Vom Schwachmaten zum Läufer – Teil 2

424083_315858175116040_954339896_n(Foto aus dem Jahr 2011 bei Münster)

Zum ersten Teil!

Inzwischen hat sich dank eines Leser-Kommentars die Frage geklärt, welchen Umfang der legendäre Steinersee denn nun hat. Zu meiner Enttäuschung, die ich nun nachreiche, umfasst er nicht 2,8, sondern nur 1,8 Kilometer Umfang. Somit halten wir fest: Ich schaffte zu Beginn meiner Lauf-Karriere nicht einmal 1,8 Kilometer am Stück. Hier wird klar, dass der Begriff „Schwachmat“ absolut angemessen gewählt ist. Dennoch kam ich mir wahnsinnig sportlich vor, als ich von meinem ersten Lauf nach Hause zurückkehrte. Ich weiß gar nicht, ob ich Muskelkater hatte, ich nehme es aber an. Denn einmal jährlich mache ich eine sechswöchige Laufpause, nach deren Ende ich stets vom Muskelkater heimgesucht werde, den ich aber entgegen aller Experten-Meinungen einfach weg laufe.

Damals war ich, kurz rechnen, 2004, 1979, 25 Jahre alt. Kann nicht stimmen. Mache erneute Rechung auf: 22. Ach, es war auch nicht 2004. 2004 war das Jahr, als ich aus dem Studentenwohnheim geflogen bin und ’ne Anzeige bekam. Und als ich vor’s Auto geriet. Muss alles niedergeschrieben werden. Laufanfang war 2002. Also: 22 Jahre alt. Damals hab‘ ich zwar drüber nachgedacht, aber daran, dass das Laufen vielleicht auch das Leben verlängert oder die Fähigkeit des Gehens bis ins hohe Alter wenn nicht garantiert doch wenigstens unterstützt, hab‘ ich noch nicht ernsthaft gedacht. Jetzt werde ich 36, die Lebensmitte, so Gott mir 80 Jahre gönnt, vor meinem Auge, und nun finde ich es gar nicht mehr so abwegig, das Laufen auch aus gesundheitlichen Gründen zu betreiben. Der positive Effekt für die Psyche ist natürlich auch schon in jungen Jahren unverkennbar und der ist es vielleicht, der mich am meisten antreibt. Welch‘ grandiosen Ideen hatte ich schon während eines Laufes! Das Thema meiner Magisterarbeit kam mir bei einem Lauf: „Digital Divide und seine Auswirkungen auf die Wissenskluft“. Musste sich ja nur gut anhören… Aber würde ich nicht laufen, wäre da nur mein Hobby-Kraftsport und sonst nichts. Ich wäre körperlich vermutlich älter. Was übrigens gegen den Schweinehund hilft, ist Lektüre, die die positiven Effekte des Laufens auflistet. Man will sofort loslaufen! Ignorierend, dass viele beim Laufen ihren Tod finden. Aber ich sterbe lieber beim Laufen als auf dem Klo. Was hat mehr Würde? Aber wir sind ja nicht unseres Schicksals Schmied.

Mein erstes Ziel war also, den See einmal zu umrunden. Ohne Gehpause. Und leider entzieht es sich meiner Erinnerung, wie viele Läufe ich dazu benötigte, aber Laufanfänger wissen, dass sich schnell Erfolge einstellen. So war es also erst eine Bank nach etwa zwei Dritteln des Sees, die ich erreichen wollte, bevor ich dann endlich den ganzen See bezwang.

Mehreren Fehlern habe ich damals das Fundament bereitet, die mich zehn Jahre lang verfolgen sollten und vielleicht zieht ja der ein oder andere Laufanfänger seinen Nutzen aus folgender Auflistung:

Fehler #1: Runden laufen. Zu Beginn natürlich sinnvoll, zumal es sich um eine Runde handelte. Doch irgendwann schleicht sich Monotonie ein, wenn man fünf mal um den See rennt. Blöd nur, wenn man es nicht merkt, weil man es anders nicht kennt. Ich war da sehr phlegmatisch. Auf Jahre. Dabei ist unmittelbar an jenem See ein großer Wald. Einfach mal drauf loslaufen, gucken, was passiert. Nimmt einem Lauf die Langeweile.

Fehler #2: Einatmen durch Nase, Ausatmen durch Mund. Welcher Idiot hat diese Empfehlung in die Welt gesetzt?! Im Grunde solle man seine Öffnungen zum Atmen nach gusto nutzen. Einatmen durch den Mund eignet sich deshalb hervorragend, weil man dadurch einfach mehr Luft einatmen kann.

