Hin

Ich habe Urlaub. Und da wir, trotzdem meine Mitbewohnerin und ich in nicht einmal drei Wochen nach Münster ziehen werden, noch keine Wohnung dort haben (von einer Notfallvariante abgesehen, die uns immerhin ruhig schlafen lässt), fahren wir auch heute wieder in diese fantastische Stadt zwecks Wohnungsbesichtigungen.

Da sich das Steuern meines Toyota Yaris und das gleichzeitige Schreiben schlecht miteinander vertrageln, bitte ich angesichts von Tippfehlern umsichtig mit mir zu sein, da ich nicht auf den Monitor blicken kann. Denn bereits beim Ausparken vor wenigen Minuten zeigte sich, dass dem Blick auf und vor allem durch die Windschutzscheibe eine höhere Priorität zuzuweisen ist, als es das Schreiben eigentlich zulässt.

Natürlich fahre ich gar nicht, sondern meine mir Zugetraute. Um 13 Uhr haben wir unseren ersten Besichtigungstermin, den einer Wohnung „in Zoonähe“, was schön wäre, aber vermutlich ein Euphemismus für „in Roxel“ ist, wobei Roxel ein Stadtteil Münster zu sein glaubt, der aber eher außerhalb der goldenen Stadt placiert ist. Diesen Termin betrachte ich eher als ein Warmmachen für die darauffolgenden, die unterbrochen sein werden durch einen Besuch meiner Eltern inklusive stringenter Sporteinheit, da ich mir einen sportfreien Tag nicht leisten will.

Erster Stopp, „Esso“-Tanke am nördlichen Zubringer. Nicht Münsters, sondern Düsseldorfs. Denn um überhaupt erst auf die Autobahn zu gelangen, mussten wir uns zunächst 20 Minuten durch den qualvollen Stadtverkehr quälen, obwohl wir den Zubringer aus unserem Schlafzimmerfenster aus sehen können. Es ist dieser Stadtverkehr, der mich vor zehn Jahren, als ich hier landete, zu der Überzeugung brachte, dass der Individualverkehr zumindest in Innenstädten seine Grenzen schon lange überschritten hat. Ohne mit meinem Penis zu zucken, würde ich autofreie Städte sofort unterschreiben. Es braucht einen beitragsfinanzierten ÖPNV, dem man jederzeit zu- und entsteigenentsteigen kann. Nur noch für ihn und die Lieferdienste wäre die Verkehrsinfrastruktur da, die dann nicht mehr heillos überlastet wäre.

Wir verlassen mit Super Plus 95 die Benzinverkaufsstelle und meine Mitbewohnerin rast.

„Gemach, wir sind doch übergut in der Cait!“, sage ich.

„Tipps vom Beifahrer kann ich jetzt nicht gebrauchen“, schmettert sie mir entgegen.

„Auch nicht, wenn ich der Beifahrer bin?!“

„Dann erst recht nicht. Wir müssten die Wohnung tapezieren.“

„Was?!“

„Wie müssten die Wohnung tapezieren.“

„Was ist denn das jetzt für ein Themenwechsel?“

„Die Beifahrerdiskussion langweilte mich. Und was tippst du da?“

„Ich blogge. Aber nochmal zum Tapezieren: Welche Wohnung? Unsere?“

„Nein, die, die wir uns nun ansehen.“

„Die in Roxel?“

„Nein. Roxel ist heute Nachmittag. Jetzt ist Lüttkenbecker Weg.“

„Ach, Roxel ist heute Nachmittag.“

„Roxel ist auch zu teuer.“

„Warum sehen wir uns die dann an?“, frage ich bass erstaunt.

„Weil dir das Klo so gut gefiel.“

„So ein Klo hat auch schon viel gesehen.“

Während wir einen LKW überholen, erzähle ich meiner Mitbewohnerin das Offensichtliche.

„Die Sonne scheint.“

„Ja.“

„Guck auf die Straße, nicht nach oben!“

„Nicht mit dem Busfahrer reden.“

Es ist halb zwölf, wir sind kurz vor Duisburg. Im Berufsverkehr staut es sich an dieser Stelle immer erheblich, was mir aus den vier Jahren der Fernbeziehung mit meiner Mitbewohnerin noch in lebhafter Erinnerung ist. Damals fuhr ich viele Freitage nach der Arbeit zu ihr in die Südstraße, wo sich gerade einer 85-Jähriger zu sterben weigert. Auf dessen Wohnung haben wir es abgesehen.

„Er hatte doch kürzlich einen Schlaganfall. Da muss man doch was machen können!“, sage ich kurz vor Bottrop.

