Der Strohwitwer: Allein mit Eiern

Wenn ich in den ersten Mai-Tagen, die da nach Ostern kommen, mein „neues“ Leben komplettiere, wird dieser derzeit etwas darbende Blog unfassbare vier Jahre alt. Unfassbar für mich, da in dieser Zeit vieles geschehen ist, doch sollte ich mich nicht der Versuchung hingeben, von mir selbst gerührt zu sein, was mir nicht selten passiert ist in den zurückliegenden Tagen. Keine schöne Eigenschaft, die mir auch erst bewusst wurde, als ich vom ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck las, dem man diese Eigenschaft gerne zuschreibt.

Doch ein bisschen Rührung möchte ich mir zugestehen und ich denke in dem Zusammenhang zurück an den Text „Der Anpacker“ aus dem vergangenen Jahr, in dem ich darüber schreibe, dass das Leben gelegentlich zum Hürdenlauf wird. Damals planten meine Mitbewohnerin und ich den etwas ruckartigen Umzug nach Münster, der natürlich auch mit einem Jobwechsel verbunden sein würde. 16 Monate Dauer umfasste unser Masterplan, der nun abgeschlossen sein wird. Die übliche Reihenfolge – erst neuer Job, dann Umzug – hielt ich dabei nicht ein, was mir manche als mutig, andere als dämlich bescheinigten. Ich sehe es eher als ein zielgerichtetes Vorgehen auch als Resultat der mir eigenen Sturheit (die ich lieber als Prinzipientreue bezeichne), denn der Umzug nach Münster, in meine Heimatstadt, hatte Vorrang vor allem. Zurecht, wie mir die zurückliegenden Monate zeigen, denn inzwischen erscheint mir die Tatsache, dass ich zehn Jahre lang versehentlich in Düsseldorf lebte, als eine seltsam surreale Episode, die jetzt schon irgendwie verblasst. So gesehen habe ich die Dinge nur geradegerückt, aber möchte freilich die Cait in Düsseldorf auch nicht missen. Also erst Umzug und der Rest würde sich dann fügen, dachte ich als jemand, der trotz aller Rationalität im Denken ans Schicksal glaubt.

Dieser Glaube geriet in diesem Jahr dann etwas ins Wanken, ich krachte in die eine oder andere Hürde ungebremst hinein und geriet ins Schlawingern: Es ist das eine, über kommende Herausforderungen im Leben zu theoretisieren und das andere, mit ihnen fertigzuwerden, wenn sie sich dann ganz praktisch vor einem auftun. Aber Herausforderungen sind ja gerade deshalb herausfordernd, weil sie eben nicht einfach sind. Doch das Ziel war immer klar: der Neuanfang in ein vor allem solideres Leben mit einem hohen Maß an Berechenbarcait und Normalität. Da bin ich eben ganz Münsteraner. Vielleicht fühle ich mich dieser Stadt deshalb so verbunden, auch wenn weite Teile dieser noch gar nicht gemerkt haben, dass ich da bin. (Das gilt nicht für das Feld der hier ansässigen Werbe- oder Kommunikationsagenturen, die mich inzwischen alle kennen …)

Es ist Ostern! Also so gut wie. Und ich bin Strohwitwer. Meine Mitbewohnerin sitzt in diesem Moment rund 150 Kilometer entfernt in einer Sauna, während ich etwas tue, das ich schon so lange nicht mehr tat: Im Bett sitzend am Laptop zu schreiben, während die morgendliche Sonne durch unser Panoramafenster aufs Bett knallt. Es handelt sich gar nicht um ein Panoramafenster, aber Reportagen pimpt man ja auf die Weise, wie wir gelernt haben: Es muss nicht alles stimmen, aber es muss klingen.

