Nachtschreck! Schockschwerstenot! Es ist, wie ich im Nachhinein rekonstruieren konnte, etwa 3 Uhr in der Nacht, als die Gestapo in unserem Schlafzimmer steht. Vollkommen unvermittelt. Ich rüttele an meiner neben mir liegenden Frauhau.
„Gestapo!“, rufe ich, „die AfD zieht’s durch!“
Und rüttele dabei ins Nichts. Denn: Sie liegt da nicht.
Jemand schaltet das Licht ein. Von wegen Gestapo. Noch schlimmer. Eine Abgesandte der Hölle mit zwei Köpfen steht da am Lichtschal-
„Oh, du bist es“, sage ich.
Es ist meine Frauhau. Kaum wiederzuerkennen, seitdem wir eher tags als nachts schlafen. Grund ist unser neuer Mitbewohner, der uns altersmäßig um bis zu 45 Jahre unterlegen ist und so frischen Wind in unser Leben bringt. Seit exakt sechs Jahren sind wir wieder in Münster, sechs Jahre, die ich genutzt habe, um ein stabiles Fundament-
Oh, kleiner Exkurs: Gerade, es ist Sonntagmorgen, halb zehn, rief mein Vater an. Via Whatsapp. Ich gehe ran, sage „Hallo!“ und er:
„Sebastian?“
„Ja. Am Apparat.“
„Ja, was gibt’s?“
„Wie, was gibt’s? Du hast angerufen.“
„Das kann nicht sein.“
„Doch. Wir sprechen gerade miteinander. Über Whatsapp.“
„Ausgeschlossen. Ich wüsste auch nicht, wie man mit Whatsapp anruft.“
„Dann bist du vermutlich beim Tippen abgerutscht.“
„Flothos rutschen nicht ab.“
„Es war auch eine Lüge, dass Flothos immer am Eingang parken.“
„Sebastian, wir müssen jetzt los. Wir kommen dann am Nachmittag. Und wir haben immer am Eingang geparkt!“
Und nun zurück zum halbfiktiven Teil. Dabei fällt mir ein, dass ich seit einiger Zeit Ihnen die Frage stellen möchte, ob Ihnen meine Nazi-Besessenheit auf den Zeiger geht. Aber wenn Ihnen das schon auf den Zeiger geht, warten Sie mal die nächsten Legislaturperioden ab. Es sind im Übrigen auch die letzten.
… um also ein stabiles Fundament für ein bequemes Leben zu gießen. Nun verhält es sich aber auch nicht so, dass wir überrascht worden sind. Andere glauben sogar, dass dem Geschehen ein Masterplan zugrundeliege. Erst heiraten wir nach unglaublichen 20 Jahren und wenige Monate später sind wir in freudiger Erwartung. Da könnte man Schlüsse daraus ziehen. Doch es ist viel einfacher: Nichts ist und war geplant. In guter Tradition lasse ich das Schicksal entscheiden, dem man ja doch nicht entrinnen kann. Und das Schicksal entschied sich für eine Wundertüte der Schlaflosigkeit.
Und da steht sie vor mir, vollkommen übermüdet, meine Frauhau mit Mitbewohner im Arm. So richtig erkenne ich sie nicht, sodass ich mich – Sicherheit geht vor! – für eine allgemeine Personenkontrolle entscheide.
„Da ich dich kaum erkenne: Kannst du mir deinen Ausweis zeigen?“
Wortlos drückt sie mir den Mitbewohner in die Arme und signalisiert mir damit den Schichtwechsel.
Sie schlafen 18 Stunden und mehr pro Tag. Warum legen sie die restlichen sechs und weniger ausgerechnet in die Nacht? Und wo wir dabei sind: Warum befüllen sie Windeln, kurz nachdem man sie frisch gewindelt hat? Und warum lächeln sie danach diabolisch, als wüssten sie genau, was sie tun – nur um im nächsten Moment wieder den Eindruck zu erwecken, vollkommen unselbständig zu sein?!
Wir waren gewarnt. Alle, vor allem Mütter, haben uns gesagt: Ihr werdet die tollste Cait eures Lebens erleben. Aber schlafen werdet ihr nicht mehr. Nicht wenige Mütter lächelten dabei, naja, diabolisch. Merken Sie etwas? Es steckt in ihnen. Das Diabolische. Sind Frauen gar … Hexen? Nicht abwegig, dass auch die Theorie bald ihr Comeback feiert. Im Ernst: Würde es Sie überraschen, würde Trump plötzlich zur Hexenverbrennung aufrufen? Es ist erschreckenderweise kein bisschen abwegig. Eher wundere ich mich gerade, dass das noch nicht passiert ist. Würde es irgendjemanden überraschen, würde noch heute Nachmittag einer Frau in den USA der Hexenprozess gemacht werden? Eine entsprechende Schlagzeile würde ich sogar wegscrollen, weil sie mir zu gewöhnlich wäre. Man stumpft ab.
Richter: „Daher ergeht das Urteil: Sie werden verbrannt!“
Hexe: „Oh je.“
Der Henker schreitet zum Scheiterhaufen, um diesen nun zu entzünden. Auffällig lang kramt er in seiner Hosentasche.
