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Vergangene Woche habe ich einem Kollegen beim Aufbau seines Kleiderschrankes geholfen. Dass er ausgerechnet mich um Hilfe gebeten hatte, fand ich schon bemerkenswert. Hat sich wohl mein Ruf als Möbel-Bauer herumgesprochen. Wobei, sein Schrank stand ja schon seit etwa einem Jahr, es fehlten lediglich noch die Türen. Und dabei sollte ich helfen. Das Ergebnis: Der Schrank ist nun nicht mehr, nachdem er in sich zusammengebrochen ist. Was übrigens nichts mit mir zu tun hatte, auch wenn jener Kollege mich eines Fehlgutachtens bezichtigt. Bevor man sich eigenes Versagen eingesteht, schiebt man es eben auf den Gutachter. Und der war ich. Der genaue Hergang an jenem dramatischen Mittwochabend:

Ich betrete also Archobalds – so nennen wir diesen guten Kollegen hier einfach mal – Schlafzimmer, das ich bislang nur als Durchgangszimmer zum Balkon wahrgenommen hatte. Ich kannte den Schrank bereits wie auch dessen Türen, die seit Monaten schon neben diesem standen. Archobald ist übrigens mitnichten unfähig, aber er bekam es schlicht nicht gebacken, dass die Türen auch schließen, nachdem er die Scharniere in alle möglichen Richtungen justiert hatte. Mein Akku-Schrauber und ich sollten nun helfen. Und ich kam, sah und konstatierte: Der Schrank ist in sich – schief.

„Hast du eine Wasserwaage?“, frage ich.

„Klar … natürlich nicht. Versuch’s mit der Bierflasche.“

„‚Jever Fun‘?! Achja, du fastest. Trinkst du Bier nicht wegen des Alkoholgehalts?!“

„Nein, ich trinke es, weil es mir schmeckt!“

„Ach?“

Wir stellen also die halbvolle Flasche auf den Schrank, warten, bis sich der Bierpegel eingependelt hat und werden gewahr, dass wir irgendwie nichts erkennen können.

„Das Flaschenetikett ist schon schief. Was nimmt man nun als Referenz zum Bierpegel?!“, ich ratlos.

„Der Pegel ist ja irgendwie immer gerade.“

„Archobald, die Nummer ist eindeutig, die Einlege-Bretter sind ja schon nicht symmetrisch, die Türen können gar nicht in den Schrank passen. Und die Schubladen sind auch irgendwie schief.“

„Ja, bei denen hatte ich schon beim Einbau Probleme.“

„Vielleicht ist das ganze Zimmer schief?“

Kein dummer Gedanke. Meine Mitbewohnerin und ich haben ein abstraktes Zimmer, das schwer abschüssig ist. Ausgerechnet da bauten wir die höchsten und schlankesten Regale auf, die jedes Mal umzukippen drohen, wenn man sich in ihre Nähe wagt. Wegen Einsturzgefahr ist dieses Zimmer bei uns also gesperrt, Gäste wissen nicht einmal um die Existenz dieses Raumes, der als großes Mysterium in unserem gesamten Wohnhaus gilt. Aber das ist eine andere Geschichte. (Ha! Wieder eine neue Idee! Endlich! Das meinte ich! Aus dem Nichts!)

Dennoch versuchten wir es weiter und beschädigten die Beschichtung des Pressholzes immer mehr. Ansehnlich war das Möbelstück ohnehin nicht mehr. Irgendwann entdeckte ich nicht genutzte Löcher in der Bodenplatte und erstelle mein finales, niederschmetterndes Gutachten:

„Archobald, möglicherweise hast du Dach- und Bodenplatte miteinander vertauscht oder zumindest verdreht eingebaut. Oder: erst vertauscht, dann verdreht. Die Mittelwand müsste eigentlich in diese nicht genutzten Löcher. Und diese Schraubenschlösser dürften gar nicht sichtbar sein.“

Ich bin gut im Erstellen von Gutachten. Also von Erkennen von Problemen. Archobald ist jemand, der sie gerne schafft. Ich erkenne sie dann und ein Dritter löst sie. Selten bin ich dieser Dritte.