Wenn meine Mitbewohnerin nicht neben mir liegt, schlafe ich leider grundsätzlich schlechter. Mein Eindruck ist, dass ich es nicht in die Tiefschlafphase schaffe, nur sehr oberflächlich so daliege und lediglich andeutungsweise schlafe. Vermutlich, weil ich es nicht mehr gewohnt bin, alleine in diesem Himmelbett (Reportage!) zu nächtigen. Daher liefen im Laufe der nun abgeschlossenen Nacht auch 25 Alf-Hörspielfolgen durch. Laut genug, um noch irgendwas zu hören, leise genug, um nichts zu verstehen, zumal ich jede Folge ohnehin auswendig kenne. Außerdem war ich ungelogene viermal auf der Toilette, nachdem ich schon beim Zubettgehen festgestellt hatte, dass ich gestern etwa sieben Liter Wasser getrunken hatte, was natürlich mit meinem Sporttreiben zu tun hat, mich dennoch selbst sehr beeindruckte, aber des nachts belästigte. Inzwischen habe ich mich in dieser Wohnung eingelebt, sodass ich nicht mehr im Dunkel der Nacht aus dem Schlafzimmer tapendernd in alter Gewohnheit nach links abbiege und im Flur in unsere Garderobe wanke, wo früher der Weg zur Toilette war. Schlaftrunken weiß mein Hirn inzwischen: rechts! Sonst Jackenhaken im Auge …

Ich kann übrigens bestätigen, dass Männer in Abwesenheit ihrer Frauen die Tür auflassen, während sie sich auf der Toilette befinden. Ich habe eben selbst gerätselt, warum ich das ebenfalls tue. Ich glaube, es hat etwas mit Faulheit zu tun: Weder muss ich die Tür schließen noch sie nachher wieder öffnen. Männliche Effizienz.

Ich bin gerade sagenhaft entspannt, was ich in den vergangenen Monaten eher nicht so war. Richtung Fußende des Bettes liegt „Die Zeit“, in der ich eben gelesen hab, dass der Begriff „Fotze“ beleidigend ist, während dem Pendant „Schwanz“ immer etwas angehängt werden muss, damit es beleidigt. Beispielsweise ein „Schlapp-„. Das ist übrigens nicht mein Vokabular, ich zitiere hier lediglich. Darüber hatte ich bislang nie nachgedacht und so etwas lernt man nur in den „Zeit“-Debattenartikeln zum Thema „#metoo“. Tenor war auch in diesem Text wieder, dass Männer in der Tendenz irgendwie doch alle kacke sind, auch wenn sie sich inzwischen sehr anstrengten. Ich sehe das alles eher gelassen und fühle mich von dieser ganzen Debatte nicht unmittelbar angesprochen, da ich denke, dass sich das Kackesein entsprechend der Gaußschen Normalverteilung auf alle Geschlechter verteilt. Und außerdem habe ich keine Lust, mir meine entspannte Stimmung unter dem Panoramasonnenschein verleiden zu lassen, während ich den Klängen des Frühlings lausche: Das sind spielende Kinder im Nachbargarten und zwitschernde Vögel, die das karfreitagbedingt etwas gedämpfter tun. Fehlen nur – ebenfalls karfreitagbedingt – Motorengeräusche von Rasenmähern, die ihrerseits vom unabwendbaren Beginn des Frühjahrs künden. Diese Zeit ist zweifellos die beste des Jahres!

In dieser Woche habe ich etwas viel gefeiert. Das hatte seinen guten Grund, steckt mir somit auch nicht grundlos in den Knochen. Wenn Dinge gut laufen, sollte man sie ungebremst zelebrieren, da sie ja nicht immer gut laufen. Ich werde vermutlich erst morgen wieder meine volle Blüte entfalten können und heute noch einiges an Arbeit in den Wiederaufbau meines Körpers stecken müssen, der in diesem Jahr 40 wird. Das kommt weder überraschend noch stört es mich in irgendeiner Form. Das Gegenteil ist der Fall. 40, das hat was. Noch ist es nicht in trockenen Tüchern (toi, toi, toi), aber 40 muss man ja auch erstmal schaffen, gerade wenn die Entwicklung der Persönlichcait um etwa zehn Jahre hinterherhängt, wie ich meine, was positive, aber auch durchaus negative Seiten hat.

