Düsseldorf

Vierte Runde im seppoABC und ich muss mich zurückhalten. Denn der Buchstabe D steht an und was liegt da näher, als über Düsseldorf, meine Wahlheimat, zu schreiben?!

Dessous? Deodorantmissbrauch? Donnerkuppel? Das alles, Düsseldorf inklusive, sind Vorschläge findiger Leser, nachdem ich zur Ideenfindung zum Buchstaben D aufgerufen habe. Doch was zur Hölle sollte ich über Dessous schreiben?! Ob ich welche trage?! Nein, tue ich nicht. Ich finde, dass Männer drei Dinge nicht tragen sollten: Dessous, Röcke und Windeln, da alle drei die Männlichkeit stark konterkarieren. Ich schränke jedoch ein, was die Windeln angeht, da ich durchaus annehme, in einem hohen Alter, sofern es für mich vorgesehen ist, wieder auf Windeln umsteigen zu müssen. Doch, sagen wir mal, als Erotikfetisch kommen Windeln für mich nicht in Frage.

Vermutlich zielt der „Dessous“-Vorschlag auch eher auf die Frage ab, ob sie in meinem Liebesspiel eine Rolle spielen. Da dieses jedoch auch meine Mitbewohnerin berührt, hülle ich mich in diesem Punkt in Schweigen. Aber eben nicht in Dessous.

Im seppoABC geht es nicht um irgendwelche Begriffe; es geht um solche, die etwas mit meinem Leben zu tun haben. Daher ist mir völlig schleierhaft, warum mir eine Leserin „Despot“ vorschlug! Ich lebte bislang unter Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel, alle drei beiden wie auch ich gehen wohl kaum als Despoten durch, sodass mich der Despotenbegriff nicht berührt. Eher schon ein anderer Vorschlag: „Dauererektion“. Aber auch der trifft mich nicht zu hundert Prozent, auch wenn er meine unfassbare Manneskraft geradezu herausfordert, was daran zu erkennen ist, dass ich ihn überhaupt hier erwähne, anders als den Vorschlag „Drahtesel“, den ich hier verschweige.

Wobei, verdammt!, er betrifft mich durchaus, der Begriff des Drahtesels. Mir als Münsteraner wird ja immer wieder unterstellt, ich führe viel und gerne Fahrrad. Das stimmt allerdings nicht, denn ich hasse Radfahren geradezu und besitze seit neun Jahren auch kein Fahrrad mehr. Ich finde Fahrradfahren sogar ziemlich scheiße. Ich könnte also durchaus vieles dazu schreiben, doch ich lehne den Begriff „Drahtesel“ schlicht ab, da warte ich doch lieber, bis der Buchstabe F kommt. Oder L für „Leeze“, was wiederum einen Bezug zu meiner maximalgeschätzten Heimatstadt herstellt, wenn auch niemand in Münster wirklich „Leeze“ zu seinem Fahrrad sagt, wie uns Münsteranern ebenfalls gerne angelastet wird. Wir sagen: „Fahrrad“, wenn wir Fahrrad meinen. Allerdings sagen wir „Schont“, wenn wir Klo meinen.

Wie dem auch sei, danke ich für die Vorschläge und bitte darum, das lange Wochenende damit zu verbringen, über einen Begriff mit E zu sinnieren, da ich selbst immer wieder feststelle, dass meine Fantasie an derselben Aufgabe scheitert. Ich bin sehr, sehr dumm.

Dumm! Das wäre doch ein Begriff mit D gewesen, doch nun bleibe ich bei Düsseldorf.

Eine Anekdote, die ich hier schon oft zum Besten gegeben habe, darf nicht fehlen, heute allerdings in gekürzter Fassung: Als ich in meinen ersten Tagen hier in Düsseldorf, es war im Mai 2008, die ersten Male laufen ging, verschlug es mich in den Stadtteil Rath, wo es meiner Sprache gleichgetan wurde: Es verschlug sie mir. Warum? Weil ich das Gefühl hatte, mich in einer osteuropäischen Stadt zu den düstersten Zeiten des Kommunismus aufzuhalten. Verfallene Straßenzüge und eine runtergekommene Verkehrsinfrastruktur. Ich war ohne Scheiß schockiert. Dabei stellt Düsseldorf sich selbst doch immer als X-Metropole dar. Mal steht X- für Mode-, mal für Shopping-, mal für Banken- oder Finanz-. Die Düsseldorfer haben ein erstaunliches Selbstverständnis, das an der Realität konsequent vorbeigeht, wobei „die“ Düsseldorfer natürlich Unsinn ist, denn es ist lediglich eine Elite, die so denkt, beziehungsweise es sich erlauben kann, so zu denken.

