Ficken und Fresse gehalten

raclette

Kurz nach zehn am Morgen.

Der Titel ist Programm. Es ist kurz nach zehn. Habe einen unfassbaren Kater. Und festgestellt, dass ich im Grunde 2,5 Liter Cola getrunken habe, was wohl auch der Grund dafür sein dürfte, dass ich nach fünf, in Worten 5, Stunden Schlaf bereits wach bin. Das Wachwerden ist für mich so etwas wie ein Erweckungserlebnis.

Hinter mir (ist ein Fenster) liegt ein Raclette-Abend. Und dieser Tag startet damit, dass ich mir Raclette mache. Gaston, es ist noch sehr viel Mett übrig geblieben. Ich reibe mich in diesem Moment damit ein und spiele mit meinen Extremitäten.

 

Kurz vor acht am Abend.

Ich muss das erklären. Da ich nun klar(er) im Kopf bin. Ich sehe gerade, dass ich heute Morgen offenbar einen Artikel veröffentlichen wollte. Der Titel überrascht mich gerade sehr, kann mich selber nicht daran erinnern. Ich hielt soeben via Facebook Rücksprache mit Gaston, dem Stargast des gestrigen Abends bei meiner Mitbewohnerin und mir:

„haha, der artikel, den ich heute morgen um 10 anfing, heißt ‚ficken und fresse gehalten‘. ich habe keine erinnerung daran!“

„der ist gut! sofort veröffentlichen!“

Seit etwa sieben Uhr herrscht wieder so etwas wie Klarheit in meinem Kopf. Die Raclette-Reste sind in mehreren Chargen vernichtet worden und ich überlege, wie ein solcher Titel beim Leser ankommt. Wünscht er sich womöglich im Artikel einen Bezug zur Überschrift? Für den heutigen Samstag ist das zuviel verlangt. Ich kann einen solchen Bezug unmöglich herstellen und bitte den enttäuschten Leser daher nun, an dieser Stelle das Lesen einzustellen.

Und ich begrüße den verbliebenen Rest in voller Demut und danke für sein Vertrauen dafür, dass er ernsthaft damit rechnet, dass hier noch etwas Sinnvolles geschieht.

Resümieren wir den gestrigen Abend.

Seit meine Mitbewohnerin, die mich heute zum Strohwitwer gemacht hat, vor einigen Wochen in Polen gewesen ist, wo sie wider Erwarten nicht dem Land zu einem wirtschaftlichen Aufschwung verhalf, was aber echt mal zuviel verlangt wäre, schleppt sie gelegentlich polnischen Wodka an.

An dieser Stelle muss ich KM per Facebook fragen:

„schleppt man etwas an? ’sie schleppt wodka an‘. oder ‚ran‘?! habe massive wortfindungsstörungen.“

„‚Schleppt Wodka an‘!“

Ah, das hilft. Also, seit Polen schleppt meine Mitbewohnerin immer Wodka an. Nein, es muss hier aber doch „ran“ heißen! Also, sie schafft oder schleppt immer diesen köstlichen Wodka ran. Und das einzige Wort, das einem selbst bei Wortfindungsstörungen einfällt, ist:

Wortfindungsstörungen.

Ein schönes Wort. Das ist mal ein schönes deutsches Wort. Sehr typisch deutsch, das Zusammengesetzte. Das macht Deutsch so einfach. Unterschätzte und zu Unrecht vernachlässigte Sprache.

Wortfindungsstörungsentferner. Etwas, das Wortfindungsstörungen entfernt. Ich hake bei KM nach, die Klugheit beweist:

„wie könnte man einen wortfindungsstörungsentferner nennen?“

„Lexikon?“

Das ist etwas, das ich sehr am Schreiben schätze. Man kann es nicht vom Gemütszustand trennen. In großer Traurigkeit bei Rotz und Wasser habe ich die besten Dinge geschrieben, sofern ich mir dieses Urteil anmaßen darf. Und auch dieser unstrukturierte Text spiegelt meinen Geisteszustand des heutigen Tages bedrohlich deutlich wider. Ich verabschiede an dieser Stelle weitere Leser. Einen schönen Samstagabend wünsche ich.

Und freue mich über den Rest des Restes. Ab hier, das darf ich versprechen, wird der Text noch exklusiver! Was Ihr hier nun bekommt, ach was!, ich sieze ab sofort! Also, was Sie hier nun bekommen, ist nichts anderes als die Spitze eines Eisberges elitären Wissens! Denn eine Frage steht doch unbeantwortet im Raume: Was zur Hölle war jetzt mit diesem Wodka?!

Dieser Wodka, ein Kirsch-Wodka, hat mir gestern Nacht schlagartig den Rest gegeben. Ich habe mit Kaffee dagegen angekämpft, doch es war einer dieser Kämpfe, die man irgendwann nur verlieren kann. Und deshalb hatte ich auch heute Morgen noch nicht verstanden, warum Gaston mir noch in der Nacht qua Facebook schrieb:

„Huuuupeeeeen!“

Es sollte sich gegen Mittag klären.

Ich möchte nun auch die letzten Leser bitten, hier auszusteigen, da ich wirklich den Eindruck habe, dass sich hier und heute kein literarisches Großereignis mehr … ereignet? Das kann ich unmöglich so schreiben. KM wird mich retten. Sie ist in diesen Dingen sehr versiert. Das würde sie selber abstreiten, was wiederum ihre Bescheidenheit ausmacht. Es ist im Kern ihre Bescheidenheit.