Fehler #3: Falsches Schuhwerk. Meine Schuhe aus dem Schulsport. Billigdinger aus der Ratio. Kennt wer noch die Ratio?! Man muss mitnichten 200 Euro in einen Schuh investieren, es geht auch mit 130 Euro. Aber ein Anfänger sollte sich die Investition überlegen. Ich hingegen schob erste Schmerzen nicht auf meinen Schuh, sondern auf Gott. Ich hatte mit Sport nichts am Hut, ich kam nicht mal auf den Gedanken, an vernünftige Schuhe zu denken. An Gedankenlosigkeit grenzende Gedankenlosigkeit.

Fehler #4: Wie so viele glaubte ich, wenn der Mensch läuft, dann läuft er schon richtig. Von „Lauftechniken“ hatte ich nie was gehört. Und ich behaupte, dass die meisten Jogger falsch laufen und mit der Ferse, wahlweise Hacke, auftreten. Nach einigen Jahren rächt sich das bitter in den Knien, denn bei diesem Laufstil geht die komplette Belastung in eben diese, und Gelenke haben an sich eine andere Aufgabe. Weiterer Effekt: So bekommt man keine strammen Waden, denn sie zusammen mit dem Fuß sollten die Belastung abfedern und entsprechend Muskeln aufbauen. Das erklärt übrigens auch das nicht tot zu schlagende Gerücht, dass Laufen die Knie schädigte. Am Arsch. Tut es nicht.

Fehler #5: Zu schnell. Man läuft zu schnell. Ich blicke heuer noch auf meine Laufuhr, um mich zu bremsen. Ein Klassiker, kaum der Rede wert. Aber ertaunlich, wie schwierig es sein kann, langsam zu laufen. Bei einem Tempolauf übrigens ist vom langsamen Traben abzuraten, da es in dem Fall die Statistik vermasselt.

Irgendwann war es bei mir Standard, fünf mal um den See zu laufen, wir wären da bei neun Kilometern. Spätestens da machte ich es mir in einer gewissen Monotonie gemütlich. Merkt man daran, dass einem Streckenteile auf den Sack gehen, ob es eine nicht enden wollende Gerade ist oder ein Hügel. Für Hiltruper: bei mir war es die Strecke entlang des Freibades.

Aber anfänglich wird das alles überblendet von den Erfolgen, die man erntet. Freut man sich erst darüber, drei mal ‚rumgekommen zu sein, freut man sich ’ne Woche später über die fünfte Umrundung und ich entsinne mich eines Pfingsmontages, an dem ich neun mal um den See lief. Seltsamer Nebeneffekt beim Rundenlaufen: Mit jeder Runde kommt einem die Runde kürzer vor. Damals hatte ich einen temporären Leistungshöhepunkt, den ich mir unter anderem wegen Monotonie im Laufe der Jahre versaute. Dazu dann später mehr.

Es folgt mein Umzug in Studentenwohnheim nach Münster. Ende mit der Monotonie? Nein, es kam lediglich zu einer anderen Monotonie, dazu mehr im dritten Teil!

 

13 Kommentare

  1. Schwachmat ist ein hartes Wort. Aber viele Deiner aufgelisteten Fehler kommen mir bekannt vor. So kann ich mir eben diesen wohl auch an die Brust heften 😉

    Aber schlußendlich haben wir doch aus den (meisten) Fehlern gelernt, gelle? 😉

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  2. Kenn ich alles. An anderer Lauftechnik arbeite ich und weiß nicht wie das gehen soll. Denn im Winter fiel ich aus wegen zwei Rückenwirbel die sich gegenseitig klatschen, Zu viel Gewicht.
    Vielleicht müsst ich Vorfuß laufen, kommt mir aber seltsam vor.
    Mal schauen wie das weitergeht

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    • andere lauftechnik: mir hat tatsächlich eine dvd geholfen „die laufbibel“. schlecht produziert, aber es hat geholfen. koordinations- und balance-übungen vielleicht hilfreich. die umstellung vom fersen- auf den weniger belastenden vorfußlauf hat bei mir einige wochen gedauert. zunächst war es fast unmöglich, länger auf dem vorfuß zu laufen, was aber mit jedem tag einfacher wurde. musste mich auch sehr auf den laufstil konzentrieren. nach nem vierteljahr war es dann normal. nebeneffekt: ohne es anzustreben und zu merken, bin ich schneller unterwegs. keinerlei knieprobleme mehr, alles sehr entspannt. würde ich dir empfehlen! heute fällt es mir schwer, auf der ferse zu laufen. und zwei drei personal trainer haben mir bestätigt, dass der vorfußlauf in der tat etwas kurios aussieht, aber als die bessere alternative angesehen wird. kein dogma, aber probiers mal aus!

