Beziehungsfragen: Über das Fortsetzen von eigentlich abgeschlossenen Gesprächen

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(Bildquelle: Pavel G.)

„Ich hab‘ dem dann abgesagt.“ – Watt?! So fing meine Mitbewohnerin vor geraumer Zeit ein Gespräch an. Wem abgesagt?! Dass ich den Kontext nicht begriff, war natürlich mein Fehler. Gar keine Frage, mea culpa. Ich versuchte erst gar nicht, den Fehler bei ihr zu suchen. Denn ich kenne das inzwischen: Frauen neigen dazu, lang beendet geglaubte Gespräche Tage später ohne Ankündigung fortzusetzen. Wie ein atomarer Erstschlag. In Zeiten des binge watchings sehr mutig, ist man doch die Unterbrechung einer Handlung gar mit cliffhanger nicht mehr gewohnt. Doch das meiner Meinung nach abgeschlossene Gespräch hat nicht einmal einen cliffhanger gehabt. Meinem Empfinden nach war alles gesagt, ein schönes Ende erreicht.

Was geht im Gehirn der Frau vor, wenn sie aus dem Nichts heraus völlig überraschend ein Gespräch Tage später fortsetzt? Ich traue dem weiblichen Geschlecht durchaus zu, dass es sich etwas dabei denkt. Zu böse wäre die Annahme, dass sie an dem Zeipunkt, als ich die Unterhaltung beendet geglaubt habe, in einen mentalen Tiefschlaf gefallen ist und nun eben wieder aufgewacht ist, ohne sich bewusst zu sein, dass das Gespräch von mehreren Tagen unterbrochen war. Beziehungsweise abgeschlossen. Vielleicht müssen Männer dieses Phänomen auch einfach hinnehmen. Es schult ja das Gedächtnis! Denn in dem Moment, als meine Mitbewohnerin sagte „Ich hab‘ dem dann abgesagt.“ wusste ich, aha!, das ist der nächste Teil einer Fortsetzungsgeschichte. Unter Hochdruck krame ich in meinem Erinnerungsschatz an potenzielle Prä-Geschichten. Welche könnte zu diesem Satz wohl passen?

Intuitiv gehe ich direkt eine komplette Woche zurück. Wir sprachen da zum Beispiel über meinen beispielsweise beispiellosen Erfolg im Fernsehen. Das sind allerdings meist Gespräche, wo sie nur zuhört. Das also kann es nicht gewesen sein. Irgendwas vom Frauenarzt? Arzttermin abgesagt? Ja, das könnte es sein. Ich versuche es:

„Und hast du einen neuen Frauenarzt-Termin?“ erfrage ich selbstsicher. Staunen im Gesicht meiner Mitbewohnerin. „Frauenarzttermin?! Hörst du mir nicht zu?!“

Tja, war kein Treffer. Stehe nun noch schlechter da. Ich krame weiter. Ich gehe davon aus, dass sich im Laufe der Dekaden entsprechende nur beim Mann aufzufindene Synapsen bilden, die den ganzen Tag damit beschäftigt sind, Gesprächsanfänge zu sortieren, um sie im richtigen Moment abrufen zu können. Ich bin knapp 36, vielleicht noch nicht alt genug. Ich beobachte allerdings meinen deutlich älteren Vater, der diese Situationen natürlich kennt. Seine Taktik besteht in neutralen Antworten, die auf jedes Gespräch passen könnte. In dem hier beschriebenen Fall hätte er gesagt: „Ach?“. Ganz einfach. Hört sich nach Interesse an, kann aber auch alles andere bedeuten. Ich versuche es somit mit einem väterlichen „Ach?“.

„Wie ‚ach‘?! Hatte ich dir doch schon gesagt!“ dann meine Bekannte.

Okay, ich sitze noch tiefer in der Scheiße. Spätestens jetzt könnte sie mir unterstellen, dass ich nicht gut zuhöre. Dabei war das immer mein großes Plus bei ihr. Ich erinnere mich zehn Jahre zurück. Sie erzählte damals viel und ich musste wie Wilson aus „Hör‘ mal, wer da hämmert“ nur „Hm, hm, hm“ sagen. Das kam insbesondere mit sonorer Stimme sehr gut an, reicht aber nach zehn Jahren nicht mehr.

Ich gehe in die Offensive und frage: „Und, wie hat er reagiert?“ Sie dann: „Wer?“ Testfrage? Was nun?! Ich: „Der Typ.“ Sie dann: „Du nennst ihn Typ?!“ Gott, von wem reden wir hier?! Ich komme ins Schwitzen, ich stehe kurz vor der Kapitulation. Es bringt nichts mehr.

„Pass auf, ich weiß nicht, welches Gespräch wir hier gerade fortsetzen. Es ist meine Schuld. Gib mir einen Tipp!“ bettele ich.

Sie klärte mich auf und ja, ich konnte mich dann auch erinnern, wie sie mir vor einem halben Jahr davon erzählt hatte. Es ist schon eine bewundernswerte Leistung von Frauen, nahtlos an solche Gespräche jederzeit anknüpfen zu können. Für den Mann ist es eine Bedrohung. Insbesondere dann, wenn sie es auszunutzen weiß, was übrigens auf meine Beischläferin nicht zutrifft, selten einen so fairen und unverdorbenen Menschen getroffen. Aber sie könnte es ausnutzen. Tut sie aber nicht.

81 Kommentare

  1. Auch wenn ich als Frau geboren wurde und grade erst im Begriff bin ein „echter“ Mann zu werden kann ich Dich absolut verstehen und so einige Sachen kommen mir doch sehr bekannt vor (auch wenn es bei mir nur etwa 3 Jahre sind). Ich finde Deine Art zu schreiben absolut genial 🙂
    Kennst Du das weibliche ja, dass eigentlich nein heißt? 😀

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  2. Wunderbar geschrieben, und sooooo wahr. Und glaube mir lieber Seppo: einem Großteil der Frauen ist auch vollkommen bewusst, das „ihr“ Männer in solchen Momenten mit beiden Beinen fest auf der Leitung steht. Als Frau ist es dann entzückend zu beobachten, wie „ihr“ aus dieser Nummer rauskommt 😉

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