„es ereignen sich ereignisse?“

Sie antwortet nicht. Die Frage ist aber auch selten doof gestellt. Ihr Schweigen ist eine absolut berechtigte schallende Ohrfeige für jemanden, der meint, seinen Lesern heute den letzten Dreck unterjubeln zu können. Oh, sie antwortet:

„hm“

Okay, ein Platzhalter, der mir bedeuten soll, dass sie gerade zumindest nachdenkt. Entweder über die Frage oder über meine Zurechnungsfähigkeit.

„es begeben sich ereignisse. tragen sich zu.“

Ah! Sehr gut. Sie hätte Germanistik studieren sollen.

„hab ich doch auch.“

Ja, ich weiß.

Ich war heute Nachmittag, bevor ich zwei Stunden lang komatös geschlafen habe, bei Lara. Lara ist meine Nachbarin, zwei Stockwerke über uns. Ich stand heute vor dem großen Problem, dass mir Spülmittel fehlte. Ich wollte Spülmittel von ihr. Sie hatte keines. Kann das sein?! Und ich musste diesen Raclette-Grill sauber kriegen. Früher hätte ich einfach Duschgel genommen. Aber mit meinen bald 36 Jahren ist man da irgendwie vernünftiger geworden. Man muss gewisse Dinge nicht mehr tun, nur um dann festzustellen, dass sie ein Fehler waren. Seit einigen Jahren abstrahiere ich. Heißt, ich stelle mir die Dinge vor, bevor ich sie tue. Würden Kleinkinder das tun, würden sie nicht auf eine heiße Herdplatte fassen, obwohl sie wissen, dass es brenzlig werden könnte. Ich habe gestern Nachmittag noch auf eine heiße Platte gefasst. Ich wusste, das ich sie zuvor benutzt hatte, wollte aber wissen, ob sie vielleicht schon abgekühlt war. War sie nicht. Ich hatte für einige Sekunden eine sich in mein Hirn einbrennende Sicherheit, dass diese eine Herdplatte nicht abgekühlt war.

Ich informierte dann meine Mitbewohnerin über das, was wohl nun als „der idiotische Herdplattenvorfall“ in unsere Geschichte eingehen wird, wobei sich das „idiotisch“ auf mich bezieht. Das zumindest war mein Eindruck, als meine Mitbewohnerin mir diese Bewertung mitgeteilt hatte. Denn wozu gebe es diese Kontrolllämpchen am Herd?!

„Ja, das ist mir natürlich klar, dass sie den haptischen Test überflüssig machen sollen. Doch wo kommen wir hin, wenn der Mensch jede Kontrolle an Maschinen abgibt? Big data kann doch nicht alles sein!“

„Das sind Kontrolllämpchen. Die haben mit big data nichts zu tun!“

„Mitbewohnerin! Alles ist big data! Wenn ich aufs Klo gehe, ist das – big data!“

„Eine Art Datenverlust.“

Und es ist eben dieser Dialog, den ich keinem meiner Leser zumuten wollte. Und daher bin ich froh, dass hier schon niemand mehr liest. Es ist wie der Baum im einsamen Wald, der umfällt. Es gibt kein Geräusch, wenn es niemand hört. Und dieser Text: er gibt einen Sinn, wenn ihn niemand liest. Allerdings auch nicht, wenn ihn jemand liest.


Noch mehr Zeit stehle ich auf meiner Facebook-Seite!

15 Kommentare

  1. Na toll! Da hab ich mir vorgenommen, nur noch zuzuhören, und just an dem Tag, an dem Du nur gequirlte K**** schreibst, lese ich bis zu Ende durch. Klasse! Seppo, so langsam reißt mir mit Dir die Hutschnur, oder sagt man da… reißt mir die Geduld und – also Wortfühlungsstörungen habe ich auch, kommt wohl vom Lesen dieses … Ergusses… tss… und dann. Ich wußte es, irgendwann krieg ich die Quittung. Du aber auch… für so einen gequirlten Quark! :-D
    Auf die Herdplatte habe ich als Kind gefasst, diese Erfahrung habe ich durch, die Blase war so groß wie mein Daumenballen, oder wie sagt man das? Ist ja egal. Wenigstens bei diesem einen kurzen ERlebnis war ich bei Dir. Aber das war es auch schon! Das reicht nicht! Morgen wird das gefälligst besser. Und die Kommentare halten sich ja auch in Grenzen, auch Absicht?
    Ach, das Leben ist nicht leicht!

    Gefällt 1 Person

  2. Ich habe auch durchgehalten und bin froh, dass mir dieser Dialog nicht entgangen ist. Das könnte aber daran liegen, dass es 5.17Uhr an einem Sonntag ist.
    Ja ich bin um 4.30Uhr aufgestanden, um zu arbeiten und ja, ich fühle mich auch ein bisschen so, als hätte ich polnischen Wodka getrunken und nein, ich bereue es nicht, statt zu arbeiten diese vertextlichte Wortfindungsstörung gelesen zu haben. Schon allein, weil hier deutlich wird, dass man einfach Menschen braucht, die Germanistik studiert haben… zumindest rede ich mir das ein…
    (Autorin hat u.a. Germanistik erfolgreich studiert und kocht sich jetzt einen Kaffee)

    Gefällt 1 Person

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