Die Homestory (II)

In der gehypten Unterhaltungsbranche fackelt man heutzutage nicht lang, wenn es darum geht, einen neuen TV-Hoffnungsträger erst gen Himmel zu loben, um ihn dann, stimmen beispielsweise die Quoten nicht, in Grund und Boden zu schreiben. Diese Gesetzmäßigkeit hat einer durchbrochen. Sinkende Einschaltquoten kennen die Sender nicht, wenn er wieder eines der vielen auf ihn zugeschnittenen Formate moderiert, was er selbst „verdedeln“ nennt. Eigentlich schon als Begriff veraltet, fällt dem Zuschauer im Zusammenhang mit dem Namen Seppo die Bezeichnung „Straßenfeger“ als erste ein; direkt nach „Showmagnat“ und „Moderationsmaschine“.

Der viel beachtete Journalist Rosonsko Rosenbaum hat als erster Pressevertreter das TV-Schwergewicht Sebastian Flotho in seinem abgeschirmten privaten Umfeld persönlich treffen können (hier Teil I lesen). Am Ende bilanzierte Rosenbaum bass erstaunt:

„Er gab mir das Gefühl, Teil seiner Familie zu sein.“

Lesen Sie hier den zweiten Teil der Homestory, in der wir vielleicht schlauer werden, wenn es darum geht zu verstehen, wie ein Mensch trotz des überwältigenden Ruhms noch menschliche Züge bewahren kann.

Intime Einblicke in unserer Serie:


Show-Dino und doch Mensch geblieben


TEIL IV
DIE HOMESTORY (II)


Mein Name ist Rosonsko Rosenbaum. Keine Sekunde zu spät und schon gar keine zu früh stehe ich vor der Tür, hinter der Seppo sorgsam sein Privatleben verbirgt – oder „abschottet“, wie manch ihm nicht Wohlgesinnte sagen. Ich weiß, wie viel Wert er auf Pünktlichkeit legt. Schon für winzige Minuten Verspätung hat, glaubt man seinem Umfeld, Seppo keinerlei Verständnis. Unvergessen die Anekdote, wie er Handwerker den Zutritt zu seinem Haus verwehrte, weil diese zehn Minuten zu spät eintrafen. Getobt soll er haben, jähzornig und wutentbrannt die Handwerker darauf hingewiesen haben, wie wichtig Pünktlichkeit gerade im Dienstleistungsgewerbe ist.

Fast verliere ich die Kontrolle über meine Blase, als tatsächlich er selbst jenes Ventil zur Außenwelt, die ihm nicht immer nur Gutes will, öffnet.

„So blass, Rosonsko? Wird wohl Cait, dass Sie etwas zu trinken bekommen! Nur herein!“

Mein Gott, denke ich, diese Freundlichkeit. Kein Stück gespielt! Im Vorfeld wurde ich jedoch gewarnt:

Er weiß, wie er auf andere Menschen wirkt. Manche hat er sofort, ob er will oder nicht. Aber ist seine Wärme auch echt?!

Sagt jemand, der Seppo zu kennen vorgibt. Das zu überprüfen ist nun mein Job. Und ich überlege, ob ich ihn nun auch mit dem Hamburger Sie anrede. Nenne ich ihn wirklich beim Vornamen?

„Herr Flotho, ich freue mich“, setze ich an.

„So förmlich! Da komme ich mir ja direkt alt vor! Einfach ‚Seppo'“, strahlt er mich an.

Was für eine Ehre! Wie er über den Dingen steht! Und ja, jung geblieben ist er. Wie alt er ist? Daraus macht er ein Geheimnis; seine Angaben schwanken zwischen 35 und 38 Jahren. Da meine Nervosität wie verflogen ist, was wohl seinem einnehmenden Charme zu verdanken ist, wage ich, direkt die erste Frage zu placieren:

„Naja, Seppo, alt sind Sie ja nicht. 39 Jahre, richtig?“

Seine Miene versteinert. Habe ich mir einen Fauxpas geleistet? Schweiß bahnt sich seinen Weg auf meine Stirn, ich wünschte, meine freche Frage seiner Erinnerung entreißen zu können. Er wendet seinen Blick ab, wirft diesen auf seine Armbanduhr. Und sagt:

„Viel Zeit haben wir nicht, Herr Rosenbaum.“

Das war’s mit dem Hambuger Siezen. Er geht auf Distanz. Wohl doch so empfindlich, wie mir alle gesagt haben. Ich versuche, meinen Fehltritt wieder gutzumachen.

„Ich meine nur, Sie sehen aus wie Anfang 30. Kann das gar nicht glauben mit der 39.“

Nun sieht er mich stechenden Blickes an, zieht seine Augenbraue hoch.

Wenn er seine Augenbraue hochzieht, hast du seine hingebungsvollste Verachtung.

