Es ist Punkt acht Uhr. Ich sitze in der Praxis einer Ärztin, die mich zum Aderlass gebeten hat, da ich gesundheitlich etwas holprig in das neue Jahr gestartet bin. Nun also wird mir gleich Blut abgenommen; ich rechne mit bis zu eineinhalb Litern. Einen solchen Verlust überlebt der Mensch in der Regel ohne Blutkonserve. Ich frage mich gerade nur, ob dabei irgendwo Hohlräume im Körper entstehen. Denn was ist gleich da, wo vorher die 1,5 Liter Blut waren? Sacke ich ein?! Falle ich in mich zusammen?!

In diesem Wartezimmer wimmelt es von Handy-Verbotsschildern. Doch all die um mich Herumsitzenden starren auf ihr Smartphone, während ich auf meinem diese Zeilen schreibe. Offenbar konnte sich das Handy-Verbot in dieser Praxis nicht durchsetzen. Ich frage mich, ob diese Schilder noch aus einer Cait stammen, als die Handys noch nicht so weit in unser Leben vorgedrungen waren. Denn alle Schilder zeigen schematisierte Handys mit dicker Antenne und Tastenfeld. Aber gut, solange keiner was sagt, mache ich auch weiter. Im Notfall sage ich einfach, ich hätte die Schilder nicht gesehen. Dabei sitze ich genau vor einem.

Mein letztes Blutbild wurde vor drei Jahren geschossen. Ich erinnere mich gut. Denn vor Blutbildern bin ich stets unfassbar nervös, da gilt: Ärzte finden ja immer was. Die Standard-Werte dürften in Ordnung sein. Leberwerte und so. Da mache ich mir keine Gedanken. Ich denke da eher an Werte, deren Erhöhung den unmittelbaren Tod bedeutet. Vor drei Jahren holte ich mir das Ergebnis der Laboruntersuchung schriftlich ein. Die Ärztin äußerte sich nicht dazu. Ich ging somit davon aus, dass alles stimmen müsse, steigerte mich dann aber in den Gedanken hinein, dass die Ärztin es lediglich nicht wagte, mir die schlimme Nachricht persönlich zu überbringen. Also begann ich damit, jeden einzelnen Blutwert zu googeln. Ich hatte keine Ahnung, für was die ganzen Abkürzungen standen, stellte jedoch bei einem Wert eine Abweichung nach oben fest! Nach oben! Nach unten hätte mir besser gefallen. Nach oben war bestimmt schlimmer!

Panik brach aus. Erhöhter Wert! Sofort Abkürzung googeln … Noch mehr Panik brach aus! Jener Wert, ich kann mich leider nicht mehr an seinen Namen erinnern, deutete auf einen Entzündungsherd durch Tumoren hin!

Schweißausbruch. Herzrasen. Gut, ich diagnostiziere mir rund zwei Mal pro Jahr selbst Krebs, doch dieses Mal hatte ich es ja schwarz auf weiß!

Ich googelte weiter. Auf einer Ratgeberseite erfuhr ich, dass die Erhöhung dieses Wertes durchaus auf Tumoren hindeuten kann, aber auch auf das Nicht-Vorhandensein derer. Sofort informierte ich meine Mitbewohnerin via Facebook:

ich habe die ergebnisse von der blutuntersuchung. es kann sein, dass ich krebs habe oder auch keinen krebs. ich will nichts dramatisieren, aber die möglichkeit besteht durchaus und auch durchaus nicht.

Ich erinnere mich, dass sie das damals sehr verwirrt und als unwichtig abgetan hatte. Das tut sie immer, wenn sie mich nicht versteht. Sie glaubt dann, es handele sich um einen verqueren Scherz oder so. Doch es war ja keiner, sodass ich samt meiner Forschungsergebnisse zu jener Ärztin ging, wo mich bereits die Sprechstundenhilfe, die der Sprechstunde half, beruhigte. Der Wert könne zwar auf Tumoren hinweisen, müsse aber nicht. Ich bekam den Eindruck, jener Wert sei totaler Schwachsinn.

„Also sollte ich beunruhigt sein oder sollte ich es auch nicht?“, fragte ich nach.

„Sie können ruhig nicht beunruhigt sein, Herr Flotho!“

 

Und nun sitze ich wieder hier. Diese Praxis ist eine für Oberbilk sehr typische. Ich darf das mal ganz nüchtern feststellen: Keiner spricht hier besseres Deutsch als ich. Ich finde das aber auch völlig in Ordnung, ich lasse mir da jetzt keine Fremdenfeindlichkeit unterstellen. Ich mag den polnischen Akzent der Sprechstundenhilfe, gerade dann, wenn sie polnisch spricht. Heute hält sie mich für einen Herrn Krynczk hält. Wenn man den Namen denn so schreibt. Ich höre ihn ja lediglich.