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      • Ja, das wäre vielleicht die Lösung . Der Arzt riet mir „Hören Sie auf zu laufen und auch mit dem Hockey und Rad fahren auch wegen der Haltung“
        Kam der mir mit Scheiß schwimmen an! Wandern darf ich noch. Aber in 4 Wochen wäre Stadtlauf und ich Fattie bin noch kaum gelaufen in diesem Jahr 😦
        Ok, du hast mich da jetzt motiviert. Ich mache mich schlau! Danke Dir

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        • vielleicht auch das buch „die laufbibel“. steht viel überflüssiges drin, aber ein paar gute tipps sind dabei. ohne es zu wissenschaftlich zu machen. locker angehen.

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  3. Nachtrag: Du hast genau die essentiellen Fehler herausgestellt. Gerade dieses „Durch die Nase einatmen“ völlig bescheuert. Aber zu Anfang denkt man es . Ok im Winter macht das wirklich Sinn, wenn die Temperaturen in die Minusbereiche gehen.

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  4. Interessant zu lesen, wie sich dein Schreibstil weiterentwickelt hat im Laufe der Zeit (haha. Laufen. Hach. Bogen noch geschafft.).
    Und wie bescheiden du warst. 80. Gerade zu niedlich, wenn ich bedenke, dass du eigentlich über 100 werden willst (musst! Brauche noch länger was zu lesen!).

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      • Er ist runder geworden. „Geschliffener“ (was immer so negativ nach berechnend klingt, aber in diesem Fall eher pointierter, geschlossener, feiner herausgearbeitet meint).
        Zudem meine ich, dass du früher doch oft beschreibender und sachlicher geschrieben hast. Zumindest in den ersten Beiträgen. Ich lese mich ja gerade erst durch.
        Beim erneuten überfliegen des Artikels gerade kam mir spontan in den Kopf, dass dein Schreibstil da noch mehr einen „Buchcharakter“ hatte, jetzt aber eher ins Stand-Up geht. Stand-Up im Sinne von: Du beschreibst Dinge zwar immernoch, haust aber schneller eine Pointe dazwischen oder driftest mehr oder weniger gezielt ab (selbst wenn das nicht mit Absicht geschieht, schaffst du doch meist sehr elegant den Bogen zurück). Letztens schrieb irgendwer in den Kommentaren, dass du dich manchmal wie Thorsten Sträter liest. Ich fand den Vergleich da schon passend, dieses abdriften, Gag einschieben, zurückkehren hat der nämlich auch recht gut drauf.
        Der Lesefluss wird dadurch schneller, mitreißender, selbst bei den komplizierten, „wirren“, da nahezu fiktiven Beiträgen (also den eher „blödelnden“ Beiträgen, die dann gerne mal von Wortakrobatikverweigeren den Kommentar „ZEITVERSCHWENDUNG!“ bekommen – pfff. Die haben halt keine Ahnung.). Ich glaube, du hast im Laufe der Zeit mehr ein Gefühl dafür entwickelt Texte schnell zu machen, wenn es humorig wird, und langsamer, sobald es ernster wird.
        Außerdem verschafft einem fast zwei Jahre erfolgreich Bloggen natürlich auch ein gewisses Selbstvertrauen, sodass du dich heute eher darauf verlässt, dass deine Leser deinen Humor schon passend aufnehmen.

        Der Mix passt trotzdem immer wieder. Siehst du ja auch an den Klickzahlen. Der ernste Seppo interessiert die Leute mindestens so sehr, wie der humorig faselnde. Auch das hast du übrigens mit Sträter gemein: so humorvoll (und weniger philosophisch, streng kabarretistisch ernst) er Dinge aufnimmt, so ernst kann er doch auch werden und man hört ihm bei beidem zu, weil der Mix gelingt. Das stelle ich (zumindest für mich) bei dir auch fest.

        Also.. weiter so! 😉 (hach… der Vorteil am Weib sein: Man darf Smileys verwenden, auch wenn ich versuche das zu vermeiden – die Smileys zu benutzen. Nicht das Weib sein. :D).
        (PS: Stelle gerade fest: Im Grunde genommen ein weiteres Kompliment an dich, du schaffst es den Humor und den Sarkasmus auch ohne Smileys deutlich zu machen. Hrmpf. Ich muss wieder mehr üben. Man wird so bequem.)

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