Die Bett-Ritze zur Urlaubshalbzeit

St._Agatha's_Tower-NW

Seit meinem Urlaub, dessen Halbzeit nahezu erreicht ist, schreibe ich mehr über Links- als über Geschlechtsverkehr. Dabei ist beides kein Widerspruch. Das begann schon beim Eintreffen im Hotel, als meine Mitbewohnerin mich fragte, auf welcher Seite des Bettes ich denn schlafen wolle.

„In der Mitte.“

„Also in der Ritze?“

„Du hast Recht, ich schlafe – einen alten Baum verpflanzt man nicht – auf der gleichen Seite wie zuhause. Also links.“

Und damit wären wir wieder beim Linksverkehr … Ich schlafe hier nicht an der Tür. Statistisch gesehen schläft der Mann immer auf der Seite der Tür, was etwas mit unterbewusstem Beschützerinstinkt zu tun hat. Bislang ergab sich dieses Muster intuitiv auch stets bei uns, nur hier ist das erstmals anders, was auch viel mit dem Zusammentreffen in der Mitte des Bettes und entsprechenden Aktivitäten zu tun hat. Leider hat dieses Bett tatsächlich eine Ritze in der Mitte, durch die mir schon folgende Gegenstände gerutscht sind:

  • Wi-Fi-Zugangskarte
  • Zimmerschlüssel-Karte
  • EC-Karte
  • Fön
  • Safe-Schlüssel
  • Safe
  • Portemonnaie
  • Sonnencreme
  • rechter Flip-Flop
  • linker Flip-Flop
  • Bett
  • Handy
  • meine Mitbewohnerin

…, denn die Betten rutschen auseinander, bewegt man sich zuviel. Daher treffen wir uns zumeist auf ihrer Seite des Bettes, was ebenfalls einen Grund hat:

„Komm‘ Du ‚rüber, bei Dir ist immer soviel Sand.“

Da hat sie Recht. Sie schafft das Unmögliche, ihre Bettseite frei von Sand zu halten. Im Grunde habe ich uns einen kleinen Strand im Zimmer ermöglicht. Ich weiß nicht, wie sie es schafft. Zuhause ist sie doch auch nicht so ordentlich!

Ein weiteres Phänomen, das mich beschäftigt, ist unsere Hotelzimmer-Tür. Immer wenn ich, nur wenn ich sie öffne – und zwar von innen -, gibt sie einen Alarm von sich. Ich wusste nicht einmal, dass Türen überhaupt ein Wiuu-Wiuu von sich geben können, aber sie tut es nur bei mir. Sobald sie sie öffnet, geschieht nichts, bis auf dass sie sich öffnet. Das Rätsel werden wir nicht lösen können, ebenso wenig wie die Tatsache, dass das Wi-Fi-Angebot „2.000 Minuten innerhalb von 1.500 Minuten“ ausverkauft ist. Heute wollte ich es kaufen. Für 15 Euro. Einfach, um zu erfahren, wie ich 2.000 Minuten in 1.500 Minuten verbrauchen soll. Das Angebot sei derart beliebt, dass es ausverkauft sei. Ich bleibe aber dran an der Sache und nutze bis dahin einen Reise-Tarif meines Handyanbieters, der mir unbegrenzt Netz im Ausland ermöglicht. Ich entziehe mich der Abhängigkeit dieses Hotels, in dessen Lobby ich gerade sitze und zusehe, wie ein Handwerker den zweiten Stern vom Eingangsbereich entfernt.

Gestern Abend erreichte Malta ein kurzes, aber heftiges Unwetter. Wir waren in größter Sorge um unser Wetter der kommenden Tage und so fing es heute morgen auch eher frisch mit sagen wir mal 18 Grad an.  Entsprechend kleideten wir uns, als wir vom Frühtsück uns auf dem Weg zum „Red Tower“ machten, den obiges Beitragsbild zeigt. Wir zogen uns zweimal um, als sich herausstellte, dass wir dann doch eher 27 Grad hatten. Das passiert uns hier fast jeden Morgen: Während wir frühstücken, legt die Temperatur innerhalb kürzester Zeit um zehn Grad zu!

Der „Red Tower“ also. Er heißt so, weil er, naja, weil er eben ein Turm ist und offiziell „St Agatha’s Tower“ geschimpft wird. Er hat ein tolles Gäste-WC, das aber nicht zur ursprünglichen Ausstattung gehört, uns aber heute sehr gelegen kam. Den Eintritt war es wert. Ein freundlicher Herr begrüßte uns mit der hier üblichen Frage „Where are you from?“ und wir grüßten zurück mit der üblichen Antwort „Germany“.

„Ah, guten Tag!“, erwiderte er.

„Ja, guten Tag!“, erwiderte ich. Ein ständiges Erwidern. Da freute sich aber einer, dass er unsere Sprache spricht. Er war allerdings auch Deutscher, wie sich zeigte. Der Turm von St. Agatha, der man irgendwann beide Brüste abgeschnitten hatte und sie das irgendwie überlebt hatte oder auch nicht, galt in diversen Kriegen wie auch dem Zweiten Weltkrieg als etwas, von dem man herunterschießen konnte. Könnte man in diesen Zeiten auch noch, aber wir beließen es beim herunterschauen, da wir beide keine Ahnung hatten, wie die Kanonen zu bedienen sind, die hier übrigens überall auf Malta rumstehen. Man scheint hier für den Dritten Weltkrieg bestens gerüstet. Es gibt hier viele Spatzen nebenbei, ob sie hier mit Kanonen auf Spatzen schießen? So oder so, eine tolle Aussicht von da oben, vor allem auf die Insel Gozo, auf die wir unbedingt müssen – aus einem einzigen Grund: Jeder, und das schon im Vorfeld, sagte uns: „Guckt Euch Gozo an.“ Also machen wir mit ’nem Boot rüber, um jedem sagen zu können: „Klar waren wir auf Gozo! Was für eine Frage!“ Und wir werden auch künftig jedem erzählen: „Fahrt unbedingt auf Gozo!“ Wir haben uns bereits Literatur über Gozo beschafft für den Fall, dass wir es wegen unseres vollen Programms nicht mehr nach Gozo schaffen. Wir lesen uns alles an, um zumindest so tun zu können, als wären wir da gewesen. „Klar waren wir da! Haben uns das Gozo-Valley und Gozo Forrest angesehen! Danach waren wir in den Green Caves of Gozo – atemberaubend! Man bräuchte ’ne ganze Woche für Gozo!“ Wir werden hinfahren. Versprochen.

