Auch Pointenneid spielt eine Rolle

Laaaaaaaaauschen. Ich lausche in meinen Kopf hinein. Meist ist da etwas. An sich sogar immer. Aber jetzt gerade – schwiiierig. Liegt’s an der milden Sonne, die uns heute beglückt? Ist sie verantwortlich für meine Leere? Oder liegt es einfach daran, dass ich bereits vier Sendungen hinter mir habe?

„Darf ich dich mal mit meinem Quark einreiben?“, frage ich meinen Kollegen Christopher, der natürlich antwortet:

„Ne, soll aber gut gegen Entzündungen sein!“

Ist was dran. Quarkmaske.

Ein weiterer Kollege, am andere Ende des Büros, will wissen: „Kocht hier jemand?“

Antwort: „Nahein!“

„Aber es riecht hier so danach!“, beharrt jener Kollege Butzi.

„Ja, weil ich hier was esse gerade!“, tönt es aus einem angeschlossenen Büroraum.

„Ahso!“

Nach einer kurzen Stille sagt Butzi: „Ich liebe ja ‚Maggi‘! Wie sehr die doch unseren Geschmack verhunzt haben! Ich koche ja kaum ohne. Traurig eigentlich!“

Ich rufe herüber: „Und ‚Knorr‘ ist scheiße?!“

Butzi: „Nein, ist ja alles dasselbe.“

Ich denke an meine Zucchini-Spaghetti von gestern Abend. Die schmeckten. Aber auch nicht nach Spaghetti freilich. Eher nach Zucchini. Ganz ohne Maggi. Derzeit versuche ich es gesund und ohne Geschmacksverstärker. Finde die aber auch nicht so tragisch. Ein Glutamatnazi bin ich nicht.

„WIE LANG KANN MAN EIGENTLICH AN SO EINEM SCHEISS CHILI-TELLER ESSEN?!“, durchbricht ein wieder anderer Kollege brüllend die Stille.

Unbeirrt davon Kollege Butzi: „Was spielst du da für ein Spiel an deinem Rechner, Christopher?“

Christopher: „Das ist ‚Google Maps‘, Butzi!“

Heiteres Gelächter. 22 Grad. Die Fenster geöffnet, die Luft ist leicht stickig. In meiner Ecke riecht es nach Quark, der schon zu lange in der Sonne stand. Ich löffele ihn dennoch weiter.

Derweil denke ich mir ein Sendeformat aus. In der Sendung soll es um etwas gehen. Im Zweifel um mich. Das klingt erst einmal absurd, denn wen sollte das interessieren?! Aber es hat ja schon an anderer Stelle geklappt, auch wenn man es sich dadurch mit manch Moderationskollegen verscherzt.

Und es ist eben völlig absurd zu glauben, Selbstdarstellung sei im Fernsehen fehl am Platz. Sie gehört genau da hin. Alles andere wäre geheuchelt.

„Du bist ein unerträglicher Selbstdarsteller, Seppo!“

„Ja, natürlich bin ich das!“

Dieser Vorwurf langweilt mich so dermaßen, dass ich nicht einmal mehr müde darüber lächeln kann, selbst meine Überheblichkeit wird mir in solchen Momenten zu anstrengend. Ich Selbstdarsteller? Erzähl mir was Neues. Ich mache das ganz bewusst. Es passiert mir nicht einfach so.

Denn es gibt und gab zahlreiche Formate, die von ihrem Gastgeber und dessen Selbstdarstellung leben und lebten. Der Grund liegt in der Redundanz, woraus sich zwischen Zuschauer und Moderator eine Beziehung gespickt mit insidern ergibt. Vergleichbar ist das mit dem Sehen einer Serie: Man versteht sie erst, wenn man ihr einige Folgen lang gefolgt ist. Bis einem die Handelnden vertraut sind, die man nach dem Serienfinale womöglich sogar vermisst. Ich vermisse Tony Soprano.

So etwas polarisiert natürlich extrem, was erst den Reiz ausmacht. Die einen hassen einen, die anderen nicht. Mit beidem kann man hervorragend spielen. Insbesondere mit den hatern, die auffällig viel Energie darauf verwenden, dem Adressaten ihre Ablehnung auch mitzuteilen. Damit zu spielen, zu provozieren, das kann Spaß machen. Die höchste Kunst ist es, den Zuschauer zu beleidigen und dafür Applaus zu bekommen. Weil der Zuschauer ja intelligent ist. Wer sich wirklich beleidigt fühlt, hat den Witz nicht verstanden und sortiert sich so ganz von selbst aus. Übrig bleibt eine Essenz – und eben nicht die Masse. Masse ist eh albern. Den Massengeschmack bedienen – machen genug andere.