Und während ich mich frage, warum da nicht genutzte Bohrlöcher zu sehen sind, blättere ich in der Aufbau-Anleitung des Schranks, um kompetent zu wirken. Archobald deutet auf die Zeitangabe in der Bau-Anleitung:

„Eineinhalb Stunden bräuchte man angeblich für den Zusammenbau! Ich hab‘ gestern ’nen ganzen Tag nur für die Türen gebraucht!“

„Und sie sind noch immer nicht dran! Du musst den Schrank auseinander bauen und ihn gerade wieder aufbauen. Du musst den Neuanfang wagen. Lass‘ das Alte hinter dir. Oder brauchst du überhaupt Türen?! Ging doch ein Jahr lang ohne!“

Sprach ich und ging. Ihm war nicht mehr zu helfen und soviel Elend wollte ich einfach nicht mit ansehen, da es meine an sich ganz gute Stimmung bedrohte.

Möbel-Aufbauen ist mein Ding. Ich mag handwerklich eher der Kopfmensch sein, der ungefragt die wirklich Arbeitenden delegiert, aber ich habe, vom Bett abgesehen, achja, und von der Vitrine in der Küche, im Grunde unsere gesamte Wohnungsausstattung zusammengebaut. Übrigens immer mit Blick auf die Bau-Anleitung! Es ist ein Klischee, dass Männer diese nicht beachten. Wobei ich nicht weiß, ob Archobald sie sich genau angesehen hatte. Mein Eindruck war ein anderer. Aber Archobald macht auch keinen Hehl daraus, dass ihm für so etwas grundsätzlich die Geduld fehlt.

Tragikomisch wurde es am nächsten Tag. Per „Whatsapp“ erreicht mich ein Foto, das einen Trümmerhaufen zeigt: den zusammengebrochenen Schrank. Dazu die Nachricht:

Chaos nach falschem Gutachten … :-)

Hätte dich doch einfach durchvoegeln sollen.

Gut, das mit dem „Durchvögeln“ ist eine spezielle Art unseres Humors. Ich lief zu cainem Caitpunct Gefahr, von Archobald durchgevögelt zu werden und habe mir das auch nicht erhofft. Manchmal ist es ja ein Vorwand zu fragen, „Kannst du mir beim Möbelbau helfen?“, wenn es um die Frage des Geschlechtsverkehrs geht. In diesem Fall waren die Fronten von Beginn an geklärt.

Und ich würde Archobald ja um Erlaubnis bitten, das entsprechende Foto hier zu zeigen. Allerdings ist er auf den Schrank-Vorfall nicht gut zu sprechen. Ich blieb und bleibe aber nach wie vor bei meinem Gutachten: Schiefer Schrank, da geht keine Tür rein.

(Update: Archobald hat das Foto mehr oder weniger freigegeben!)

Doch die Anschuldigung, ich hätte ein falsches Gutachten erstellt, traf mich schwer. Denn während ich an jenem Mittwochabend mich an Archobalds Schrank verging, hatte ich stets Kollegen Christopher im Hinterkopf. Der nämlich sollte ursprünglich helfen sollen, wenn er nicht einen beträchtlichen Umweg dafür in Kauf hätte nehmen müssen, was er zweifelsohne getan hätte. Ich als Beinahe-Nachbar hatte es aber etwas einfacher und sollte erst einmal die Lage peilen. Und während ich an jenem Abend so schraubte, hatte ich permanent Christopher vor Augen, wie er innerhalb von wenigen Sekunden das Türen-Problem erkennt, angreift und löst. Meine Motivation war also nicht der Schrank als solcher, sondern die Angst vor Christopher. Ich gab mich selber auf und handelte nur noch nach der Maxime „Was würde Christopher tun?!“. Und ich bin sicher, dass er zum selben Ergebnis gekommen wäre: Schrank schief. Die zwei Sch.s. Und ich darf davon ausgehen, dass Archobald sich am Tag, als der Schrank über ihn zusammenstürzte, sich gewünscht hatte, direkt auf Christopher zurückgegriffen zu haben.

Letztlich ist aber alles gut. Archobald hat inzwischen einen neuen Schrank von „Ikea“ und diesen auch selber vollständig und gerade aufgebaut. Seltsam, dass er mich gar nicht gefragt hatte, ob ich ihm dabei helfen könnte …


Im April kann es noch schneien.

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