Innere Angelegenheiten

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Sich hinzusetzen und an einfach mal nichts zu denken, ist dem Menschen unmöglich. Ich sitze in diesem Moment und starte den Versuch, meine Gedanken als Live-Ticker niederzuschreiben. Denn auf „Spiegel Online“ und Ko. werden zwar Terror-Anschläge und Tsunamis livegetickert, nicht aber irgendwelche Gedanken. Und das halte ich für grob fahrlässig.

Ich versuche dennoch, jetzt in diesem Moment an nichts zu denken. Farbenlehre kommt mir aber zuvor noch in den Sinn. Was man so mit Farben assoziiert. „Blau“ ist die Lieblingsfarbe der Deutschen. Ich denke an die „Tagesschau“, will aber an sich nicht denken. „Blau“ war noch im 19. Jahrhundert eine klassische Mädchen-Farbe. Das hat sich dann offenbar gewandelt. Mit braun assoziert man Dreck, Kot und Nationalsozialismus. Dieser Dreiklang passt zusammen.

Wer steuert die Gedanken? Wenn ich dasitze und nicht groß denken will, kommt einem ja doch etwas in den Kopf. Ich muss noch laufen. Ich drücke mich seit einer Stunde vor dem Laufen. Das hat auch einen modischen Hintergrund. Vor einem Jahr rüstete ich meine Winterbekleidung für das Laufen auf. Thermo-Unterwäsche inklusive langer Unterhose. Die kommt aber erst ab minus zehn Grad ins Spiel, trug sie bislang also noch nicht. Ich denke, es gibt nur wenige Männer, die in einer langen Unterhose gut aussehen. Und es sind nicht die Männer aus dem „Real“-Prospekt. Also denke ich an den „Real“-Prospekt. Den blättere ich jeden Samstag auf dem Klo durch. Warum? Um den „Phillips“-Rasierer zu finden, der jede Woche, aber auch wirklich jede Woche, im Sonderangebot offeriert wird. Es ist hier ein running gag. Wer findet ihn zuerst, meine Mitbewohnerin oder ich?! Meist ich. Weil ich bei uns Briefkasten-Dienst habe. Warum? Weil ich auch Schlüsseldienst habe und einzig über den Schlüssel verfüge. Ich habe so etwas wie ein Brief-Monopol.

Zwei Dinge kommen mir in den Sinn. „Running“. Ich muss mich jetzt endlich anziehen. Zum „running“. Zweite Sache bereits wieder vergessen. Zurück zu der Laufbekleidung. Da unterlief mir damals ein Fauxpas in den Düsseldorfer Arkaden. Neuer Gedanke. Die schreiben sich bestimmt mit „C“. Also „Arcaden“. Erwarb damals eine komplett schwarze Lauf-Montur. Und da ich nicht uneitel bin, frage ich mich, wie mir dieser Fehlgriff unterlaufen konnte. Ich finde Schornsteinfeger toll, aber ich will beim Laufen nicht so aussehen wie einer.

Gestern Morgen lief ich bereits um sieben Uhr. Im Dunkeln. Da spielt das dann keine Rolle, wie man aussieht. Und da ich im Dunkeln stets fürchte übersehen zu werden mit anschließender Überfahrung, behänge ich mich mit Lampen. Eine auf dem Kopf, die fröhlich blinkt und gegenverkehrende Fußgänger blendet, und je eine um die Arme. Die blinken auch, und zwar rot. Ich bin ein joggender Weihnachtsbaum, da meine Beleuchtung ein Dreieck bildet. Denke nun an Hunde. Die reagieren meist aggressiv auf meine blinkende Erscheinung. Und wollen dann spielen. Dann laufe ich ein, zwei Schritte schneller, während ich die Lampen ausschalte, um für den Hund unsichtbar zu werden.

Man kann natürlich nicht nicht denken, zumal wenn man nebenbei schreibt. Ich muss nun laufen. Beim Laufen denkt man sehr viel. Und zwar nach. Über Dinge, die man nicht versteht. Man ordnet ein. Beschäftigt einen eine Sache sehr intensiv, geht sogar die Zeit beim Laufen sehr schnell rum. Heute habe ich einiges an Material, über das ich nachdenken werde. „Schornsteinfeger ging spazier’n“ – ein rassistisches Kinderlied, bei dem Kinder ihre Hände aneinander klatschen. Ist Nicht-Denken gleich Koma oder Tod?

Meinen damals vierjährigen Neffen fragte ich einst, was er sich unter Denken vorstelle. Natürlich wusste er nicht, was ich wollte, griff mir in den Bart und fragte: „Warum hast Du das?“ Also ging ich zu meiner exakt ebenso alten Nichte, um mir von ihr das Konzept des Denkens aus Sicht einer Vierjährigen erklären zu lassen. „Prinzessinnenburg!“ sagte sie nur und lud mich ein, an ihrem „Playmobil“-Prinzessinnen-Schloss mit zu bauen. Was mich überfordert hatte, denn nicht aufgebaute „Playmobil“-Dinge widerstreben jeder Ordnung, was mein Hirn in Flammen versetzt. Also sah ich nur zu, wie sie des Ritters Pferd ein Bein abbrach.

