Das entscheidende Vorstellungsgespräch

Wir befinden uns im vierten Monat des Jahres 2019 und überdies in meinem Kopfe. Ein Wust an Gedanken, der hier wiederzugeben zu komplex sein dürfte, wessenthalben wir uns auf einige wenige wichtige Gedanken konzentrieren werden. Zunächst auf diesen:

Wir leben seit sieben Monaten wieder in Münster und haben noch immer keinen Kleiderschrank. Kaum gedacht, auch schon ausgesprochen:

„Wir leben seit sieben Monaten wieder in Münster und haben noch immer keinen Kleiderschrank“, sage ich zu meiner Mitbewohnerin.

„Spätestens im Sommer haben wir einen!“, antwortet sie, während ich mir vorstelle, wie abwegig es tatsächlich wäre, beispielsweise am 21. September 2019 noch immer keinen zu haben. Denn für mindestens ein Kleidungsstück stellt das ein staubiges Problem dar: für meinen Allzweck-Anzug, der sowohl bei Hochzeiten als auch auf Beerdigungen funktioniert.

Und: bei Vorstellungsgesprächen. Heute habe ich so eines. Bei den Stadtwerken Münster. Und vergessen Sie nicht: Wir befinden uns im April 2019.

„Er ist ganz verstaubt!“, rufe ich meiner Mitbewohnerin zu, die in der Küche laut vernehmebar im Tupperdosenschrank nach einer ganz bestimmten Tupperdose sucht.

„Lange niemand mehr gestorben und verehelicht …“, füge ich hinzu:

„Wo ist diese verdammte Tupperdose mit diesem Dings, diesem … Dings, dem Teil da oben drauf, diesem … Dings … Ach nie findet man die eine Tupperdose, weil man einfach zu viele Tupperdosen hat!“, flucht sie zurück.

„Streng genommen“, korrigiere ich sie „haben wir nicht eine Tupperdose, sondern nur Tupper-Derivate! Und egal, wie groß der verfügbare Platz für Tupper-Derivate wäre, man hat immer mehr Tupper als Platz! Und mehr Deckel als Dosen!“

Ich nehme meinen Anzug vom Kleiderschrank-Derivat und schlage den Staub von seinen Schultern.

„Ich muss in einer Stunde bei den Stadtwerken sein und mein Caitplan sah das Entstauben meines Anzuges nicht vor! Wenn ich da zu spät komme, bin ich ab Januar Hartz IV-Empfänger! Wegen eines zu spät abgestaubten Anzuges!“

„Du wirst schon noch vorher einen Job finden!“, ruft sie zurück.

„Was willst du auch anderes sagen?! Wäre schon komisch, du würdest sagen ‚Seppo, du findest eh keinen Job‘! … Ob ich mit dem Staubsauger über den Anzug fahren sollte?“

Meine Mitbewohnerin kommt ins Schlafzimmer, offenbar, um genau dieses Vorhaben zu vereiteln.

„Du kannst ihn mit der Fusselbürste abbürsten“, sagt sie und drückt mir die Fusselbürste in die Hand.

„Wo hast du jetzt so schnell die Fusselbürste her?“

„Sie lag im Tupperdosen-Schrank.“

Ende 2018 ist mein Arbeitsvertrag bei einer Berliner Gaming-Agentur ausgelaufen, bei der ich unter anderem Gaming-Stühle zusammengebaut habe, was aber nicht der eigentliche Job war – aber irgendwie ist genau das hängengeblieben. Tatsächlich habe ich dort moderiert. Da das aber niemand gesehen hatte, schien das nicht länger eine sinnvolle Tätigkeit gewesen zu sein. Und man muss eines mal deutlich sagen: Mit Gaming habe ich absolut nichts am Hut. Ich war – ein offenes Geheimnis – dort vollkommen fehl am Platz. Als Nicht-Gamer war ich dort der Nerd unter den Nerds, wobei ich übrigens Nerd der Mode entsprechend nicht negativ konnotiere.

Und außerdem wollten meine Mitbewohnerin und ich unseren Lebensmittelpunkt nach Münster verlagern. So formuliert man das dann in solchen Zusammenhängen, man spricht vom verlagerten Lebensmittelpunkt. Tatsächlich bin mein Lebensmittelpunkt ich selbst, woraus folgt, dass Münster mich zu seinem Mittelpunkt machte …

Viele – nicht alle! -, die im jugendlichen Leichtsinn unbedingt „was mit Medien“ machen wollen, können es nach einigen Jahren dortiger Berufserfahrung gar nicht abwarten, unbedingt was ohne Medien zu machen. Zu denen gehörte ich: Raus aus der Unterbezahlung, raus aus den menschenfeindlichen Arbeitszeiten, die gesetzliche Bestimmungen ausgesprochen flexibel interpretieren in dem Wissen, dass Arbeitnehmer nicht aufmucken, weil das Arbeitsangebot vielerorts größer als die -nachfrage ist. Und wer verklagt schon seinen Arbeitgeber?!

