Sie ist nicht mehr dazu bereit, mit einer Atombombe im Haus zu leben

atom

„Ich bin nicht mehr dazu bereit, mit einer Atombombe im Haus zu leben!“, exklamierte gestern meine Mitbewohnerin.

Ich verstehe ihren Missmut, fühle mich selbst aber mit so einer Atombombe im Hause sehr sicher. Wegen der Abschreckung. Welcher Idiot würde beispielsweise in dieses Mehrparteienhaus einbrechen?! Wer schon einmal über eine Atombombe gestolpert ist, kennt dieses mulmige Gefühl dabei, weil man ja automatisch denkt, sie seien sehr empfindlich, diese Waffen. Sind sie aber nicht, was ich auch immer wieder meiner Mitbewohnerin sage:

„Wenn die da nur so rumliegt, kann im Grunde nichts passieren. Man kann auch gegenstoßen, die zündet nicht sofort.“

Alle anderen Maßnahmen gegen Einbrecher bringen eher wenig bis nichts, denke ich mir, und außerdem ist es ja nicht unsere Atombombe, sondern die, die unser Nachbar Herr Kitzler gebaut hat. Und wer bin ich, jetzt hoch zu gehen, zu Herrn Kitzler, und zu sagen:

„Bitte entsorgen Sie Ihre Atombombe!“?!

Denn jemand mit einer Atombombe hat immer das schlagkräftigere Argument in seiner Hand.

Alles nahm im vergangenen Jahr seinen Anfang, als unser Haus Opfer einer Einbruchserie wurde. Es stellte sich heraus, dass Herr Kautsch der Täter war. An ihn hatte niemand gedacht, denn Herr Kautsch wohnt ebenfalls in diesem Haus. Ganz oben. Man bekommt ihn selten zu Gesicht, da er eigentlich in Bamberg oder so ein Möbelhaus leitet. Nomen est omen. Doch bei seinem letzten Bruch hatte er die Rechnung ohne Herrn Kitzler gemacht: Herr Kautsch stolperte während Ausübung seiner Untat über Herrn Kitzlers Atombombe in dessen Flur, brach sich alle Beine und lag dann wenig mobil bis zum nächsten Morgen dort herum, wo Herr Kitzler ihn auflas und des Einbruches überführte. Herr Kautsch wohnt noch immer hier, denn das Mietrecht sieht nicht vor, dass man Einbrechern die Wohnung kündigen kann mit der Begründung, sie seien Einbrecher.

Herr Kitzler ist dement. Schwerst dement. Unvergessen der Nachmittag, als er ins Treppenhaus stürzte und das Haus zusammenschrie:

„Hier liegt eine Atombombe in meiner Wohnung!“

Was haben wir gelacht! Hat der arme Irre selbst vergessen, dass er Bombenbastler ist! Sein Wissen hat er sich aus seinem früheren Job bewahrt: Er war Bombenbauer bei einem deutschen Rüstungskonzern. Nach seiner Pension hat er seinen Beruf zum Hobby gemacht. Aber Herr Kitzler ist nicht unfehlbar. Hin und wieder kam es schon zu leichten Verpuffungen in seiner Wohnung und auch das wurde ein gewohnter Anblick, wenn Herr Kitzler mit rußverschmiertem Gesicht aus seiner qualmenden Wohnung stürzte und „Feuer! Feuer!“ rief. Was haben wir gelacht! Der arme irre Bombenbauer von Oberbilk.

„Wir sind hier absolut sicher“, sage ich meiner Mitbewohnerin immer, „denn die Bombe liegt ja nicht in unserer Wohnung. Das ist hier massiver Altbau. Herr Kitzler wird zwar seine Wohnung nach einer versehentlichen Detonation neu tapezieren müssen, aber uns betrifft das nicht.“

Und ich lasse mir von einer Atombombe nicht die Stimmung verhageln. Ich mache es mir gemütlich in der neuen Ära unserer Menschheitsgeschichte, im Postfaktischen. Ein paar Beispiele:

Alle reden von Altersarmut. Die gibt es nicht. Aber man kann Politik damit machen, weil die, die noch wählen, eben überwiegend die Rentner sind. Die Fakten interessieren nicht. Und wenn, das sind es Fakten der Lügenpresse.

