Noppen

Auf Platz 106 von Wagen 21 im ICE 547 findet man mich, sollte man mich suchen. Woche für Woche. Noch aber ist mir nicht klar, ob ich immer auf demselben oder dem gleichen Sitzplatz gastiere, aber immerhin kenne ich inzwischen Teile des Zugpersonals. Beine beispielsweise; immer dann, wenn ich mit ins Gesicht gezogenem Käppi zu schlafen versuche und sich jene Schaffnerin nähert, die ich inzwischen an ihren Beinen beziehungsweise ihrem Gang erkenne. Sie hingegen kennt mich nicht. Noch nicht. Oder aber sie ist derart professionell, dass sie sich nicht anmerken lässt, dass sie mich wiedererkennt und Distanz wahrt. Denn die ungeschriebene Regel einer Zugbegleiterin lautet: Verliebe Dich nie in einen Fahrgast! Und diese Regel greift selbst dann, wenn ich dieser Fahrgast bin, was dieses Gesetz zu einem unmenschlichen macht! Aber die Schaffnerin ist ohnehin nicht mein Typ. Sie ist groß und blond, mir liegt klein und dunkel. Vielleicht sage ich ihr das mal, damit sie sich nicht mehr so unerträglich professionell zusammenreißen muss.

Um herauszufinden, ob ich irgendwann einmal auch auf demselben Platz sitze wie in einer der Vorwochen, habe ich mir Vandalismus zur Angewohnheit gemacht und Anwälten der Deutschen Bahn sei an dieser Stelle gesagt: Was ich hier gleich schreibe, ist nicht justiziabel, da ich im Falle einer Anzeige auf das Lyrische Ich verweise, das niemand wird fassen können. Es gibt da Präzedenzfälle, wo ein von mir verehrter Fernsehmoderator einmal in einer Sendung erzählte, er sei mit elf Jahren mit ’nem Moped durch die Gegend getuckelt. Er wurde daraufhin angezeigt, kam aber unbescholten davon.

Vandalismus: Es verhält sich ja so, dass das kleine Tischchen, das am Sitz meines Vordermannes montiert ist, beim Hochklappen auf einen kleinen Gumminoppen stößt, damit es zu keinen Kratzern an der Rücklehne und/oder Tischplatte kommt. Bei großer Langeweile fange ich an, diesen kitzlergroßen Noppen mit meinen Fingern zu massieren. Das liegt mir irgendwie. Mitunter beginnt der Sitz dabei zu beben, was aber auch an der Streckenbeschaffenheit liegen kann  …

Nun geschah es, dass mir vor etwa drei Wochen jener Noppen auf einer Fahrt nach Berlin mehr oder weniger abbrach. Ich habe zu wüst gefummelt oder eine Sollbruchstelle über Gebühr finanziert gereizt. Jedenfalls hatte ich plötzlich den Noppen in der Hand und leichte Sorge, dass von hinten die Zugbegleiterin in just diesem Moment dazustößt, mich friemelnd am Noppen erspäht und nun zur Rechenschaft zieht. Das geschah nicht, sodass ich den Gumminoppen schnell wieder in die entsprechende Aussparung stopfte.

Vorvergangenen Sonntag, wieder Platz 106 im Wagen 21 einnehmend, war der Noppen fixiert – entweder also repariert, was ich einfach mal nicht annehme, oder eben nicht derselbe Noppen. Somit: anderer Zug. Doch wo ist mein ICE 547 von vor drei Wochen, wenn es zwei ICE 547 gibt? Fährt fremd? Nach Frankfurt?

Am zurückliegenden Sonntag, der dem Heute am nächsten seiender Sonntag, also gestern wurde ich abermals mit einem fixierten Noppen konfrontiert, während die Zugbegleiterin wieder jene war, die sich vermutlich in mich verguckt hat. Also fummelte ich wieder am Noppen herum (vier Stunden Cait habe ich ja), bis allerdings meine Sitznachbarin (Platz 108, nicht etwa 105 oder 107, wie man erwarten würde) von ihrem Buch aufsah und mich zurechtwies:

„Vandale!“

„Wer?“

„Na, Sie!“

„Ich fummele nur am Noppen rum, er bleibt ja heil“, log ich.

