audio Respekt

repsket

Hoerbar_haare

Und dann erzählte mir Merugin noch, wie er innerhalb kürzester Zeit den mühsam aufgebauten Respekt vor einem Menschen verloren hatte. Manchmal genügten wenige Stunden.

„Mehr davon ein anderes Mal!“, rief mir Merugin noch zu und verschwand in einem Holunderbusch.

Panisch rief ich: „Alles gut?!“

„Alles gut! Nichts gebrochen.“

Pause.

Doch was gebrochen. Das Bein. Seppo, wenn das rechte Bein links vom linken liegt, dann stimmt doch was nicht, oder?“

Ich wurde nachdenklich. Ich kann mir gebrochene Körperteile so schlecht ansehen. Aber nun war ich ja da. Konnte ja schlecht weggehen.

„Merugin, ich muss los!“, versuchte ich es.

„Seppo, du kannst jetzt nicht gehen. Ich liege gebrochen im Busch!“

„Ja, wir haben alle unser Päckchen zu tragen. Ich habe mal in einen Busch erbrochen. Da stand auch niemand daneben. Obwohl, doch. Irgendwer hielt mir ja mein damals noch langes Haar.“

„Du hattest nie langes Haar!“

„Na und! Dennoch bin ich ein wertvoller Mensch für die Gesellschaft. Gut, im Moment nehme ich mehr als ich gebe, aber ICH HABE EINGEZAHLT!“

Also ging ich rüber zum Holunderbusch, wo Merugin ungewollt lasziv herum lag.

„Merugin, das macht mich irgendwie an. Ich sag’s, wie’s ist.“

„Seppo, mich dünkt, das Bein ist gebrochen.“

„Damit wäre auch dein Firmenlauf vakant, oder?“

Merugin: „Für eine Bestzeit wird es nicht reichen.“

„Was ist nun zu tun? Ich werde hier keine Körperteile laienhaft richten. Ich bitte da um Verständnis. Was ich anbieten kann: dir einen Krankenwagen zu rufen. Ruft man wegen sowas einen Krankenwagen?“

„Seppo, ja. Man man macht damit zumindest nichts falsch.“

Ich hatte vor etwa sieben Jahren mal eine heftige Grippe, die ich möglicherweise unterschätzt hatte. Irgendwann wurde ich nachts wach und stellte fest, dass Atmen keine Option mehr für mich war. Ich entschied, in der Düsseldorfer Notfallpraxis anzurufen, wo sich telefonisch Ärzte meiner annehmen. Jedem! Man sagte mir allerdings, ich müsse auf einen Rückruf warten.

„Ich weiß nicht, ob dazu meine Luft noch reicht“, jammerte ich nicht ganz zu Unrecht. Aber ich wartete. Die Lage spitzte sich dann aber zu, sodass ich einen Notarzt rief, weil ich wirklich befürchtet hatte zu ersticken. Das übrigens ist kein gutes Gefühl, ich bin da vorbelastet. Im Alter von drölf hatte ich eine verschleppte Lungenentzündung. Damals wartete ich quälende zehn Minuten auf einen Notarzt, der mir dann ein manuell zu bedienendes Beatmungsgerät in die Hand drückte. Was eine Befreiung war. Wer schon einmal erfolglos nach Luft geschnappt hat, wird es nachfühlen können. Ohne Luft geht’s eben doch nicht, dann eher ohne Liebe. Beides im Bundle ist natürlich ein Glücksfall.

Während ich nach dem Anruf bei der Notfallpraxis auf den Notarzt wartete, rief der Notfallarzt zurück. Ich sagte ihm sofort:

„Zu spät. Habe schon Krankenwagen gerufen!“

Er fing dann dennoch an, mich zu beraten. Ich verstand nur kein Wort. Er war ausländischer Herkunft oder hat aus Spaß in einem unverständlichen Akzent mit mir gesprochen, sodass ich irgendwann auflegte, zumal ich mich dem Tode näher als dem Leben sah.

Zwei Wochen später bekam ich postalisch eine Mahnung. Für das sinnlose Telefonat wurde allen Ernstes die damalige Praxisgebühr fällig!

