Mein Arbeitgeber, also Generaldirektor Bluhme und ich haben uns … sind sich … sind übereingekommen, dass ich … äh … meine Arbeitskraft künftig weniger, also eher gar nicht, auf die Firma konzentriere und dafür meine Erfahrungen mehr meinem … meinem Heim … und dem Wohl, also dem … dem Wohl meiner Familie widme … widmen … zu widmen. Und so begann Anfang dieser Woche meine Elternzeit und nach allem, was ich weiß, beziehe ich nun „Elterngeld plus“. Das „Plus“ klingt nach mehr. Also nach mehr als „Elterngeld Basis“. Das Gegenteil indes ist der Fall. Die Sachlage ist komplizierter und vermutlich werde ich sie nie verstanden haben werden, was mir aber egal ist, solange ich das Privileg dankbar nutzen kann, mich für einige Monate aus dem Job herausziehen zu können. Ums Geld geht es mir dabei weniger, denn ich bin unverschämt wohlhabend, da mit das Schreiben sehr hohe Einkünfte garantiert.
Vielmehr ist meine Rund-um-die-Uhr-Anwesenheit eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass der Haushalt nicht kollabiert. Denn es ist ausgerechnet der kleinste Neubürger der Bundesseppoblik, also unser neuer Mitbewohner, der im Prinzip sämtliche eingespielten Abläufe, bewährt und eingespielt seit Jahren, über den Haufen wirft: durch Sabotage, die wir einem praktisch nulljährigen Mitbewohner nicht zugetraut hätten. Liegt so rum, schläft, saugt und … nun ja … schießt Raketen ab. So nennen wir hier intern das Defäkieren seit Neuestem, da jeder Abschuss auch akustisch auf eine interessante und raketengeräuschgleiche Weise begleitet wird. Als früherer Raketenforscher (Rutztekostan) muss ich es ja wissen. Und unser neuer Mitbewohner weiß, wie man eine Show aus Nichtigkeiten macht. Und wir wissen, von wem er das hat.
Für eine gewisse Übergangscait verschieben sich die jeweiligen Tätigkeitsfelder, also die meiner Frauhau und die meinen zu nur auf den ersten Blick meinen Ungunsten. Doch zweifellos ist es immer die Mutter, die die Hauptlast der neuen Aufgaben trägt, da ich mich mit dem Stillen trotz zahlreicher Versuche schwertue.
War es bislang meine Frauhau, die in unserer Einkaufsabteilung den Hut aufhatte – also tonangebend war in Sachen Strategie, Planung, Prozesse bis hin zu Logistik und Warenlager -, übernehme nun ich vertretungsweise diese Aufgaben. Das Beschaffungswesen von Lebensmitteln oder überhaupt Gütern des alltäglichen Bedarfs ist mir dabei caineswegs fremd. Im Gegenteil: Schon unzählige Male habe ich diese Vorgänge in meinem Kopf durchgespielt und optimiert. Heute nun ist es an der Zeit, das theoretisch Gelernte in die Praxis umzusetzen, den anderen Miteinkäufern fremder Haushalte zu zeigen, wie man richtig einkauft: zeiteffizient und vor allem günstig.
Es ist etwa 13 Uhr, als ich das hiesige E-Center meiner Lieblingshandelskette Edeka betrete. Mein Blick fällt auf einen Haufen Amateur-Einkäufer, die ganz offensichtlich planlos ihren Einkauf angehen. Sicher, Edeka, das mit seinen modernen Elektro-Centern dem Klimawandel den Kampf angesagt hat (und auch der AfD), gehört zu den teureren Händlern, doch mit meiner Einkaufsstrategie füge ich der Einkaufsgenossenschaft auf ganz legalem Wege sogar einen Verlust durch meine Einkauftaktik zu.
