80 Kartons

Zunächst möchte ich mich bedanken für die Resonanz auf den Text „Einen Traum verwirklichen“, dessen Titel ich mit zwei Tagen Abstand unerträglich kitschig finde. Offenbar war da jemand sehr euphorisiert … Und mit Resonanz meine ich die aus Münster, die natürlich extrem positiv ausfiel. Ich gebe weniger als noch vor einem Jahr auf Klickzahlen, aber die Ode auf meine neue, alte Heimat hat diesen Blog in ungeahnte Sphären katapultiert und dem Journalisten der „Westfälischen Nachrichten“ sage ich: Nein, ich will kein Geld!

Düsseldorf kam hingegen weniger gut weg bei mir, was zu entsprechenden, meist aber humorvollen Reaktionen führte. Was soll ich sagen, ich hinterlasse verbrannte Erde, stehe aber voll hinter meinen Feststellungen. Doch bewegen wir uns nun zwei Tage zurück; es ist Mittwoch.


Meine Mitbewohnerin kommt zu mir in die Küche, wo ich gerade an einem Artikel schreibe, der Euphorie in mir auslöst. Sie hingegen sieht verzweifelt aus.

„Die sind alle schon voll!“

„Randvoll?“, frage ich, „Und wer überhaupt?“

„Die Umzugsunternehmen. Alle, die ich anrief, können so kurzfristig nicht!“

Die Euphorie weicht nun auch bei mir einer gewissen Panik. Für Panik bin ich an sich immer zu haben, Schwarzmalen meine Profession.

„Halten wir fest: Weder haben wir eine neue Wohnung noch ein Umzugsunternehmen, das uns in zwei Wochen aus diesem Moloch rausschafft! Ich sehe ein, der Zeitpunkt für Panik könnte nicht günstiger sein.“

Mein grundloser Optimimismus der vergangenen Tage ist verflogen. Es muss gehandelt werden, sonst sitzen wir auf der Straße. Ich kontaktiere nun Umzugsunternehmen mit Sitz in Münster. „Umzgsunternerhmen Münszer“ googele ich nervös und „Google“ ist so freundlich, meine Sucheingabe in Frage zu stellen. „Meinten Sie ‚Umzugsunternehmen Münster‘?“ Ja, sicher meinte ich das! Und eines der ersten Ergebnisse rufe ich umgehend an.

Man duzt mich am Telefon. Normalerweise für mich ein Grund, das Gespräch abrupt zu beenden, doch die Not ist groß. Dennoch sieze ich zurück, da ich für das Duz-Regime nicht zu haben bin. Auch darüber hinaus entwickelt sich das Telefonat in eine für uns ungeeignete Richtung, denn auch dieses Unternehmen würde uns erst im Oktober umziehen.

„Wir werden Mietnomaden!“, rufe ich meiner Mitbewohnerin zu, die derweil Unternehmen in Dortmund kontaktiert. Dort landet sie einen Treffer, doch allein der Internetauftritt des Kandidaten wirkt unseriös und die Kundenrezensionen alle seltsam gleichlautend.

„Die haben sich selbst rezensiert! Dieselben Rechtschreibfehler, derselbe Duktus! Nicht mit mir!“

Gegen Abend hellt sich die Stimmung auf, da wir ein Unternehmen in Neuss und eines aus Düsseldorf für uns gewinnen können. Dem Dortmunder haben wir Fotos unserer Wohnung geschickt, doch hat es sich bis heute nicht zurückgemeldet. Es ist also raus oder räumt uns bald nachts aus.

Frau Übervaat kommt vorbei. Sie arbeitet für den Umzugsservice in Neuss und will sich ein Bild von unserem Hab und Gut machen. Sie ist bei allem skeptisch. Als erstes fallen ihr meine Sportgeräte ins Auge.

„Da werden sich die Jungs aber freuen, wenn sie das schleppen müssen!“

Ich lächle ihre Anmerkung weg, da ich beide optionalen Antworten, die mir spontan in den Sinn kommen, runterschlucke:

„Ist Schleppen nicht ihr Job?!“
„Wenn schon eine Kurzhantel ein Problem darstellt, wie schleppen sie dann erst den Kleiderschrank?!“

Die Küche würden ihre Leute zwar abbauen, aber nicht wieder aufbauen, sagt Frau Übervaat. Das hatte ich unlängst befürchtet, ist mir aber inzwischen egal, so groß ist unsere Not. Für meine Mitbewohnerin und mich zählt nur noch eines: nach Münster kommen. Am besten mit allen Besitztümern. Notfalls schraube ich die Küche dann selbst zusammen. Es spielt keine Rolle, ob sie danach noch benutzbar ist. Denn seit Anfang dieses Jahres verfolgen wir unter gewissen Risiken das Ziel des Heimkehrens und noch immer erscheint es mir wie ein kleines Wunder, dass das nun klappt – mehr oder weniger.

