Beziehungsfragen: Wenn SIE besser ist

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Es war wieder ein sportreiches Wochenende, das da hinter mir liegt. Und ich war darauf eingestellt, dass ich auch am Sonntag noch unter schwersten Schmerzen leiden würde. Und ich tat es. Unter seelischen. Denn SIE, meine Mitbewohnerin, hat mich am Samstag im Matsch regelrecht plattgewalzt. Und leider nicht so, wie es sich in meiner Phantasie gerade abspielt.

Es gab diesen einen Moment, in dem ich die Grenze überschritten hatte. In dem ich dem Tod unangenehm nahe war. Während sie mit einer weiteren Übung fortfuhr. Teufelsweib!

Wie jedes Wochenende machten wir uns auch am zurückliegenden Samstag auf zum heimischen „Trimmdich“-Pfad, der für sich genommen durchaus anstrengend, aber für jeden machbar ist, der aber noch härter wird, absolviert man ihn mit einer Frau, die fünf Mal pro Woche sich in Kraftausdauer ergeht. Die abends mit Blessuren nach Hause kommt und am nächsten Morgen doch wieder aufsteht, als wäre nichts gewesen. Es fing harmlos wie immer an, man joggt einen Berg hoch und es kommt eine Übung mit dem harmlosen Namen „Froschhüpfen“.

„Genau das Richtige für den Einstieg!“, tönte ich. Stimmt ja auch, man wird relativ schnell warm bei der Nummer, bei der es darum geht, 60 Baumstämme zu überhüpfen. Man zählt mit. Als ich bei 40 war, korrigierte meine Mitbewohnerin mich mit dem Hinweis, es sei erst der 30. gewesen. Also nochmal genauso viel. Irgendwie machbar.

Nach dem 60., nach dem letzten, hätte ich nach Hause gehen können. Oder locker weiter traben können. Aber meine Mitbewohnerin:

„Jetzt noch drei Mal 50 ‚Burpees‘!“

„Burpees“. Klingt auch irgendwie niedlich, brachte mich aber bereits an den Rande eines Herz-Kreislauf-Kollapses. Das sind diese Dinger, bei denen man sich auf den Boden schmeißt, wieder aufspringt und die Arme wie ein Irrer in die Höhe reißt. Ich mache zehn und mir wird klar, dass ich die 50 unter gar keinen Umständen erreichen werde. Und hier kippte die Stimmung. Mir wurde bitter bewusst, dass ich mit ihr, einer Frau!, nicht würde mithalten können. Während ich also mich mit meinen Händen auf meinen Knien aufstütze und dabei nach Luft schnappe, als wäre ihr Vorrat jeden Moment aufgebraucht, schmeißt sie sich weiter zu Boden. Zwischen einem Satz guckt sie zur Seite und rotzt männlicher als ich es je könnte, in einen Busch. Und schmeißt sich weitere 50 Mal zu Boden. Und steht vor allem wieder auf. Purer Sex.

„Jetzt bist du dran.“, sagt sie.

„Am Arsch. Mein Kreislauf …“

Ich erwische mich bei memmenhafen Ausreden. Und schaffe nur drei Mal zehn. Mit einer weiteren Ausrede:

„Vielleicht ist es ein ungünstiger Zeitpunkt, nach dem ‚Froschhüpfen‘ ‚Burpees‘ zu machen.“

Aber was hilft’s?! Sie schafft es ja auch.

Und macht mir Mut: „Es wäre ja noch schöner, wenn du mit mir mithalten könntest, nachdem ich das seit drei Jahren mehrmals pro Woche mache!“ Und damit hat sie Recht. Dennoch bin ich missmutig, meine Stimmung im Keller. Ich will nicht nur mithalten, ich wollte eigentlich brillieren!

Nächste Übung: Arme in die Höhe, 100 Mal kreisen lassen, dabei hoch und runter bewegen. Die ersten 30: kein Thema. Doch dann werden die Arme schwer. Sie hält natürlich durch, während ich an meiner nächsten Ausrede bastele.

„Deine Arme wiegen auch nicht soviel wie meine!“

Mein Gott, glaube ich das wirklich?! Und wieder finde ich mich vorne herübergebeugt mich mit den Händen auf meinen Knien abstützend wieder.

