Warum die AfD die Plattentektonik bekämpft

Heute geht es um meine letzte Fahrt nach Berlin und wenn Sie darüber hinaus dranbleiben, erfahren Sie noch etwas über meinen Neustart, nachdem ich Ihnen verrate, wo es die beste Currywurst gibt – und wo nicht. Gegen Ende stellen Sie sich dann auf eine gehörige Portion Pathos ein!

Heute schließt sich ein Kreis. Jetzt, während ich im „Bord-Restaurant“ des ICE 857 sitze, endet ein Kapitel, untermalt von dem Genuss einer Currywurst ohne Curry für vier Euro 50 – auch ohne Brötchen, denn die seien heute „aus“. Der Zug steht, da der zweite noch anzukoppelnde Zugteil irgendwo auf seiner Strecke verreckt ist. Auch auf meiner letzten Fahrt nach Berlin komme ich zu spät. Wie in den vergangenen 603 Tagen.

Das sind mehr als 86 Wochen, fast 20 Monate somit und mehr als eineinhalb Jahre. Am 18. April 2017 fuhr ich das erste Mal nach Berlin-Spandau – ich beschrieb es hier – und nun ist es meine letzte Fahrt.

Ich begann meine Reise damals als Freund der Bahn, der das Bahn-bashing nicht hören und schon gar nicht adaptieren wollte. Doch das heitere Logistikunternehmen hat sich größte Mühen gegeben, um mich umzustimmen. Nach 198 Bahnfahrten im Fernverkehr kann ich nur zu einem Schluss kommen: Es funktioniert nicht. Die Bahn ist kaputt, meist im Wortsinne. Und am Ende nehme ich sogar noch einen Bahn-Streik mit! Streiken ist okay, ein tolles Recht von Arbeitnehmern, und es ist ja im Sinne eines Streiks, dass er unschöne Auswirkungen hat. Und selbstverständlich sollte auch in der Weihnachtszeit gestreikt werden. Das Streikrecht haben sich unsere Ahnen hart erkämpft. Diese Thematik ist also nicht der Grund für meine Empfehlung: Vermeiden Sie die Bahn als Verkehrsmittel, so weit es geht. Sie kommen schneller an Ihr Ziel, wenn Sie zuhause auf Ihrem Sofa sitzenbleiben und sich von der Kontinentaldrift treiben lassen. Kürzlich, als ich nach Münster mit dem Zug fuhr, überholte mich Afrika. Übrigens will die AfD auch deshalb die Plattentektonik verbieten.

Die vergangenen Monate habe ich die Fahrten meist im „Bord-Bistro“ oder eben „-Restaurant“, das etwas ganz anderes ist, verbracht und dort im Laufe der Zeit gelernt, dass dessen Speisekarte sich am Fahrplan der Bahn orientiert: Beide sind sehr unverbindlich, beide vermitteln nur eine Idee davon, was möglich sein könnte, aber nicht ist. Das Angebot im Speisewagen ist stets „eingeschränkt“. Das aber ist mir immer egal gewesen, da ich hier aufgrund der hohen Preise nie gespeist habe. Diese curryfreie Currywurst ohne Brötchen (Angebot eingeschränkt), die gönne ich mir heute anlässlich meiner letzten Fahrt. Die beste Currywurst gibt es übrigens mitnichten in Berlin. Wer Currywurst will, der sollte sich im Ruhrgebiet umsehen … für Berliner ist das immer eine etwas unangenehme Erkenntnis.

Meine heutige Fahrt findet bislang nur im Stehen statt. Nicht ich stehe, sondern der Zug. Heute ist es mir egal. Ich will mich auf meiner letzten Fahrt darüber nicht mehr erregen. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich abseits des Hammer Bahnhofes tote Menschen über einem Zaun hängen. Das will man hier weißgott nicht. Dennoch: Den Hammer Bahnhof kenne ich inzwischen ganz gut. Hamm ist inzwischen mein Drittwohnsitz geworden.

