Seppofiktion

1.254 Tage Gefangenschaft

Das seppolog hat's als erster: Der Jahrhundert-Journalist Grugor Gargobart ist wieder auf freiem Fuß! Lesen Sie hier die ganze Geschichte über eine spektakuläre Flucht nach 1.254 Tagen Gefangenschaft!
Gargobarts Wohnhaus in Günstlingen.

Ich weiß, es ist gar nicht nötig, Ihnen zu erklären, wer Grugor Gargobart ist, aber auch wenn meine Leserschaft überdurchschnittlich und fast so klug wie ich ist, sind einige Mängelexemplare darunter, die von Gargobarts Enthüllungen noch nie etwas gehört haben. Eine der ersten Enthüllungen des „Journalisten des Jahres 2018“ ist sicherlich der fehlende Angelschein Jesus‘, die er hier im seppolog publik gemacht hatte, 2016 war das, und damit hatte er diesen Blog zu einer medialen Instanz der Bundesrepublik gemacht.

Wer mit dem seppolog im Aufzug nach oben fährt, fährt mit ihm auch wieder nach unten.

Dann aber wurde es still um Gargobart. Verschollen, sagten die einen, während die anderen über Undercover-Recherchen spekulierten, ob derer er im Untergrund untertauchen musste. Und heute wissen wir es endlich ganz genau. Heute, so knapp vor Jahresende, endet 2020 nun doch noch mit einem positiven Ereignis, das alle anderen negativen in den Schatten stellt: Grugor Gargobart lebt, mehr noch!, er ist wieder zurück!

Doch seine Abwesenheit war nicht selbst gewähltes Schicksal. Gargobart geriet in Gefangenschaft. Auf seinem Telegram-Account sendet er vergangenen Samstag das erste Lebenszeichen seit Jahren:

„1.254 Tage der Gefangenschaft sind vorbei! Heute habe ich mich endlich befreien können. Ich bin überwältigt von den vielen Nachrichten, die sich seit dem Tag meiner Gefangennahme angesammelt haben. Danke an all meine Unterstützer, an all jene, die bis zum heutigen Tag an mich geglaubt haben!“

Seitdem spricht die Welt nicht mehr von der grassierenden Beulenpest oder dem Brexit-Abkommen, seitdem ist Gargobart das beherrschende Thema. Und so kommentierte seinen Beitrag als eine der ersten Deutschlands wohl populärste Schauspielerin Madleine Manish, Frau und Sex-Objekt in einem:

„Kann dieses sein?! Kann ich meinen wunderschönen Augen trauen?! Ist diese Nachricht wirklich von Dir, mein Grugor?!“

Gargobart und Manish wird seit langem eine Affäre nachgesagt, dabei war es Gargobert, der Manishs Verstrickungen in dunkle Immobiliengeschäfte 2015 öffentlich gemacht hatte. Seither wurde es still um die Leinwandgröße, Rollenangebote blieben vollständig aus. Doch hatte sich Manish, die Gargobart das erste Mal vor Gericht traf, in den Mann verliebt, der ihre Machenschaften ans Licht gebracht und ihre Karriere damit ruiniert hatte? Die Klatschpresse sieht es genau so, doch am Ende bleiben es Spekulationen, die ihr post allerdings neuerlich anheizen wird.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist noch unklar, was Gargobart genau widerfahren ist. Das seppolog hat daher Kontakt zu dem Aufnahmejournalisten ausgenommen, nein, pardon, Ausnahmejournalisten aufgenommen, ihn per Telegram um ein Interview gebeten. Gargobart sagte umgehend zu und ließ sich auf ein Gespräch via Skype ein.

Es ist Sonntag, der 27. Dezember. Die genaue Uhrzeit müssen wir offenlassen – zu Gargobarts eigener Sicherheit. Auch seinen Aufenthaltsort, sein Wohnhaus in Günstlingen, verschweigen wir, da zu befürchten steht, dass Gargobart weiterhin in höchster Gefahr schwebt.

Die Skype-Verbindung steht zügig um 14 Uhr 34. Doch wir trauen unseren Augen nicht, als wir unseren Gesprächspartner sehen. Gargobart ist nicht wiederzuerkennen: Grau und abgemagert, sein Gesicht eingefallen und dessen Züge von Angst gezeichnet.

„Ich war fast tot“, beginnt er das Gespräch. Ein guter Einstiegssatz, finden wir, der Mann weiß, wie man auch sein eigenes Schicksal gut vermarktet. Ob er es nun nicht mehr sei, fragen wir ihn und er bejaht, er sei es nicht mehr.

„Ich lebe. Gesegnet sei Gott, der Herr, ich lebe.“

„Gesegnet sei Gott, der Herr, er lebt“, wiederholen wir, da wir nicht genau wissen, was man auf „Ich lebe. Gesegnet sei Gott, der Herr, ich lebe“ Besseres sagen könnte. Sein zwar genialer Einstiegssatz drückt ein wenig die Stimmung. Beschwingt kamen wir zum Interview, doch nun ist jede gute Laune verflogen.