Putin ist nicht gefährlich. Denkt die SPD. Beziehungsweise gibt sie gerade vor zu denken, denn sie braucht dringend etwas, um sich von der CDU abzugrenzen. Und gerade in Ostdeutschland erfreut sich Putin einer gewissen Beliebtheit, die ich übrigens nicht nachvollziehen kann.

Oder: Frauen verdienen 20 Prozent weniger als Männer. Das mag sein, aber es betrifft nicht die gleiche Arbeit. Die Zahl ergibt sich aus Benachteiligungen durch „Familienpausen“ oder die Wahl „schlechterer“ Berufe. Liest man nicht gerne, oder? Es ist aber eine Tatsache. Mit der Einschränkung, dass es in außertariflichen Jobs in eingeschränktem Maße durchaus vorkommt, was ich natürlich absolut verurteile. Doch jene 20 Prozent stimmen eben nicht, aber es lässt sich hervorragend damit Lobbyarbeit verrichten.

Klimawandel: Wird geleugnet ohne Ende, der Weltklimarat als Lügner dargestellt – von Gruppen, die selber weder forschen noch veröffentlichen. Fakten werden nicht akzeptiert. Die Erderwärmung ist bewiesen und es ist im Grunde schon egal, ob sie menschengemacht ist oder nicht, sie ist da. Egal, wie kalt der Winter wird.

Flüchtlinge sind krimineller als Einheimische: Stimmt nicht. Zuvorderst sind es Menschen in Not. Wird erstaunlich oft vergessen. Aber nicht ohne Grund nennt man sie „Flüchtlinge“. Sie flüchten. Nicht aus Spaß.

Atombomben sind gefährlich: Stimmt.

Woran liegt es, dass plötzlich ganz grundsätzlich Fakten in Frage gestellt werden? Wohin führt das? Ein Trump kann unversehrt lügen. Selbst seine Anhänger wissen, dass er lügt. Sie wissen im Gros, dass er lügt! Und werden ihn dennoch wählen. Was geschieht mit Gesellschaften, wenn sie plötzlich Verschwörungstheoretikern auf den Leim gehen? Verliert Trump, werde er das Ergebnis anzweifeln. Gewinnt er, sähe er sich nur bestätigt. Passt doch nicht zusammen. Wenn wir aufhören, an Fakten zu glauben, gerät unser komplettes Gesellschaftsgefüge aus den: Fugen. Dann ist alles möglich und vieles unmöglich. Das macht mir in diesen Tagen zunehmend Sorgen, denn nur auf Fakten kann man angemessen reagieren. Leugnen wir den Klimawandel, werden wir nicht reagieren. Trump leugnet ihn, könnte das jüngste Pariser Abkommen aufkündigen, was er bereits angedeutet hat. Die Bundesregierung stellt sich auf Albtraumszenarien ein, sollte Trump allen Ernstes Präsident der USA werden (sofern er sich nicht plötzlich mäßigt, wozu der Kongress ihn zwingen könnte). Aber wie reagiert man auf einen Verschwörungstheoretiker, der die Wahrheit immer auf seiner Seite hat? Einem solchen kann man ja gerade nicht widersprechen, weil der Widerspruch Teil seiner Ideologie ist.

Der Mensch hatte schon immer Phasen, in denen Fakten nicht wichtig waren. Ich will hier nichts gegen Religionen sagen, aber manche tun sich schwer, gewisse Fakten endlich auch offiziell als solche anzunehmen. Ich muss es wohl dazusagen, dass das Christentum, was Fakten anbelangt, keine rühmliche Rolle einnimmt. Vermutlich ist es schwer, unliebsame Fakten zu akzeptieren, sodass man sich aus Angst in Verschwörungen rettet. Verschwörungen sind Instrumente der Macht. Hier sind Menschen am Werk, die nur eines wollen: Macht.

