Er ist zurück: Der Strohwitwer

08.30 Uhr

Meine Mitbewohnerin hat sich körperlich in gewisser Hinsicht renoviert. Die Fassade sitzt und die frisch gefärbten oder getönten Haare – ich kenne den Unterschied nicht -, sitzen im frischen Schokobraun. Sie verlässt die Stadt. In Fernsehserien ist es ja oft so, dass die auszusteigen beabsichtigenden Darsteller entweder einen Serientod sterben oder mit Aussicht auf Rückkehr, wenn die Quote es verlangt, „die Stadt verlassen“.

„Wo ist Gerner?“

„Er hat die Stadt verlassen und sucht seinen verschollenen Bruder.“

Nun hat meine Mitbewohnerin die Stadt gen Heimat verlassen. Auch sie sucht ihre Geschwister, weiß aber, wo sie sie finden wird, um dann am Montag wiederzukommen. Ich bin also das, was ich so sehr schätze: Strohwitwer. Nun hatte ich ebenfalls geplant, die Stadt gen Heimat zu verlassen, aber mich rafft leider ein Zustand zwischen Erkältung und Grippe nieder, den ich offenbar verschleppt habe. Ich kann die getippten Buchstaben kaum sehen, da ich Gedärme auf meinen Monitor gehustet habe. Ich brauche ein Brillenputztuch.

10.00 Uhr

Ich sitze nun in der Küche und betrachte ihren Zustand. Strohwitwer zu sein, heißt für mich auch, die Wohnung zu renovieren; heute ist die Küche dran. Im Auffangbehältnis meiner Kaffee-Pad-Maschine finde ich eine Schimmelkultur. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Allerdings muss ich bis 13 Uhr zur Apotheke, da ich nun nicht mehr der Meinung bin, dass die Gesundung ohne Medikamente schneller erfolgt. Das ist ein Mythos.

10.30 Uhr

Schwächeanfall. Beim Reinigen der Mikrowelle überkam mich ein Kreislaufzusammenbruch. Gut, dass ich ohnehin schon hockte. Ich wende mich dem Backofen zu, während ich die Bettdecken bei 95 Grad wasche, was eben nur dann geht, wenn meine Mitbewohnerin außerhäusig nächtigt. Da beim 95 Grad-Programm stets der Schaum aus der Maschine läuft, macht sich ein frischer Duft in der Küche breit.

11.00 Uhr

Überlege, in meiner Fantasie mit anderen und vor allem zahlreichen Frauen zu schlafen, sehe aber angesichts der bevorstehenden Mammutaufgabe und des zurückliegenden Schwächeanfalls davon ab.

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Denn es ist dieser Fettfleck im Ofen, der einer intensiven Behandlung mit „Sidol Küchenkraft“ des Unternehmens „Henkel“ bedarf. Mir kommt das Wort „Fettschürze“ in den Kopf und weiß für etwa fünf Minuten nicht, was er meint, bis es mir blitzartig wieder einfällt. Große Sorge um meine geistige Gesundheit. Meine Mitbewohnerin meldet sich aus Bielefeld, wo sie möglicherweise umsteigen und zur Toilette gehen muss.

Backofenreiniger kann man getrost vergessen, sie bringen nichts. „Sidol“ hingegen schafft den Flecken nach langer Einwirkzeit. Ich werde Euch auf dem Laufenden halten. Dabei fällt mir ein, wie ich als Kind einmal einen Kloreiniger konzipiert habe. Es war die Zeit, als viele Produkte ein „Euro“ im Namen beinhalteten, also nannte ich meinen Kloreiniger: „Euro-Schond“, wobei man in Münster mit „Schond“, allerdings mit „t“ geschrieben, die Toilette bezeichnet. Damals tippte ich noch auf einer Schreibmaschine und entwickelte dieses Werbeflugblatt, das ich kopierte und beim Aldi auslegte:

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„Euro-Schond“ bestand aus eine Melange mehrerer bereits am Markt etablierter Reiniger. Dass es beim Mixen nicht zu Verpuffungen kam, war wohl ein großes Glück für mich. Der Vetrieb „Euro-Schonds“ kam aber nie so richtig in die Gänge, sodass das Projekt im Sande verlief. 23 Jahre ist das nun her und niemand nahm Notiz davon. Anders war es beim gestrigen Artikel. Weil ich ihn in einer Facebook-Gruppe teilte, machte er plötzlich sehr schnell die Runde, die gestrigen Klickzahlen haben mich massiv überrascht und vor allem: überfordert. Er wurde bei Facebook mehrfach geteilt, weiter verschickt und intensiv diskutiert, bis er mir bei Twitter entgegen kam. Mein Handy stand bis spät abends nicht mehr still und ich stellte fest, dass mich dieser durchaus positive Stress schwer angreift. Man merkt plötzlich, das von einem selbst Geschriebene wird wahrgenommen, und das durchaus auch kritisch. Bin ich „InStyle“ an den Karren gefahren? Verstehen die Menschen den Artikel richtig? Glauben vielleicht einige, es wäre meine Aussage, dass Bartträger Schläger seien? Lese mehrfach den Artikel und prüfe auf Missverständlichkeiten, finde keine und bin beruhigt. Ich hatte gestern mehrere tausend Leser. Das ist unfassbar. Das soll hier kein Eigenlob sein, aber es beschäftigt mich. Und leider war es nicht mein tiefgründigster Artikel, dennoch finde ich das natürlich toll.

12.10 Uhr

Ich muss mich fertigmachen, der feine Herr verlässt ja unter keinen Umständen ungeduscht die Wohnung. Dabei muss ich nur zur Apotheke, wo ich durchaus krank aussehen darf. Ich brauche Nasenspray, Hustenlöser, Halstabletten, „Angocin“ und so etwas wie „Wick Vaporub“. Ah, meine Mitbewohnerin schreibt mir, dass sie sich in Bielefeld auf die Herrentoilette verirrt habe. Passiert mir auch oft, nur dass ich ja auch Zielgruppe der Herrentoilette bin. Der Tag ist noch nicht vorbei. Es wird weitergehen.


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11 Kommentare

  1. So ähnlich läuft das bei mir auch ab, wenn die Dame woanders ist (allerdings nie in Bielefeld, weil das bewiesenermaßen gar nicht geht), nur dass ich am Ende des Tages noch in identischer Pose auf dem Sofa sitze und mich in der Zwischenzeit auf nicht woanders hinbewegt habe.

    Was viel wichtiger ist: Ich bin offensichtlich in den falschen Gesichtsbuchgruppen.

    Gefällt 1 Person

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