Ich war reif für einen kompletten Neuanfang, das Ziel Münster klar vor Augen: solide werden und endlich mal etwas mehr Geld verdienen, raus aus Düsseldorf, wo ich nie ganz angekommen war. Mit Geld kann man mich nicht locken, da bin ich genügsam, doch wenn ich Ihnen nun verraten würde, für wie viel ich mal gearbeitet habe, würden Sie mich nicht ganz zu Unrecht als armen Irren bedauern. Doch im Hinblick auf Familienplanung und eine vielleicht endlich mal sogar große Wohnung mit Außenanlage, Schwimmbad und Holodeck war ich bereit, das wenige Alles aufzugeben, das da war, und neu anzufangen. Zu verlieren war im Grunde nichts.

„Sie werden hier nichts finden, Herr Flotho.“

Das war einer der ersten Sätze, den ich von meiner Sachbearbeiterin der Arbeitsagentur Münster Ahlen oder Ahlen Münster hörte. Und sie fügte hinzu:

„In Düsseldorf hätten Sie mehr Chancen!“

„Sie wissen schon“, entgegnete ich, „dass ich gerade erst von Düsseldorf hier hingezogen bin?!“

„Das war nicht sehr schlau.“

Ich protestierte nur innerlich. Der Rückzug nach Münster war das Beste, das ich in meinem bisherigen Leben getan habe. Noch heute, ein Jahr später, gibt es diese Momente, in denen ich mich dafür feiere und es immer noch nicht fassen kann, dass das geglückt ist.

Wer Erfahrungen mit der Agentur für Arbeit hat, wird wissen, dass es am besten ist, sich zu fügen. Zumindest in der Theorie. Es bringt absolut nichts, sich gegen seinen „Berater“ (hahahahahahahhahahahahaha) aufzulehnen. Was man aber letztlich praktisch tut, sobald man dessen Büro verlassen hat, das hat man selbst in der Hand. Nicht seinen Berater muss man überzeugen, sondern potenzielle Arbeitgeber.

Übrigens, der Begriff „Berater“ ist wahrlich Unsinn. Denn meine Beraterin sagte mir auch:

„Für Leute aus Ihrem Bereich können wir nichts tun.“

Das finde ich im Übrigen legitim, da man nüchtern betrachtet von der Agentur für Arbeit nicht erwarten kann, dass sie einem hilft. Ihre Aufgabe besteht zu einem Gros darin, Druck auszuüben. Und ich finde das nicht einmal ganz falsch. Auf der anderen Seite gefiel mir ihr fordernder Ton nicht, den sie in ihren Anschreiben anschlägt; sie kann nicht einerseits offen eingestehen, nichts für mich tun zu können, um andererseits fordernd aufzutreten. Auch vom Staat möchte ich respektvoll behandelt werden. Die Leistungen, die ich bezog, sind die eines Versicherungssystems und eben keine Almosen.

Januar 2019. Meine Jobsuche verläuft überraschend gut. Ich werde anfangs von fast jedem Angeschriebenen zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Viele suchen Quereinsteiger – und als Medienschaffender außerhalb des Medienbereichs ist man genau das.

Die eigenen Qualifikationen sind eher diffus. Es gibt sie zweifellos, aber einem Handwerker fällt es leichter, seine zu benennen als mir die meinen. Zu allem Überfluss habe ich auch noch Geisteswissenschaften studiert. Und so tingele ich durch viele Agenturen, die selbst nicht genau wissen, was sie suchen und dann irgendwie doch keinen Quereinsteiger wollen. Und ohne zu lügen darf ich nicht ganz frei von Stolz erwähnen, dass viele mich allein aufgrund dieses Blogs, des seppologs, zum Gespräch eingeladen hatten.

