Sonntagmorgen.

Es hat sich abgezeichnet. Gestern Abend war es eigentlich klar. Dass er kommt. Mein 2.062. Sonntag. Der Name „Sonntag“, er klingt nicht schlecht. Aber irgendwo auch hart. „Montag“ empfinde ich als eher weich, obwohl er das als erster Arbeitstag meiner Woche wie bei so vielen nicht ist. „Sonntag“ klingt leicht streng, auch wenn die Sonne in ihm steckt. Doch die Sonne kann ja durchaus streng sein: Untersuchungen der ESA haben ergeben, dass wenn der Mensch sich auf bis zu 100 Metern der Sonne nähert, er ins Schwitzen gerät. Ab 90 Metern verbrennt er sogar. Ich werde heute also auf der Erde bleiben. Doch letztlich wissen wir nicht, wohin uns dieser Tag bringt. Jeder neue Tag birgt das Potenzial, der schönste eines Lebens oder aber auch zum Schicksalstag eines Menschen zu werden.

05.45 Uhr

Ich stehe auf. Meine Mitbewohnerin muss heute früh raus und ich habe beschlossen, es ihr gleichzutun, die zusätzlichen Stunden dann aber voll auszunutzen. Ich sitze im Bett, trinke Kaffee und lese in dem Qualitätsblatt „Men’s Health“ – und das ist wirklich Zufall! – einen Artikel darüber, was frühes Aufstehen bringt. Die gewonne Zeit betrachtet der Autor freilich als zusätzliche quality time. Ohne Scheiß: Er empfiehlt, dass man die ersten fünf Minuten des Tages im Bett meditiert. Würde ich das nun tun, würde ich umgehend wieder einschlafen. Ich muss morgens immer direkt in die Senkrechte, sofort Kaffee trinken und stehenden Fußes etwas tun, um wach zu werden. Das ständige Betätigen der Schlummertaste des Weckers beispielsweise kann ich nicht nachvollziehen: Meine Mitbewohnerin lässt sich morgens bis zu drei Mal wecken! Drei Mal erlebt sie freiwillig diesen schlimmen Moment des Wachwerdens, des Ich-muss-Aufstehens!

Übrigens verschweigt der Autor jenes Artikels, dass frühes Aufstehen eines voraussetzt: frühes Zubettgehen. Ich stimme aber mit ihm darin überein, dass die frühen Morgenstunden die besten Stunden des Tages sind. Sie sind von einer angenehmen Ruhe geprägt, gerade an einem Sonntag. Mein Plan sieht vor, dass ich das Pflichtprogramm des Tages möglichst schnell hinter mich bringe. Dazu gehören das Laufen, der Kraftsport und das Kochen. Denn heute will ich an sich nur Serien gucken und lesen. Heute bin ich Strohwitwer und diesen Zustand genieße ich.

07.14 Uhr

Eine Ausgabe der „Men’s Health“, die ich aus ganz anderen Gründen bei mir liegen habe, liest sich innerhalb von 15 Minuten durch, weil schlicht nichts drinsteht. Das dort vermittelte Idealbild des Mannes ist mir etwas suspekt. Der Drang, sich zu optimieren, mir ein Rätsel, ist doch dem Manne naturgegeben, wie er sich zu verhalten hat.

Ich muss meine Schläuche optimieren. Und zwar die zwischen Nase und Augen. Dort sitzt etwas fest bei mir seit einigen Tagen. Nicht, dass ich krank wäre, aber da stimmt etwas nicht. Und da ich zur Hypochrondie neige, schiebe ich also Panik. Ich erinnere mich an einen Schulkameraden, bei dem sich zwischen Auge und Nase etwas entzündete. Das können Schleimbrocken sein, die schlicht feststecken. Auch bei ihm saß etwas fest, das letztlich operativ entfernt werden musste. Bei jener OP bestand die Gefahr, dass der Sehnerv verletzt würde mit allen denkbaren Folgen. Es ging gut bei ihm. Meine Panik führte nun dazu, dass ich sämtliche Medikamente einkaufte, die mir in diesem Fall notwendig und sinnvoll erscheinen. Nasenspray, „Sinupret extract“, eine Inhalationslösung und: eine Nasendusche.

Ich weiß, wozu zusitzende Kanäle fähig sind. Seit rund zehn Jahren leide ich wegen so einer Geschichte unter einem Tinnitus, der mich in der zurückliegenden Nacht stundenweise leider auch am Schlafen gehindert hat. Es gibt Schlimmeres als Tinnitus, ich beklage ihn nicht. Doch ich brauche nicht einen zweiten Hörsturz. Also werde ich nun, nachdem ich „ACC 600“ getrunken habe, meine Nase mit einer Salzlösung durchspülen, was wirklich ausgesprochen befreiend und weniger eklig ist, als man gemeinhin so annimmt. Vorgestern hatte ich dann endlich diesen Moment, wo ich spürte, da hat sich was gelöst beim Nasenduschen, da ist der Knoten geplatzt. Wenn das dann gleich erledigt, inhaliere ich, sodass ich meinen Lauf durch Düsseldorf in den Sonnenaufgang starten kann!

07.35 Uhr

Inhalieren ist langweilig. Ich sitze mit dem Kopf über die Schüssel gebeugt so da, während ein Handtuch mich von der Außenwelt und der Sonne isoliert. Gestern kam ich auf die Idee, das Handy mit unter das Tuch zu nehmen und dort dann „Pastweka“ zu gucken. Die Serie schätze ich neben „Stromberg“ als eine der wenigen guten deutschen Comedyserien. Der Hauptdarsteller spielt eine Version von sich selbst. Überhöht sich permanent, fällt aber jedes Mal. Für mich die schönste Art von Humor, Vicco von Bülow hat es  teilweise vorgemacht, ich denke jedoch dabei auch an die amerikanische Serie „Frasier“, die ich für unübertroffen halte. Je höher die Fallhöhe, desto humoriger. Spiele selbst gerne mit diesem Prinzip, bei dem der Protagonist immer der Dumme ist.

