„Dass du dich nicht schämst!“

Ich brauche immer einen Spruch, eine Phrase, derdie mich über den Tag bringt. Das können Eigenkreationen sein oder im Volksmund bereits etablierte Bonmots. Ganz vorn dabei ist derzeit – leider nicht von mir, sondern von Kollegen Simon wieder ins Leben gerufen – der Ausspruch:

„Dass du dich nicht schämst!“

Passt immer. Egal, was jemand sagt, mit dieser Sentenz verfügt man immer über eine passende Replik auf Gesagtes. Wobei ich einschränke: Es mag zwar grammatikalisch eine passende Antwort sein, inhaltlich kann sie mitunter Verwirrungen stiften.

„Seppo, ich hab mal deine Handtücher mitgewaschen“, informierte mich jüngst mein Berliner Mitbewohner.

Drei Tage pro Woche weile und arbeite, arbeite und weile ich in Berlin, wo Havel, Spree, Mosel, Rhein, Donau und Ems sich kreuzen. Die näheren Umstände meines Daseins als Kosmopolit kann der Interessierte in dieser Serie nachlesen! Ich wollte es nur erwähnt haben …

Nennen wir jenen Kollegen, der übrigens kein Berliner, sondern ein Rhöner ist, der Einfachheit halber Butzi und Butzi hat sich ein wenig in unsere Waschmaschine verliebt. Und das zurecht! Denn: Sie verfügt über eine Innenbeleuchtung der Waschtrommel! Wahnsinn! Und sie arbeitet völlig lautlos auch bei 1.600 Umdrehungen. Ich kann Butzi also verstehen, der hier eingeführt wurde mit dem Satz:

„Seppo, ich hab mal deine Handtücher mitgewaschen.“

Und was soll man groß dazu sagen? So denn:

„Dass du dich nicht schämst!“

„Was?! Warum?! Ich hab doch nur …“

Das also ist ein Beispiel einer Situation, wo der Ausspruch inhaltlich eben nicht passt. Doch diesen Nachteil gleicht sein Vorteil aus, dass man ihn mit einer angenehmen Empörung unterlegen kann, wodurch einem die Aufmerksamkeit aller Umstehenden oder -sitzenden gewiss ist. Meist erntet man auch Zustimmung:

„Ja, echt, Butzi, dass du dich nicht schämst!

Auf diese Weise entsteht auf inhaltlich mauer Basis ein angeregtes Gespräch. Übrigens hasse ich Weichspüler. Ich wasche immer ohne. Weichspüler ist was für entsprechend weiche Eier.

Zu dem Handtücher-Vorfall hätte der heutige Tagesspruch besser gepasst.

„Seppo, ich hab mal deine Handtücher mitgewaschen.“

„Kannste nicht bringen!“

Inzwischen ein Klassiker unter den geistlosen Bemerkungen, der aber immer wieder einigermaßen kompatibel mit vorab getätigten Aussagen ist.

Wichtig ist mir zu erwähnen, dass ich ausgesprochen dankbar dafür bin, dass Butzi meine Handtücher mitgewaschen hat. Ein „Kannste nicht bringen“ führte an sich in die falsche Richtung, konnte ich also an sich nicht bringen.

Überhaupt diese Handtuchnummer. Ich kann mir nie merken, welche meine sind.

„Die auf der rechten Seite!“, sagt mir Butzi dann und ich verschweige, dass ich die linken bereits benutzt habe. Ähnlich erging es mir vergangene Woche in Düsseldorf, wo meine Mitbewohnerin den Zahnbürstenaufsatz mit dem pinken Ring nutzt, ich den mit dem blauen. Diese gender-gerechte Aufteilung ist Zufall, da ich auch gerne meine Bürste mit dem pinken Ring versehe. Und exakt deshalb kam ich durcheinander. Ich fragte meine Mitbewohnerin:

„Ich hab doch die pinke Bürste, oder?“

„Nein! Die blaue!“

„Achso. Ja, wusste ich.“

„Du hast meine benutzt, oder?“

„Äh … ja. Also ich dachte, mir wäre die pinke eben weil es nicht zu mir passt. Das war meine Eselsbrücke.“

„Ich nehme mir eine neue und schreibe meinen Namen drauf“, sagte sie nur und ging Oral-B-Bürstenköpfe kaufen, die sehr, sehr teuer sind.

„Dann kann ich ja den pinken weiter benutzen?“

„Dass du dich nicht schämst!“

In Berlin übrigens habe ich einen pinken Bürstenkopf, was zusätzliche Verwirrung stiftet, allerdings bin ich alleiniger Nutzer der elektrischen Zahnbürste. Glaube ich zumindest.