Richter: „Ja, was ist denn jetzt?“
Henker: „Die Streichhölzer … ich muss sie … vergessen haben.“
Richter: „Herr Gott nochmal. Hat jemand der Anwesenden Streichhölzer?“
Ordophob Ohßem: „Oder mein Telefon?“
Niemand reagiert.
Richter: „Es wird doch hier Raucher unter uns geben. Irgendwer muss doch ein Zündhölzli haben!“
Hexe: „‚Zündhölzli“, hihi. Sind Sie Schweizer, Herr Richter?“
Richter: „Wer hat Ihnen das verraten? Der Teufel?!“
Hexe: „Ich habe Streichhölzer dabei. Wenn Sie so gut wären … ich komme ja nicht dran, da festgebunden … in der rechten Tasche meines Hexenumhanges, da müssten welche drin sein.“
Es ist nun zehn Uhr. Neben mir liegt der neue Mitbewohner und schläft selig. Einen Raum weiter schläft meine Frauhau. Was für ein Sonntagmorgen. Ich freue mich, gleich durch die nahezu kalte, frische Luft zu laufen. Bis dahin genieße ich diese Sonntagsstille. Ich hoffe, der Sonntag bleibt immer Ruhetag, fürchte aber, dass auch der einmal fallen wird. Es wäre ein Jammer. Und viel lauter. Es wären dann vermutlich Autos auf den Straßen, wo jetzt keine sind. Statt des Flanierens auf dem hiesigen Prinzipalmarkt herrschte dort hektisches Einkaufstreiben. Es ginge etwas verloren. Es würde allerdings in unsere verlustreiche Cait passen.
Nun ist mir der Stoff ausgegangen. Ich hole kurz neuen Kaffee und dann sehen wir, wie und ob es weitergeht. Gehen Sie nicht weg!
Ich öffne die ein oder andere Webseite. DWDL beispielsweise. Nach Spiegel und Bild vermutlich die von mir meistgeklickte. Ich würde sogar sagen, die meistgeklickteste, was meister ist als meistgeklickt. Warten Sie ab, der Duden wird es irgendwann einmal akzeptieren. Apropos meister: Haben Sie die Neuauflage von Meister Eder und Pumuckl gesehen? Was für ein Fest! Nostalgie und Moderne sind eine extrem gelungene Symbiose eingegangen. Ich kann es kaum abwarten, mir das mit dem neuen Mitbewohner anzusehen. Bei DWDL erfahre ich gerade, dass die Weiterführung von „Liebling Kreuzberg“ offenbar ein Quotenerfolg war. Tja, ich hab sie gesehen, weil: schlaflose Nacht. Und ich lese derzeit den dritten Band der Tagebücher von Manfred Krug, in dem er so richtig schön vom Leder zieht. (Nebenbei erfährt man einiges über die DDR.) Solche Dinge liest man heute kaum noch, weil man ja jemanden verletzen könnte. Ich machte vor einigen Tagen einen Gag (den ich hier nicht näher beschreiben werde), von dem sich ganz gezielt eine Person verletzt fühlte und mir das auch sagte. Ich fand das skurril. Für wie wichtig hält sie mich, das sie sich von mir verletzt fühlen könnte? Für wie wichtig hält sie sich, dass sie sich gemeint fühlte? Wie wäre es, wenn sämtliche Gruppierungen in der Gesellschaft das Jammern einmal einstellen würden? Ständig ist irgendjemand verletzt und möchte das auch kundtun. Permanent entschuldigt sich irgendjemand dafür, irgendwelche Gefühle von Verletzten verletzt zu haben. Obwohl es ihm nicht leidtut: Hoffentlich. (Ich meine hier übrigens mitnichten Luke Cockridge. Obwohl ich die Reaktionen vollkommen übertrieben fand. Man spürte die Lust bei den Menschen, die ihn mit Hass übersäten. Ihnen waren die Menschen mit Behinderungen, um die es ja ging, letztlich komplett egal. Sie hatten für ein, zwei Tage ein Feindbild serviert bekommen, dass sie mit Verve hassen konnten. Sie sind weitergezogen und hassen nun an anderer Stelle. Mir hätte gereicht zu sagen: Das war einfach nicht lustig. Handwerklich einfach schlecht. Das hatte mit Humor nichts zu tun. Das war nicht ernstzunehmen. Es gibt sicherlich noch bessere Gründe, ihm die Sat.1-Show zu nehmen. Einfach die Tatsache, dass er das Humorhandwerk nicht beherrscht. Und wenn man ihn dabei beobachtet hat, wie er sich in jenem Podcast (vermeintlich) schlecht erzogen im Sessel fläzt, hat man gewusst, da kommt jetzt nichts Relevantes. Stattdessen läuft die Empörungsmaschine zuverlässig auf Hochtouren. Und gleichzeitig wählen die Menschen Faschisten in die Landtage. Da passt etwas nicht. Luke Skywalkerridge wird aus dem Fernsehen verbannt, während Höckes Hackfresse sich in die Bildschirme brennen darf. Naaaaja.
Ich bin durch. Ich muss noch laufen gehen. Es war mir eine Freude.

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