Denn nur einer kann Oberbilks next Topmodel werden

Eine ganze Armee von Grafikern hat etwa 200 Fotos nachbearbeiten müssen. 200?! Nicht ganz, denn das eine, das gelungenste von allen, das mein Konterfei zeigt, steht gerahmt und verhüllt auf dem Dachboden als Kontrast zur „makellosen Reinheit meines Knabenlebens“ …

Der erste Samstag im Jahr 2018. Es herrschen eisige Temperaturen, in Teilen Düssedorfs wird mit sechs Grad die niedrigste Temperatur des Jahres gemessen. Viele Wildtiere erfrieren in diesen Tagen, da sie ob der milden Temperaturen vergessen haben, in den Winterschlaf zu fallen. Viele Menschen erschüttert das so sehr, dass sie vergessen, dass auch obdachlose Vertreter ihrer eigenen Spezies enorme Probleme haben, die Körpertemperatur konstant zu halten. Und ich ahne nicht, dass ich schon wenige Tage später einer Grippe zum Opfer fallen würde. Noch nie war ein Winter so verheerend wie dieser. Möge Gott uns allen beistehen.

„Ah, eine D7!“, sage ich kennerhaft zu Julia.

„D7?! Wenn überhaupt 7D! Aber es ist nicht einmal eine ‚Canon‘!“, sie leicht genervt zurück.

Julia ist Fotografin. Sie macht an jenem Samstag Fotos von mir. Als Gegenleistung habe ich ihr Beischlaf der spektakulärsten Art versprochen. Ich fürchte, ihre Erwartungen sind so unermesslich hoch, dass selbst ich sie nicht werde erfüllen können. Doch ich brauche diese Fotos, wie ich hier schon beschrieb.

Julia kann ja nicht ahnen, dass wann immer ich eine Kamera sehe, ich sie für eine D7 halte. Mein persönlicher running gag seit Jahren schon.

„Ah, eine ‚Eos‘!“, versuche ich es nun.

„Auch das nicht, außerdem ist ‚Eos‘ von ‚Canon‘. Es ist kein Problem, dass du von Kameras keine Ahnung hast. Aber dann tu auch nicht so, Seppo!“

„Nun, du wirst lachen, aber ich bin sowas wie Kameramann. So ein bisschen! Ich weiß beispielsweise, dass das da … hier, guck … das ist das Zebra! Und dieser Wert hier im Display, der zeigt irgendwie was mit der Helligkeit an! In Kelvin, oder so, Farbtemperatur“, hantiere ich mit desaströs falschem Halbwissen herum.

Tatsächlich habe ich jahrelang während der Arbeit an der Kamera mit diesen Werten zu tun gehabt, die irgendwie die Lichtverhältnisse widerspiegeln. Mal stand da eine 4.200 im Display, manchmal auch eine 3.000. Von Berufs wegen musste ich wissen, was die Zahlen bedeuten. Und heute bin ich stolz darauf, dass ich auch nach zehn Jahren keinerlei Ahnung habe, wann da welcher Wert zu stehen hat. Es war mir von Beginn an egal. Aber: Ich habe immer so getan, als wüsste ich, wovon ich rede. Wenn beispielsweise ein Kamerakollege mir zurief:

„Ich hab 3.700. Und du?“,

rief ich zurück: „Jo, kommt hin!“, auch wenn bei mir eine seltsame 10.000 stand und ich nervös Knöpfe drückte, um irgendwie in die Nähe der 3.700 zu kommen.

„Ist es denn eine Spiegelreflexkamera?“, frage ich Julia gespielt interessiert.

„Ja, was denkst du denn?! Dass ich hier mit ’ner Systemkamera auftauche?!“, Julia etwas schnippisch.

„Äh, nein. Das wäre ja … also Systemkamera! Das wäre albern, wirklich.“

Ich beobachte, wie Julia ihre Spiegelreflexkamera zusammenbaut. Es ist kalt, wie wir wissen, und daher sitzen wir noch in meinem Auto, das wir am Straßenrand mitten im Düsseldorfer Hafengebiet geparkt haben.

„Da hinten habe ich mal gearbeitet!“, erzähle ich ihr.

„Wo?“

„Da, in diesem Container!“

„Dachte, das wäre ein Flüchtlingsheim, oder so.“

„Ist es vielleicht jetzt auch. Wirst du die Fotos danach alle photoshoppen irgendwie?“, will ich wissen.

„Ja. Oder wir schminken dir diesen mega Pickel auf deiner Stirn eben ab.“

„Ne, nicht schminken. Ich will nachher sowieso alle Fotos schwarz-weiß machen. Schwarz-weiß schmeichelt mir.“

„Ja, das schätze ich bei dir auch so ein. Aber ich arbeite ansonsten nicht mit Filtern.“

„Als ich mit ’ner Kamera gedreht habe früher, war ich Meister der Filter im Schnitt danach! Weil ich so beschissen gedreht habe, dass nur eine Armada von Filtern das Ergebnis sendbar machen konnte.“

Stimmt, so war es in der Tat. Mein Kollege Christopher hingegen, der konnte und kann gut drehen! Der wusste oftmals gar nicht um die Filtermöglichkeiten unserer Schnittsoftware!