„Ich setze kurz aus. Mein Kreislauf …“

Sie würdigt mich nur eines konzentrierten Blickes, während ich überlege, dass ich ihr zumindest beim Laufen überlegen bin. Ich denke darüber nach, sie kommende Woche mit einem 20 Kilometer-Lauf fertig zu machen. Wenn ich dann noch lebe, denn es kommt eine unangenehme Stelle auf diesem Trimmdich-Pfad: Der Berg.

Der Leser darf es sich so vorstellen: Arme und Beine schmerzen bereits massiv, über die Atmung hat man jegliche Kontrolle verloren, das Herz rast, ich höre es pumpen und frage mich ernsthaft, ob das noch gesund ist. Ich deute auf mein Herz und sage nur: „Laut.“

„Ja, ich hör’s.“

Und in diesem Zustand gilt es nun, einen Berg hochzulaufen. Noch geht’s dir gut, denke ich am Fuße des Hügels und blicke nach oben: Wenn du da bist, geht es dir nicht mehr gut. Und ich sollte Recht behalten. Oben angekommen verkrampft meine Atmung derart, dass ich für eine Sekunden den plötzlichen Tod beim Sport nicht mehr ausschließe und darüber nachdenke, für eventuelle Rettungsdienste meine Smartphone-Ortung einzuschalten. Wie schnell könnten Sanitäter hier oben sein?! Bis dahin würde ich tot sein. Und während ich noch so überlege, steht meine Mitbewohnerin bereits an einem Baumstamm und hüpft an ihm rum. Während ich dastehe. Mit den Händen auf meinen Knien. Nach Luft ringend. Und mein Kopf! Einerseits voller Blut, andererseits sehe ich nichts mehr. Das war’s. Kollaps, denke ich. Ach nein, ich hab‘ nur die Augen zu.

Wir laufen weiter. Und „laufen“ heißt hier nicht „gehen“.

Wir finden uns beide gegenüber liegend auf einer Bank wieder, die Füße verkeilt. „Situps“. Keine „Crunches“. Meine Meisterdisziplin. Und ja, hier ziehe ich sie ab. Hier bin ich unschlagbar. Da stört mich diese Schraube auch nicht in der Bank, die sich in meinen Rücken bohrt. Ein Triumph. Vorbei mein Genörgele, bei dem ich mir wie im Schulsport vorkam, wo ich dem Lehrer gegenüber argumentiere, warum ich wegen eines vergessenen Turnbeutels unmöglich am Sportunterricht teilnehmen könne.

Wie gewonnen, so zerronnen. Wir kommen zum „Hangeln“. Und ich Idiot sage auch noch:

„Ach, das kenn ich noch von den Kinderspielplätzen! Das ist einfach.“

Nun ja, ist es nicht. Weil ich die Arme nicht mehr fühle. Aber ich schiebe es geschickt auf meine Handschuhe, die beim Umgreifen der Stangen Falten werfen, die sich in die Hand bohren. Das stimmt sogar. Waren aber für meine Mitbewohnerin kein Grund, es nicht dennoch durchzuziehen. Zu meiner Verteidigung: Sie hat wirklich Sport-Handschuhe, bei denen genau das nicht passiert.

„Ich setze diese Übung aus.“, sage ich nur, während sie sich ein zweites Mal durchhangelt.

Wir finden einen Baumstumpf. Im Wald nichts Ungewöhnliches. Ich kündige an, die Übung nachzuholen, die ich vorhin ausließ, weil ich mit dem Tod rang. Ich kündige aber auch an, schnell mal schiffen zu gehen. Auf diese Weise schlage ich noch ein, zwei Minuten Pause raus.

Und mache die Übung. Die einfach ist – sofern man dem Leben näher als dem Tode ist.

Die letzten Disziplinen gingen mir dann wieder leicht von der Hand, alles, was mit Kraft, aber nicht unbedingt mit Kraftausdauer zu tun hat, ist mein Spezialgebiet: Liegestütze beispielsweise. Kein Thema. Hier schlage ich sie. Nicht im wörtlichen Sinne, obwohl ich an diesem Tag nicht weit davon entfernt war.

