Voraussichtlich

Also das ist mal ärgerlich. Dieser Text erscheint mit einer Verspätung von voraussichtlich 25 Minuten. Grund dafür ist ein … krrrrrrrch … Bereitstellung … krrchchchch.

Ich werde also erst in einer halben Stunde bis Stunde meinen ICE 849 betreten können, da ich natürlich inzwischen weiß, dass die erste Zeitangabe der Bahn lediglich Verhandlungsbasis ist, was ja für den Fahrplan insgesamt gilt.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich beklage mich nicht über dieses Bahn-Unternehmen, denn es ist klar, dass ein solch komplexes System unmöglich störungsfrei funktionieren kann. Verstopft in München eine Zugtoilette, verspätet sich der Regionalexpress, der Touristen auf die Insel Sylt befördert, um voraussichtlich zwei Stunden: der Schmetterlingseffekt. In den Chor der Bahn-Nörgler steige ich also nicht mit ein, auch wenn ich inzwischen jede Woche mehr Bahnsteig-Durchsagen höre als mein eigenes Gerede, was schon etwas heißen will.

Viel schlimmer wiegt für mich, dass ich ohne Sitzplatzreservierung die Fahrt antrete, da bereits jeder Platz, vermutlich von Flüchtlingen, reserviert ist. Mein Plan ist, den Waggon zu betreten und zu rufen:

„Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“

Ich wette, nicht wenige Hohlköpfe stehen umgehend auf, sodass ich freie Platzwahl habe. Doch abseits dieses Planes sehe ich mich eher auf dem Boden sitzen, was ich aber unproblematisch finde; warum, erläutere ich weitere zehn Minuten später, da sich laut neuester Durchsage selbst die 25-minütige Verspätung um eben zehn Minuten verspätet. Nun habe ich auch den Grund dafür akustisch verstanden: Offenbar wurde der Zug zu spät bereitgestellt. Was soll mir das bedeuten? Fehlte noch ein Waggon? Klemmte eine Tür einer Werkshalle in Köln? Wurde meine Zug vielleicht sogar noch frisch gebaut? Beispielsweise in Krefeld, wo der ICE 3 zusammengezimmert wird?

Ich erwarte also, mit Behagen auf dem Boden zu sitzen, da der Boden möglicherweise mehr Platz und Beinfreiheit bedeutet als jeder Sitzplatz der zweiten Klasse. Ich war in der 2a … Außerdem sitze ich grundsätzlich vorzugsweise im Schneidersitz; das geht auf jedem Boden besser als auf den Sitzen der Bahn. Außerdem hat man im besten Falle keinen Sitznachbarn, der einem die Armlehne oder die Steckdose streitig macht. Allerdings habe ich auf dem Boden auch weder Armlehne noch Steckdose. Hier käme also meine powerbank ins Spiel, die eine ganze Kleinstadt mit Strom versorgen kann, jedoch nur für einen nicht mehr messbaren Zeitraum. Vor etwa zwei Wochen wäre mein ICE fast ausgefallen, da es Probleme mit der Stromversorgung gab. Ich, stets hilfsbereit, bot an, meine powerbank an den Motor anzuschließen, sodass die Fahrt doch noch angetreten werden konnte. Immerhin kamen wir etwa drei Millimeter weit, den Rest bewältigte ein Ersatz-ICE. Als Dank bekam ich von der Deutschen Bahn einen Bonuspunkt auf meiner „Bahncard“ gutgeschrieben.

Gelächter am Bahnsteig. Die neueste Durchsage handelt von 45 Minuten Verspätung. Das überrascht hier niemanden, da unser – wir sind bereits eine Schicksalsgemeinschaft – ICE schon 50 Minuten überfällig ist. Selbst die Verspätungsdurchsagen kommen hier mit Verspätung.

 

Ich sitze im Zug. Inzwischen bekomme ich von meiner App „DB Navigator“ eine Meldung auf mein Handy, die überschrieben mit „Verspätungsalarm“ ist. Mein Zug habe voraussichtlich 15 Minuten Verspätung. Ich staune, wozu unsere vernetzte Welt fähig ist.