09.24 Uhr

Zurück vom Laufen. Und ich bin begeistert. Vielleicht war dieser 38. Lauf dieses Jahres das beste Beispiel der Gattung „schöner Lauf“. Die Innenstadt Düsseldorfs noch frei von den Blechlawinen, die ich so verachte.

Wie schön wären unsere Innenstädte, selbst die Ruinenstadt Düsseldorf, die nur da schön ist, wo sie repräsentativ und vorzeigbar sein will, und nicht da, wo die Menschen wohnen, führen caine Autos. Ein beitragsfinanzierter ÖPNV ist keine dumme Idee der vermutlich nicht zustandekommenden Regierungskoalition, sondern machbar, wenn die Bedingungen stimmen, die aber durch Konsensfindung unmöglich gemacht werden. Was spricht gegen politische Visionen? Man muss es nur mal konsequent anpacken … Ich sehe nicht eine Partei, die mit Visionen, mit Ideen, daherkommt. Wie fahrlässig. So spielt man natürlich den Rechten in die Hände, die aber ebenfalls keine Visionen zu bieten haben, stattdessen unter Halluzinationen leiden.

An so einem frühen Sonntagmorgen nimmt man die Stadt anders wahr. Weil die anderen Menschen noch fehlen, sehe ich viele Obdachlose. Sie fallen mehr auf. Einen kenne ich. Er sitzt jeden Tag vor dem Bäcker an der Berliner Allee. Er hatte hier im Blog sogar mal einen Namen, der mir leider entfallen ist. Die Bäckerei „Oehme“ versorgt ihn offensichtlich mit Kaffee und einem Frühstück. So etwas geht also auch. Ich grüße ihn wie immer und frage mich wie ebenfalls immer, ob er sich an mich erinnert. Ob er weiß, dass ich nahezu jeden Tag an ihm vorbeilaufe in meiner schicken froschgrünen Jacke.

Den Kern der Altstadt kenne ich an sich nur betrunken. Immer wieder faszinierend, passiere ich sie nüchtern zu dieser Uhrzeit. Einige sehr letzte Gäste fahren jetzt erst randvoll nach Hause, vor einem Etablissement wird Erbrochenes weggespült. Kehrmaschinen kümmern sich um den Müll, der wohl im Laufe der Nacht angefallen ist.

So sehr ich mich als Pionier fühle, so alleine bin ich gar nicht: Ich zähle fünf andere Läufer. Drei grüßen immerhin. Manche nicken mir zu, andere heben im Lauf die Hand. So mache ich es inzwischen auch. Es ist energiesparend, zumal meine Beine heute Morgen etwas schwer sind, da ich gestern einen etwas längeren Lauf mit meiner Mitbewohnerin durch den Düsseldorfer Aaper Wald absolviert habe.

Das sind so Läufe, die einem in Erinnerung bleiben. Für die sich das frühe Aufstehen lohnt. Man ist alleine mit sich, man denkt nach, man spürt eine tiefe Entspannung und Gelassenheit.

Jetzt koche ich.


 

23 Kommentare

  1. ich stehe jeden Morgen um 5 Uhr auf. bereite mir den besten Tee der Welt, gehe wieder in das Bett und bereite mich auf den Tag vor, in dem ich etwas Aufbauendes, Glücklichmachendes lese“. Somit sende ich dem Tag positive Energie voraus und ich folge ………..

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  2. Sonntags schlafe ich durchaus mal etwas länger – aber Du hast ja einen Grund zum Aufstehen gehabt.

    Der Lauf durch die Gegenden, die sonst ganz anders wahrgenommen werden, ist mir auch ein Genuss geworden und auch ansonsten klingt der Morgen sehr gelungen. Ich hab‘ gestern lang geschlafen (bis halb zehn!) und war dann noch 21,5km durch den Nebel laufen … das hatte auch was für sich 🙂

    Gefällt 3 Personen

  3. Ich machte mir schon mal über das Grüßverhalten entgegenkommender Läufer und -innen Gedanken.

    Ich hatte immer den Eindruck, dass es eher die männlichen Sportkumpanen sind die grüßen und die weiblichen eher zu schüchtern, verklemmt oder was weiß ich was sind.

    Als ich dann mal darauf achtete und eine Statistik darüber erstellen wollte, merkte ich… ja was eigentlich?
    Ich schätze etwa 8 von 10 Läufern grüßen (zurück) – geschlechtsunabhängig.

    Ja, ich weiß auch nicht, was das jetzt bedeutet…

    Gefällt 2 Personen

  4. Ich bin nicht der einzige der sowas macht? Ich bin erschüttert, enttäuscht, ja fast ein wenig wütend.
    Werde mir heute abend beim Laufen eine neue Masche überlegen.
    Vielleicht auf die Läufer zuhampeln und ihnen den Weg versperren – wie ein Torhüter beim Elfmeter – um dann im letzten Moment zur Seite zu springen, einen fiktiven Ball fangen und nach einer Hechtrolle ins Bankett sofort mit Bocksprüngen, Intervalltraining und Grunzlauten zu beginnen.

    Ich laufe übrigens nicht in Düsseldorf, sondern etwas südlicher. Nur um Missverständnissen vorzubeugen! Sollte euch also in naher Zukunft obiges Szenario unterlaufen, ist das nur ein Trittbrettläufer der hier mitliest und sich Ideen holt. Ignoriert ihn und bietet ihm keine Bühne.

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