Platz 4

Ich muss vorwegschicken, dass ich cainerley Ahnung von Fußball habe. Und wenn ich mir derzeit die WM-Spiele mit deutscher Beteiligung ansehe, weiß ich bestenfalls, in welches Tor der Ball rollen darf und in welches nicht, auch wenn er das vergangenen Sonntag beim deutschen Auftaktspiel tat. In meiner Jugend hatte ich durchaus Momente, in denen ich beim falschen Tor in Jubel ausbrach, während meinen Mitsehenden, die mich lediglich duldeten, die eisernen Gesichtszüge entglitten. Aus jenen Fauxpas habe ich aber durchaus zu lernen vermocht und jubel nun erst immer dann, wenn die anderen es auch tun, um auf der sicheren Seite zu sein. Ja, beim Fußball heule ich mit den Wölfen.

Nicht anders wird es morgen sein, wenn meine Mitbewohnerin und ich im Rahmen eines so genannten G4s bei Freunden das zweite deutsche Spiel betrachten, wobei meine Mitbewohnerin in cainem Fall jubeln wird, da sie sich für Fußball noch weniger interessiert als ich. Sie kommt nur aus Höflichkeit mit. Vom Spiel am vergangenen Sonntag hat sie nichts mitbekommen, selbst das Ergebnis war ihr derart lungo, dass sie es auch im Nachgang nicht aktiv in Erfahrung gebracht hat.

„Ich wäre maximal für Holland“, sagt sie alle zwei Jahre, was dieses Mal natürlich auch ausfällt. Sogar ich habe mitbekommen, dass unsere sympathischen Nachbarn terminlich verhindert sind. Und um das zu erklären: Meine Mitbewohnerin hat in gewisser Weise niederländische Wurzeln. Gut, also in meinen Augen ist sie Volksverräterin, keine Frage. Sowas wird man ja noch sagen dürfen! Darf man ja wieder. Ist wieder salonfähig. #dankenazis

Innerhalb des Unternehmens meines Arbeitgebers bin ich in ein WM-Tippspiel reingestolpert. Es gibt diese Typen ja in fast jeder Tippspielrunde: die, die im Grunde irgendwelche Spielergebnisse aufs Geratewohl tippen, obwohl ihnen dafür jedwede Kompetenz fehlt. Ich vermute, auch da werde ich irgendwie nur geduldet, zumal ich bis vergangenen Montag – und während ich das niederschreibe, schmunzele ich nicht wenig – das leaderboard der insgesamt 53 Teilnehmer anführte! Ich war auf Platz eins!

Irgendwas hatte ich wohl richtig getippt! Das hatte ich nicht einmal gewusst, mein Vorgesetzter, nennen wir ihn Knochen, hat es mir mitgeteilt, als wir zusammen mit anderen Kollegen das holprige Auftaktspiel sahen. Ich wusste nicht einmal, dass es sogar etwas zu gewinnen gibt, weil ich mir die entsprechenden Informations-E-Mails nicht gründlich genug durchgelesen hatte. Sobald „FIFA World Cup“ in der Betreffzeile steht, falle ich in eine Art Koma.

Ich darf allerdings beruhigen, denn nach Abrutschen auf den dritten Platz Anfang dieser Woche verweile ich in diesem Moment auf dem vierten. Woran das liegt, was ich da falsch getippt habe, kann ich nicht sagen, da ich meine Tipps so schnell vergesse, wie ich sie abgebe. Ich weiß nicht einmal mehr, wen ich zum Weltmeister erkoren habe, auch die von mir getippten Gruppensieger sind mir entfallen. Ich fürchte allerdings, dass ich Deutschland zum Sieger seiner Gruppe ausgemacht habe, weil man das ja wohl hätte erwarten dürfen. Ich hab keine Ahnung, ob das trotz der Auftaktmisere überhaupt noch möglich ist. Übrigens, getippt hatte ich gegen Mexiko. Aus Patriotimus. Aber erwartet hatte ich tatsächlich eine 2:1-Niederlage. Oder sagt man dann 1:2-Niederlage?! Sowas weiß ich zum Beispiel auch nicht. Darum sind die oft verhassten Fußball-Kommentatoren für mich so wichtig. Sie müssen zumindest mir immer klar sagen, was gerade Sache ist. Da ich beim Fernsehen arbeite, weiß ich, dass man als Moderator immer vom dümmsten Zuschauer ausgehen muss. Beim Fußball bin ich das. Und so sollte am Ende der Nachspielzeit ein Kommentator immer noch einmal deutlich herausstellen, welche der beiden Mannschaften gewonnen hat.