Und wen er einmal verachte, der habe bei ihm verschissen, hieß es. Eine zweite Chance bekomme bei ihm niemand. Wie konnte mir dieser Fehler passieren?! Es herrscht Stille, während er mich in sein Wohnzimmer führt. Dann murmelt er etwas …

„Diese Altersnummer … wenn Vierzigjährige sich schon als alt bezeichnen … Warum ist jeder so auf das Alter fixiert?!“

Ich sehe meine Chance, meinen Fehltritt auszubügeln:

„Da bin ich ganz auf Ihrer Seite. Alt ist man frühestens ab 80.“

„Ab 70“, korrigiert er mich, „Und lassen Sie das Schleimen. Berechnend und durchschaubar. Und vor allem erbärmlich. Schleimer kenne ich zuhauf. Es ist jedes Mal ein interessantes, aber trauriges Schauspiel, Menschen beim Schleimen zu erleben. Bei mir muss man sich wirklich nicht einschleimen. Warum ich ein Geheimnis aus meinem Geburtstag mache?! Fing als running gag an, wollte jemanden verwirren. Dann war ich irgendwann selbst verwirrt und muss jedes mal nachrechnen, wenn ich wissen will, wie alt ich bin. Auf Anhieb kann ich es nie sagen. Weil es auch egal ist, ob man nun 34 oder 35 ist. 39 bin ich jedoch nicht.“

„Aber denken Sie nie ‚Wieder ein Jahr geschafft!‘?“

„Das denke ich. Aber immer zu Weihnachten. Mein Geburtstag ist mir egal. Aber Weihnachten, da denke ich: ‚Wieder ein Jahr rum, schön, dass ich auch dieses Weihnachten erleben darf.‘ Das geht mit viel Demut einher. Und Geschenke gibt es dann ja auch. An Weihnachten.“

Meine nächste Chance: „Jesu Geburtstag ist also auch Ihr Geburtstag?“

„Warum denkt jeder, ich setzte mich mit Gott oder Jesus gleich?!“

„Es klingt häufig so.“

„Es verhält sich genau andersherum.“

Ist das der private Seppo, den ich da erlebe?! Ist das nicht genau der öffentliche? Mit seiner Arroganz, seiner Selbstverliebtheit, seiner Überheblichkeit? Ein Schutzschild? Wie kriege ich einen Meister der Selbstdarstellung dazu, mich hinter seine Fassade blicken zu lassen?

In diesem Moment betritt seine Mitbewohnerin den Raum. Sie hat ein geschwollenes blaues Auge. Seppo sofort:

„Das war ich nicht. Denken Sie bitte nicht, dass ich das war!“

Sie lacht auf: „Nein, das kommt vom Kickboxen. Habe für einen Moment nicht auf meine Deckung geachtet.“

„Sie kommt oft lädiert nach Hause. Unsere Nachbarn, die Fahrgescheits, gucken mich schon komisch an. Irgendwann kommt die Polizei mich abholen. Können Sie so schreiben. Damit das mal klargestellt ist. Frauen schlägt man nicht. Man schlägt Männer. Aber nur Unterlegene, alles andere wäre zu riskant.“

Die beiden erzählen mir, dass sie sich zusammen Boxkämpfe im Fernsehen angucken, sofern nicht der Killing von Sat.1 diese moderiert.

„Können Sie so schreiben.“

„Während der Boxkämpfe kommentiere ich immer, das hat Seppo nicht so gerne“, erzählt Seppos Mitbewohnerin, die überhaupt viel mehr redet als er.

„Doch, das habe ich gerne!“, interveniert er.

Er wird lockerer, seine Stimme verändert sich regelrecht, seit sie dazugestoßen ist. Ist das jetzt der private Seppo? Ich ahne, wie sehr ihm seine Mitbewohnerin Stütze ist.

Ich versuche eine gewagte Frage, gerichtet an sie:

„Ich lese oft im Zusammenhang mit Seppo von Narzissmus. Ist er wirklich Narzisst?“

Ich habe die Frage gar nicht zuende gestellt, da schießt es aus ihr heraus:

„Ja.“

Seppo schmunzelt, blickt leicht resigniert drein, schüttelt den Kopf: „Das können Sie nicht so schreiben. Unter uns: Sie kann es aber ausblenden. Und mich erden. Noch jemand Kaffee?“

Seine Mitbewohnerin verabschiedet sich, sie müsse nun weiter ihren Spagat üben: „Viel fehlt nicht mehr, dann klebe ich am Boden!“

Seppo verdreht wieder schmunzelnd die Augen, wirft ihr einen liebevollen, irgendwie beschützenden Blick zu, der zu sagen scheint: „Das war etwas ungünstig ausgedrückt.“

Seppo weiß um die Wirkung von Worten.

Ich sehe mich um im Wohnzimmer. Ins Auge fällt mir die Atlantensammlung an der Wand.

