Ehepaar Fahrgeleit

Die Rumcola oder auch den Colarum neben der Tastatur habe ich mir verdient. Das vorab. Wie auch die belanglose Information, dass ich den Nachmittag damit verbracht habe, meinen Sozialversicherungsausweis zu suchen, da ich alsbald eine neue Arbeitsstelle antrete, da meine Medienkarriere (ohnehin nie wahrgenommen) im Dezember vergangenen Jahres ein Ende fand. Durchaus gewollt, wobei es auch anders sicherlich nicht gekommen wäre. Ich möchte solide werden.

Ich bewahre alles auf. Nicht, dass ich mich in Richtung Messie bewöge, doch mir wichtige Dinge hebe ich auf, und zwar sehr geordnet. In meinem Ordner „Arbeit & Versicherungen“ suchte ich als erstes jenen Ausweis, um auf einen Zettel zu stoßen mit der Aufschrift:

„Sozialversicherungsausweis in der roten Geldkassette!“

Mein System funktioniert. Und ich weiß irgendwie, dieser Ausweis ist todeswichtig und wird nur einmal pro Leben ausgestellt. Bevor der Leser zur Taste greift: Ich weiß nun, dass das nicht stimmt.

Der Schlüssel für die rote Geldkassette ist in der weißen Geldkassette. Dieses System funktioniert nur solange man auch diesen Umstand im Kopf hat. Hatte ich noch.

In der roten Geldkassette befinden sich alte Personalausweise, mein Kinderausweis, mein SPD-Parteibuch, mein Impfausweis und vor allem Erinnerungen wie Kinokarten. „Die nackte Kanone 33 1/3“ beispielsweise, denn in dem Film war ich mit einer meiner ersten Angebeteten, die jedoch mehr Interesse an O. J. Simpson als an mir hatte. Wir wissen inzwischen, dass sich das gerächt hat, auch wenn irgendwie nicht alles klar bewiesen ist, allein, ich lebe noch. Sie hingegen …

Ich durchstöberte also alte Erinnerungen und finde vieles, nur eben nicht den Sozialversicherungsausweis. Zeit für eine gewisse Panik, die ich zuverlässig umgehend schob.

Einige Telefonate später fuhr ich runter. „Alles gut, Seppo“, sagte ich zu mir selbst, „Darüber wirst du dir nun wirklich nicht auch noch den Kopf zerbrechen müssen.“ Ich bin grundsätzlich geneigt, in allem die Apokalypse zu sehen, doch in diesen Tagen laufen die Dinge ziemlich gut (toi, toi, toi), sodass ich mir Urlaub vom Apokalypsieren nehme und mich beispielsweise auf den Balkon stelle, um unsere Nachbarn zu bemerken, nicht ohne festzuhalten, dass ich diesen Ausweis noch finden werde, denn er muss da sein! Selbst die „Bifi“, die ich seit meinem Unfall im Jahre 2004 dabeihatte, besitze ich nach wie vor. Sie ist luftdicht verpackt, wobei die Packung samt Wurst im Laufe der Jahre bedrohlich angeschwollen ist. Sie zu öffnen bedeutete vermutlich Lebensgefahr.

Meine Mitbewohnerin und ich leben seit nun vier Monaten in dieser Wohnung in der besten Stadt der Welt. Denn wenn Kishon mir schon das „beste Ehefrau der Welt“ gestohlen hat, dann moduliere ich es eben um. Seit diesen Monaten stelle ich fest, dass mir die neuen, umzugsbedingten Figuren für meine schreibende Tätigkeit fehlen. Frau Apf beispielweise, die über uns wohnt, wird nicht in diese Nummer reingezogen, obwohl sie es durchaus hergäbe! Frau Gernefrau von unter uns halte ich für derart clever, dass sie mich sicherlich mal googelt und dann eben auf entsprechende Texte über sie stoßen würde. Also auch sie verschone ich, zumal sie eine ausgesprochen nette Nachbarin ist, wie Frau Apf auch.

Doch heute auf dem Balkon fiel mir das Ehepaar Fahrgeleit auf. Es wohnt praktisch in unserem Rücken, scheint aus Rentnern zu bestehen, wobei ich eher auf Pensionär(e) tippe. Den gesamten Winter über bekamen wir die beiden nicht zu Gesicht. Mitunter glaubte ich, jenes Haus sei unbewohnt, da auch niemals Licht zu sehen war. Und irgendwie nach wie vor nicht ist. Und so blickte ich monatelang nur in ihren leeren Garten mit dem Gartenteich, in dem sich mindestens Goldfische als Fische verdingen, sofern ich das erkennen kann, da meine Sehkraft sich antiproportional zu meinem Alter verhält und ich nicht einsehe, auf eine Sehhilfe zurückzugreifen; nicht bei minus 3,75 Dioptrien! Ich kneife die Augen einfach zusammen, sodass sich der Fokus irgendwie nach hinten verlagert. Ich fahre ganz gut damit, nur eben nicht gut Auto. Zum Glück geht es in Münster nur geradeaus. Die Cola ist gerade aus.

Herr Fahrgeleit steht auch in diesem Moment samt seiner Glatze (Einem kleinen Nazi-Sohn?! Nein, samt seinem unbehaarten Kopf!) am Ufer seines Gartenteichs, der den Charme Achtzigerjahre verströmt. Der Teich ist einfach nur ein Loch umgeben von Waschbetonplatten, aber immerhin ein Teich! Und so steht Herr Fahrgeleit dort ungelogen stundenlang und begutachtet seine Fisch-Herde.

