GIB MIR DAS EI! ICH HAB ES ZUERST GESEHEN!“, schreit sie ihn an. Ich zücke mein Handy, will dieses Schauspiel zur Instagram-Story machen. Denn so macht man das heute: Man greift erst zum Handy, dann ein! Der Leser kann das verfolgen, bei @tackoseppo!

Mein „Samsung S9“ erkennt zuverlässig meinen Fingerabruck 25 Mal hintereinander nicht. Ich versuche es mit Gesichtserkennung. Wie gewohnt Fehlanzeige, zumal ich ein Käppi trage, was mein Handy verwirrt. Also Entsperr-Muster, was dann auch klappt. Und auf dem Display sehe ich, wie meine Mitbewohnerin mit dem offenbar von mir entwendeten Messer auf den kleinen Jungen einsticht, der endlich ein Einsehen hat und ihr das Ei überlässt.

Inzwischen geht es dem kleinen Justin noch schlechter. Er habe sehr viel Blut verloren und ist zu seinem Unglück ein Zeuge Jehovas, was seine Eltern sehr streng auslegen, sodass dieses wohl sein letztes Osterfest gewesen sein wird. Selbst schuld, durfte er es doch gar nicht feiern!

Der Rucksack meiner Mitbewohnerin ist am Ende der Suche bei Weitem nicht prall gefüllt. Vier Eier inklusive das des kleinen Justins haben wir, hat sie!, ergattern können. Dennoch sind wir zufrieden und auf der Rückfahrt fahre das erste Mal ich voran! Sicher lotse ich uns nach Hause, wo wir weiterhin ein friedliches Osterfest feiern werden. Der Leser möge dies auch so halten!

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3 Kommentare

  1. Tja, manchmal muss man eben Opfer bringen. Das hätte der kleine Justin sicher auch verstanden, wenn er mal älter geworden wäre.

    Abgesehen davon bitte ich schon im Voraus darum, folgende unqualifizierte Äußerung zu verzeihen, aber: Falls Nazis Eier suchen, dann wohl in erster Linie ihre eigenen!

    Gefällt 2 Personen

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