Fremdgegangen (I)

Mein Leben hat sich gestern Morgen in eine etwas ungünstige Richtung gedreht. Veränderungen sind nicht unbedingt schlecht, ungünstige hingegen schon. Und nein, nicht ich bin fremdgegangen, sondern meine Mitbewohnerin. Spulen wir die Wirklichkeit um etwa 28 Stunden zurück …

„Seppo, ich muss dir was sagen.“

„Ohje, das hört sich nicht gut an. Hast du wieder die Handtücher falsch eingeordnet? Wider die Handtuch-Rotation?!“

„Schlimmer.“

„Meine Unterhosen?!“

„Seppo, es ist ernst. Ich habe mit einem anderen geschlafen.“

„Geschlafen im Sinne von du weißt schon?“

„Ja. Wenn du das meinst, was ich zu wissen glaube.“

„Naja, du weißt schon, was ich denke!“

„Ja. Ich glaube schon zu wissen, was du denkst, was ich denke.“

„Also, ja?“

„Ja.“

Ich schlucke.

„Du schluckst, Seppo.“

„Natürlich schlucke ich. Du hast das hoffentlich -“

„Seppo!, es war ein Missverständnis!“

„Ein Missverständnis? Wie bei ‚Alf‘, als der Fernseher explodierte, als Willi noch seinen Kopf drin hatte?!“

„Ein Versehen.“

„Wie kann man denn versehentlich mit jemandem schlafen?! Bist du gestürzt und er dann auch?! Und vor allem: wer überhaupt?! Also, mit wem hast du?!“

„Mit Zacharias.“

Großer Gott. Sie hat mit Zacharias geschlafen. Dieses ist Zacharias:

Er sieht aus wie ich. Natürlich sieht er aus wie ich. Denn er ist mein …

Nein, er ist nicht mein Zwillingsbruder. Das könnte ich hier wirklich niemandem mehr weismachen! Zacharias ist mein …

Klon.

Dazu müssen wir die Realität um weitere fünf Jahre zurückspulen. Damals, 2012, hielt ich mich als Folge einer Entführung in Rutztekostan auf, jenem autokratischen Staat in Osteuropa beziehungsweise Westasien; ganz klar ist das nicht. Aber wer beispielsweise Nordkorea für einen isolierten Staat hält, der hat offenbar noch nie von Rutztekostan gehört. Was Nordkorea sein Atomprogramm ist, ist Rutztekostan seine Raketenforschung. Geheimdienste gehen davon aus, dass das Land eine Basis auf dem Mond unterhält, was jedoch von offizieller Seite konsequent abgestritten wird. Und wir wissen ja: Wenn staatliche Behörden (private gibt es ja nicht) etwas abstreiten, dann lügen sie.

Im Frühjahr 2012 war ich aufgrund einer finanziellen Misslage oder einer misslichen Finanzlage gezwungen, in Krefeld Drogen zu verticken. Über dieses Kapitel habe ich bislang immer geschwiegen. Kurz bevor ich selbst den Cracklöffel abgegeben habe, geriet ich in die Fänge eines rutztekostanischen Drogenringes, bei dessen Boss ich durch eine etwas ungeschickte Buchführung meinerseits leider Schulden angehäuft hatte, da ich Aktiva und Passiva miteinander verwechselt hatte. Ich will nicht lange drumherumreden und mich in Details verlieren – letztlich fand ich mich geknebelt in Rutztekostan wieder. Durch Verkauf meines Körpers und einiger Organe konnte ich meine Schulden abarbeiten, sodass man mich zügig in die Freiheit entließ. Doch, oh, welch Freiheit! Welch Freiheit ist das in einem Land wie Rutztekostan, das keinerlei diplomatische Beziehungen zu Deutschland unterhält, was ich jedoch erst nach einem Jahr der erfolglosen Suche nach einer deutschen Botschaft erfuhr?! Also bat ich eben die rutztekostanische Regierung um Hilfe und geriet – ich kürze hier ab – in die Fänge der berüchtigten Wissenschaftsbehörde, die für ihre wirren Ideen weltbekannt ist, siehe Mondbasis. Doch man muss ihr eines lassen: Während der Westen noch Schafe klonte, klonte Rutztekostan bereits Menschen. Was wir hier in unserer Welt für so genannte Zwillingstreffen halten, sind nichts anderes als gut getarnte rutztekostanische Klon-Festspiele.

Nur ein einziges Mal traf ich auf meinen Klon mit der Nummer:

26-1-3-8-1-18-9-1-19.

Durch einen kuriosen Zufall lassen sich die Zahlen auf das Alphabet übertragen und so erhalten wir:

Z-A-C-H-A-R-I-A-S.

Zacharias ist mein absolutes Ebenbild, doch die Rutzteken haben einen Fehler gemacht. Auch wenn Zacharias mein phänotypisch hunderprozentiges Abbild ist, also exakt so sensationell gut aussieht wie ich, ist seine Seele ungleich meiner. Er ist nicht freigiebig wie ich. Nicht gutmütig wie ich. Nicht selbstlos wie ich. Nicht liebevoll wie ich. Nicht warmherzig wie ich. Nein, er ist das absolute Gegenteil von meiner Person. Bin ich Gott, so ist Zacharias der Teufel.