Zurück im April 2019. Gestern noch verschickte ich die letzten fünf von insgesamt 21 Bewerbungen, die an Fitnessstudios gingen. Die Fitness-Branche war mein Plan B, wenn Plan A – Werbeagenturen – nicht fruchtet. Bei einem Sportstudio – „Hall of Sports“ in Münster (Wo sonst?!) – war ich bereits vorstellig geworden, denn der Geschäftsführer war angetan von meiner Sport-Webseite, die ich inzwischen abgewickelt habe, ganz so, wie ich es derzeit mit diesem Blog tue.

„Wenn die Stadtwerke mich nehmen, sage ich ‚Hall of Sports‘ ab. Stadtwerke wären natürlich schon lustig. So als Münster-Fetischist bei den Stadtwerken Münster zu arbeiten!“, erzähle ich den Anzug abbürstend meiner Mitbewohnerin. Und überlege, als was genau ich mich eigentlich beworben hatte.

Eine knappe Stunde später sitze ich in der Eingangshalle des prunkvollen Baus der Stadtwerke Münster am Hafen. Kaum mehr vorstellbar, dass ich in Düsseldorf mal in einem Container gearbeitet hatte! Ich bin nicht nervös. Es ist mein zehntes Bewerbungsgespräch, ich weiß inzwischen, wie es läuft – in aller Regel sehr freundlich und entspannt. Außerdem ist meine Erwartungshaltung nicht hoch, sondern realistisch und gelassen. Nur eines beunruhigt mich doch etwas: Als was zur Hölle hatte ich mich denn hier beworben?!

Ich starre auf einen Wasserspender, auf dem „Frisches Münsterwasser“ geschrieben steht. Vollkommen klar, dass mir allein das gefällt. Menschen gehen an mir vorbei, vermutlich Mitarbeiter. Ob ich hier künftig auch herumlaufe?

Eine junge Frau kommt auf mich zu.

„Herr Flotho?“

„Ja! Das bin ich! Frau Meier, nehme ich an?“

„Ja, fast. Müller.“

Verdammt! Ich wusste es. Ich wusste, dass wenn sie Müller heißt, ich Meier sage und umgekehrt. Und selbstredend habe ich ihren realen Namen an dieser Stelle leicht verändert.

„Macht nichts“, sie weiter, „Sind Sie mit dem Auto gekommen, Herr Flotho?“

„Ja. Ich parke unten in der Kundengarage. Ich habe noch kein Fahrrad, bin noch nicht so lange in Münster.“

Das war etwas gelogen, aber tatsächlich hatte ich noch kein Rad.

Wir betreten einen Raum, in dem mich eine zweite Dame erwartet, die offenbar die Abteilungsleiterin der Kommunikationsabteilung ist.

„Sie wären dann wohl meine Chefin?“, sage ich übertrieben locker, während mir meine Zettel aus dem abgestaubten Jacket fallen.

„Oh, meine letzten Abmahnungen“, sage ich verlegen, während ich mich bückend die Zettel einsammle, wobei mir meine Simpsons-Socken auffallen, sodass ich mir vornehme, die Beine gleich nicht übereinanderzuschlagen.

Die Tür wird verschlossen und natürlich offenbare ich hier keine Details aus dem Vorstellungsgespräch. Vielleicht aber die Tatsache, dass jene Zettel mein großes Plus waren. Später soll meine Chefin mir einmal sagen:

„Als du die Zettel auf dem Tisch ausgebreitet hattest, da hattest du mich an sich schon!“

Und vielleicht noch dieses: Nach anfänglichem Optimimus nach diesem Gespräch war ich noch am selben Abend der absoluten Überzeugung, es grandios verkackt zu haben. Ich habe mich in meiner gesamten Bewerbungsphase nie auf Standardfragen vorbereitet. Mein Pfund ist immer eine gewissen Spontaneität. Vorbereitung ist nicht so meine Sache. Und so gab ich offenbar auch einige Antworten, die überhaupt nicht zu den Fragen passten, sodass auch meine Mitbewohnerin mir nach meinen Schilderungen abends sagte: „Das war nix!“

Und es war doch was. Und inzwischen weiß ich auch, auf welche Stelle ich mich beworben hatte. Ich hatte es nur deshalb nicht gewusst, weil … naja … die Stelle hat schlicht keinen Namen. Ich bin heute, fünf Monate später, noch stolz darauf, ein Vorstellungsgespräch gemeistert zu haben, ohne zu wissen, als was ich mich eigentlich vorgestellt hatte. Doch auch dort war dieser Blog ein Grund dafür, dass man meine Bewerbung nicht sofort entsorgt hatte.

Das Umsiedeln nach Münster war somit komplettiert. Fast! Denn richtig komplett wird es erst in den nächsten Tagen …

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