Wie ich wurde, was ich nie zu werden geglaubt hatte (II)

So also habe ich das Laufen gelernt. Mit 22 oder 23 Jahren. „Lauf, Forrest, lauf!“ habe ich inzwischen mehr als ein Mal gehört – ihn hat’s ja weit gebracht.

Nun sagt man ja Läufern nach, sie sähen auch so aus: wie ein Läufer eben. Windschnittig, eher schlank, womöglich sogar etwas hager. Das jedoch war mein Problem nicht, da ich das schon vorher immer tat, allerdings enden mit dem Entfleuchen der Jugend auch die Zeiten, in denen man endlos essen kann – denn das Glück hatte ich -, ohne dabei zuzunehmen. Und wie im ersten Teil schon angedeutet, ist das Laufen wahrlich kein Sport zum Abnehmen, eine Andeutung, die mir bei Facebook insbesondere unter Läufern Proteste bescherte; vielleicht auch, weil es nicht jeder gerne wahrhaben möchte. Nun ist es mitnichten so, dass ich einfach Behauptungen aufstelle, die haltlos und nicht fundiert sind. Dass Laufen nicht der klassische burner ist, ist in der Fachwelt unumstritten. Sogar Prof. Ingemann Froböse ist da mit mir einer Meinung. Und ich meine, der muss es ja wissen! Aber natürlich kann das Laufen ein Abnehmen durch eine angemessene Ernährung sehr gut flankieren, doch der tatsächliche Kalorienverbrauch dabei ist auch im Vergleich mit anderen Sportarten einigermaßen übersichtlich, was jedoch dem Vergnügen an diesem Treiben keinen Abbruch tut, da Gewichtsverlust nicht das vorderste Ziel dessen sein muss. Ich laufe ja nicht seit 16 Jahren, weil ich abnehmen will; so ein Schwachsinn!

Das laufende Weißbrot beendete 2007 sein Studium in Münster und machte einen leichten Fehler: Es zog von Berufs wegen nach Düsseldorf, eine Stadt, in der es sich – das gebe ich gerne zu – ideal laufen lässt. Wohnt man dort geschickt, hat man die Wahl zwischen einem Wald- oder aber auch einem Stadtlauf. Nur eines von beiden – auf Dauer zu langweilig, sodass die Mischung es ausmacht. Ich weiß jetzt schon, dass ich meine Läufe über die Rheinbrücken demnächst vermissen werde, auch dem grünen Umland werde ich nachjammern …

In Düsseldorf trat ich 2008 versehentlich einen Job als „VJ“, als Videojournalist, an. Ein weiterer kleiner Fehler, der zudem ziemlich beschissen bezahlt wurde. Und wenn ich „beschissen“ sage, dann möchte ich betonen, dass mir Nichtstun besser bezahlt worden wäre. Weil ich Hoffnungen auf eine andere Tätigkeit hatte, biss ich jahrelang in einen längst verdorrten Apfel. Das ist keine Abrechnung hier, denn die kommt erst noch …

Stressbedingt aß ich zunehmend mehr sowie qualitativ fragwürdig und wurde so zu einem sehr hefelastigen Weißbrot, das mehr und mehr aufging. Ich will nicht kokettieren, denn ich war nie das, was der Volksmund als fett bezeichnen würde. Doch dass der Bauch sich dem restlichen Körpergefüge verweigerte und ich damit ein Weißbrot mit einer seltsamen Ausbuchtung wurde, konnte ich für mich nicht akzeptieren. Nicht mit 30 Jahren in der Blüte meines Lebens. Das ist übrigens ein Maßstab, den ich ausschließlich an mich anlege, nicht an andere. Ich urteile in diesem Zusammenhang nicht über andere (in anderen Zusammenhängen natürlich durchaus), es geht mir lediglich um mich: Ich bin kein Missionar und betone das „Jeder, wie er mag“-Prinzip mitsamt dem Kategorischen Imperativ. Wenn einer keinen Bock auf Sport hat, löst das bei mir kein Unverständnis aus.