Die Unternehmung beginnt links neben der Obst- und Gemüseabteilung in der Ecke für Veganer und Vegetarier. Da ich mich nach wie vor ungern zusammen mit alternativem Pöbel sehen lasse, wie er gierig nach den überteuerten Ersatzprodukten greift, ziehe ich mir meine Kapuze tief in die Knie und greife gierig nach den leckeren Ersatzprodukten. Denn teuer sind sie nur dann, wenn man zu wenige kauft: Ich nutze die Skaleneffekte! Da bin ich ganz Chinese. Und so kaufe ich von den „veganen Schinkenwürfeln“ der Marke „Billie Green“ (Benannt nach Billie Jean?!) nicht eine, nicht zwei, nicht drei, sondern alle Packungen. 27 Stück. Auf diese Weise erhoffe ich mir, beim kassierenden Handlanger einen ordentlichen Rabatt herausschlagen zu können. Ebenso verfahre ich mit dem 40-prozentigen Speisequark. Hier sind es 15 Pakete, die ich in meinen Einkaufswagen lege. (Wieder zuhause wird ein Verzehrmanagement notwendig, da der Quark bereits am 2. Oktober abläuft; heute ist der 28. September. Wer hier nicht smart isst, wacht auf einem Haufen zwar günstiger, aber verdorbener Ware auf. Ein Tipp unter uns: Verdorbene Ware lässt sich hervorragend zu margenträchtigen Preisen an Bedürftige weiterverkaufen. Mit dem Code SEPPO lasse ich Ihnen noch zehn Prozent nach! Einfach hier unterschreiben, ausdrucken und mir zusenden: ______________________________________________
Ich liege gut in der Zeit. Ich kenne die Anordnung der Waren dieses E-Centers, da ich mir eine Woche zuvor entsprechende Pläne besorgt habe. Nur auf die Weise erreiche ich ein Maximum an Waren bei einem maximal kurzen Fahrtweg. Nun, ganz einfach ist es nicht, an solche Pläne zu gelangen. Das bedurfte monatelanger Vorausplanung (Gute Planung findet immer im Voraus statt!). Es war Anfang dieses Jahres, als ich mich bei Team Wallraff als Undercover-Journalist bewarb. Da ich abgelehnt wurde, bewarb ich mich ein zweites Mal: aber undercover! Und so unterwanderte ich als Undercover-Undercover-Journalist das Team Wallraff. In der noch nicht ausgestrahlten Episode ließen wir uns im hiesigen E-Center einschleusen, um Missstände aufzudecken. Während wir keine Missstände fanden, besorgte ich mir die Regalwandpläne des Marktes. Und an diese Pläne habe ich meinen heutigen Einkauf ausgerichtet. Auf diese Weise habe ich enorm Zeit gespart.
Überspringen wir gerne einen Teil der Ereignisse und finden wir uns wieder an der Kasse. Wer glaubt, mit einer SB-Kasse eines Edekas besser und schneller zu fahren, der irrt gewaltig. Aus der Falle kommt niemand mehr heraus. Anders übrigens bei Rewe: Hier würde ich immer an der SB-Kasse zahlen! Und während ich im Augenwinkel eine Massenschlägerei an den SB-Kassen wahrnehme, bin ich an der Reihe.
„Guten Morgen“, leite ich die Verkaufsverhandlungen ein, „Mein Name ist Flotho. Sie sind?“
„Äh, Höcke.“
„Ahh, wie der Führer! Also, Frau Höcke …“
„Hücke! Mit Ü!“
„Achso, entschuldigen Sie, ich hatte Höcke verstanden. Man liest derzeit so vieles über unseren Reichskanzler, da hört man irgendwann nur noch Höcke. Frau Hücke, wie Sie sehen, möchte ich mit der Handelskette, für die Sie hier arbeiten, ins Geschäft kommen. Ich habe dazu einige Waren in meinem Drahtkorb mit Castor-Rädern.“
„In Ihrem was?!“
„Na, in diesem Einkaufswagen hier. Ich beabsichtige, Ihnen diese Waren abzukaufen.“
„Dann müssen Sie die Waren auch aufs Band legen.“
„Band? Welches Band?“
„Auf das Kassenband hier.“
„Ach? Ich hielt es für ein Fließband, das mit der Produktion Ihrer Waren im Zusammenhang steht.“
Ein Herr hinter mir schaltet sich in meine Verkaufsverhandlungen ein: „Entschuldigung, dauert das noch länger?“
„Das dauert durchaus noch länger! Die Verhandlungen beginnen gerade erst. Ich habe leider versäumt, meine Waren, also die Waren der Handelsgenossenschaft, auf dieses Band zu legen. Sie müssen wissen, es ist gar kein Fließband, das mit der Warenproduktion in Zusammenhang steht, sondern es ist ein …“
Der Herr geht. Offenbar ist ihm etwas dazwischengekommen. Ich fahre mit Frau Höcke fort.