„Kannste nicht bringen“ habe ich heute – es ist Dienstag – bereits mehrere hundert Male benutzt.

„Ich parke da vorn, Seppo, oder?“

„Kannste nicht bringen!“

„Seppo, soll ich was vom Lidl mitbringen?“

„Kannste nicht bringen!“

„Hast du da wieder eine Beule am Kopf von der Dachschräge?“

„Kannste nicht bringen!“

„Was?!“

„Äh … dass du dich nicht schämst!“

Miese Falle. Denn nicht jeder Spruch passt immer, sodass sich ein gewisser Vorrat an solchen [Synonym für „Sprüchen“ einsetzen] empfiehlt.

„Seppo, hier steht noch ‚Red Bull-Cola‘ rum. Kannst du dir gerne nehmen!“

„Ich brauch nicht viel.“

Mein Favorit. „Ich brauch nicht viel“. Hatte seine Hochphase allerdings bereits im Jahr 2015. Ein Jahr später, ich arbeitslos, brauchte ich durchaus viel, sodass der Spruch einige Monate lang aussetzen musste. Inzwischen erlebt er seine Renaissance.

Ist gar nicht mein Favorit! Denn nichts geht über

„Da ist viel Wahres dran …“

Der passt ja nun wirklich immer, wenn man nicht gerade das völlig durchgeknallte AfD-„Partei“-Programm kommentiert, das Menschen von geringem Verstand verfasst haben müssen. Aber ansonsten: geht immer und überdies wirkt er auch irgendwie weise. Die Leute müssen sich denken: „Mein Gott, dieser Mann hat ja enorme Lebenserfahrung!“ Ein, zwei Beispiele:

„Seppo, Donnerstag wird’s wieder Sommer in Düsseldorf!“

„Da ist viel Wahres dran!“

„Sach ma, Seppo, du siehst die Arbeit nicht gerade, oder?“

„Da ist viel Wahres dran!“

 

Verdächtig macht der Ausruf:

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“

Mit ihm muss man sparsam umgehen, weil er oft dazu dient, Sachverhalte zu relativieren.

„Die Flüchtlinge vergewaltigen unsere Frauen! Wen sollen wir jetzt vergewaltigen?! Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“

(Kleiner Tipp: Hier keinesfalls mit „Da ist viel Wahres dran“ antworten, eher mit „Kannste nicht bringen!“ oder auch „Dass du dich nicht schämst!“)

 

Etwa zwei Wochen lang brillierte ich mit:

„Das ist der schlimmste Tag meines Lebens.“

„Seppo, wir müssen wieder Regale zusammenbauen.“

„Das ist der schlimmste Tag meines Lebens.“

Der Spruch stimmte allerdings in jener Zeit immer.

Sehr zu empfehlen ist:

„Danke, ich hab schon.“

„Seppo, lass uns mal eben den Gartentisch rausstellen.“

„Danke, ich hab schon.“

Hier übrigens liegt eines ja sehr nahe: Das Kombi-Bonmot:

„Seppo, lass uns mal eben den Gartentisch rausstellen.“

„Danke, ich hab schon. Das ist der schlimmste Tag meines Lebens.“

Das Gegenüber könnte einsteigen mit:

„Da ist viel Wahres dran.“

„Wie weise.“


 

30 Kommentare

  1. Da nicht für! oder Wat mutt dat mutt … (Norddeutsche eben) — und geklaut vom jungen Nachwuchs: »Diggger« – kann überall als Füllwort eingesetzt werden, nur die Betonung muss sich ändern …

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  2. Ich bevorzuge „Im ernst jetzt“, zur Zeit „… und haste nicht gesehen“ und ganz schlimm ist gerade bei mir „Allerhand..“ dies oder das, man kann von allem allerhand haben. Z.B. da fallen mir direkt allerhand blöde Sprüche zu ein^^

    Danke mal wieder für den erheiternden Beitrag!

    Gefällt 2 Personen

  3. das ist doch Käse….das kannste nicht bringen…sach mal….,also wenn du mich fragst…. da steckt viel Wahres drin….., im ernst…., alles……, wenn du verstehst was ich meine….das du dich nicht schämst….so kann ich nicht arbeiten……wird schon….wirklich.

    LG.Hilde

    Gefällt 2 Personen

  4. … in Berlin, wo Havel, Spree, Mosel, Rhein, Donau und Ems sich kreuzen …

    Auch wenn ein Spandauer sein Spandauer-Sein irgendwie kompensieren muss: Ich glaube, das hier ist übertrieben. Allenfalls Fragmente der Elbe sind bei Ostwind und gutem Wetter entfernt zu sehen.

    Gefällt 1 Person

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