Oder gehen. In Flip-Flops. Ich gehe hier jeden Meter in Flip-Flops. Ich wandere auch in den Dingern. Was ich für gewagt halte. Heute bewegten wir uns an die Nordwest-Küste Maltas. Auf der Flosse, wenn man Maltas Form mit der eines Fisches vergleicht. Das kommt jetzt von meiner Mitbewohnerin, die gerade Postkarten schreibt.

Kurzer Exkurs: Wir schreiben noch Postkarten. Ich selber folge da einer großen Familientradition, die es vorsieht, nur eines neben Adresse auf die Karte zu schreiben: „Mündlich mehr“, das Versprechen also, beim nächsten Zusammentreffen alles zu berichten. Und es entlastet vom Zwang, über Belangloses zu schreiben „Super Wetter! Toller Sandstrand! Mutter krank, Zeh gebrochen. Liebe Grüße …“ oder krampfhaft Lustiges zu schreiben. Ich werde die Karten vermutlich am Abreisetag schreiben, um vor ihnen zurück in Deutschland zu sein.

Übrigens, das Kaufen von Postkarten dauert bei ihr ewig. Es ist fast so schlimm wie der Kauf von Bikinis. Dabei sehen wie doch alle gleich aus, die Karten … Wenn sie gleich diese Zeilen liest, wird sie mir eine verpassen!

Wir also am Nordwest-Ende Maltas. Warum? Weil meine Mitbewohnerin der Meinung war, das dort ein fantastischer Strand sei. Um es kurz zu machen: Anders als wir war er nicht da. Der war woanders, wie liefen auf dem langen Weg dorthin sogar an ihm vorbei – in Flip-Flops. Ich kann toll in denen wandern, keine Frage. Doch dieser Penöckel zwischen großem und zweitgrößten Zeh hat sich inzwischen zwischen eben diese Zehen ins Fleisch vorgearbeitet, sodass ich morgen festes Schuhwerk präferieren werde. Zumal ich nicht noch einmal in die Verlegenheit geraten möchte, in Flip-Flops über Felsen zu stolpern, hinter denen sich überraschend tiefe Spalten auftaten.

Halbzeit unseres Urlaubs und ich stelle fest, dass die Zeit rasend vergeht und ich zuhause nichts vermisse. Das Gegenteil ist der Fall, vieles will ich eigentlich gar nicht mehr wiedersehen. Urlaubsseppo in seinem Element. Vieles will man künftig anders machen, mindestens eine Sache werde ich auch anders machen und der Rest wird wieder, wie er war. So läuft das eben. Aber ich klage nicht. Denn auf eines freue ich mich jedes Mal, wenn es aus dem Urlaub nach Hause geht: auf mein W-Lan. Ich kann zuhause nämlich unendlich viele 2.000 Minuten in unendlich großen Zeitfenstern nehmen. Und morgen geht’s auf Gozo. Nach Gozo. Nach auf Gozo.

8 Kommentare

  1. Gefällt es Euch wirklich da ? Eine andere Umgebung ist ja schon mal eine Abwechslung.Aber ich persönlich habe jetzt noch nichts zum freuen bemerkt—außer Deinen Berichten.Sei nicht bös das das so ist und verstehe mich nicht falsch ich brauch kein Rummel oder Schickimicki.Ich erfreue mich an den kleinen Außergewöhnlichkeiten.

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  2. Hallo Seppo, da ist´s wieder, dieses Gute-Laune Gefühl nach Deinen literarischen Ergüssen… Merci beaucoup!
    Ach,übrigens, um Zeit zu sparen, könntest Du zur SEO-Optimierung doch gleich den ganzen Text für Deine Schlagwörter kopieren.Wäre ja nur unwesentlich länger; oder einen schon vorgefertigten Link einfügen, in dem Deine am häufigsten schon vorkommen, wie Sex und Bloggen. Eine wundervolle Woche ohne nächtlichen Sand im Bett oder sonstwo, Nessy von den happinessygirls.com
    P.S: Der Trick ist, das Laken kurz auszuschütteln!

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  3. Es ist fast so schlimm wie der Kauf von Bikinis. Dabei sehen wie doch alle gleich aus, die Karten …

    ich glaub ja Männer sind in Wahrheit farbenblind, dunkelblau = schwarz, dunkelgrün = schwarz usw … (das kommt übrigens von einer „Diskussion“ mit einem Kollegen der Stein und Bein behauptete seine dunkelgrünen Socken seien Schwarz, der dann aber, nach Befragung mehrerer Kollegen doch einräumte dunkelgrüne Socken anzuhaben 🙂

    Danke für die Aufzählung was alles in der Ritze verloren ging – habe herzhaft gelacht 🙂

    Bezüglich des Sandes – erinnere Dich einfach an die Krümmel im Bett …

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