Düsseldorf hat schöne Ecken. Wie jede Stadt. Je näher man dem Rhein mit der Altstadt kommt, desto schöner wird die Stadt. Und zwar wirklich schön. Zwar ist die „Kö“ genannte Köngisallee nur noch Schatten ihrer selbst aus den vielleicht 50er-Jahren,

Sind Sie mal in Münster, besuchen Sie auf jeden Fall den Prinzipalmarkt, eine Einkaufsstraße, die so in Europa, ach was!, in der Welt jedem Vergleich standhält. Wer die Kö toll findet, der war noch niemals auf dem Prinzipalmarkt! Ich erlaube mir, eine Fotografie anzufügen, die die Prachtmeile zeigt (Quelle: Mindener Tageblatt):

So, und womit hält Düsseldorf dagegen? Hiermit:

Da, hinter den Autos irgendwo. Verkehrsberuhigt? Kennt man hier nicht. Warum? Weil die dort „shoppende“ (also sich zeigende) Klientel hier ihre Autos präsentiert. Ich bin mal aus Spaß mit meinem kleinen, roten Toyota über die Kö gefahren. Ich war nicht erwünscht.

doch ist der Rest der und rund um die Altstadt wirklich gelungen, auch wenn auf dem Burgplatz weit und breit keine Burg zu finden ist. Sie haben sie nie wieder aufgebaut. Münster übrigens hat ein Schloss!

Die Düsseldorfer beeindrucken mich mit ihren Bauvorhaben, besonders mit den vollendeten. Mein Eindruck ist, sie ziehen diese durch. Dass die Stadt seit Jahren eine einzige Baustelle ist, finde ich – völlig unironisch! – gut, da es nur zeigt, es tut sich etwas. Da wurde viel Geld in die Hand genommen, um beispielsweise den Kö-Bogen rund 70 Jahre nach dem Krieg wiederherzustellen und das historische Stadtbild wieder zu rekonstruieren. Und mich beeindruckt die fertiggestellte neue U-Bahnlinie mit ihren herausragenden Bahnhöfen, über die die Weltpresse berichtet hatte. Düsseldorf steckt neben Geld auch Bürgerbeteiligung in den Städtebau und rühmt sich zurecht dieser daraus entstehenden Leuchttürme.

Die allesamt im Stadtkern stehen. Denn offenbar wird vergessen, dass es auch Wohnraum geben muss, der nicht unbedingt aussehen soll wie eine Barackensiedlung, was er mitunter aber tut. Natürlich übertreibe ich, ich will es aber plakativ herüberbringen. Denn es herrscht eine enorme Diskrepanz zwischen dem Düsseldorf, das den Touristen gezeigt wird (Rhein, Altstadt) und dem Teil, wo das Gros der Düsseldorfer wohnt. Und klar, es gibt auch schöne Wohngegenden. Und natürlich, es ist wie in jeder Stadt: Es gibt generell schöne und miese Ecken. Aber wenn eine Stadt inklusive eigener Propagandagazette, Rheinischer Post, über Gebühr mit sich selbst prahlt, wird ein tatsächlicher Kontrast noch viel stärker offenbar. Es gibt hier unzählige Ecken, wo ich mich nachts nicht blicken lassen würde. In einer davon wohne ich.

Dann zieh doch weg!, wird der ein oder andere mir nahelegen und damit nicht ganz Unrecht haben. Doch lehne ich Düsseldorf ja nicht in Gänze ab, identifiziere mich auch nach neun Jahren hier nicht einmal mit der Stadt, sondern betrachte das Stadtleben eher als Außenstehender und das mitunter amüsiert, von oben herab, was man sich als Münsteraner natürlich leisten kann, zumal Arroganz in Düsseldorf gar nicht heraussticht. Und dass kaum eine Stadt mit Münster mithalten kann, ist ja bekannt; ich muss es gar nicht erwähnen, nicht einmal beiläufig und dabei tuend, als würde ich es nicht erwähnen.

„Einen alten Baum verpflanzt man nicht“ galt für mich schon in jungen Jahren. Nur widerwillig verließ ich Münster für eine atemberaubend steile Medienkarriere, die beispiellos in dieser Branche ist. Vier Jahre lang waren meine Mitbewohnerin und ich unter der Woche voneinander getrennt und erst als sie dann zu mir zog, wurde mein Leben hier vollständig. Auch sie hat Jahre gebraucht, fünf etwa, um sich an den Moloch zu gewöhnen, sie schätzt ihn inzwischen ähnlich wie ich. Vielleicht ist es eine Hassliebe.