Als ich auf meiner Waage trotz umfangreicher Läufe erstmals die 80-Kilogramm-Grenze sprengte, war klar, ich musste handeln. Nicht nur die 80 an sich waren das Problem, sondern das beeindruckende Tempo, in dem ich die zehn Kilo davor hinter mir gelassen hatte. Ein „Wehret den Anfängen“ gilt auch hier, denn ich wollte ungern warten, bis ich bei 90 bin, um dann zu spät zu handeln …

Es gibt ein Video. Ein Video von meinem ersten workout, das ich im Jahr 2009 mit meiner Mitbewohnerin auf dem Boden meines damaligen Apartments vollführte. Ich sah es mir kürzlich an und war schwer schockiert. Was sich da anschickte, mein früheres Ich zu sein, war eine unförmige Ansammlung von inneren Organen, zusammengehalten nur von einer Hauthülle. Ich war doch recht unförmig und vor allem: untrainiert. Zehn Liegestütze hintereinander?! Unmöglich. Im Grunde alles unmöglich. Sehe ich mir diese Bewegtbilder an, schaudert es mich; ich erkenne mich nicht wieder.

Und exakt diese Diskrepanz war vor einigen Tagen die Idee, der Aufhänger, für diesen Zweiteiler, der ein Dreiteiler zu werden droht. Es gibt den Begriff der Körpertransformation, der natürlich etwas viel Extremeres meint als das, was mir bislang gelungen ist. Doch dieses Video, das allein wegen des sichtbaren Hodensackblitzers nie veröffentlicht werden wird, hält zumindest mir (und meiner Mitbewohnerin) vor Augen, was für eine Wurst ich war. Es sind solche Bilder, die mich antreiben weiterzumachen, immer und immer wieder eine Schippe draufzulegen, mir immer mehr an Wissen draufzuschaffen, um das dann in die Praxis umzusetzen.

Ich konnte damals zwar laufen, stundenlang, mehr aber auch nicht. Das wollte ich ändern und machte sämtliche klassischen Anfängerfehler, die einem beim Kraftsport ohne jegliche Anleitung unterlaufen können. Erst seit rund drei Jahren weiß ich, wie es richtig geht, dass Kraftsport eine umfangreiche Wissenschaft ist, die ich zu meinem persönlichen Spezialgebiet gemacht habe. Und zwar ohne Zwang, sondern: weil es mir Spaß macht. Und das ist der Punkt, der mich von meinem jugendlichen Ich schwer unterscheidet. Das hätte ich mir damals nicht abgenommen!

Meine anfänglichen Fehler lagen wohl darin begründet, dass ich damals keine Ahnung hatte, dass man mit Kraftsport drei völlig unterschiedliche Ziele erreichen kann. Ich dachte, ich hebe ein paar Gewichte, forme dadurch ein wenig die Teigmasse und bekomme hier und da ein paar Muskeln. Dem ist leider nicht so. Und nun wird es etwas speziell, aber es ist mein Thema! Ich fasse mich dennoch gewohnt kurz.

Ich steigerte mich zu jenen Zeiten über einen wochenlangen Zeitraum unter anderem auf 1.000 Liegestütze und 1.400 Bauchpressen pro Tag. Das klingt viel, ist aber durch simples Training schnell zu erreichen, zumal man diese Anzahl in 100er-Blöcke aufsplittet. Dennoch: Bin ich heute noch stolz drauf, auch wenn ich weiß, dass das zum einen keine Frage der Kraft, zum anderen völlig zweckfrei und sowieso bar jeden Trainingseffektes ist. Es klingt beeindruckend – mehr aber auch nicht, denn Muskeln baut man dadurch nicht im Geringsten auf. Denn je häufiger man eine bestimmte Übung pro durchgeführten Satz wiederholt, desto mehr trainiert man die Kraftausdauer, nicht aber den Muskelzuwachs, der mein Ziel war. Mehr Ausdauer bedeutet kein Muskelwachstum. Je schneller man eine Übung durchführt, beispielsweise das Hochreißen einer Hantel beim curl, desto weniger trainiert man den Zuwachs, sondern stärkt man die so genannte Explosivkraft, die das dritte hehre Ziel von Kraftsport sein kann, nicht aber meines war und ist. Daraus folgt übrigens der Irrwitz, dass Bodybuilder zwar stark aussehen, tatsächlich aber in aller Regel in Fragen der Kraftausdauer versagen.