Zacharias hat mir damals schnell deutlich gemacht, dass meine Existenz nicht in seinem Sinne ist, dass nur Platz für eine Ausgabe meines, also unseres!, Genius wäre. Diesen Platz wollte er einnehmen, sodass mein Tod durch seine Hand sein Lebensziel ist. In der Folge überlebte ich ganze 67 Mordanschläge, da wir – typisch Klone! – immer genau wussten, was der jeweils andere vorhatte. Bisschen verwirrend, aber man gewöhnt sich daran und nimmt es mit der Logik dann irgendwann auch nicht mehr so ernst. Der Leser sollte sich nicht weiter mit Details belasten, das hat hier alles Hand und Fuß.

Spulen wir wieder vor, als sei dieses ein Porno mit überflüssiger Handlung …

„Und, war er gut?“, frage ich meine Mitbewohnerin.

„Nein. So wie du.“

(Kleine Insider-Information: Nur wegen dieses billigen Scherzes ist dieser Text überhaupt entstanden! Mehr hatte ich zu Beginn nicht. Nur: „War er gut?“ – „Nein. So wie du.“)

„Dann ist ja gut.“

„Vergibst du mir?“

„Natürlich. Ich nehme an, du hieltest ihn für mich?“

„Ja, klar!“

„Aber klar sollte auch sein, dass ich nun einen Freischein habe. Solltest du also auch mal geklont werden, dürfte ich natürlich mit deinem Klon schlafen.“

„Wir könnten ja mal zu viert!“

„Oder zu dritt!“

Doch bevor wir in die Details einsteigen, ist eines nun gewiss: Zacharias ist im Land. In der Stadt sogar! Er war ja sogar …

Wo habt ihr eigentlich miteinander geschlafen?“

„Naja, da wo wir es immer tun!“

„Du meinst doch nicht etwa, du hast mit einem anderen auf-“

„Doch, natürlich!“

„Dieser verdammte Hurensohn!“

„Ist er nicht auch Sohn deiner Mutter?“

„Bin nicht ich irgendwie sogar seine Mutter?“

„Dann hast du dich gerade Hure genannt!“

„So weit hat er es also schon geschafft! Er spielt mich gegen mich, seine Mutter, aus! Dieser verdammte-“

„Seppo!“

Zacharias kann nur einen Grund dafür haben, nicht nur in dieses Land, nicht nur in diese Stadt, sondern sogar bis auf … gekommen – gekommen!!!!!! – zu sein:

„Mitbewohnerin, er ist hier, um mich …“

„Um dich was?!“

„Um mich …“

„Ja?“

„Ich baue Spannung auf.“

„Um dich umzubringen?!“

„Ja. Er kann nicht damit leben, dass es ihn zweimal gibt.“

„Aber du bist das Original!“

„Das weiß er aber nicht. Er ist mein Klon. Er ist ich. Und ich weiß ja, dass ich das Original bin, also glaubt er das auch von sich zu wissen.“

„Spielt die Logik denn da mit?“

„Nicht, wenn man es zuende denkt. Aber wer tut das schon im Angesicht der mir drohenden Gefahr?“

„Wenn er aber du ist, muss er dann nicht auch sich umbringen, wenn er dich umbringen will?“

„Grundgütiger! Du hast Recht! Nebenbei gefragt, nochmal wegen der Logik, falls einer fragt: Wann hast du gemerkt, dass nicht ich, sondern Zacharias dich penetriert hat?“

„Als ich gekommen bin.“

21 Kommentare

  1. Es fängt an mit:
    Die Umstände deiner Entführung habe ich aber ganz anders in Erinnerung!

    Geht über in: wieso hast du nicht gemerkt, dass er mit deiner Mitbewohnern schlafen will, wenn du als Klon doch immer wusstest, was er vor hat? (siehe Mordanschläge)

    Und endet mit: wie will sie den Unterschied erkannt haben, als sie gekommen ist, wenn der Sex mit euch beiden gleich ist?!?! Was machst du, wenn deine Mitbewohnerin kommt, was er offensichtlich nicht gemacht hat und wieso macht er es nicht, wenn ihr doch gleich seid?

    Gefällt 5 Personen

  2. Seeehr schön! 🙂 Und dazu noch mit der Erwähnung eines ganz großen Moments der Fernsehgeschichte:

    „Ein Missverstädnis? Ein Missverständnis? Du bringst mich beinah´ um die Ecke und sagst, es war ein Missverständnis?“

    „Na gut. Dann sage ich eben, ich habe mich geirrt!“

    🙂

    Gefällt 3 Personen

  3. „… bei dessen Boss ich durch eine etwas ungeschickte Buchführung meinerseits leider Schulden angehäuft hatte, da ich Aktiva und Passiva miteinander verwechselt hatte.“

    Klingt ganz ähnlich wie das Problemchen, das ich gerade mit dem Finanzamt habe.

    Gefällt 1 Person

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