Ein bisher vierter Platz im Tippspiel darf angesichts meiner detailverliebten Unkenntnis als grandioser Erfolg und Klatsche gegenüber den Mittippern gelten. Ein vollkommener Honk, ich, spielt ganz oben mit! Und es ist nicht mein erster derartiger Erfolg! Bei einem Bundesligatippspiel landete ich am Ende der vorvorvergangenen Saison auf dem zweiten Platz und deklassierte Fußballkenner Archobald, der hier im Blog gelegentlich einmal eine Rolle spielte. Mit solchen Siegen macht man sich keine Freunde. Archobald und ich gehen auch deshalb nun getrennte Wege. Über diese Niederlage ist er nie hinweggekommen. Besiegt von Seppo! Das ist, als plante man das Tausendjährige Reich und endete suizidal im „Führerbunker“.

Derzeit also stehe ich auf dem vierten Platz, weit, seeeehr weit, vor meinem langjährigen Moderationskollegen Christopher, der zwar zuletzt sechs Plätze gutgemacht hat, jedoch weit abgeschlagen auf dem 36. liegt. Knochen hingegen holt auf, er liegt auf Platz elf, und es ist gemeinhin bekannt: Besiege niemals deinen Boss. Sollte ich am Ende vor ihm liegen, was ich tatsächlich nicht erwarte, dann werde ich mit Repressalien zu rechnen haben. Kleiner Spaß. Oder?

Bis zum Finale ist es ja noch weit hin, mein Anfängerglück muss nicht Bestand haben. Wird es nicht. Was weiß ich, wie gut Nigeria spielen wird oder Serbien?! Da tippe ich dann meist irgendwie 2:1 oder 1:2, was offensichtlich teilweise reicht. Hans im Glück, das blinde Huhn. Ich habe auch keine Ahnung, wie ich die kommenden Spiele getippt habe, zumal ich die ohne Deutschland gar nicht wahrnehme. Ich höre immer im hiesigen Hinterhof Jubelschreie, während Spiele laufen, wobei es egal ist, welche Nation gerade spielt, woraus ich schließen kann, dass meine Nachbarschaft das ist, was der AfD so gar nicht gefällt: multikulturell zusammengesetzt. Fußball verbindet. AfD spaltet.

Gedanklich habe ich mich bereits davon verabschiedet, dass Deutschland weit kommen wird. Kann natürlich sein, dass die Niederlage wie ein Weckruf wirkt, aber es scheint eher so, als könnten wir derzeit kein Fußball spielen und mit „wir“ schließe ich mich deshalb ein, weil ich es nun wirklich nicht kann. Ich erwarte auch deshalb das Schlimmste, damit der Restabend nach dem Spiel nicht getrübt sein wird.

Ich verachte auch die Teilnahme an Sportarten, die mit Bällen und Geschick zu tun haben. Mich belustigt auch eher diese Motivation, hinter einem Ball herzurennen, gestehe sie aber gerne jedem zu. Im Sportunterricht der Klassen eins bis 13 habe ich immer deutlich gemacht, dass ich nur gegen meinen Willen auf dem Spielfeld stehe. Ich machte es wie derzeit mein junger Neffe: Hände in die Hosentaschen, was übrigens beim Handball noch viel wirkungsvoller ist:

„Sorry, Jungs, gerade keine Hand frei!“

Auch empfiehlt es sich, sich stets am Spielfeldrand aufzuhalten, es sei denn, der Ball ist gerade genau dort. In so einem Fall war ich dann immer durchaus schnell, nämlich schnell weg. Vielleicht bin ich deshalb auch zu Schulzeiten schon eine der schnellsten Sprinter gewesen. Das Sprinten hat mir bei den Bundesjugendspielen immer ein paar Punkte gebracht, doch zu mehr als der Teilnahmeurkunde hat es nie gereicht.

Ich erinnere gerne an eine Sportstunde, in der wir Kastenfußball spielten. Ich stand im Tor. Mir ist im Nachhinein schleierhaft, wie es dazu kommen konnte. Doch ich war gut! Den ersten Schuss des Gegners auf das von mir verteidigte Tor fing ich gekonnt mit dem Gesicht ab! Meine Mannschaft jubelte! Ich war kurz benommen, jubelte zur Sicherheit mit, ohne gewusst zu haben, was gerade passiert war.

Zum zweiten Angriff auf meinen Kasten war ich wieder voll da, sodass es sich geradezu anbot, auch diesen Ball mit meinem Gesicht abzufangen. Doch dieses Mal ging ich zu Boden, da der Schütze über eine enorme Schusskraft verfügte. Und wieder bejubelte mich meine Mannschaft, während ich meinen Sportlehrer um eine kurze Auszeit bat. Der jedoch:

„Warum? Läuft doch gerade gut für dich! Du bleibst im Spiel!“

Ich berappelte mich und nahm mir vor, beim nächsten Mal die Hände zu benutzen, um mich des Balles Einflugschneise in den Weg zu stellen.