„Er hat wohl letztens noch fröhlich das Treppenhaus gestrichen“, wiegelt meine Mitbewohnerin ab.

„Eine schöne Gelegenheit zu stürzen.“

„Hat er verstreichen lassen.“

„Hehe“, lache ich lautmalerisch, „Verstreichen. Merkste? Treppenhaus streichen.“

„Lustig.“

„Hier ist 120.“

„Konzentrier du dich auf deinen Blogartikel und verkneif dir wenigstens da den ‚Verstreichen‘-Scherz.“

„Ich mache ein selfie für Instagram. Oder kannst du kurz ein Foto von mir machen?“

„Kannst du nicht schlafen, oder so?“

Das Selbstporträt verschafft mir einige Beschäftigung. Etwa 40 Ablichtungen fertige ich von mir an.

„Frontkameras machen, dass man scheiße aussieht“, teile ich meiner Mitbewohnerin mit.

„Das behauptest du aus Selbstschutz.“

„Ich fotografiere mich im Außenspiegel. Das hat vor mir bestimmt noch niemand getan!“

Rechts geht’s nach Dorsten, wir sind bald schon da.

„Wir könnten sogar noch ’ne Pinkelpause machen“, freut sich offenbar meine Mitbewohnerin. Wir haben beide sehr ausgiebig heute Morgen im Bett noch Kaffee getrunken. Sie lernt dabei immer Polnisch, ich las währenddessen über das Erbe der Kolonialzeit.

„Ich hätte einen guten Kolonialherren abgegeben“, informiere ich meine Mitbewohnerin.

„Nicht gerade etwas, womit ich hausieren gehen würde.“

„Klappe zu, weiterfahren!“, rufe ich und sehe mich bestätigt.

Gleich bietet sich uns ein Panorama, dass auch Leonie sehr schätzt. Überhaupt alle Münsteraner, die über die A43 Münster betreten. Leonie kenne ich aus alten Tagen und wir haben uns vorgenommen, irgendwas miteinander zu tun, wenn ich zurück nach Münster gezogen bin. Ich habe allerdings vergessen, was. Im Zweifel irgendwas mit Alkohol.

Kurzer Zwischenstopp an einer Raststätte.

„Also ich könnte“, meinte meine Mitbewohnerin.

„Ich nicht. Ich bleibe so lange im Auto sitzen. Lass mir das Fenster einen Spalt breit auf.“

Und da sitze ich nun und freue mich auf eines heute ganz besonders: auf einen Lauf durch meine alte, neue Heimat.


 

13 Kommentare

  1. Ich weise im Zusammenhang mit den autofreien Städten erneut auf die Frage hin, was wir dann mit Leuten machen, die darauf angewiesen sind, sehr nah an ihrem Zielort zu parken, weil sie physisch nicht in der Lage sind, selbigen fußläufig von einer im schlimmsten Falle viele 100 Meter entfernten Haltestelle zu erreichen!?

    Von den ganzen wegfallenden Arbeitsplätzen bei den Autoherstellern und Zulieferern mal abgesehen, die unter der einbrechenden Nachfrage zu leiden haben würden. Die Hersteller, nicht die Arbeitsplätze. :-)

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  2. Warum sollte man sich in regelmäßigen Abständen Wohnungen ansehen?
    Damit man informiert bleibt.
    Wozu nutzt das, wenn man eigentlich zurzeit keine Wohnung braucht?
    Damit man außer den neuesten Informationen über Mietwert, Ausstattung und Quadratmeterpreis, die Lage und damitverbundenen Kosten abschätzen kann. Das ist wichtig für den Verbrauch bei Energie … der Weg zur Arbeit, Einkaufsmöglichkeiten und dann natürlich noch die Wege von/zu Freunden / Verwandtschaft. Man sollte genau wissen in welcher Richtung eventuelle Störfelder liegen udn von wo es ständig herüber weht, wie der Sonneneinfall im Winter / Sommer ist, Parkmöglichkeiten oder vllt. Gararge? … Alles ist Wichtig. Auch die Bausubstanz, die Heizungssanlage, neben Stockwerk, mit/ohne Fahrstuhl (man wird nicht jünger) und natürlich das Volk drum herum. … und dann fragt man sich: würde ich dort wohnen wollen?
    Je mehr man sieht, umso eher wird man sich bei Bedarf entscheiden können.

    Viel Spaß beim Besichtigen und immer schön notieren, was – wann – wie – wo war. Das kann schon mal untergehen, wenn die Besichtigungen zum Marathon werden. Und ist auch eine Art Sport.

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