„Nein, Flotho mein Name! Ich komme wegen einer Blutabnahme!“

„Sind Sie nüchtern, Herr Krynczk?“

„Ich bin wirklich Herr Flotho!“

„Auf Ihrer Versichertenkarte steht aber … nein … Sie haben Recht. Das ist die falsche. Sie brauchen kein Insulin?“

„Was? Nein. Flotho. Blutabnahme. Und natürlich bin ich nüchtern. Ich bin krank!“

„Nüchtern im Sinne von leerem Magen!“

„Achso. Muss man das? Aber ja, bin ich.“

„Frühstücken Sie nicht?“

„Nein.“

„Das ist aber ungesund!“

„Ja, aber ich muss ja eh nüchtern sein.“

„Da haben Sie Recht. Nehmen Sie noch Platz!“


Wir wurden unterbrochen. Sie, Leser oder Leserin, und ich. Denn ich wurde zügig in das Blutabnahmezimmer gerufen. Dort musste ich abermals Platz nehmen, weil noch ein anderer Herr die Ader ließ. Ihm stahl den Lebenssaft eine patente vielleicht Mittfünfzigerin, die dafür, dass es erst kurz nach acht war, viel zu viel redete.

„So, Herr Krynczk, dann haben wir es ja mal wieder geschafft. Tat weh?“

„Ach watt denn!“

„Herr Flotho, dann nehmen Sie mal hier Platz!“

Ich nahm also ein drittes Mal Platz.

„Sie sind nüchtern?“, wollte die Dame wissen.

„Jawoll.“

„Juti, dann machen Sie mal ’ne Faust und denken an etwas, das schlimmer ist als eine Blutentnahme“, sagte sie und lachte dabei. Ich fand den so schlecht auch nicht, fragte mich aber, ob sie das bei jedem Patienten sagt.

„Die Ergebnisse können Sie dann morgen telefonisch bei uns erfragen. Wenn was Schlimmes sein sollte, halten wir uns am Telefon bedeckt, dann müssten Sie vorbeikommen.“


Es ist jetzt halb zehn. Den letzten Satz, den hätte sie nicht sagen sollen. Nun sehe ich mich da morgen anrufen – hochgradig nervös:

„Flotho, ich rufe an wegen …“

„Ah, Herr Flotho. Oh, äh, ja, also kommen Sie doch am besten so schnell wie möglich bei uns vorbei, die Frau Doktor möchte mit Ihnen sprechen.“

So wird es ablaufen. Solange man nicht zum Arzt geht, passiert nichts! Daher warnt das seppolog vor jeglicher Vorsorgeuntersuchung! Kleiner Spaß. Natürlich wissen wir, dass zeitig entdeckte Ungereimtheiten schneller behoben werden können. Nur die Mammographie, die ist wohl umstritten; aber bei dem Thema bin ich nun wirklich raus!


Ich sitze nun in einem weiteren Wartezimmer, da Frau Doktor mich bereits heute noch persönlich sprechen möchte. Das Zimmer ist randvoll und arschkalt. Nur wenig erkennt man, wenn man aus dem Fenster sieht. Ob das die Straße vor dem Haus ist, überlege ich, oder der Hinterhof? In Gedanken rekonstruiere ich den Weg vom Eingang durch das Treppenhaus hoch bis zur Praxis. Wie viele Kurven geht man dabei? Wenn man sich um 360 Grad dreht, dann könnte es tatsächlich die Hauptstraße sein. Aber gehe ich nicht noch auf dem Weg ins Wartezimmer eine weitere Kurve? Und gibt es hier überhaupt einen Hinterhof?!

Wie kalt muss es erst dem Mädel sein, das vor mir sitzt. Es trägt Kleidung, die viel zu klein ist für seinen Körper. Allerdings kann sie diesen Bauch auch durchaus zeigen; wie viele Jahre sie den noch so wird erhalten können?!

Eine Sprechstundenhilfe kommt rein. Sie bewegt sich samt Blutdruckmessgerät zu dem Herrn mir schräg gegenüber. Der hat Hochdruck, das sieht man ihm an. Sie misst nun. Und weil es in dieser Praxis kein Patientengeheimnis gibt, verkündet sie laut das Ergebnis:

„160 zu 85! Alles gut!“

Hm, ist das nicht zu hoch? 160? Ob ich mich mal einschalte mit meinem Halbwissen? In den USA beispielsweise gilt ein ganz anderer Wert bereits schon als Bluthochdruck. Denn sie haben ihn dort gesenkt, sodass über Nacht 13 Millionen Amerikaner nun Bluthochdruckpatienten sind. Sie sollten alle in diese Praxis kommen, hier ist alles nur halb so wild.

Ich werde aufgerufen.


Ab sofort biete ich auch Darmspiegelungen an. Kann ja nicht so schwierig sein, Kunden dort einen Schlauch samt GoPro reinzuschieben. Alle Informationen dazu finden Sie auf meiner Facebook-Seite!