Am Ende, nach etwa 90 Minuten, haben wir herzhaft darüber lachen können. Über meine albernen Ausreden, die ich als solche ja selber im Moment des Aussprechens als solche erkannt hatte. Für mich war aber auch klar: Nun wird das Pensum angezogen, diesen Trimmdich-Pfad absolviere ich nun auch unter der Woche. Und sie weiß, dass ich das tun werde. Um sie plattzumachen.

Aber sie hat Recht in dem einen Punkt: Sie trainiert das seit drei Jahren. Die Kröte muss ich schlucken, dass ich da (noch!) nicht mithalten kann.

Aber auch sie sollte noch die Grenzen erreichen. Direkt nach dem Trimmdich-Pfad waren wir im von mir hochgeschätzten Lebensmittelladen „Food“, einer der letzten der „Metro“, wenn nicht auch schon verkauft. Unter der Last eines vollgeladenen Korbes drohte sie beim Ketchup-Regal zusammenzubrechen, während ich mich bei den Zeitschriften erholte.

Die Schlacht hat sie gewonnen, diesen Krieg jedoch noch nicht. Ich rüste auf. Und anders als vergangene Woche fühlte ich mich bereist am Sonntag wieder fit. Das ist ein erster Trainingserfolg. Ein erster von vielen. Und sie wird leiden. Diese Kampfmaschine. Der ich bei einer späteren Aktion demonstrierte, wer hier der Mann ist!

Dennoch, ich verneige mich vor Dir.


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44 Kommentare

  1. 🙂 öhm ja so kenne ich das auch, wenn ich mit meinem „alten Sack“ trainiere, der wesentlich fitter ist als ich 😀 Er 51 ich 31. Fertig machen konnte ich ihn bisher nur im Schwimmen 😀
    Ich liebe ihn dennoch aber die Welt ist manchmal wirklich nicht fair!

    Viel Glück bei den nächsten Trainingseinheiten mit Deiner „Kampfmaschine“,
    Ela

    Gefällt 3 Personen

  2. Verdammte Axt! …ich komm hier irgendwie nicht mehr weg. Du bringst meine ganze Tagesplanung durcheinander. Ok, ich gebe es zu, auch der Kater von gestern spielt dabei eine nicht ganz unwesentliche Rolle. Dabei wollte ich doch eigentlich wenn an meinem eigenen neuen Blog schreiben. Jetzt lese ich hier seit drei Stunden kreuz und quer Beiträge. Ich mag deinen Stil und bin ihm verfallen. Und nun? Dabei fand ich deinen Blog rein optisch erst mal nicht so ansprechend. „Hat sie das gesagt?“ – ich glaube JA. Aber das liegt glaube ich einfach an dem Geschlechter-Unterschied. Jedoch viel fesselnder ist deine art der Formulierung und ich komme aus dem Grinsen gar nicht raus. Jetzt haben wir den Salat. Bitte mehr davon! – Ach, und danke für deinen Like! Das baut auf!

    Gefällt 4 Personen

      • Alles was ich jetzt schreibe ist nur meine Meinung und wird sicher von vielen komplett anders gesehen.
        Also:
        Es ist eigentlich auch nur das Titelbild das mich stört.
        Es nervt mich, dass der Untertitel sich kaum lesen lässt, aufgrund des fehlenden Farbunterschieds zum Hintergrund. Ausserdem Frage ich mich welche Bedeutung mit der Szenerie des Bahngleises beabsichtigt ist. Ich komm nicht drüber weg, mein Hirn verknüpft die Optik einer Überwachungskamera mit Blick auf Bahngleise mit einem begangenen, oder bevorstehenden Verbrechen oder womöglich einem Selbstmordgedanken. Durch das anonymisierte Logo wird das ganze irgendwie noch kühler.
        Wobei die kesse Augenbraue, deine erfrischend komisch Art ganz gut zum Ausdruck bringt. Also bitte nicht falsch verstehen, das Logo gefällt mir und auch so viel schwarzweiß. Aber alles zusammen unterkühlt zu sehr. Dabei sind deine Worte ja insgesamt recht farbenfroh.

        Also, vielleicht konnte ich überzeugen und bei Gelegenheit ffindet sich ein anderes Banner?!
        Könntest du mich sehen: Ich presse die Zähne aufeinander und grinse dich im Geiste an, in der Hoffnung, dich mit meiner direkten Aussage nicht angegriffen zu haben.