Der dritte Gesichtstreffer war nicht mehr lustig. Ich hatte nun Nasenbluten. Mein Sportlehrer:

„Wie kann man eigentlich beim Kastenfußball die Bälle immer mit dem Gesicht abwehren?!“

Die Frage war gut und mir kam der Gedanke, dass die gegnerische Mannschaft inzwischen nicht auf das Tor zielte, sondern auf mein Gesicht. Ich sollte es nicht mehr erfahren, da das Nasenbluten Grund genug war, mich auf die Bank zurückzuziehen.

Der Rest meiner sportlichen Karriere ist Legion.

Abschließend meine Prognose für mein Abschneiden im Tippspiel: Ich werde am Ende vor Christopher in der Top Zehn landen. Da bin ich gewagt optimistisch! Meine Prognose zum morgigen Spiel: Wir verlieren. 2:1. Getippt habe ich aber was anderes, glaube ich.

Zum Abschluss noch ein Absatz in kurisver Schrift.


Verehrter Leser des seppologs! Erlauben Sie mir auch heute einen Hinweis in eigener Sache. Zusammen mit drei Moderationskollegen, ich nenne Christopher, Niklas und Grumm3l, moderiere ich ab kommendem Dienstag wieder! Die Sendung heißt „Haus2“ und wird bei Twitch laufen. Mich erreichten jüngst Anfragen, was denn dieses Twitch sei. Das zu erklären, führt an dieser Stelle freilich zu weit, vielleicht hilft das, was ich in meinem privaten Umfeld immer sage: Es ist das „Youtube“ von „Amazon“, jedoch deutlich zielgruppenspezifischer und so völlig anders als Youtube. Ob man damit Geld verdienen könne, war eine Frage. Ja, kann man, denn deshalb tun wir das ja überhaupt. Das ist im Übrigen kein Hobby wie dieser Blog, sondern das ist Erwerbsarbeit im Rahmen eines Angestelltenverhältnisses. Angestellt bin ich bei der Gaming-Agentur „Freaks 4U Gaming GmbH„. Oder ich sollte besser von einer „Fullservice-Agentur“ schreiben, die mit Büros in Berlin, Köln, Irivine (USA) und Taipeh (Taiwan) zu den wachstumsstärksten Unternehmen Europas gehört. Sie produziert unter anderem für „ProSieben“ die Sendung „ran eSports“, die sehr erfolgreich läuft. Damit habe ich hoffentlich einige Fragen beantwortet, da ich nicht jede einzeln beantworten kann.


 

10 Kommentare

  1. Immer herrlich, sich Deinen Zeilen zu widmen. Ich kann ja so nachempfinden was die Erinnerungen vom Sport-Unterricht anbelangt. Dabei muss es nicht bedeuten, dass man unsportlich ist, wenn man einmal eine 5 in Sport hatte. Ich bin 30, ich bin flink und da ich meine 10 Monate junge Tochter von 11 Kilo fast den ganzen Tag mit mir herum trage wie einen kleinen Koala, darf ich mir auch eingestehen in gewisser Weise stark zu sein, wie auch immer man das betrachten möchte – physisch und psychisch. Viel Spaß und viel Glück im Tippsüiel, auch wenn das Ergebnis uninteressant für Dich ist. 😊

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  2. Hallo Seppo,
    da Du immer noch mein einzigster Follower bist, kann ich Dir anbieten Nachhilfe in Sachen Fußball zu geben. Ich bin gerade in Russland und werde morgen dem Spiel in Sotchi bei subtropischer Wärme entgegenfiebern.

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  3. Netter Versuch, man spürt in dem Beitrag den Enthusiasmus des Verfassers für Fußball, in jeder Zeile, ich würde sogar sagen in jedem Buchstaben, die zu einem Statement zusammen gerollt und dann gespielt, besser noch gepasst wird. Danke dafür.👍

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  4. Ich bin hellauf begeistert, wie jemand, der „cainerley“ Ahnung von Fußball hat, einen derart lesenswerten Blog abliefern kann.

    Auch ich sehe das ganze Tamtam nur als eine Folge von Spielen an, deren Ergebnisse mich im persönlichen Leben weder behindern noch voranbringen werden. Ja, das war echt blasphemisch. Bestimmt wird dieser Kommentar gesperrt, zumal gerade COL (ich glaube Kolumbien, nicht Köln ist gemeint) gegen England spielt.

    Die Tatsache, dass ich in dieser Sekunde schreiben kann, zeigt, dass ich wirklich Fußball-inaffin bin. Außer einigen „Deutschland“-Rufen bringe ich nichts hervor, was aber böse Blicke einbringt.

    Aber über das noch so unterhaltsam zu schreiben, das schafft wohl nur Seppo. Gut, auch in meinem letzten Blog kam das Wort Fußball vor (unbedingt ansehen), aber es endete halt doch in einer Tragödie.

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