„Wo halten Sie sich derzeit auf“, fragen wir ihn. In seinem Wohnhaus in Günstlingen, gibt er uns preis mit der Bitte, das für uns zu behalten. Wir respektieren diesen Wunsch. Offenbar lebt Gargobart in der Angst, dass seine Entführer ihn in seinem Wohnhaus in Günstlingen aufspüren könnten.

Aber wurde er überhaupt entführt? Das zu erfragen, scheint uns ein sinnvoller, nächster Schritt zu sein, um das Gespräch am Laufen zu halten.

„Wurden Sie überhaupt entführt? Das zu erfragen, scheint uns ein sinnvoller, nächster Schritt zu sein, um das Gespräch am Laufen zu halten, Herr Gargobart.“

„Nein“, sagt er.

Stille. Wir staunen. Und wissen nicht, was wir sagen sollen.

„Wie kommen Sie denn darauf?“, fragt er und durchbricht die Stille.

Und dann geschieht das Unglaubliche: Die Internetverbindung bricht zusammen. Gargobart erstarrt auf unserem Bildschirm, Ton ist keiner mehr zu hören. Wir beschließen, das Gespräch mit ihm analog fortzusetzen und verlassen unsere konspirative Wohnung. Klingeln nebenan an der Haustür Gargobarts Wohnhaus in Günstlingen. Er gewährt uns Einlass und führt uns zum Badezimmer.

Es bietet sich uns ein Anblick des Grauens.

Was zur Hölle geschehen sei, wollen wir wissen.

„Hier ist es passiert“, sagt er nur und wiederholt wimmernd, „Hier ist es passiert.“

Das Badezimmer im sonst so noblen Wohnhaus in Günstlingen ist eine einzige Bauruine. Sanieren habe er es wollen, damals vor 1.255 Tagen, damals, als er in Gefangeschaft geriet. Und dann sei es passiert.

„Was? Was ist passiert?“

„Ich verputzte gerade neue Badewanne, als …“

Gargobart kämpft mit den Tränen. Ein Mann, der schon so vieles erlebt hat, den Untergrund von oben kennt, der die großen Mafiabosse dieser Welt zur Strecke gebracht und vermutlich schon mit Madleine Manish geschlafen hat, bricht vor unseren Augen emotional together (engl. „zusammen“).

„Die Tüüüüüüüüüür!“, ruft er, „Die Tüüüüüüüür des Badezimmers meines Wohnhauses in Günstlingen wurde vom Winde zugestoßen, verkeilte sich und war nicht mehr zu öffnen! Ich war Gefangener im eigenen Wohnhaus in Günstlingen!“

Gargobart ist nicht mehr zu halten, nun bricht es wie eine zentnerschwere Last aus ihm heraus.

„1.254 Tage habe ich nur Wasser aus dem Hahn getrunken und mich von Vögeln ernährt, die durch das offene Fenster flogen.“

Moment. Wir unterbrechen ihn: „Offenes Fenster?“

„Ja, deshalb ja auch der Durchzug! Hätte ich das Fenster vorher geschlossen, wäre die Türe nie zugeknallt! Aber hätte ich es geschlossen, hätte ich mich nie von den Vögeln ernähren können. Was dann aber auch nicht notwendig gewesen wäre!“

Es klingt logisch, was er uns zu sagen hat, und wir leiden mit ihm. Das geöffnete Fenster in Kombination mit einer offenen Tür und einem Windzug wurde einem Jahrhunderttalent fast zur Todesfalle. Erst nach 1.254 Tagen konnte sich Gargobart aus seiner Todesfalle befreien, in dem er aus dem Fenster in den Garten stieg.

„Ich bin dann sofort zur Haustür“, erzählt er weiter.

Doch die sei doch vermutlich verschlossen gewesen, fragen wir.

„Ja, doch unter der Fußmatte hatte ich vor meiner Gefangenschaft einen Schlüssel platziert. So gelang es mir, ins Wohnhaus in Günstlingen auf die andere Seite der Badezimmertür zu gelangen. Ich war gerettet!“


Deutschland hätte fast um seinen größen Journalisten weinen müssen. Doch offenbar hat das Schicksal noch viel mit ihm vor. Es hat den Anschein, als wäre seine Zeit noch nicht abgelaufen, als würde dieser aufrechte Mann noch gebraucht. Als wir sein Wohnhaus in Günstlingen verlassen, blicken wir noch einmal zurück und sehen dort am Badezimmerfenster, das Fluch und Rettung zugleich war, Madleine Manish stehen, die uns anstarrt. Und wir bekommen das Gefühl, dass diese Geschichte noch nicht zuende ist.

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