Erleben wir gerade den Anfang des Gegenteils der Aufklärung? Die enormen Fortschritte, die der Mensch nun einmal gemacht hat, ob in der Bekämpfung von Krankheiten, insbesondere Seuchen, oder auf dem technologischen Sektor, sind Faktentreue zu verdanken. Würden wir noch immer von einer Erde als Scheibe ausgehen, hätten wir noch immer die Nordwestpassage nicht gefunden. Und wenn Frau Clinton ein Reptiloid ist, wie jüngst bei „Domian“ bekannt wurde, dann ist mir das recht, solange sie Trump verhindert, obwohl sie lediglich die Zweitbestlösung darstellt. Überhaupt Facebook. Ich nutze es ja exzessiv, aber ich weiß immerhin darum, dass Facebook als Nachrichtenquelle zusammen mit anderen sozialen Medien den Aufstieg von Demagogie und Ablehnung von Fakten erst möglich(er) gemacht hat. Wenn mir meine Chronik dank der unseligen Algorithmen nur noch die Nachrichten anzeigt, die ich bevorzugt konsumiere, muss sich ja auf Dauer mein Weltbild in die eine oder andere Richtung verzerren. Diese Form der Nachrichtenquelle hat mit Journalismus nichts mehr zu tun. Es geht nicht darum, den Menschen das zu geben, was sie wollen. Es muss darum gehen, ihnen das zu zeigen, was sie wissen müssen. Das hat eine Zeit lang gut funktioniert. Und sie waren mündig dabei, was einem pluralistischen und nicht gesteuerten Journalimus zu verdanken ist. Natürlich lese ich die vermeintlich konservative FAZ und werde deshalb mitunter angefeindet. Aber ich bin eben so schlau, nicht nur das zu lesen, was mich bestätigt! Dann könnte ich ja gleich ausschließlich die „Vorwärts“ konsumieren.

Facebook ist das Gegenteil von Pluralismus, auch wenn es immer so tut, als wäre es der in Reinform.

Herr Kitzler stand heute Morgen vor meiner Wohnungstür, als meine Mitbewohnerin bereits fort war:

„Herr Flotho, ich fahre für ein paar Tage zu meiner Schwester nach Ulm. Wären Sie so freundlich, solange auf meine Atombombe aufzupassen?“

Und ich kann ja schlecht nein sagen. Jetzt sitze ich hier. Mit dieser Atombombe und habe etwas Angst, dass das hier jemand glauben könnte. Denn es ist natürlich ein Faktum (schönes DDR-Wort, klar, nicht aus dem Deutschen, ich weiß, ich weiß …), dass ich keine Atombombe habe.


Oder doch? Verbreiten wir die Kunde via Facebook.

16 Kommentare

  1. Seit einiger Zeit lese ich hier mit (weil sich Ihr Laufblog 100 Prozent irrtümlich zu mir verirrt hat) und ich liebe diese Texte! Weil sie erstens sehr wortreich und witzig geschrieben sind und weil ich oftmals bis zum Schluss nicht weiß, wo die Satire anfängt und wo sie aufhört!

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  2. Hat das Display Deiner Atombombe auch vier so wunderbar grosse, rote LED-Ziffern (ja, die aus den 7 Balken zusammengestellten Achten und dem Doppelpunkt zwischen den Zahlenpaaren), die unser aller Bond, James Bond, den Hinweis geben, wie lange er noch herumalbern darf, bis er das Teil wirklich entschärfen muss? Dann hast Du wohl eine aus dem gleichen Baukasten wie ich … 😉

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  3. Ich wusste nicht, dass Deine Mitbewohnerin Nombeko heißt und Du dann vermutlich in Wahrheit Holger (ich hoffe, Holger 2). Oder bist Du doch der 100-jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand? Anyway, das erste Buch aus den Bestsellerlisten seit langer, langer Zeit, das ich gerade mit großem Genuss lese. Ich hab mich schon immer gefragt, was sie mit der Bombe machen, aber sie ist ja (noch) bei Euch.

    Es ist wie mit der Angst vorm Fliegen (obwohl beim Autofahren viel mehr Menschen sterben) oder mit den Ärzten, die ach, viel zu wenig Geld verdienen. Alles eine Wahrnehmungs-Störung.

