Sonntagmorgen

05.30, Düssledorf

Das Düsseldorfer Stadtmarketing wird zum Start der Tour de France, die ja in diesem Jahr hier ihren Anfang nimmt, den Namen der Stadt internationalisieren und überall „Düssledorf“ schreiben, was, wie ich finde, mit dem „Ü“ etwas kollidiert. Aber was soll’s. Ich bin wach, eine Stunde bevor der Wecker klingeln wird. Ich habe so einen neuen Radiowecker mit extra großen Ziffern, die ich nachts auch ohne Brille erkennen kann. Mit 37 Lebensjahren beginne ich also, mich für das Alter zu rüsten. Meine Dioptrienwerte stagnieren allerdings seit Jahren, vermutlich werden sie nun ausgeglichen von der Altersweitsichtigkeit.

Ich bin nicht nur wach, ich bin hellwach und freue mich dennoch, noch eine Stunde schlafen zu dürfen. Ich ahne, dass ich um sechs Uhr 30, wenn der Seniorenwecker klingelt, schwerstmüde sein werde.

06.40, Düssledorf

Und ich sollte Recht behalten. Sitze in der Küche und koche Kaffee. Meine Mitbewohnerin ist nicht da, sie feiert in Ostwestfalen, ihrer Heimat, einen Geburtstag. Die Sonne scheint, es wird wohl warm und ich weiß, dass sich das unangenehm auf die Klickzahlen dieses Artikels auswirken wird. Der Leser hat zurecht Besseres an seinem freien Sonntag zu tun, als dieses zu lesen. Vergangenes Jahr erwägte ich deshalb, eine mehrmonatige Sommer-Blogpause einzulegen. Aber ich krieg’s irgendwie nicht hin.

Der Kaffee unserer neuen „Korona“-Maschine ist „durch“. Unsere alte habe ich leider kaputtgeputzt. Zuviel „Antikal“, das ihre Schläuche durchgeätzt hat. Ich habe nun eine Stunde Freizeit, danach muss ich Sport machen. Gegen elf fährt mich ein Zug nach Berlin-Spandau. Ich muss nun akut zur Toilette. Kaffee … Haben uns gestern eine Wohnung angesehen, die zwei Badezimmer hatte. Werden die Wohnung aber nicht nehmen, da sie zu weit weg vom Wunschwohnort Münster liegt: in Düssledorf.

06.50, Düssledorf

Aus dem „Spiegel“ erfahre ich auf dem Klo, dass ‚die Müllproduktion im Kopf beginne‘. Lese das und denke dabei an diesen Blog. Derweil suche ich meine Kaffeetasse. Ich verliere sie jeden Morgen irgendwo in der Wohnung. Überlege, ob das Stadtmarketing erwartet, dass ich ab sofort von „Dasseldorf“ spreche.

Werde nun fernsehen. Beziehungsweise „streamen“, was man ja nun tut. Habe allein in dieser Woche drei neue Serien angefangen: „Twelve Monkeys“, „Cannabis“ und „Fargo 3“. Bringe inzwischen Handlungsstränge und Protagonisten durcheinander. Sehe gerade, dass ich „Westworld“ noch zuende sehen muss; mitunter geraten Serien wegen des Überangebotes in Vergessenheit: Habe bis heute nicht „Sense8“ zuende geguckt, vielleicht auch, weil ich sie nicht begriffen habe. 18. Juni heute. War da nicht was? Deutsche Revolution? Oder war die im März? Volksaufstand DDR? War gestern, 17. Juni. Der Geburtstag meiner Mitbewohnerin naht. Kurzer Blutsturz, dachte kurz, der wäre heute.

Muss noch das eine oder andere für Berlin packen. Die Routine, die sich dabei inzwischen eingestellt hat, führt natürlich dazu, dass man vieles vergisst, weil man weniger darüber nachdenkt. Ich muss Käppis einpacken. Weil ich mich meines Haupthaares entledigt habe – viel war es ohnehin nicht mehr -, kommt meine Käppisammlung wieder ins Spiel mit weit mehr als 60 Kappen. Mein allererstes Käppi riecht heute noch nach „Rei in der Tube“.