„Merugin. Wie ist das, wenn man innerhalb weniger Stunden den Respekt vor einem Menschen verliert?“

„Ich verliere ihn gerade vor dir, weil du einfach keinen Krankenwagen rufst. Aber gut: Es ist desillusionierend. Man ist enttäuscht. Und fragt sich, wie man sich so täuschen lassen konnte. Es ist einem dann auch seltsam egal.“

Seltsam egal. Das sage ich immer. Als hätte ich es ihm in den Mund gelegt.

„Seppo, weißt du, man sitzt dann da und realisiert, dass man sich getäuscht hat. Und sackt in sich zusammen.“

„Ja, das Gefühl kenne ich dann doch. Innerliches Zusammensacken. Ich rufe jetzt den Krankenwagen. Welche Nummer?“

„112.“

„Achso. Macht Sinn.“

„Wenn du jemanden jahrelang kennst und dann innerhalb von nur wenigen Stunden merkst: Oha, doch ein Idiot. Dann muss man sich aber an die eigene Nase fassen und sich fragen, wie man so blind sein konnte. Da hält man sich für einen Menschenkenner – und wer tut das nicht?! – und muss binnen Kurzem seine Meinung vollumfänglich revidieren. Der Mensch, vor dem man eben noch Respekt hatte, wird plötzlich zu einer Witzfigur. Und man hadert damit, dass es andere scheinbar nicht bemerken. Und schlussendlich muss man für sich feststellen: Ich bin fehl am Platz. Das ist eine Erkenntnis!“

Zoladkowa. Mit einem Punkt über dem „Z“, einem Querstrich durch das „L“ sowie einem Häkchen unter dem „A“ und schon hat man einen fantastischen polnischen Wodka, der allerdings meiner Mitbewohnerin gehörte.

Der Krankenwagen kam, lud Merugin unter Klagerufe ein und fuhr ins Evangelische Krankenhaus. Das ich so gut kenne. Nur die Notfallaufnahme allerdings. Ich saß da auch schon mal an einem Sonntag mit einer Bindehautentzündung. Ich dachte damals, es sei Augenkrebs. Ich gehöre zu den Patienten, die Ärzte in Notfallpraxen zurecht hassen. Was denke ich, wenn die Nase mal läuft? Nasenkrebs?!

Ich fuhr dem Krankenwagen hinterher, betrat fröhlich die Notaufnahme

„Hallo, Herr Flotho! Was ist es diesmal? Ohrenkrebs?“, begrüßte man mich.

„Ah! Schwester Rosetta! Nein, dieses Mal bin ich nur Begleiter. Völlig gesund. Auch im Geiste, was man mir oftmals abspricht. Ich suche einen Merugin …“

„Ahja, das gebrochene Bein. Wird gerade gerichtet.“

Inzwischen läuft Merugin routiniert mit einem Gips herum, auf dem ich scherzhaft mit „Adolf Hitler“ unterschrieben hatte, was er nicht so gut fand, sodass er nun einen dicken schwarzen Balken aus Edding-Substanz mit sich am Bein herumträgt.

„Niemand glaubt mir, dass Adolf Hitler auf meinem Gips unterschrieben hat.“

„Ja, das hatte ich nicht bedacht. Hat Hitler Autogramme gegeben?“

Würde er heute twittern? Vermutlich. Ist auch egal. Ich muss jetzt joggend mein Auto abholen. Das wird eine Qual.

14 Kommentare

  1. Gib auf dem Weg zum Auto bitte – in Deinem eigenen Interesse – auf die Strecke kreuzende Holunderbüsche Acht. Ich fände es arg betrüblich, wenn Merugin zeitnah die Gelegenheit bekäme, auf DEINEM Gips mit „Dieter Bohlen“ oder Ähnlichem zu unterzeichnen!

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  2. Ach ja, was soll ich sagen. Ich lache so gerne und es gefällt mir wieder, was du geschrieben hast. Ich frage mich oft , warum ich immer so lachen muss bei dir und dann mir wie ein Bach die Tränen laufen. Danke dir. Wünsche dir einen schönen Tag. Bin ja schon neidisch, würde gerne so schreiben können wie du. 🙂

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  3. Der Freund gehört anscheinend eh zu den Glückspilzen.. Mir war, als hätte er das letzte mal Tod in einer Blutlarche in Laras Bett gelegen… Scheint ein zäher Genosse zu sein. Und ein Weiser. Ich kann seine Enttäuschung ob der festgestellten Täuschung durch einen bestimmten Menschen durchaus nachvollziehen. Die Schlussfolgerung leider auch.

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