Als Frau Übervaat unseren Keller sieht, wirkt sie schockiert. Sie notiert auf ihrem Block „80 Kartons“ und kommentiert:

„Mit unter 80 Kartons kommen wir hier nicht weiter.“

Unser Keller ist keinesfalls zugemüllt. Im Gegenteil, wir haben hier immer wieder aussortiert. Was sie schockiert, ist etwas anderes:

„Ist das Altpapier?!“

Nun bin ich konsterniert: „Nein, das ist mein Zeitungsarchiv! Das sind alle ‚Spiegel‘-Jahrgänge seit 1998! Rund 1.000 Ausgaben! Da ist sogar noch das Wahl-Spezial von der Schröder-Wahl! Und die Ausgabe vom 11. September 2001!“

Ich gerate ins Schwärmen ob dieses Schatzes, von dem ich allerdings zugeben muss, dass er mir schon manchen Umzug erschwert hat. Dieses Mal allerdings will ich damit nichts zu tun haben, dieses Mal lassen wir umziehen, was im Wesentlichen unserer nicht kleinen Küche geschuldet ist. Und gut erinnere ich mich an meinen letzten Umzug vor sechs Jahren, als meine Mitbewohnerin und ich zusammenzogen. Damals schworen wir uns: Das nächste Mal nur mit Umzugsunternehmen!

Wesentlich cooler als Frau Übervaat ist gestern Abend Herr Rübermach. Herr Rübermach ist jünger als ich und kommt von einem Düsseldorfer Unternehmen. Was ich sofort an ihm schätze, ist seine Zurückhaltung. Er redet kaum und wenn, siezt er. Er ist in smalltalk in etwa so gut wie ich, sodass wir direkt zur Sache kommen können und uns Geschwafel über das Wetter schenken können. Obwohl ja wirklich Herbst wird. Man friert ja regelrecht. Kommende Woche soll es aber nochmal heiß werden.

Er sieht meine Sportgeräte und ich interveniere sofort:

„Die transportieren wir mit dem Auto!“

Hatte ich mir nach Frau Übervaat überlegt, zumal meine Hanteln und Kettlebells mir die wichtigsten Dinge sind.

„Meine Mitbewohnerin kann dann ja auf der Ladefläche Ihres LKW mitfahren …“

Herr Rübermach notiert etwas. Ich luge auf seinen Block und entziffere:

„Ehefrau fährt auf Ladefläche mit“

„Halt! Das war ein Scherz! Wobei, würde das dann teurer? Machen Sie auch in Menschentransporten?“

Ich versuche, verschmitzt zu grinsen, damit er es nicht ernstnimmt und er kontert gekonnt:

„Machen wir auch. Boomt derzeit.“

Man versteht sich. Und geht in den Keller.

„Das entsorgen Sie aber noch?“, fragt er.

„Nein. Das ist mein Zeitungsarchiv! Seit 1998 alle Ausgaben des ‚Spiegels‘! Rund 1.000! Da ist sogar das Wahl-Spezial zur Schröder-Wahl! Und die Ausgabe zum 11. September 2001!“

„Ich würde vorschlagen, Sie mieten bei uns etwa 80 Kartons.“

Beide Unternehmen haben uns derweil einen Kostenvoranschlag geschickt. Wir nehmen den, der rund 400 Euro weniger verlangt, wobei nicht diese Diskrepanz den Ausschlag gab, sondern der Service. Herr Rübermach ist unser Mann!