„Heute reißen Sie die Gummis da raus, morgen sprayen Sie die Waggons voll! Schmierfink!“

„Ich spraye keine Züge voll!“

„Doch!“

„Nein! Ich bin viel zu feige dafür und finde die meisten Graffitis auch nicht unbedingt gelungen, kann es selbst aber nicht besser! Ich hab mal in der Schule mit Edding mein damaliges Pseudonym auf den Tischen verbreitet, wurde aber leider erwischt.“

„Wie das?“

„Mein Pseudonym war zu nahe an meinem Namen.“

„Wie lautete es?“

„Seppo80“.

Ich ließ also vom Noppen ab, bis die Dame in Hannover ausstieg, um den Noppen dann zu lösen. Selbst wenn also die ICE-Waggons deutschlandweit durchmischt werden, was natürlich der Fall sein dürfte, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ich sämtliche Noppen des Sitzplatzes 106 sämtlich verfügbarer Waggons entfernt habe.

Die Deutsche Bahn wird dann vor einem Rätsel stehen. Nicht nur, dass der ICE4 auf einigen Strecken vibriert, was dem Hersteller „Siemens“ (noch) keine Sorgen bereitet, nun fallen auch noch die Noppen ab! So wird man es lesen. Bahnchef Lutz (Bahnchefs haben immer nur einen Nachnamen, schon mal aufgefallen? Bahnchef Ludewig, Bahnchef Mehdorn, Bahnchef Grube. Vornamen Fehlanzeige.) wird das als die Herausforderung seiner noch jungen Amtszeit betrachten und dem Bahnpersonal einschärfen, ein wachsames Auge auf Platz 106 des Wagens 21 zu werfen. Und auf diese Weise wird man mich erwischen.

Ich neige zur Paranoia. Während ich diesen Blick in die nahe Zukunft wage, wird mir angst und bange. Das könnte ja wirklich so kommen! Wie damals bei meinem Edding-Terror in der Schule. Da ahnte ich auch, dass man mir auf die Schliche kommen würde. Und das war nur eine Bagatelle, jetzt geht es um enorme Schadensersatzklagen, die mich finanziell ruinieren würden, was bei mir ziemlich schnell geht. Jetzt überschlage ich gerade, wie viele Noppen ich wohl schon entnoppt habe. Ab welcher Anzahl drückt die Bahn kein Auge mehr zu? Ich sehe mich schon am nächsten Sonntag schweißnass in Wagen 21 sitzen (Platz 106), weil ein Beamter der Bundespolizei im Waggon sitzt. Wegen mir! Und was ist, wenn dieser Noppen sicherheitsrelevant ist? Wenn ein fehlender Noppen den Schnellzug aus dem Gleichgewicht bringen kann, sodass dieser – da sei Gott vor! – entgleist?! Klar, man würde Siemens Vorwürfe machen; wie es denn sein könne, dass ein ein Gramm schwerer Noppen im Fehlfalle zum Bahn-GAU führen kann?! Aber Opfer-Angehörige würden mich oder meinen Leichnam natürlich ebenfalls vor Gericht sehen wollen. Ich würde zur persona non grata in unserer Gesellschaft und vermutlich bekäme ich Hausverbot in der Bahn! Oh Gott, gibt es sowas? Ich dürfte nie wieder Bahnfahren! Wie zur Hölle komme ich künftig nach Berlin? Und viel wichtiger: wie wieder zurück?!

 

23 Kommentare

  1. Züge haben im Gegensatz zu Bahnchefs auch Vornamen. Der ICE fühlt sich von Dir wenig wertgeschätzt, wenn Du ihn auf die Zugnummer reduzierst, während er oder sie in Wirklichkeit mit Vornamen vielleicht Lübeck oder Rostock heisst. Das könnte sich eines Tages rächen, zieh Dir nie den Zorn eines ICE zu, er (oder sie) wird sonst mitten auf Deiner Strecke liegenbleiben.