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  3. Hehe, das liest sich zu gut!
    Ich bin passionierte Rennradfahrerin und mir kommt das sehr bekannt vor :D. Wenn ich denn mal richtig fit bin (im Sommer!) kommt es manchmal auf offener Straße zu ähnlichen Machtkämpfchen und die Herren der Schöpfung sind wirklich not amused wenn ich den Berg doch mal schneller oben bin als sie. Bei den guten Radlern ist es leider aber ganz schnell wieder vorbei mit den Höhenflügen, da muss ich dann sehen wo ich bleibe…auch ungerecht, das Männer immer sooo viel stärker sind ;).
    Viel Erfolg beim trainieren,
    Mirja

    Gefällt 3 Personen

  4. Respekt!

    Zum einen das Du es versucht hast, zum anderen, dass Du ihr den nötigen Respekt zollst. Das können leider die Wenigsten!

    Ich selbst laufe ab und zu 10 km Läufe mit. Nicht wegen der Zeit, sondern um mir selber zu zeigen, dass ich es trotz schlechter Gesundheit schaffe, die 10 km in max. 1:25 zu laufen. Ich werde oft schief angesehen oder wegen der Zeit belächelt. Na und? Alleine das man sich aufrafft, dass man sich eingesteht, dass andere es aus welchem Grunde auch immer besser können, alleine das zählt. 🙂

    Gefällt 3 Personen

  5. Ich kann nur hoffen, das hier der konstruierte seppo scheint und du nicht wirklich versuchst Mann sein unser körperlichen Schwanzvergleich zu definieren.

    Kenn deine Grenzen und freu dich über ne fitte Freundin. Der Rest ist kindisch.
    Außer als Anekdote. Da geht das schon mal.

    Gefällt 1 Person

  6. Also das zu lesen war richtig motivierend! Ich glaub, ich versuche jetzt, meine Leistung auch so zu steigern, dass mein Freund bald hinter mir her hinkt… nur, um sein Gesicht zu sehen 😉
    Dein Schreibstil ist wirklich unterhaltsam, bin auch schon ein Weilchen auf deiner Seite hängen geblieben. Danke übrigens für dein Like 😉

    Gefällt 2 Personen

  7. Vielleicht wäre es vielen Männern egal, wenn die Frau „besser“ ist, aber als ♌️ wirst du so lange trainieren bis du die „Kampfmaschine“ locker in die Tasche steckst. Na dann, viel Erfolg 👍

    Gefällt 2 Personen

  8. Ach Sepp darauf schieben ich mir ein Stück Schoki in den Schlund, aber ich habe heute auch aktive Trimmung betrieben, bepackt mit 10 Kilo Babymasse in der Trage. Die Frau ist eben schon das stärkere Geschlecht, wir lassen Euch nur gern den Vortrittmit Eurem stärkeren Ego 😉

    GLG aus DD

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  9. Schön, jetzt habe ich ein wunderbar herzerfrischendes Beispiel für das schöne Sprichwort „Sport ist Mord“, was ich schon immer mehr für die Wahrheit als für eine nette Anekdote gehalten habe:). Sehr erheiternd an diesem Beitrag ist auch, dass man als Leser unmittelbar mitleiden kann. Wie siehts denn bis heute aus mit der Challenge, deine Mitbewohnerin zu schlagen?

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  10. Halte es beim Sport so wie Churchill- dennoch manchmal einige Aussetzer und es dennoch versucht, jedoch fehlt es mir da iwie an Ausdauer und Motivation, zumindest im Moment, und wenn ich dann noch solche Krimis lese. steigert das mein Begehren nach dieser seltsamen Freizeitbeschäftigung auch nicht wirklich 😀 Dir weiterhin tolle Erfolge 😉 🙂

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  11. Hipphipphallo Seppo
    Ich liebe Wortsport und betreibe ihn auch schon selber eine geile Weile!!
    Hier einen kurzen Auszug aus einem meiner heiligen Schriften 😉

    Alles was es gibt,
    ist in m/dich verliebt
    &
    alles was es noch nicht hat,
    wird auch von unserer Liebe satt

    10trum.wortpress.com
    Alles liebe pascaL A. varonier
    Ps. Danke aus ganzem Herzen für deine ExtraTexte 🙂

    Gefällt 1 Person

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