 

Ich trug den Kopf 17 Jahre lang frei von Haar und versuchte es zuletzt knapp zwei Jahre lang mit einer Art Frisur. Aber das war nicht ich. Ich bin nun also wieder ich. Und diese Haarlänge hat natürlich den Vorteil, dass die Frisur stets sitzt. Ich stehe auf: Frisur sitzt. Ich entsteige der Nasszelle: Frisur sitzt. Ich laufe durch den Regen: Frisur sitzt. Ich raufe meine Haare: Frisur sitzt. Es gab Caiten, da hat mich keine Frau freiwillig angefasst. Mit Ausnahme meines Kopfes, denn offenbar fühlen sich viele Frauen eingeladen, einmal über die kurzen Haare zu streicheln. Mein erster Sex unter Beteiligung einer Frau fand also auf meinem Kopf statt.

Und ein ganz anderer Effekt: Dieser „Seppo-Kopf“ wird nun wegfallen:

Es gibt durchaus eine Variante mit ohne Haar, aber die sieht ausgesprochen albern aus, da muss die Grafikabteilung nochmal ran …

„Und nächste Woche dann der Bart?“, fragte mich meine Mitbewohnerin, die im obigen Video den Haartrimmer führt.

„Dann sehe ich aus wie eine Billard-Kugel. Das kannst du nicht wollen.“

„Aber dann sieht man dein George Clooney-Kinn!“

„Ich habe kein George Clooney-Kinn! George Clooney hat ein Seppo-Kinn!“

Ich koche nun 14 Eier. Ich vermisse meine Mitbewohnerin. Erst Mittwoch werde ich sie wiedersehen. Derzeit bin ich sonntags bis mittwochs immer in Berlin. Ich habe nun jede Woche etwas, auf das ich mich freuen kann: auf mittwochabends. So muss man es wohl sehen. Die Zeit mit meiner Mitbewohnerin ist wieder wertvoll. Nicht, dass sie vorher wertlos war … Vier Serien! „El Chapo“ habe ich auch angefangen. In der Hoffnung, sie ist wie „Narcos“.

Na toll! Meiner Eier sind übergekocht! Wie können Eier überkochen?!

07.20, Düssledorf

Meiner Eier sind vier Mal (!) übergekocht. Ich verstehe es nicht. Mir sind bislang nie Eier übergekocht, nun gleich vier Mal! Drei Eier sind aufgeplatzt. Ich habe Schmerzen im Rücken, in den Schultern und in einem noch nicht entdeckten Körperteil. Folgen des Kugelhantel-Trainings gestern. Ich bin also zufrieden, weiß aber, dass ich nun vor der „Massephase“ stehe, in der man eine Gewichtszunahme forciert. Ich müsste an sich fünf Kilo zunehmen, weiß nur nicht, wie. Es verhält sich nämlich so, dass ein bestimmter Körperfettanteilswert nicht überschritten werden darf. Es ist kompliziert.

07.30, Düssledorf

Eier vergessen! Ich wusste es natürlich vorher, da ich sie immer vergesse. Da ich aber Freund harter Eier bin, geht das in Ordnung.

Mein Trainingsplan sieht heute das Penetrieren von Bizeps und oberem Rücken vor. Bizeps muss ich streichen, ein Muskelkater plagt ihn. Ach, Schulter steht da ja auch! Keine Lust. Ob der Zug heute pünktlich kommt? Es wäre das erste Mal an einem Sonntag.

07.45, Düssledorf

Gegenüber lehnt ein Mann aus dem Fenster und ruft zweimal „Mutter!“. Ja, das ist Oberbilk, denke ich. Vor etwa einer Woche fiel in Düssledorf-Oberblik ein Mann aus dem Fenster und war tot. Ich weiß gar nicht, ob inzwischen klar ist, ob er freiwillig fiel oder gefallen wurde. Es war Selbstmord, lese ich nun, Familientragödie.

08.00, Düssledorf

Nun muss ich wohl anfangen. Mit dem Sport. Ich habe caine Lust, weiß aber, dass die kommt, sobald ich angefangen habe. Inzwischen ist mein Kraftsport mir eine Wissenschaft geworden; es sind solche Dinge, die ich derzeit lerne:

Das ist die „Epley-Formel“. Es ging mir bislang auch ohne Kenntnis dieser Formel ganz gut. Aber es war mal wieder an der Zeit, zehn Jahre nach meinem Studium, wieder einmal eine Formel zu lernen, die man niemals anwenden wird.

08.05, Düssledorf

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