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altpapier

Ich hatte heute eine sensationelle Erkenntnis: Der Zustand der eigenen Wohnung spiegelt den der eigenen Seele wider. So gesehen waren die vergangenen Tage offenbar etwas ungünstig. Für mich und die Wohnung.

„Aufgerafft und mitgemacht!“, sagte ich zu meiner Mitbewohnerin, die allerdings gar nicht zuhause war (wie ich zu dem Zeitpunkt noch glaubte) und das Eingeständnis eines Selbstgespräches wollte ich mir dann doch nicht zumuten, was ich mir während des Aufräumvorganges auch immer wieder selbst erklärte. Und der begann im Auto, das seit einigen Wochen eine Anlaufstelle für getragenes Altpapier geworden ist, da ich mir ja unbedingt die komplette Ausrüstung eines Fitness-Studios bestellen musste. Dabei war ich keineswegs unordentlich, denn ich habe die Kartonagen stets so im Auto drapiert, dass jeder Einbruchwillige offensichtlich sehen konnte, dass es sich um leere Kartons gehandelt hat, aus denen nichts mehr zu holen war.

Übrigens fand ich unter dem Fahrersitz noch einen ungeöffneten Karton, den zu öffnen sich weihnachtlich anfühlte, da ich keine Ahnung hatte, wie lange es dort schon lag und vor allem, was drin war. Ich hatte auch an sich gar nichts vermisst. Lässt er jetzt offen, was drin war?

Bei „Mr. Wash“ gibt es eine super PKW-Innenreinigung, bei der sich geschultes Fachpersonal (Suchen die wohl noch?) in mehrfacher Ausführung sich des Auto-Innenraumes annimmt. Gut, bislang fehlte danach immer irgend etwas, aber ich hatte kurz überlegt, ob sie auch anstandslos meine Kartons entsorgt hätten. Da aber selbst ich über so etwas wie Anstand verfüge, fuhr ich dann doch eher einen Altpapier-Container an. Es ist nebenbei etwas anderes, wenn man einen Mann anfährt als einen Altpapier-Container. Ein himmelweiter Unterschied. Insbesondere für den Mann. Ich wurde mal angefahren. Von jemandem, der einen Altpapier-Container anfahren wollte.

Ich bin ein zumindest nach außen hin sehr aufgeräumter Mensch (Ich räume gelegentlich sogar meine Mitbewohnerin weg, wenn sie asymmetrisch zu irgend etwas irgendwo herumsteht.) und ertrage es nicht, wenn die Dinge nicht an ihrem ihnen zugewiesenen Platz stehen oder liegen, wenn keine Füße. Ich investiere viel Lebenszeit in Aufräumen, was seltsam ist, denn wie kann etwas unaufgeräumt sein, wenn immer aufgeräumt ist?! Das muss wohl mit meiner Mitbewohnerin zu tun habe … Die vergangenen Tage dann aber doch eher mit mir. Mir ist meine eigene Ordnung entglitten.

Gegen 16 Uhr am heutigen Montag habe ich mein Bett wieder gefunden. Es lag unter einem Haufen von Print-Erzeugnissen, die ich entgegen meiner Gewohnheit nicht gelesen habe. Zwei Artikel sind mir allerdings nicht unwichtig, zum einen das „Zeit“-Interview mit dem deutschen Ai Weiwei (da hat sich jemand mit dem Vergleich verhoben) und den „Süddeutsche“-Artikel über das blühende Afghanistan. Das es vor 40 Jahren einmal war. Auch dort brach wie in meiner Wohnung Chaos aus, nur dass mein Chaos (noch) keine Menschenleben forderte.

Die größte Überraschung im Bett war meine Mitbewohnerin. Auch sie ging in meinem Chaos verschütt. Recht irritiert blickte sie mich an, als ich das Magazin „Spiegel Geschichte“ aus ihrem Gesicht nahm.

„Schon aufstehen?“, fragte sie.