Aus Versehen habe ich auf diese Weise jahrelang meine Kraftausdauer trainiert und mich gewundert, warum diverse Muskelumfänge nicht zunahmen. Jahrelang habe ich zudem meine Eisengewichte nicht erhöht, was ebenfalls zum Verfehlen meines Zieles beitrug. Das Brot war willig, aber der Geist schwer von Begriff.

Während ich das unselige Kapitel Videojournalist hinter mir gelassen hatte und das Kapitel Fernsehmoderation aufschlug, las ich mir nebenbei das eine oder andere zum Thema Krafttraining an; ein Buch folgte dem nächsten. Es war erst vor zwei Wochen, als ich sämtliche DVDs meiner Sammlung – denn man streamt ja jetzt – vom Wohnzimmer in den Keller verfrachtete, um Platz für meine Sportbücher zu schaffen, die inzwischen ein mannhohes Ikea-Regal beanspruchen. Das führte mir vor Augen, was inzwischen wichtig für mich geworden ist. Nicht mehr die Heinz-Erhardt-Sammlung

Darunter die wirklich nicht klamaukigen Willi-Winzig-Episodenfilme!

oder die Hercule-Poirot-Sammlung ist wichtig, sondern der Sport. So wie er Inhalt meiner Regale wird, wird er zunehmend Lebensinhalt. Und das ist schwer untertrieben. Ich gehe geradezu darin auf. Und stehe erst am Anfang!

Überhaupt ist unser Wohnzimmer zum Sportstudio geworden. Auf der Fensterbank stehen Kugelhanteln von acht bis 16 Kilogramm, auf dem Boden stolpert meine Mitbewohnerin über acht Paar Kurzhanteln von einem bis 17,5 Kilogramm und kracht auf die Langhantel, während ich mich in einer Schlinge, einem TRX-Band, an der Zimmertür verheddere. Im Monatsrhythmus kommt irgendwas Neues hinzu.


Wie ich begann, eigene Trainingspläne zu entwickeln, um zielgenau zu trainieren, warum ich inzwischen einen Barren zuhause habe, warum ich mir bei einer Mobility-Übung den Beinstrecker zerreiße und wie ich durch seltsame Zufälle Kontakt mit Trainern aufnahm, erfahren wir im dritten Teil dieses Zweiteilers, da ich mich leider doch nicht kurzgefasst habe!

Übrigens, Sportartikel sind in diesem Blog nichts Ungewöhnliches: Als ich vor drei Jahren hier zu schreiben begann, waren sie Hauptinhalt! Der Leser möge froh sein, dass ich nicht passionierter Briefmarkensammler bin …

Alle seppoFIT-Artikel: hier!


 

7 Kommentare

  1. Sportwissenschaftsexamentraumata erfolgreich aktiviert. 😉
    Nicht mehr viel übrig bei mir merk ich grad. Iwas mit extensiv fällt mir ein, oder exzensiv? exzessiv gar? Nachgebend halt. Halleluja, ich such sofort mein Trainingswissenschaften Buch. Aber das wird wohl veraltet sein.

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  2. Ich persönlich stehe ja auf meine Kraftausdauer, die ich mir langsam antrainiere. In der Hinsicht muss jeder nach seiner Vorstellung handeln, wie Du schon schreibst – aber es ist hilfreich, sich drüber Gedanken zu machen, denn Fehlerlisten abarbeiten, bis man mehr weiß, kann frustend sein.

    Ich bilde mir übrigens ein, das Ausufern des Ansteigens meines Gewichts vor nun 13 Monaten durch das Wiederanfangen des Laufens (mit) gestoppt zu haben, natürlich mit einem modifizieren der Ernährung – aber eben durchaus mit dem Laufen als Unterstützung. Wobei mir das Laufen geholfen hat, einen Sinn in der veränderten Ernährung zu sehen, weil (bis zu einem gewissen Grad) weniger wiegen schneller macht.

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  3. „Barren“ ist ein Wort, das ich ungefähr so liebe wie „Sprossenwand“, „Bock“, „Zirkeltraining“ oder „Reck“. Wäre ich ein Mädchen, käme auch noch „Schwebebalken“ auf die Schulsport-Trauma-Liste. Wie federleicht und poetisch dagegen doch „Volleyball“ klingt!

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