In diesen Tagen, heute und morgen, endet eine kleine Lebensepoche für meine Mitbewohnerin und mich. Anfang dieses Jahres fassten wir den konkreten Plan, nach Münster umzusiedeln, was mittelfristig wohl auch mit beruflicher Veränderung einhergehen sollte. Am zurückliegenden Freitag bezogen wir nach einer zehn Wochen währenden Übergangslösung unsere neue Münsteraner Wohnung und es ist schwierig, über diese zu schreiben, ohne dabei anzugeben. Daher will ich mich kurz rechtfertigen: Wir beide haben sechs Jahre lang in einer Wohnung in Düsseldorf gelebt, die einige Defizite hatte. Freunde kennen unsere Geschichten rund um die fehlende Erdung der dortigen Elektrik sehr gut, können meine Anekdote zu meinem Stromschlag, als ich unseren Badezimmerschrank anfasste, aus dem Effeff. Klassiker auch jenes Ereignis, als Gas nicht nur durch unsere Therme, sondern auch in unsere Wohnung strömte und das Haus evakuiert werden musste. Unvergessen, wie sich ein Elektriker weigerte, bei uns Dinge zu reparieren, da sämtliche Leitungen „mehr oder weniger illegal“ seien. Das letzte Jahr in dieser Wohnung konnten wir nicht mehr Herd und beispielsweise Waschmaschine gleichzeitig betreiben. Wir mussten immer abwägen, was wir als nächstes einschalteten.

„Kann ich kochen?“

„Nahein! Mein Rechner und der Fernseher sind gerade an!“

„Schalt doch eines von beiden ab!“

„Reicht Fernseher für Herd?“

„Probieren wir es aus!“

Zack, Hauptsicherung raus … Aber der Herd habe doch einen eigenen Stromkreis, mag manch elektrifizierter Leser nun einwenden: Ja, möchte man meinen, oder?!

Es gab zwischendurch natürlich Bestrebungen, die Wohnung zu wechseln, doch entschieden wir uns dann für die große Lösung, für den Neustart in Münster. Andere wechseln die Stadt von Berufs wegen, ich wechsle den Beruf von Stadt wegen. Münster ist die Stadt, in der ich aufblühe, in die wir passen und die zu uns passt: Mehr Heimat geht nicht und diese Entscheidung werde ich auch bei größten Widrigkeiten niemals in Zweifel ziehen. Es ist das mit Abstand Beste, das ich jemals getan habe, und auch nach zehn Wochen in Münster hat sich mitnichten so etwas wie Normalität eingestellt. Nie zuvor in meinem Leben hat mich etwas derart beflügelt und euphorisiert. Nach wie vor bewegen wir uns durch die Stadt und können nicht begreifen, was wir da angepackt und umgesetzt haben. Aus dieser Erfahrung heraus kann ich jedem nur raten, dort hinzugehen, wo er sich am glücklichsten fühlt, alles andere ist zweitrangig. Solche Orte können Orte sein, aber eben auch Menschen. Mein Glück ist, dass mein Ort und mein Mensch sich zusammengetan haben, da auch meine Mitbewohnerin, die anders als ich keine Ur-Münsteranerin ist (was mich zu dem besseren Menschen von uns beiden macht), Münster liebt und im Grunde während ihrer sechs Düsseldorfer Jahre immer nach Münster zurück wollte.

Seit Freitag also können wir wieder gleichzeitig kochen, backen, waschen, streamen und die Kaffeemühle anwerfen, ohne dass sich ein Kabelbrand in unseren Wänden ausbreitet. Sobald wir warmes Wasser anfordern, nimmt unsere Therme das routiniert hin, ohne dabei wie unsere alte derart gewaltig zu „rumsen“, dass die Türen wackeln, was keinesfalls eine übertriebene Beschreibung ist. 

Ich weiß nicht, ob jeder Mensch hin und wieder neustartet. Ich weiß nicht, ob es nicht vielleicht sogar völlig üblich ist, dass man sich irgendwann auf Werkseinstellungen zurücksetzt; ich nehme an, viele kennen das. Ich sehe der Zukunft daher cainesveks mit Sorge entgegen, sondern mit einer unfassbaren Motivation, zumal ich bislang nie viel zu verlieren hatte, solange meine Mitbewohnerin den unseren Weg mitging. Und so etwas wie Sicherheit, finanzielle, habe ich bislang eh nie gekannt, was man auch durchaus positiv sehen kann.

In den kommenden Wochen wird es darum gehen, unsere neue Wohnung mit integrierter Turnhalle zu vervollständigen. Bereits am zweiten Tag stand unsere Küche, die dank neuer Arbeitsplatte wieder hochwertig aussieht und dem Küchenaufbauer, dem Dank gilt, sei auch gesagt: Wir wissen, was Sie alles haben mitgehen lassen! Wir sind aber zu ausgelassen, um uns darüber aufzuregen. Nach zwei Umzügen innerhalb so kurzer Zeit sind wir einfach nur froh, endlich in der neuen Wohnung zu sein.