    Im Übrigen ist das Leben im Haus mit einer Atombombe gar nicht so übel. Denn wenn sie explodiert, erwischt es Euch mit 100-Prozentiger Wahrscheinlichkeit direkt. Was deutlich besser ist, als außerhalb des 58-Kilometer-Radius allmählich dahinzusiechen oder Nachkommen mit drei Armen und fünf Augen zu zeugen. Moment noch mal, wie weit war Düsseldorf noch mal weg?….

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  4. Ach, die Wahrheit wird überbewertet. Das erklärt Trump nicht.

    Aber wie erklärt man diese Auswahl an Kandidaten? Seine Mitbewerberin pfeift auf Regeln und Gesetze und lässt das aus ihrem Hosenanzug raushängen. Der dritte im Bund war Kasich, der sich bei Lehman Brothers auszeichnete, bevor er in die Politik ging.

    Wo ausser in den USA kann man eine Tätigkeit bei LEHMAN BROTHERS als Referenz für einen Posten als Gouverneur und später Präsident anbringen?

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    • Als Abschreckung für Einbrecher dient das Ding nur, wenn ihr deutlich sichtbar einen Warnhinweis am Haus anbringt. So in etwa: Werter Dieb, es empfiehlt sich beim Einbruch in dieses Haus einen ABC Schutz-Anzug zu tragen.

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  5. Schön, Herrn Kitzler wieder zu haben! 😉

    Bezüglich „Alle reden von Altersarmut. Die gibt es nicht.“:

    2015 haben nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes über 500.000 Personen über 65 Jahren Leistungen der Grundsicherung im Alter erhalten. Das mag, gemessen an der Gesamtzahl dieser Bevölkerungsgruppe, zu vernachlässigen sein, aber für diese halbe Million ist die sogenannte Altersarmut absolute Realität.

    Es gibt sie vielleicht nicht weit verbreitet, aber es gibt sie, die Grundsicherung langt nämlich sicherlich nicht für „spätrömische Dekadenz“. 😉

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    • das stimmt natürlich. aber es liest sich derzeit so, als wäre es ein wachsendes problem. das ist es nicht. aber natürlich, es ist ein problem. es ist wie mit der schere zwischen arm und reich. es gibt sie zweifellos. aber sie wächst – in D – nicht. aber dennoch: man muss sie schließen.

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      • Auch hinsichtlich der Schere kann man geteilter Meinung sein. So schreibt der „Stern“:

        „Nach Daten des Statistischen Bundesamts verfügen die obersten zehn Prozent der Haushalte über 51,9 Prozent des Nettovermögens – die untere Hälfte nur über ein Prozent. Diese jüngsten Zahlen zeigen den Stand von 2013. Im Jahr 1998 hatten die reichsten zehn Prozent nur 45,1 Prozent, die unteren 50 Prozent 2,9 Prozent des Vermögens.“

        Und auch hier gilt: Prozentual zu vernachlässigen, aber trotzdem vorhanden.

        Ich möchte das aber auch gar nicht zur Grundsatzdiskussion auswälzen. Das wäre witzlos, wir sind uns schließlich weithehend einig. 🙂

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        • ich lasse mich auch gerne eines besseren belehren. ich lehne nur ein „früher war alles besser“ ab, was i h dir aber auch nicht unterstelle. und ich sage das, obwohl ich eher zu den unteren prozenten gehöre. aber ja, wir sind uns einig. gegen einsicht meinerseits spricht aber nichts, das geht einem im netz ja gerne mal ab.

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  6. Also auch wenn der Seppolog nichts mit meinem Blog zu tun hat, und dementsprechend eigentlich gar nicht meine Nische ist, so ist er der erste Blog den ich abonniert hatte, als ich angefangen habe und den ich bis heute noch komplett lese (und nicht nur überfliege).
    Auch diesen Artikel habe ich wieder zu gerne gelesen. Wunderbar geschrieben und spricht mir aus der Seele. Ich frage mich wirklich, wie du es jedes Mal wieder und vor allem ständig schaffst, prima Artikel in kurzen Intervallen zu schreiben. Mir würde da wahrscheinlich die Puste ausgehen. Insofern mal: Großes Lob. Faktum.

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