Trotz großspuriger Ankündigung sitze ich nicht auf dem Boden. Sondern auf dem Dach. Eine frische Brise zerzaust meine Frisur. Nein, ich sitze auf Platz 46 in Waggon 22. Laut Anzeige ist er reserviert von Düsseldorf bis Berlin Ostbahnhof. Da mir bislang niemand diesen Platz streitig macht, gehe ich davon aus, dass der entsprechende Pächter seine Reise nicht angetreten ist. Oder aber – was ungünstig wäre – er sucht diesen Platz noch, weil er versehentlich in, sagen wir mal Wagen 37 eingestiegen ist. Da auch ich schon einmal unglücklich zehn Wagen zu früh eingestiegen bin, lehrt mich die Erfahrung, dass das Durchwandern eines ICEs etwa zwei Tage dauern kann, gerade, wenn man im Durchgang Gegenverkehr hat und man sich mit dem auf keine Lösung einigen kann, was das Ausweichen angeht.

Übrigens, warum heißt der D-Zug „D-Zug“? Wofür steht das D? Ich glaubte jahrelang, es stünde für „Diesel“. Doch weit gefehlt! Das D ist ein Relikt aus Caiten, als man noch nicht von Waggon zu Waggon tapern konnte. Irgendwann kamen dann die „Durchgangszüge“, die eben mit „D-Zug“ abgekürzt werden.

Fahrplanmäßig, wir erinnern uns der Verhandlungsbasis, bin ich immer rund vier Stunden unterwegs. Insbesondere die Hinfahrten, die also nach Berlin-Spandau, kann ich genießen. Erst kürzlich wurde mir auf erschreckend eindringliche Weise gewahr, dass mein Leben derzeit schneller an mir vorbeizieht als es bislang immer der Fall war. Davon bin ich kein Freund, denn ehe man sich in so einem Zustand versieht, ist man alt, womöglich gar tot. Ich hadere nicht mit dem Älterwerden, was wohl daran liegt, dass ich mit einen 36 Jahren trotz nahem Geburtstag einfach weit entfernt davon bin, mich alt nennen zu können. Doch vor einigen Tagen sah ich die Videokolumne von Harald Schmidt in der „smarten Abendzeitung“ „Spiegel Daily“, die ein weiterer Versuch des Spiegel-Verlages ist, online Geld zu verdienen. Harald Schmidt hat große Teile seines Haupthaares verloren und sieht einfach mal alt aus. Was nicht Wunder nimmt, denn er ist Jahrgang 1957 und da ist der Haarverlust keine Seltenheit, zumal bei mir eine ähnliche Entwicklung bereits vor zehn Jahren ihren Anfang genommen hat. Auch damit haardere ich nicht, da ich jahrelang Glatze trug, auf die ich dann eben, vermutlich in zwei, drei Jahren, zurückkommen werde. Kann ich tragen. Glück gehabt. Mein Schmidt-Schock rührte natürlich auch daher, dass ich nach wie vor Schmidt bei „Youtube“ konsumiere, wo er schlicht an die zehn bis 20 Jahre jünger ist. Bei meinem Vater verhält es sich anders. Er ist nicht bei Youtube. Ihn sehe ich öfter, sodass mir sein Alterungsprozess – er ist 70 – entgangen ist. Ich sehe ihn eben mit den Augen eines Sohnes und bin irritiert, wenn mein Neffe ihn „Opa“ nennt. Ja, denke ich dann, er sieht schon ein bisschen aus wie ein Opa.