„Putt!“

„Ja, putt. Das wird Dein Vater nun mir anlasten, weil ich meine Aufsichtspflicht verletzt habe.“

Die beiden verstehen mich nicht, da ich mich auf ihr Kinder-Kauderwelsch nie einließ. Als meine Aufgabe betrachtete ich es, ihr Deutsch zu feilen. „Aufsichtspflicht“ war nach „Scheiße“ das zweite Wort, das ich ihnen beigebracht habe. Dennoch mögen sie mich, sie finden mich lustig. Sie sind ein dankbares Publikum. Ich selbst habe als Kind nie gesprochen. Ich war ein stilles Kind. Nicht krankhaft still. Aber man konnte mich in eine Ecke setzen, wo ich dann auf spätere Abholung gewartet habe. Einmal nutzte ich allerdings die Gelegenheit, um auf ein Puzzle zu kacken. Ich nehme an, es war Beginn oder das Ende meiner analen Phase. Der Grund meiner akustischen Zurückhaltung war einfach der, dass ich gewartet hatte, bis ich alle notwendigen Vokabeln zusammen hatte, um mich würdevoll auszudrücken. Und so überraschte ich in der ersten Klasse bereits mit einem Aufsatz, in dem Oma „Omo“ eingekauft und dabei allerlei erlebt hat. Ich ließ Oma in diesem Aufsatz von einem Bus überfahren. Ich wurde so zu einem Fall für den Schulpsychologen, dem ich erklärte, dass „Bus“ eben eines der wenigen Wörter war, das man uns beigebracht hatte und deswegen Oma Opfer des Busses wurde.

„Oma hätte doch auch mit dem Bus nach Hause fahren können!“, schlug der Gelehrte damals vor. Und das gab mir zu denken. Im nächsten Aufsatz also fuhr Oma mit dem Bus nach Hause, aber auch nur deshalb, weil wir das Wort „Leichenwagen“ noch nicht kannten.

Das alles habe ich gerade beim Zähneputzen durchgedacht. Ich muss nach wie vor laufen. Jetzt.

„Gelb“ setzt Kreativität frei. Ich sitze allerdings gerade in einem Raum mit rotem Farb-Akzent. Das ist überhaupt ein Treppenwitz meiner Deko-Geschichte. Ausgerechnet ich, der Mann im Haushalt, setzt hier die Farbakzente. Rote Wand, rote Jalousien, roter Kaugummi-Automat und rote Sitzkissen. Heute Abend geht es in den „Ikea“. Weihnachtsdeko kaufen. Steh‘ ich drauf. Weihnachten ist mein Ding. Dann Glühwein. Ich muss echt laufen.


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15 Kommentare

  1. …beim Schreiben kann man nicht denken….bei Laufen schon….lieber Seppo,wie Du mir aus dem Herzen schreibst….da findet echt eine ganz freundliche Person auf dem Arbeitsamt, wieso ich seit Monaten keine elektronische Post von ihnen bekommen kann – sie haben meine Emailadresse falsch eingegeben. Ich habe derweil alle meine Emailkonten neu eingerichtet, ein uraltes neu aktiviert, tausende von mails durchgelesen, geordnet, beantwortet – ich dachte doch, der Fehler liegt an meinem PC…..dann bekomme ich endlich das Formular für den Antrag, das ist aber anders, als dasjenige vom Arbeitsamt einige Kilometer weiter südöstlich, dann ist meine Kontaktperson in den Ferien, dann ist eine andere Kontaktperson in den Ferien, dann mache ich es alleine, dann ist das Formular gewechselt worden, dann ist Freitag vor dem ersten Advent geworden. Und jetzt geht die offiziel-kirchlich-jahreszeitliche Warterei ja erst los…viel Spass beim Schreiben, Laufen und Denken. Mein Ziel_ nichts mehr zu Denken (Jan Rauschenberg: bei der kleinsten Idee, die aufkaum, ging ich nach draussen und spazierte ein weing…)
    ch’e z-

    Gefällt 4 Personen

  2. Gedanken beim Lesen dieses Beitrages: Wer hat noch gesagt ‚Achte auf deine Gedanken, denn sie werden deine Taten‘? STOP Grob fahrlässig ist, dass aus Gedanken auch Terroranschläge entstehen. STOP Beim Joggen braucht man keine lange Unterhose, wenn doch läuft man zu langsam. STOP Laufklamotten sind meistens eng und deshalb sieht man auch in schwarz nicht wie ein Schornsteinfeger aus. STOP Den meisten Menschen stehen diese engen Laufklamotten nicht – tragen sie sie wegen der Windschnittigkeit? STOP Hatte in der Grundschule ein Faible für Vampire, Totenköpfe und Blutspuren – wie ich Jahre später erfuhr, musste meine Mutter deshalb in der Schule antreten. 🙂
    Und bist Du nun gelaufen???

    Gefällt 2 Personen

  3. ich war die woche noch gar nicht laufen 😦
    mittlerweile bin ich derart „deprimiert, dass es mich gar nicht mehr freut 😦
    aber da sind ja noch diese zwei Hunde, die mich jetzt schon viermal angewinselt haben und Sehnsüchtig in die Ferne schauen – werde mich demnächst fürs Laufen umziehen

    Gefällt 1 Person

  4. Oh Mann Seppo, jetzt hatte ich einen fast gedankenfreien Abend und dann lese ich Deinen Artikel…
    Jetzt denke ich nicht nur – ich grüble: Sind mir schon jemals Männer im Real-Prospekt aufgefallen & heißt es „den Ikea“, „die Ikea“ oder einfach nur „zu Ikea“. Dennoch, you made my day: Der Dreiklang ist Klasse 🙂
    Toller Artikel! Aber – jetzt geh Laufen (und zieh die langen Unterhosen an – sonst verkühlst Du Dich und hast noch viel mehr Zeit zum Nachdenken *g*).
    vG – man liest sich 🙂

    Gefällt 1 Person

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