„Die sind teuer. Atlanten sind teuer. Der da hat 200 Euro gekostet. Hab ich gekauft, als ich vergangenes Jahr arbeitslo-, nein, kein Engagement hatte“, informiert er mich, „Mein Bestreben ist, alle zu besitzen. Was albern ist, weil sie alle denselben Planeten porträtieren. Denkt man zunächst! Aber die feinen Unterschiede, die machen es interessant. Viele Atlanten sind fehlerhaft. Kleine Fehler, die zu finden ich mir zur Aufgabe gemacht habe. Hauptstadt von Kiribati?“

„Äh, keine Ahnung.“

„Bairiki.“

„Aha.“

„Falsch! Sehen Sie! Deutsche Atlanten weisen Bairiki als Hauptstadt aus, dabei ist das falsch! South Tarawa ist korrekt! Bei den Salomoninseln machen die deutschen Verlage denselben Fehler!“

„Was bringt dieses Wissen?“, frage ich zögerlich.

„Man kann damit klugscheißen. Man muss nur etwa 20 Jahre warten, bis man jemanden trifft, der einem mit Bairiki um die Ecke kommt, aber das Warten lohnt.“

Geographie scheint sein Steckenpferd zu sein. Ich entdecke den Globus auf einem Schrank: „Kann der leuchten?“

Er lacht: „Unsinn. Ein Globus, der leuchtet, ist kosmischer Quatsch. Mit dem Globus habe ich Längen- und Breitengrade gelernt. Zeitzonen und so weiter. Sie können mich überall auf der Welt aussetzen, ich kann Ihnen sofort sagen, wie spät es ist.“

„Ohne Uhr?“

„Ohne Uhr.“

„Wie spät ist es?“

„10 Uhr 56!“, kommt wie aus der Pistole geschossen.

Unauffällig blicke ich auf meine Armanduhr und denke: „Erstaunlich, er liegt nur sieben Stunden daneben.“

„Plus sieben Stunden!“, schiebt er plötzlich hinterher! Teufelskerl! Wie hat er das gemacht?!

Ich entdecke eine beeindruckende Ansammlung von Hanteln am Ende der Wohnhalle.

„Sie machen Sport?“, frage ich, obwohl ich die Antwort kenne.

„Ich bin nahezu süchtig danach geworden. Aber es macht Spaß. Würde Ihnen gerne mal einarmige Liegestütze zeigen, aber ich bin noch nicht so weit. Den Fortschritt können Sie auf meiner Facebook-Seite verfolgen! Können Sie so schreiben. Sollten Sie sogar.“

Er antwortet knapp, wenig ausufernd, gibt nicht viel preis. Ich sehne seine Mitbewohnerin wieder herbei, die die stillen Minuten zu überbrücken wusste. Ihm hingegen scheinen diese Momente des Schweigens völlig egal zu sein. Genießt er sie gar? Seppo ist keiner, der sich in solchen Situationen herablässt, über das Wetter zu reden.

„Der Sommer ist Mist bislang, oder?“, frage ich.

Keine Antwort.

Was ist jetzt?! Seppo hat die Augen geschlossen. Ist er eingenickt? Ich warte kurz, dann räuspere ich mich.

Keine Reaktion. Er schläft. Großer Gott, ich habe ihn zu Tode gelangweilt. Was tue ich nun? Ihn wecken? Weckt man so jemanden? Oder sollte ich ebenfalls schlafen?


Rosonsko Rosenbaum erlebt den heikelsten Moment seiner Journalistenkarriere und wir sind hier im seppolog hautnah dabei! Erfahren wir im nächsten Teil dieser Serie, deren bisherigen Folgen hier nachzulesen sind, mit welch überraschenden Erkenntnissen Rosenbaum wieder aufwachen wird!

11 Kommentare

  1. Ich werde dieses Jahr fünfzig und eins weiß ich: Vierzigjährige sind Halbstarke, alles darunter: pubertierender Kindergarten.
    „Hast Du einen Tipp für so Mitbewohnerinnen?“
    „Nein, ich bin selbst verliebt.“
    „Ach Gott…“
    „Du hast mich gerufen?“

    Gefällt 2 Personen

  2. […] „Die Homestory (II)“ beispielsweise kam anders als ihr erster Teil nicht gut an. Das war mir schon beim Verfassen klar, da ich den Text nicht am Stück, sondern über zwei Tage verteilt abschnittweise schrieb, was nie gut funktioniert. Ich merkte, dass ich krampfhaft schrieb und nicht einmal meine eigene Rolle in der Geschichte stringent durchgezogen habe. Eigentlich wollte ich mich überheblicher und abgehobener darstellen, als es letztlich der Fall wurde. Versehentlich geriet ich an einigen Stellen sogar sympathisch, was nie dafür geeignet ist, eine Geschichte voranzutreiben. In meiner Verzweifelung baute ich sogar meine Mitbewohnerin ein, die grundsätzlich – übrigens auch im wahren Leben – Symptahieträgerin ist; neben ihr stehe ich immer schlechter da, das macht die schwarzweiße Rollenverteilung einfacher. […]

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