„Ah, du bist hier? Es ist Montag. Ich überwinde gerade mein Selbstmitleid.“

„Schreibst du mir eine Entschuldigung?“

„Ja. Schreiben kann ich.“, ich selbstsicher wie lange nicht mehr.

Apropos Selbstsicherheit. Stieß letztens auf einen Test, der einem sagen sollte, ob man Narzisst ist oder nicht. Leider negativ. Mir gehen entscheidende Eigenschaften eines Narzissten ab. Ich arbeite daran.

Ich habe nun einen Berg ungelesener Zeitungen auf einen Berg gelesener Zeitungen gelegt. Es ist nun ein großer Berg, den ich morgen dann entweder zu Mr. Wash oder zum Altglas gebe. Hat er sich da jetzt verschrieben? Hat er. Und er lässt es so stehen.

Während ich die toten Fliegen aus der Lampe pulte, dachte ich darüber nach, dass ich unter einem faszinierenden immer wiederkehrenden Traum aufblühe. Wollte nicht „leide“ schreiben, da das falsch wäre. Ich habe diesen Traum gegoogelt, auch wenn Traumdeutung schlicht weg widerlegt ist und komme zu dem Ergebnis, dass viele Menschen davon träumen, dass sie aus heiterem Himmel in ihrer Wohnung ein bislang unentdecktes Zimmer auffinden! So etwas fasziniert mich und wird gottseidank nicht so gedeutet, dass man eine Faust in seinem Anus wünsche oder gerne Windeln trüge, sondern dass man Raum zur Selbstentfaltung sucht. Aber nochmal: Ich glaube nicht an Traumdeutung, will nur andeuten, dass es bei mir etwas zu tun haben könnte mit meinem speziellen Verhältnis zu Wohnraum. Ich bin ganz normal. Ich sage oft zu mir selber: „Du bist ganz normal.“ Normal ist das nicht.

Aber was ist normal? Ich habe in den vergangenen Tagen soviel über das Innenleben von Menschen gelernt und festgestellt, unter extremen Situationen lassen sie tiefer blicken und überraschen oft dabei. Im Positiven, so wie ich es erlebt habe. Das baute auf.

Verdammt, es sollte ein humoriger Text werden. Den kann ich morgen liefern, während ich beim Bürgeramt, dem Amt für Bürger, dem Amt für Bürger mit Bürgerangelegenheiten, darauf warte, dass meine gezogene Nummer gezogen wird und ich mir den abgelaufenen Perso erneuern lasse. Ich werde sehr früh hin, um nicht zu spät zur Arbeit zu kommen. Ach, verdammt …

Die Ordnung ist derweil wieder hergestellt und nun ist die Frage, ob ich das Leid akzeptiere. Das Leid meines Halses, denn leider plagen mich bei bestem Sonnenschein massive Halsschmerzen. Also das ist nun wirklich Anstellerei (anders als das Anstellen im Bürgeramt, dem Amt für Bürger, dem Amt für Bürger mit Bürgerangelegenheiten), bei mehr als 20 Grad mit ’ner Verkühlung um die Ecke zu kommen. Ich lasse mich dann mal krankschreiben. Ach, verdammt …


Ohne groß Aufhebens darum zu machen, möchte ich mich für die vielen netten Kommentare zu dem vergangenen Artikel „Abschied.“ bedanken, der nach nur zwei Tagen in einer Zahl geklickt wurde, die mich umhaute, die mich sogar an den „WordPress“-Statistiken zweifeln ließ. Ausgerechnet der für mich auch deprimierendste Artikel, der aber auch manch einem aus dem Herzen sprach, hat die Messlatte sehr hoch gelegt. 🙂

27 Kommentare

  1. Kein Narzisst? Du hast doch beim Test geschummelt, gib´s zu! 😉

    Den Rest des Tages denke ich jetzt übrigens darüber nach, was in dem ungeöffneten Karton gewesen sein könnte. Was bis jetzt nicht vermisst wurde, kann ja nicht wichtig gewesen sein…

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  2. Wenn „Abschied“ die Messlatte gelegt hat, dann leg sie doch um. Irgendjemand mit vielen Klicks hat sicher mal „Aufstehen, Krönchen richten, weitermachen!“ geschrieben. Oder auch „Alles wird gut, selbst wenn es schon im Arsch ist.“ Mit anderen Worten: deine geneigten Leser lesen dich sogar gerne, wenn du dich selbst bemitleidest, gerner aber, wenn du nach oben und zur Seite statt nur nach unten schaust. Hochachtungsvoll, eine mit Erfahrungen in der Vergangenheit wie deiner. Und nun reiß dich bitte zusammen!