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  2. Deshalb: Immet ein Päckchen Ersatznoppen ins Handgepäck, notfalls – oder wenn die Zeit zum Einschrauben zu knapp wird – kann man drauf rumkauen oder nach den Bundespolizollern werfen. Oder bestenfalls mit der Zugbeleiterin ins Gespräch kommen – als Frau weiß sie sicher gleich worum es geht, wenn man sie fragt, ob sie keine Noppen vermisst und dass man ja welche für sie in der Tasche hätte…

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  3. Also, ich habe mal gehört, dass es zwar Noppen sind, aber eigentlich so moderne Abhörgeräte, halt wie Wanzen aber als Noppen getarnt, also Noppenwanzen. Seppo, du darfst also nie beim friemeln murmeln…“Seppo entfernt grad einen Noppen oä.“.Das könnte dich tats. in Schwierigkeiten bringen………

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  4. Wenn der Zug entgleist und du dabei gestorben bist, brauchst du dann zukünftig weder den Zug, noch den BER, denn Flügel besitzt du dann schon naturgemäß und brauchst dir über irdische Fortbewegungsmethoden keine Gedanken mehr machen.

    Ich verweise allerdings an dieser Stelle gerne darauf, dass „Sterben“ auch in deinem Falle einen Mehrheitsbeschluss erfordert, den du so schnell allerdings noch nicht erhalten wirst.

    Du hast gerade erst Lara zurück gebracht, da wird hier nicht unter meinen Augen weggestorben, das wäre ja noch schöner!

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  5. Lieber Seppo,
    Zugwaggons sind alle durchnummeriert, Du kannst schon von außen erkennen, ob es derselbe Wagen ist.
    Da musst Du niemanden noppen 😉

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  6. Du könntest dem Problem ausweichen. Ich hätte das was für Dich. Saab 9-5. Bequeme Ledersessel, Sitzheizung, Musikanlage von Harman-Kardon. Auch ansonsten alles an Bord, was man für menschenwürdiges Reisen braucht. (Von so Selbstverständlichkeiten wie einem Tempomaten fange ich gar nicht erst an. Hatta.)
    Vor Allem hat das Ding aber eine Gasanlage. Wären gute 30 Euro Spritkosten von Spandau (bei Berlin) nach Düsseldorf, wenn Du Mitfahrer mitnimmst fährst Du praktisch umsonst und hast neben den Sprit- auch die Wartungs- und Reparaturkosten abgedeckt).
    Einziger Nachteil: in das Fahrwerk steckst Du nochmal grob das doppelte des Kaufpreises. (Dürfte dann bei wöchentlichen Familienheimfahrten grob einen TÜV-Zeitraum durchhalten.) Ist trotzdem unterm Strich billiger als eine Netzkarte… (Und sowohl Auto wie Mitreisende gäben Dir sicherlich viel Inspiration für den ein oder anderen Text.)

    Von allem Eigennutz einmal abgesehen verstehe ich im Übrigen immer noch nicht, wie Du Dir regelmäßige Bahnreisen antun kannst. Bei mir enden Bahnfahrten regelmäßig in mittleren bis schweren Katastrophen, deshalb lasse ich solchen Unfug mittlerweile sein…

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      • Du brauchst tatsächlich nur vier Stunden?
        Anno 2003 habe ich das mal ausprobiert. Vom niederrheinischen Dienstort bis nach Essen gefahren, im lieblichen Rüttenscheid den Wagen bei den Eltern garagiert, dann mit dem ICE gen Berlin, am Schlesischen Bahnhof Umstieg nach Frankfurt (Oder); dort das in Bahnhofsnähe deponierte zweite Auto genommen und weiter bis Landsberg/Warthe zu meiner damaligen besseren Hälfte.
        Ich errechnete mir gegenüber dem freitagsnachmittäglich üblichen Verkehrs- und Baustellenchaos auf der A2 einen Zeitvorteil von mindestens zwei Stunden. Statt der fahrplanmäßigen 4h35min war ich aber 7h30min, 9h45min und einmal sogar gute 12h schienengebunden unterwegs.
        (Man merkt: ich bin lernresistent und mach den gleichen Fehler immer mindestens drei Mal.)

        Seitdem fahre ich Langstrecken immer mit dem Auto.

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