Die Kälte ist ein Problem, denke ich. Ich will mich ja nicht in Winterjacke ablichten lassen. Aber die Kulisse, die sieht toll aus. Es ist ein verlassenes Fabrikgebäude. Etwas weiter findet man die alte Papierfabrik, die allerdings wegen eines extrem grausamen Mordes vor einiger Cait weiträumig abgesperrt wurde. Die fällt also auch aus Pietätsgründen flach als Kulisse.

Unsere Kulisse ist frei zugänglich, obwohl ich sie schnell als gefährlich erachte. Noch nicht ein einziges Foto geschossen, bleibe ich in einem Draht hängen, der aus dem Betonboden ragt und lege mich auf die Fresse.

„Seppo, ich würde das nach den Fotos machen, okay?“, kommentiert das Julia, die ich mindestens interessant finde. Julia ist ausgesprochen trocken. Das zu ändern, habe ich mir vorgenommen.

Wir sehen uns um und ich stelle fest, dass Julia deutlich angstfreier die Ruine erkundet als ich. Das darf sie natürlich nicht merken, sodass ich allen Mut zusammennehme und es wage, die brüchige Treppe nach oben zu besteigen.

„Das würde ich lassen, Seppo“, warnt Julia mich.

„Warum?“

„Weil da oben Menschen wohnen.“

„Wie?! Im Ernst?“

Ich gehe zögerlich nach oben und sehe in dem sich mir bietenden Flur Schlafsäcke. Und, ich sage, wie es ist, es stinkt nach menschlichen Exkrementen. Dieser Geruch überzeugt mich davon, wieder nach unten zu gehen. Meine Stimmung schlägt nun um. Was für andere eine Notfall-Schlafstätte ist, soll für mich also eine sexy Fotokulisse sein.

„Hier liegt überall Müll rum. Der wird nicht gut kommen auf den Fotos“, überlegt Julia und bittet mich dann, mich auszuziehen.

„Was?!“

„Ja, zieh dich aus.“

„Ich will Fotos für meine Homepage, keine Aktfotos!“

„Du Trottel, du sollst auch nur deine Jacke ausziehen! Boah, Seppo!“

„Boah, Julia!“

Ich ziehe also die Jacke aus und nehme auch die Mütze ab. Spätestens jetzt ist mir der Zweck von Jacken klar: Sie sollen wärmen. Denn die eisige Sahara-Hitze, die sich über Sibirien abgekühlt hat, bringt mich umgehend zum Zittern.

„Das ist ja mal scheiße, Julia. Sommer wäre besser, oder?“

„Hatte ich dir ja vorher gesagt!“

„Aber das Zittern sieht man ja nicht auf den Fotos, oder?“

„Das vielleicht nicht, aber dein starrer Gesichtsausdruck kommt eher unsympathisch rüber!“

„Ja, darauf habe ich gewartet! Ich kann nur so gucken!“

Julia macht erste Fotos, stellt Dinge an ihrer Nicht-D7-7D-Eos-Canon ein, runzelt ein wenig die Stirn, schiebt mich nach links, zieht mich nach vorn und verdreht die Augen, als ich versuche zu lächeln.

„Das mit dem Lächeln lass besser, Seppo. Gib dich mal natürlich! Du kannst mir ja nicht weismachen, dass du immer so guckst!“

„Nun ja, was soll ich sagen, doch! Und natürlicher kann ich nicht!“

Wir wechseln einige Male den Hintergrund, versuchen es an einer alten Zapfsäule und später auf stillgelegten Gleisen. Doch die Kälte macht uns einen Strich durch die Rechnung, auch Julias Kamera zittert inzwischen in ihren Händen. Wir sehen uns an und wissen beide, die Nummer ist durch, sie ist gescheitert.

„Wir brauchen eine andere Kulisse, das hier ist Müll. Hafen ist eh scheiße am Wochenende, überall Menschen“, überlege ich laut.

„Wie wäre die Fußgängerbrücke am Rhein?“

„Abgedroschen.“

„Ach, und Industrieruine ist nicht abgedroschen?!“

„Ja, doch. Alles abgedroschen.“

Miese Stimmung. Hätte ich doch einen Profi-Fotografen nehmen sollen? Doch ich wäre nicht Seppo, wenn ich nicht die rettende Idee hätte!

„Parkdeck. Wir fahren auf ein Parkdeck! Das hat es noch nie gegeben! Parkdeck als Fotokulisse!“

„Naja, eigentlich abgedroschen!“

„Lass Abgedroschenheit unser Motto sein, Julia! Lass uns mich ablichten über den Dächern dieser Ruinenstadt!“

Eine Viertelstunde später befinden wir uns auf dem Parkdeck, wo ich nicht selten tatsächlich auch parke. Der große Vorteil: menschenleer. Der große Nachteil:

„Gut, es ist hier oben natürlich noch kälter. Aber für drei, vier Bilder wird’s ja wohl reichen!“

Ich entledige mich wieder meiner Jacke und stelle mich an den Rand des Daches, das freilich das Leben vom Tod durch einen hohen Zaun trennt. Ich greife in den gitternden Zaun und gucke extrem nachdenklich auf das Dach des nebenstehenden „Karstadts“.