Wir leben in keinem Palast, haben uns aber vergrößert, weil man ja möglicherweise bald zu dritt ist. Gestern habe ich realisiert, dass man von der Turnhalle auf zwei unterschiedlichen Wegen in die Küche gehen kann! Und zunehmend fällt mir auf, wie oft ich innerhalb der Wohnung meine Mitbewohnerin suche!

Bei der grundsätzlich gebotenen Demut, mit der man durchs Leben tapern sollte, insbesondere dann, wenn man gesund ist, was sich jederzeit ändern kann, darf ich für mich feststellen, dass ich mich wahrscheinlich nie zuvor glücklicher schätzen konnte. Und es stimmt, dass wir zu einem großen Teil auch selbst Schmied unseres Glückes sind, auch wenn vieles natürlich unbeeinflussbares Schicksal ist. Doch dieses Glück haben wir, S., uns dieses Mal selbst zu verdanken.

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33 Kommentare

  1. Ich habe kürzlich eine 70 stündige Eisenbahntour durch das südliche Afrika** gemacht (laut Fahrplan wären es 52 gewesen). Danach habe ich mir geschworen, nie wieder über die deutsche Bahn zu lästern. Dennoch muss ich anerkennen, das ich (ebenfalls Bahnvielfahrer) einiges von dem, was du schreibst, sehr gut nachempfinden kann. Aber immerhin gibt es eine „Art“ Speisekarte … ;-)

    Und auch wenn ich als Rheinländer (und Münster-Flüchtling) nicht verstehen kann, was man an Münster finden kann, kann ich die Gefühle,, die man in einer anderen Stadt entwickelt sehr gut nachvollziehen. Mir ging es damals sehr lange so, als ich dann von MS nach Bonn (zurück) gezogen bin. Und auch ich habe damals den Beruf der Stadt wegen gewechselt ;-)

    Danke für den amüsanten Artikel jedenfalls !

    **(wen’s interessiert, mein Erfahrungsbericht befindet sich auf meinem Blog)

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  2. Bin ich wirklich die erste, der aufgefallen ist „….dass man ja möglicherweise bald zu dritt ist“? Aber womöglich hab ich auch nur irgendwas verpasst und alle anderen wissen bereits Bescheid ;-)
    Ansonsten sage ich als eingeborene Berlinerin und zugezogene Essenerin, dass es hier wie dort glücklicherweise super Currywurst gibt. Und hier wie dort seltsame Variationen dieser, die ich nicht verstehe. Neulich in Berlin ass ich eine Currywurst in einem türkischen Imbiss. Die Sosse schmeckte irgendwie seltsam fruchtig, ich überlegte, was das wohl ist, was da vorschmeckt. Und hoffte, dass die fruchtige Note nicht bedeutete, dass die Sosse um ist und ich am nächsten Tag dafür die Quittung kriege – aber es handelte sich, wie ich auf Nachfrage erfuhr, um die geheimste Geheimzutat in deren Spezialrezept, dessen Details sie mir natürlich nicht verraten konnten. Womit ich im übrigen nicht sagen will, dass es in türkischen Imbissen grundsätzlich keine gute Currywirst gibt ;-)

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  3. Wieso spricht hier jeder über völlig nebensächliche Dinge!!?? „Bald Zu dritt“, echt. Das ist großartig, freut mich sehr für euch. Wir werden ganz neue Einblicke in Grenzerfahrungen bekommen. Wer Kinder hat, braucht für sein Adrenalin ja kein Bungee Jumping mehr. Aber das ist ja noch kein Thema. Erst mal weiter in Geduld üben…

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  4. Als ich vor einigen Wochen in Nordspanien in einem ALSA Bus saß, nahm mein Sitznachbar remote an einer Sitzung des Managements der Handball Euro Leage teil. Mit Video und Screensharing. Alles über sein an das Notbook gekoppelte Smartphone. Wenn ich mit der Bahn zwischen Wiesbaden und Frankfurt unterwegs bin, gibt es so viel Altland, dass man kaum einen Blog lesen kann.

    Im übrigen ist die beste Currywurst überhaupt von Dönninghaus in Bochum. Diesbezüglich bin ich ein extremistischer Fanatiker.

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