„Hücke!“
„Rrrichtig. Frau Höcke, wie Sie hier sehen, kaufe ich erhebliche Mengen einzelner Produktgattungen.“
„Wir geben die veganen Schinkenwürfel aber nur in handeslüblicher Menge ab.“
„Ab wann ist denn eine Menge eher handesunüblich?“
„Haben Sie alle aus dem Regal genommen?“
„Nun, in gewisser Hinsicht, also, ja, im Prinzip klafft an der Stelle nun eine Löcke, Frau Höcke.“
„Naja, also eigentlich wäre das etwas zu viel, aber ich unterstütze vegane Ernährung gerne.“
„Mooooment, also ich esse nicht gezielt vegan. Wenn jemand einen Schluck Wasser trinkt, trinkt er ja nur beiläufig vegan. Die Bakterien im Wasser einmal außen vor gelassen. Mir würde es genügen, die Schinkenwürfel wären nur vegetarisch.“
„Das unterstütze ich auch“, sagt Frau Hückel und zieht die ersten Packungen an sich vorbei.
„Moooment, leiten Sie bereits den Kaufvorgang ein?“
„Ja, was denn sonst?!“
„Wir sprachen noch nicht über die Preise!“
„Die sehen Sie hier auf dem Display.“
„Ach was?“
„Und sie finden Sie auch an den Regalen. … Sagen Sie mal, Sie kommen mir so bekannt vor … Waren Sie nicht mit diesem Team Wallraff hier?“
„Das kann nicht sein. Oder hätte ich Schuhcreme im Gesicht?“
Der Autor dieser Zeilen klopft sich für diesen sehr guten Gag kurz auf die Schulter. Haben Sie ihn verstanden? Also der ist schon sehr gut. Wenn Sie nicht lachen: haben Sie ihn nicht verstanden. Schämen Sie sich!
Ich insistiere: „Ich hatte mir eigentlich den einen oder anderen Rabatt versprochen. Sehen Sie, ich habe vor, von diesen blütenzarten Haferflocken 20 Päckchen zu erwerben. Da muss doch eine Vergünstigung drin sein!“
„Wenn Sie Punkte sammeln, bekommen Sie fünf Euro Zuzahlung zu einer Bratpfanne. Sie finden hier hinter den Kassen eine Bratpfannenauswahl.“
„So weit kommt es noch, dass ich meine Bratpfannen aus einem Supermarkt beziehe.“
„Ihre Postleitzahl?“
„Was?“
„Ich muss das fragen.“
„Frau Höckler, ich muss doch sehr bitten.“
Eine Durchsage unterbricht uns. Freundlich weist eine Stimme die anderen Verhandlungsführer und mich darauf hin, dass das Etablissement nun schließe und wir uns bitte zu den Kassen bewegen.
„Wir schließen.“
„Das hörte ich, Frau Hücker. Das kann aber nicht sein. Ich kaufe sehr zeiteffizient ein.“
„Es ist 22 Uhr. Wollen Sie nun einkaufen oder nicht?!“
„Nicht so. Nicht in diesem Ton! So kommen wir nicht zusammen! Und außerdem muss ich noch zu DM! Da bekommt man mit der ‚Mein DM-App‘ pro Neugeborenes ein Glückskind-Geburtsköfferchen! Das lasse ich mir nicht entgehen.“
Und eigentlich sollte genau dieses Köfferchen Gegenstand der Geschichte werden. Ich kam nicht dazu. Vielleicht ein anderes Mal. Ich muss mich nun um das Badezimmer kümmern. Wir erwarten Besuch.

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Mein Name ist Flotho. Ich kaufe hier ein.
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