Ich habe nun dem ersten Anschein nach auch Düsseldorfer Leser beleidigt, weise aber darauf hin, dass ich lediglich meine persönliche Meinung äußere und nicht den einzelnen Düsseldorfer beleidige, was ich ja auch gar nicht kann, da ich nicht jeden kenne. Ich staune nur über die herrschende Arroganz in dieser Stadt, die sich für mich als Außenstehenden gar nicht im tatsächlichen Stadtbild widerspiegelt. Ich finde zwar selbst die Fehde zwischen Düsseldorfern und Kölnern etwas albern, sie gehört wohl zur hiesigen Folklore, aber wie größenwahnsinnig muss man sein, sich mit Köln zu vergleichen?! Sucht Euch einen ebenbürtigen Gegener. Bochum vielleicht.

Ansonsten rate ich, Euch nicht von einem Provinz-Westfalen beleidigen zu lassen.


16 Kommentare

  1. Der Vergleich könnte mit Hannover zu Berlin einhergehen, deren Provinzgrößwahn sich seit der Expo 2000 deutlich erhöht hat. Schön isse ja, aberein Vergleich mit einer Stadt wie Hamburg oder Berlin … naja. Ist wohl geschmacksache. Da passt Leipzig eher – Einwohner- und Flächenzahlen ähneln sich. Noch bsser finde ich den Vergleich mit Dublin, was die Umgebung wieder mächtig einschränkt. Ist eben eine andere Kultur und noch dazu so schön bunt … da kann Hannover nicht mithalten. Hier fehlen eindeutig Pub und Whiskey … auch wenn vereinzelte Restaurants es hier und da mal versuch(t)en.
    … ich schweife ab.
    Vielleicht sollte sich D mit H vergleichen und dann auch noch mit B …
    lg aus Y.

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  2. Ich bekunde ebenfalls Solidarität. Auch wenn ich nicht direkt in D’dorf wohne (wäre aber die nächste Großstadt), ich glaube, Hassliebe trifft es für die meisten mir bekannten Zugezogenen. Auch die freiwillig gekommenen (ich nicht, war ursprünglich arbeitsbedingt).

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  3. Ich mag Düsseldorf ,dieDEG Eishockey,sooft ich kann, schauen wir uns Spiele live an . Düsseldorf hat was..die Altstadt ,das Rheinufer ,eine Vielfalt guter Restaurants .
    Aber unser schönes ,gemütliches Aachen ,hat für mich noch mehr flair.

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  4. Das Schloss in Münster ist dann wohl Wilkinghege, wo die niederländische König und anfallsweise sogar ich residiere, wenn wir unsere jeweilige Heimat verlassen.

    In unseren Kreisen wohnt man nämlich nicht, nächtigt sowieso nicht, sondern man residiert. Das allein schliesst einen Aufenthalt in D’dorf ja quasi aus. Da kann ich ja auch in Eigelstein hausen oder in Duisburg.

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  5. Sich im Namen von Städten beleidigt fühlen ist doch auch… also. Kann einem doch egal sein, was andere vom Heimatmoloch halten, Hauptsache, einem selbst gefällt’s. So viel Selbstbewusstsein muss sein. Sonst scheint ja doch irgendwo ein wunder Punkt zu sein 😀
    Schöne Grüße aus der fettesten Mega-City des Ruhrgebiets, Bochum 😉

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  6. E, wie: Eiweiß, Enzyklopädie, endoplasmatisches Reticulum (ich bin so geschädigt durch diesen Begriff.. :D), Einhorn, Erektionsstörungen (den hast du herausgefordert), Einparkhilfe, Eselsbrücke, Essensumstellung, Existenz(ängste)… Elektrogeräte (ich denke da an einen alten Eintrag… Wie geht es der Waschmaschine?), Einmachgläser…

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  7. E wie Essen … die Stadt meine ich nicht, aber das geht natürlich auch. Erwerbsminderung(srente) … wenn du was darüber wissen möchtest kann ich Dir genug Stoff liefern. E wie Eisen, Eisenhandel oder E-Bike … ach, so. Du fährst ja nicht Rad, dann sicher auch kein eBike. Vielleicht ist noch Erdbeere interessant, weil bald wieder Saison ist. Einkauf und Ende … daran wollten wir besser nicht denken … Ergonom, Enddarm und Einsamkeit, Einschneidend, Elend und Engagiert. Egoman … Entern (Schiff und Piraterie).
    So. Mehr fällt mir grad nicht ein.

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  8. Hey, wäre ich Schlemihl aus der Sesamstraße, würde ich versuchen, Ernie ein E zu verkaufen. Nicht nur, weil Ernie mit E anfängt, sondern auch weil viele andere schöne und tiefgründige Begriffe das E als Anfangsbuchstaben haben: Empathie, Energie, Enthusiasmus, Expedition…

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