„Wusstest du, dass ‚Kaufhof‘ jetzt auch ins Schlingern geraten ist, weil der kanadische Eigentümer den deutschen Konsumenten falsch eingeschätzt hat? Wusstest du, dass ich es schon vorher wusste?! Schlimm, wenn man alles immer besser weiß. Aber was soll ich machen. Sie sollten Kaufhof und Karstadt fusionieren.“

„Seppo, vielleicht ist es einfacher, wenn du die Klappe hältst? Und Kinn nach unten. Wie stehst du denn da?!“

„Ich wollte möglichst aufrecht stehen!“

„Klappe!“

Während Julia fotografiert, stelle ich fest, dass Düsseldorf von oben wirklich schlimm aussieht. Darum mag ich auch den Winter nicht, weil das Grün der Stadt fehlt. Bäume tun Düsseldorf gut, denn sie verhüllen im Sommer die grauen Fassaden der Nachkriegsbausünden.

„Ich würde hier alles in die Luft sprengen. Wenn ich Stadtplaner wäre. Neuanfang. Gibt schöne Ecken in Düsseldorf. Da, wo das Geld ist. Eine Ungerechtigkeit!“

„Klappe!“

„Wusstest du, dass es nur noch 1,4 Millionen Sozialwohnungen gibt?! Der Bund hat sich vollständig rausgezogen aus dem sozialen Wohnungsbau.“

„Klappe, Seppo, echt!“

„Für einige Städte erwartet man hier Londoner Verhältnisse. Weil die Chinesen jetzt auch unsere Wohnungen kaufen.“

„Klappe!!!!“

„Bald muss jeder einen kleinen Chinesen bei sich aufnehmen.“

„Ruhe!“

„Wusstest du, dass kleine Chinesen stapelbar sind?“

„Rassist!“

„Wieso?! Kleine Deutsche kann man ja auch stapeln. Plattenbau ist beispielsweise nichts anderes als das Stapeln von Menschen. Mir ist sagenhaft kalt. Wirklich. Ist was dabei?“

„Du hast bei jedem Bild den Mund auf, hör doch mal auf zu reden und setz dich jetzt mal einfach hier auf den Boden.“

Ich tue wie mir geheißen und stelle fest, dass der Boden noch kälter ist als das Gitter, dass ich minutenlang nicht mehr losgelassen habe.

„Wie sitzt du denn da?!“, fragt Julia.

„Großer Gott, ist das jetzt auch falsch?! Das ist Schneidersitz. So sitze ich halt.“

„Der feine Herr geht in die Dehnung.“

Auf dem Parkdeck sind wir erfolgreicher als in der alten Fabrikhalle. Einigermaßen zufrieden beschließen wir das Anfahren einer dritten Kulisse, des Rheins in Kaiserswerth. Das übrigens ist eine der schöneren Ecken Düsseldorfs. Und dort niese ich dann auch das erste Mal. Und es sollten bis heute viele weitere Nieser folgen.


Werfen Sie doch einen verstohlenen Blick auf meine Homepage. Was fällt Ihnen dabei auf? Richtig, es geht wieder einmal nur um mich. Vielen Dank an Julia für die Fotos. Beischlaf folgt.

14 Kommentare

  1. Fotos am Rhein wo einer eine Kappe trägt und sonst auch mies dreinblickt…(ohne zu lächeln) also sowas kann ich auch, hab ich auch schonmal gemacht. Aber mit mir redst ja eh nicht, dann hattest Du halt eine nicht so gute Fotosession… und ich bin ja auch mit Zahlen nicht so gut da werden die Fotos eben genauso mittelmässig. Ist halt immer eine Frage der Haltung. Es gibt übrigens auch Fotografen (oder Publisher, je nachdem) die die Kunst der Verwischung hervorheben und finden, dass auch das dann Kunst ist, dann fällt es nicht auf ob der Mund offensteht oder sich jemand zitternd vor Kälte windet, so dass das Foto verwackelt. Aber … ihr müsst das wissen. ;-D

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  2. Die Chinesen behaupten ja, dass ein ordentlicher Schnupfen 7 andere Krankheiten fern hält. Also sei froh, dass es so kalt war ;-).
    Danke für Deine Texte – immer wieder ein Schmunzeln beim Lesen – einfach gut! Danke auch an Julia, die Dir Schreib-Stoff und schöne Bilder liefert. Solche Freunde sind kostbar.

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  3. Also ich will nur sagen: sonst ist auch immer alles nur SATIRE gewesen. Aber das versteht ja hier keiner, scheint’s. ..Wünsche Dir gutes Gelingen in Allem, Seppo. Ich entfolge dann mal wieder, bin ja hier nicht erwünscht.

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