Gerade Duisburg passiert. Oder Essen. Man kann das so genau nicht unterscheiden, beide Städte sind etwas von der Ästhetik vernachlässigt worden. Beängstigend viele Menschen laufen an meinem Platz vorbei und blicken auf die Reservierungsanzeige. Alle zwei Minuten muss ich mich hier schlafend stellen. Einen Sitznachbarn habe ich noch nicht, was sich spätestens ab Hannover ändern dürfte. Am zurückliegenden Mittwoch fand ich auf der Rückfahrt gen Düsseldorf in den Schlaf. Ein Asiate – und der bloße Hinweis auf seine vermeintliche Herkunft ist anders als das Monieren des Hinweises keineswegs Rassismus – weckte mich. Dreimal etwa sagte er „Entschuldigung?“, deren ersten beide Male ich noch geschickt in meinen Traum einbauen konnte. Das dritte riss mich aus jenem und ich fragte bass erstaunt:

„Düsseldorf verpasst? Bin ich in China?!“

Selbst das ist kein Rassismus. Man muss das dazusagen wegen der Toleranzapostel. Und ich sagte das auch gar nicht, sondern:

„Häh?“

„Ist hier noch frei?“

Ich hätte sagen können: „Dafür wecken Sie mich aus meinem kostbaren Schlaf?“, sagte aber:

„Ja.“

Ausgerechnet bei den Rückfahrten finde ich selten in den Schlaf, obwohl ich da meist müde bin. Auf Hinfahrten hingegen, wo ich gerade erst aus meinem Bett komme, gelingt mir der Schlaf immer. Überhaupt stehe ich vor einem Überangebot an Aktivitäten, die mir die Reisezeit verkürzen. Das ist inzwischen ein Problem. Zunächst bietet sich das, siehe hier und jetzt, Schreiben an. Dieser Text braucht etwa eine Stunde, bis er online ist. Bleiben also noch drei Stunden Fahrzeit. Solange ich keinen Sitznachbarn habe, bietet sich das Ausbreiten der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ an, die Platz braucht. Stößt ein Sitznachbar dazu, der ungern den halben Wirtschaftsteil vor seiner Mappe sehen will, steige ich um auf „Spiegel Biografie“, deren aktuelle Ausgabe sich mit Merkel beschäftigt. Übrigens: Merkel finde ich gut. Und das als SPD-Mitglied. Es fehlt an Wechselstimmung, Schulz hat keine Chance und die AfD hat in NRW zuletzt ein mageres Ergebnis eingefahren: 7,5 Prozent oder so. Für eine rechtspopulistische Partei, die eigentlich mit einem zweistelligen Ergebnis gerechnet hatte, ziemlich peinlich. Selbst die „Piraten“ zogen damals mit mehr Stimmgewalt in den Landtag. Am NRW-Wahlabend vor einigen Wochen sah ich eine Debatte im WDR mit den Spitzenkandidaten. Man mag über Christian Lindner denken, was man will, aber als ein Typ der AfD der Gesprächsrunde versicherte, die AfD-Fraktion halte geschlossen zusammen, parlierte Lindner trocken mit:

„Interessiert mich nicht.“

Er hat Recht. Die AfD spielt hier keine Rolle. Ihre Mitglieder kommen nun halt für ein paar Jahre in den Genuss der Landtagskantine, die einen ganz guten Ruf hat. Ich stelle mir gerade vor, ein AfDler bestellte bei mir das Mittagsmenü. Ich wäre versucht, das Rattengift zu suchen. Wegen der Ratten natürlich. Man vergiftet den politischen Gegner freilich nicht. Auch, wenn dieser unsere Gesellschaft vergiftet. Inzwischen tut mir die AfD leid. War doch ein hochmotivierter Haufen! Mit Visionen! Gegen die Etablierten!

Fahrkartenkontrolle. „Für die Zugestiegenen“. Was heißt das nun? Zugestiegen in Bochum? Ich bin ja auch zugestiegen. Nur halt in Düsseldorf. Ich reagiere erst einmal gar nicht, da es mir zu anstrengend ist, meine Bahncard rauszukramen.