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  3. Danke! 🙂 Nach einem wenig schönen Tag habe ich gerade derart gelacht, dass ich mir schon Sorgen machte, es könne vielleicht etwas hysterisch klingen – und das bei geöffneter Balkontür! Die Nachbarn … 😉

    Ein Schleudertrauma durch heftiges Kopfnicken dann hier: „Zwei Artikel sind mir allerdings nicht unwichtig, zum einen das „Zeit“-Interview mit dem deutschen Ai Weiwei (da hat sich jemand mit dem Vergleich verhoben) […]“ Danke! Viel schöner ausgedrückt, was ich kürzlich viel unschöner anmerkte. 😉

    „Abschied“ habe ich auch gelesen. Sogar einen Kommentar angefangen, aber wieder abgebrochen, weil er sich so doof las. Dabei konnte ich alles so gut verstehen. Das nur nebenbei.

    An dieser Stelle ganz herzlichen Dank, dass Dein Blog mir öfter schon den Tag gerettet hat, und einen herzlichen Gruß!

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  4. na ja , so ein bisschen Humor guckt da schon um die ecke in deinem Text ,so mit einem lachenden und einem weinenden Auge . Wenigstens ist deine Mitbewohnerin nicht im Altpapier -Container gelandet wie ich schon befürchtet hab.
    Nein , normal bist du nicht und das ist auch gut so .
    Normalos sind nämlich schrecklich langweilig , da weißt du ja heute schon was es in zehn Jahren sonntags zu essen gibt.
    die Traumdeutungsrelevanz würde ich nicht so ganz in die Ecke schieben , da ist schon was dran , nur nicht gerade diese Mysterien. Träume sage schon etwas über das Seelenleben aus . Ist übrigens ein gutes Blog-Thema … Wusstest du eigentlich das selbst massive Halsschmerzen auch psychisch bedingt sein können ?
    Dass dein Abschied – Artikel so viel Zuspruch erntet wundert mich nicht , schließlich leidet manch einer von uns ja doch so ein bisschen mit euch mit .

    Jetzt wünsch ich noch einen schönen Abend und mit einen Schulter klopfen schleicht sich die wolfskatze aus dem Revier … 🙂

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  5. Dann brauche ich mehr Selbstentfaltung. Aha. Ich träume sowas dauernd… aber im Grunde, träume ich dann doch von ganzen, riesigen Häusern, und unverschämten Luxus… *g* Kommt wohl daher, dass ich eine geplagte normale Mieterin in normalen, nervigen Mehrfamilienhäusern (Mietshäusern) bin. Da träumt man schonmal von einem besseren Leben mit mehr Zimmern und noch einem Garten und ein wenig privater Sphäre und so weiter und so weiter… normal, denke ich. Alles normal! 😉

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  6. Unglaublich, wie man, ohne ein Narzisst zu sein in dieser Gesellschaft noch überleben kann. Aber dass es dazu einen Test gibt, macht wohl deutlich, wie wenig Menschen wissen wer sie eigentlich sind, wenn ein Test es ihnen verraten muss.. HMhhh..

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  7. Herzlichen Glückwunsch zu dieser wichtigen Erkenntnis!!
    Super Spiegel – mach mal weiter mit dieser Wohnungs-Analyse. 🙂

    Das Leid deines Halses ist vielleicht das Leid, das du nicht wagst bei diesem täglichen Irrsinn herauszuschreien….könnte ja sein 😉

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