Ich rufe meinen Agenten Kraftold Kramer an. Das Telefonat gebe ich als Gedächtnisprotokoll hier wieder:

Kraftold: „Agentur ‚KramerRuhm‘, Kramer?“

Ich: „Kraftold! Bedenklich lange nichts mehr voneinander gehört!“

„Habe kürzlich noch über dich gelesen, Seppo!“

„Ah, du meinst den Artikel in der ‚Running‘ über meinen Laufblog? Oder ging es um die Klage gegen das seppolog?“

„Nein, weder noch. Es ging da irgendwie darum, wie ein narzisstischer Moderator einen Regionalsender in Grund und Boden moderiert hat.“

„Jährt sich gerade. Vergessen und verziehen. Kraftold, mal was anderes. Ich brauch eine neue Sendung.“

„Mit oder ohne Zuschauer?“

„Gerne mit.“

Vier Formate reichen dir nicht?!“

„Da geht noch mehr. Mir schwebt etwas vor mit mir im Mittelpunkt.“

„Das wäre ja mal was Neues für dich … Seppo, es ist gerade zeitlich etwas ungünstig, habe auf der anderen Leitung einen Newcomer. 17 Jahre, sehr cool, megaflocky drauf!“

Flocky?!“

„Ja, und das Beste: Der Typ heißt ‚Flocke‘!“

„Und was macht ihr zusammen?“

„‚Flocky.tv‘!“

„Und das wird was?“

„Er sitzt an ’nem Schreibtisch, holt den Zuschauer ab und ist super drauf!“

„Das wäre wirklich nichts für mich. Ich ruf dich an, wenn ich mein Konzept ausgearbeitet habe!“

Kraftold hat bereits aufgelegt. Hat mein Manager mich aufgegeben?! Weil ich 38 Jahre alt bin? Zu alt fürs Fernsehen? Aber so ’nen Schreibtisch, den will ich auch. Und einen sidekick, der mir aber auf keinen Fall die Show stehlen darf. Am besten ’ne Frau. Bisschen lustig. Aber gibt es lustige Frauen? Kenne selbst nur wenige. Oder ist das ein Klischee? Eine fällt mir ein, die würde ich sofort nehmen, aber sie würde mir die Show stehlen, weil sie zu gut aussieht. Sie würde mich nur nervös machen … Schade eigentlich, das wäre lustig geworden. Chance verpasst. Nun ist sie weit weg.

Meiner Mitbewohnerin gelingen in letzter Zeit erschreckend oft erschreckend gute Scherze. Sie wird mir zur Konkurrenz in meiner eigenen Beziehung. Meine Standardantwort, wenn sie mich mal wieder hat:

Ich bin hier für die Witze zuständig!“

Kürzlich hatte sie einen, der war eine Sensation. Als ich mir etwa fünf Bücher zum Thema Kraftsport habe kommen lassen und sie einen Verwendungszweck dafür wusste. Ich werde den Scherz hier nicht wiedergeben, da er nur situationsbedingt lustig ist. Aber er war in der Tat von blitzartigem Verstand. Ich merke gerade, ich bin noch immer neidisch.

Das Beneiden um fremde Pointen gehört unbedingt dazu, das spornt an und man kann sie nebenbei klauen und an anderer Stelle verwenden. Mir wurde mal on air ein Krachergag geklaut, ich war ernsthaft beleidigt!

Was braucht es generell für eine Sendung? Ein Oberthema, das als Leitfaden hinhält. Doch mit Leidtfäden halte ich es wie mit Vorbereitung: Auf gar keinen Fall daran halten, erstickt nur die Kreativität, engt ein. Kamera an, irgendwas erzählen, ergibt sich alles von selbst.

Als Kind habe ich zahlreiche Tonbandkassetten mit meinem Kassettenrekorder vollgelabert. Ich habe diese Kassetten heute noch, inzwischen digitalisiert. Ich versinke in Selbstfremdscham, wenn ich mir die heute gelegentlich noch anhöre. Unglaublich, was ich damals offenbar witzig fand. Manchmal sind allerdings Perlen dabei, da möchte ich mich für umarmen, belasse es aber bei rückwirkendem Schulterklopfen.

Schon damals habe ich mir immer Sendungen ausgedacht mit verschiedenen Elementen. Das Verrückte an der Nummer ist: Beruflich habe ich im Laufe der vergangenen Jahre tatsächlich einige Elemente davon übernommen. Hatte ich mir als Kind nie träumen lassen. Und dann passiert es doch. Auch dieser Blog hat ein Vorbild, das 30 Jahre zurückliegt. Und das zeigt, wohin schon als Kind bei mir die Reise ging. Und nun geht sie weiter.

Und wieder bestätigt sich: Der Kopf ist nie leer.


 

6 Kommentare

  1. Ja höchst beneidenswert, dass manche ihren Kindheitstraum erfüllen, während ich mich immer frage, bei welcher Weggabelung ich falsch abgebogen bin. Damit bist Du sicher nicht allen, liebe Nougatcornflake, der liebe Seppo aber eher mehr oder weniger schon. Das unterscheidet ihn von uns und macht ihn einzigartig.

    Warum sind wohl Maggi und Knorr, beide selbst ihn Afrika bekannt, Schweizer-Produkte ? Haben sie das verdient?

    Gefällt 1 Person

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