„So, hallo, hier zugestiegen?“, fragt die Dame in diesem Moment die Passagiere vor mir. Ich tippe einfach weiter, tue hochbeschäftigt. Als hätte ich mir Arbeit mitgebracht. Sehe ich oft hier auf meinen Fahrten: Menschen, die an Excel-Tabellen arbeiten. Für mich hingegen sind Zugfahrten ein Hort der Entspannung.

Wenn ich mich denn entscheiden kann, was ich anstelle mit der Freizeit. Denn im Laufe der Wochen habe ich mir mehrere Serien auf mein Handy geladen, heute habe ich zudem zwei Filme dabei. Ich weiß, wie es laufen wird: Kaum beginne ich die Serie „Shameless“, überlege ich, doch den Film anzufangen. Oder zu schlafen. Beim Schlafen überlege ich, ob ich vielleicht lese, was ich dann abbreche, da mich „Shameless“ wieder interessiert. Ich versuche es nun mit der Serie.

Da kommt schon wieder so ein Sitzplatz-Schnorrer; können die nicht wie jeder andere Anständige auch reservieren?! Verdammich, ich habe nun eine Sitznachbarin. Eine Asiatin. Woran ich das erkenne? An den Schli-krrrccchchhhh.

9 Kommentare

  1. Hallo Seppo, schmunzelnd musste ich an meine Pendelei zwischen Köln und der Ostseeküste zurückdenken. Als ich einmal in Berlin meinen Anschluss verpasste, stöberte ich in der Buchhandlung herum und fand das Buch
    „Senk ju vor träwelling“: Wie Sie mit der Bahn fahren und trotzdem ankommen Gebundene Ausgabe – 10. März 2008
    von Mark Spörrle (Autor), Lutz Schumacher
    https://www.amazon.de/Senk-vor-tr%C3%A4welling-trotzdem-ankommen/dp/3451298090
    Kann ich wärmstens empfehlen. Jedenfalls verliefen die zweistündige Wartezeit und die Rest-Reisezeit wie im Flug. Meine Mitreisenden runzelten zwar manchmal wegen meines Grinsens und Kicherns die Stirn, das war mir jedoch egal.
    Viel Glück auf der Reise undkomm gut an!
    Liebe Grüße von der jetzt Seßhaften

    Gefällt 3 Personen

  2. …dieser Beitrag erinnert mich daran wie sehr ich diesen Drecksladen DB hasse…

    UND ich glaube das D im D-Zug steht für:

    Dauerhaft verspätet!

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  3. Nun, da hatte ich manchmal mehr Glück, da ich immer mit Spartarifen mit Zugbindung reiste, war ich manchmal bereits einen Zug eher zu Hause, wenn nämlich der Interregio Verspätung hatte, war die Zugbindung aufgehoben und ich durfte den schnelleren Intercity benutzen, so dass ich dann in Berlich den früheren Zug erreichte. So war ich nicht nur einmal über die Verspätung meines Zuges froh. Ich könnte da noch viele Beispiele nennen. Und Drecksladen würde ich die DB auch nicht nennen, die den Zug manchmal verdrecken lassen sind nämlich meist die lieben Mitreisenden. Ich kann da wahrlich mitreden, denn ich bin elf Jahre zwischen Köln und Ostseeküste gependelt.

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  4. Und ich wundere mich, warum die Schnellzüge aus Germanien, die in der letzten Zeit bei uns in good old Austria über die Westbahnstrecke eintrudeln, ständig zu spät sind! Zumindest immer dann, wenn ich in der Niederösterreichischen Landeshauptstadt St. Pölten am Perron warte, um zu einem wichtigen Termin pünktlich in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien zu sein und dann vernehmen muss „der Zug Nr XY aus Hamburg/Frankfurt/XY nach Wien hat … krrchchchch … vorausichtlich … krrrrrrrch …. 35 bis 60 Minuten Verspätung. Der Grund ist ….. krrrrrrrch …. krrchchchch …..“ Da fährt mir dann unkontrolliert der kalte Schauer des Ärgers durch die Glieder und sämtliche Haarwurzeln von Kopf bis Fuß werden rebellisch …

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