Denn Geld spielt keine Rolle angesichts der Tatsache, dass seit dem frühen Morgen ein Düsseldorfer Mob mit Fackeln vor unserer Haustür steht und skandiert: „Seppo raus!“ Irgendwas mit „Nestbeschmutzer“. Hat wohl mit dem letzten Artikel zu tun. Steine fliegen durch unser Fenster. Wir müssen hier schnellstmöglich weg! Nicht uninteressant: Wo immer sich ein Mob zusammenfindet, sind Vertreter der AfD dabei! Übrigens eine Taktik dieser „Partei“, sich an radikale Gruppen ranzumachen, um überall und jederzeit „Protestmärsche“ in Gang setzen zu können. Diese Partei strebt einen Aufruhr von unten an, wobei ihr jedes Mittel recht ist. Darüber sollten ihre Wähler, sofern dazu fähig, einmal nachdenken, wem sie da blind hinterherrennen.
Ein Wort noch zu Umzugsunternehmen: Ich weiß um die zahlreichen Horrorgeschichten. Unternehmen kommt nicht. Unternehmen fährt samt Hausstand nach Polen und kommt nie zurück. Unternehmen zerstört alles. Alles schon gehört! Angesichts meines seelischen Zustandes bitte ich den Leser, von solchen Kommentaren abzusehen. Wir wählten nun ein seriöses Unternehmen, versicherten unseren Hausstand und lassen den 7,5-Tonner von einer Bundespolizeikolonne eskortieren. Ich selbst fahre mit einem Leopard-Panzer vorneweg.


 

10 Kommentare

  1. Bei uns ist das anders, wir haben einen großen Freundeskreis und da heilft jeder jedem. Und bringt auch noch Freunde mit. Denn bei uns ist Brauch: Während des Umzugs kriegen alle Bier. Meistens kommen so viele Leute das gar nicht alle mithelfen können, und so helfen immer nur einige, der Rest macht Party vorm Haus. Oder in einem schon oder noch leeren Zimmer. Ich habe unvergessliche Umzüge erlebt.
    Also wenn Du Hilfe brauchst…

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  2. Jaja, der liebe Umzug … Du hast mich angesteckt … ich sammle schon überdurchschnittlich große Kartons. Mein derzeitiger Vermieter (eigentlich eine Immobilienfirma) macht mir hier das Leben schwer. Und es ist die 4. Etage … wird allmählich wird das anstrengend den Einkauf hier hochzuwuchten.
    Doch ich suche noch ein adäquates Quartier, was ich auch bezahlen kann. Gern in einer Großstadt, wobei Groß natürlich relativ ist. Berlin wäre schön, aber unbezahlbar, München zu weit im Süden und zu weit vom Meer weg und Hamburg … da wohnt schon mein Brüderchen … eine Stadt mit Einem von uns reicht ;-) und für uns beide ist die Stadt dann doch zu klein (is´n Scherz).
    Leipzig ist eine Option, aber ich warte noch immer auf eine positive Antwort meiner Verwandtschaft auf die Frage (Text auf das Wesentliche gekürzt): „… würdet ihr mich denn in eurer Nähe haben wollen?“ Gestellt vor ca. einem Jahr … Antwort bleib bisher aus.
    Die kleineren Orte sind im Mietpreis besser als in Hannover und das Land … bietet viel Landschaft, aber wenig Abwechslung – menschlich gesehen. Ich glaube ich brauche den Trubel … und die Möglichkeit unter Menschen gehen zu können, auch wenn ich sie nicht kenne und vermutlich nie kennenlernen werde.

    Ich hatte ja die verrückte Idee eine Künstler-Wohnwagen-WG zu gründen … eine Freundin hat meine Idee nun aufgenommen und will sich mit einem Grundstück eindecken, um letztlich mit dem Bau beginnen zu können. … aber da habe ich echt Bauchweh … Keine Einkaufsmöglichkeiten (außer einem kleinen Edeka – nicht gegen Edeka, aber alles haben die auch nicht, vor allem nicht Bio, was wirklich Bio ist, denn darauf kann man sich bei einem Supermarkt-Kettengeschäft nun mal nicht verlassen).
    Was bleibt, ist meine Unentschiedenheit oder die Idee, was völlig anderes zu versuchen oder zu machen.

    Ich freue mich schon auf die Umzugsaktion und das Auspacken … mit dem Wissen, dass Du Dich doch eines schönen Tages von den Spiegel-Zeitungen trennen wirst, weil Du nie wieder reinschauen wirst … auch deshalb, weil Deine Erinnerungen, welche Artikel in welcher Ausgabe schlummern aufgrund der Fülle nicht wiederfinden wirst und Du resignierend vor den Kisten stehen/sitzen wirst. Auf der Internetseite von Spiegel online wirst Du auch viel schneller eine alte Ausgabe und deren Inhalt wiederfinden. Das online-Spiegel-Archiv ist hervorragend.

    LG Francis

    Gefällt 1 Person

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