Wenn ich hier in Münster abends die (meist) Studenten mit Bierflasche in der Hand auf dem Fahrrad sehe, halte ich das für völlig normal und bemerke gar nicht, dass ich doppelt so alt bin wie sie, mein eigenes Studium schon mehr als ein Jahrzehnt zurückliegt. Dass ich für meine Nichte ein alter Mann bin, geht mir auch erst immer im zweiten Nachdenken auf. Erst jetzt, langsam, merke ich, was 40 eigentlich bedeutet. Nämlich auch, dass es nun erst so richtig losgeht und (statistisch betrachtet) noch lange nicht zuende ist. Und so gesehen kommt mein kleiner Neuanfang zum richtigen Zeitpunkt, was wirklich nur Schicksal sein kann!

Da ich heute bar jeder Eile bin, wende ich mich gleich wieder der Lektüre zu, denn wie wir erfahren haben, gibt es ab 2034 keine gedruckte Zeitung mehr, was für mich großes Ungemach bedeutete, da ich den Altpapierstapel neben meiner Bettseite sehr vermissen würde, zumal ich vergangene Nacht achtmal drübergelaufen war. Nicht auszudenken, ich träte ab 2034 nachts auf ein etwaiges elektronisches Lesegerät. Guten Texten sollte man Respekt zollen, indem man sie physisch greifbar macht. Es wird somit auch Zeit, diesen Blog einmal auszudrucken.

Das Beitragsbild zeigt übrigens einen – offensichtlich – Osterhasen, den meine Mitbewohnerin für mich versteckt hat. Habe ihn gerade entdeckt. Es ist der zweite, den ich fand, was die Hoffnung nährt, dass ich noch weitere finden werde! An sich seltsam, der Osterhase versteckt Eier und wir verstecken Osterhasen. Wer versteckt uns?

Ich wünsche schöne Ostertage!

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17 Kommentare

  1. Mir Freude nehme ich zur Kenntnis, dass Dein darbender Blog endlich mal wieder mit Text gefüttert wird. Ich wünsche Dir eine erholsame, stressfreie Zeit, trotz des schlechen Schlafes und verweise darauf, dass man ab 2034 vielleicht keine neuen Druckerzeugnisse in Zeitungsform mehr erwerben kann, im Grunde aber nichts dagegen spricht, den bis dahin erworbenen Altpapierstapel aus Gründen der Nostalgie und der Raumgestaltung einfach dort liegen zu lassen.

    Oh, und die Erwähnung der Sauna erinnerte mich an etwas aus der Rubrik „Nutzloses-Wissen-und-sonstige-Informationen-mit-denen-ich-nichts-anfangen-kann“, nämlich dass mir kürzlich erstmals abseits Deines Blogs – und eines Scouts von Schalke, der aber an dieser Stelle nicht weiter interessieren soll – der Name Seppo begegnete, und zwar in einem finnischen Krimi. Offensichtlich ist Seppo die finnische Form für Josef. Ich wollte es nur gesagt haben. ;-)

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  2. Soso, Seppo ist wieder da und bemerkt sogleich Studenten mit Bierflaschen auf dem Fahrrad.
    Ist das nicht gefährlich? Für Münster offenbar nicht.
    In Berlin haben meist nur Fußgänger Bierflaschen in der Hand, anstelle eines Schildes „Ich bin Tourist“, haha.

    Nach langem Urlaub habe ich nun auch Ostern knapp überlebt. In einer herrlich stillen Stadt. Nun vorbei, schade.

    Frohes Schaffen in Münster!

    Gefällt 1 Person

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