Es mag zwei Wochen her sein, als ein Fischreiher es ihm gleichtat, während ich auf dem Balkon stand. Der Fischreiher nahm sich – vermutlich ungefragt – ein, zwei Goldfische aus Herrn Fahrgeleits Goldfischbestand und flog davon. Da wir ja nun wissen, dass Herr Fahrgeleit über lange Zeiträume, pardon: Caiträume, auf oder gar in seinen Teich starrt, können wir davon ausgehen, dass er stets über die Anzahl seiner Fische im Bilde ist. Und so fiel ihm sicherlich auch das Fehlen von ein, zwei oder mehreren Fischen nach der Fischreiher-Visite auf. Und falls der Leser nun eine Pointe erwartet, darf ich ihn enttäuschen. Es kommt keine. Es kommt lediglich der Tatsachenbericht darüber, dass das Ehepaar Fahrgeleit am vergangenen Osterwochenende eine Art Gitter über den Teich gespannt hat, um es dem Fischreiher künftig etwas schwerer zu machen.

Riesengeschichte, denken Sie nun! Was für ein Arschloch, dieser Seppo. Stiehlt unsere kostbare Zeit für so einen abgewürgten Spannungsbogen!

Nun, was soll ich Ihnen entgegnen?! Habe ich irgendwo einen Knaller versprochen?! Mitnichten.

Meine Nichte übrigens, zehn, erzählte mir kürzlich, dass es völlig unnötig sei, einen Job zu haben.

„Julia“, gab ich ihr zurück, „Glaube mir, ich weiß es besser. Nach spätestens, allerspätestens!, zwölf Monaten ist es aber sowas von nötig! Denn dann greift ALG II!“

Natürlich verstand sie es nicht ganz so genau, war aber der Meinung, dass es doch reiche, wenn die Eltern arbeiteten. Das wiederum haben meine Eltern, ebenfalls zugegen, nicht so gerne gehört, was ich meines Vaters Blickes entnahm, bevor er wieder im „Um die Ecke gedacht“ versank.

„Du befürwortest also das bedingungslose Grundeinkommen?“, fragte ich meine Nichte, die freilich nicht Julia heißt.

„Was?!“, fragte sie zurück.

„Nichts. Wo ist Pongo?“

Pongo ist ihr neuer Plüsch-Pinguin, der Augen in der Größe von Untertassen hat, aber selbst für Pinguin-Verhältnisse verkümmerte Flügel.

„Er heißt Ponga!“

„Pango?!“, ich zurück.

Pango ist tatsächlich ein Gerät, um verstopfte Abflüsse zu entverstopfen. Aber auch das spielt hier keine Rolle. Zurück zu Fahrgeleits also, denn Frau Fahrgeleit kam bislang zu kurz, was hoffentlich nicht für ihre Position in der fahrgeleit’schen Ehe gilt.

Während Herr Fahrgeleit immer so ins Wasser guckt, sitzt Frau Fahrgeleit an einem Gartentisch und raucht. Mehr gibt sie leider nicht her als literarische Figur für meine Texte, sodass ich ihr das eine oder andere werde andichten müssen, sofern ich sie nicht umbringe. Aber immerhin verwendet sie einiges an Mühen, die Terrasse der Fahrgeleits zu gestalten, denn etwas runtergekommen sieht sie schon aus. Die Terrasse, nicht Frau Fahrgeleit! Wobei … Das ist aber in Ordnung, denn anders als meine Mitbewohnerin und ich haben sie eine! Und ich maße mir an sich die Wertung fremder Terrassen nicht an. Denn eines haben Fahrgeleits sicherlich, was meiner Mitbewohnerin und mir nach wie vor fehlt: einen Kleiderschrank! Doch, naja, was soll ich sagen, unser Kleiderschrank-Budget wächst gerade schlagartig an, was das Finden eines solchen erleichtern dürfte. Aber vorher braucht es Balkon-Mobiliar inklusive eines Grills.

Kürzlich bemerkte eine sehr treue Leserin dieser Textsammlung, dass ein zurückliegender Text recht abrupt endete. Ich gebe ihr Recht. Zumal es dieses Mal auch der Fall sein wird, da ich mich etwas in zeitlichen Schwulitäten bewege, was angesichts der vergangenen Monate doch recht ungewohnt ist. Ich muss mir dringend etwas kochen und der Zweck, die Fahrgeleits hier einzuführen, ist ja nun erfüllt; um mehr sollte es nicht gehen. Kurze Frage jedoch am Ende an alle Leser: Nennt man alle „Aral“-Tankstellen „Blauer Engel“ oder nur die hiesige? Das müsste ich wissen, da ich auch ihr eine tragende Rolle für diese Veranstaltung angedeihen lassen möchte. Ich verbleibe mit einem „wiederverwendbaren Absatz“ von WordPress:

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7 Kommentare

  1. Seppo! Wie immer SEHR schön zu lesen. Und ICH habe deine Medienkarriere verfolgt … wir sind (glaube ich) einfach zu spezial um in einer Fernsehlandschaft anzukommen, die lieber nackte Plastiktitten beim fremdgehen auf Palmeninseln anguckt… und Münster ist eine schöne Stadt. Genieß mal und schreib mehr von Fahrgeleits … hihihi

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  2. Die Aral-Tankstelle im 1000 Seelen Dörfchen, in dem ich aufwuchs, heißt im Volksmund „Abschussanlage“, da dort die ortsansässigen arbeitssuchenden in prekären Lebenslagen sich täglich zusammenrotten, um sich mit Sternburger Edelpils den Tag zu versüßen.

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