Herr Sonderlich und das Rumpeln im Baum – zweites Kapitel

Zum ersten Kapitel.

Frau Hinkearm hat viele Katzen. Einige Nachbarn in der Wolkengasse sagen, es müssen mehr als 20 Katzen sein! Frau Hinkearm selbst glaubt, dass es kaum mehr als sieben sind. Aber so ganz genau weiß sie das auch nicht. Sie ist viel zu sehr damit beschäftigt, die Vorgänge in der Nachbarschaft zu beobachten, als dass sie immer wieder ihre Katzen durchzählen könnte.

Frau Hinkearm streichelt ihre Lieblingskatze, während sie aus ihrem Fenster blickt. Die Katze ist eigentlich ein Kater, doch das weiß Frau Hinkearm nicht. Für sie ist der Kater eine Katze und heißt Karla. Karla wiederum ist das egal. Karla genügt es vollkommen, im Arm von Frau Hinkearm liegen zu können und gestreichelt zu werden. Kater Karla schnurrt also zufrieden vor sich hin, wie das Kater so tun, während er und Frau Hinkearm sehen, dass der Junge von gegenüber aus der Schule zurückkommt.

Was die beiden nicht sehen: Auch Herr Sonderlich blickt aus seinem Fenster. Denn aufgeregt hat er darauf gewartet, dass Jonas nach Hause kommt.

Herr Sonderlich stürmt sofort aus seinem Haus. Jonas erschrickt, als er den Mann mit der großen Nase sieht, wie er aus dem Fenster krabbelt. Schnell geht er deshalb zur Haustüre, bückt sich und hebt die Steinplatte an, unter der sein Vater den Haustürschlüssel versteckt hat.

„Halt! Jonas! Warte!“, ruft Herr Sonderlich, als der vom Fenstersims auf den Boden fällt.

Jetzt erschrickt auch Frau Hinkearm. „Der verrückte Herr Sonderlich will dem Jungen an die Gurgel!“, ruft sie. Sie ist so aufgeregt, dass sie Kater Karla auf den Boden fallenlässt. Der miaut auf, weil er es wieder einmal nicht geschafft hat, auf allen Vieren zu landen, wie es sich für einen Kater gehört. Frau Hinkearm sieht das und erschrickt ein zweites Mal. „Karla! Kannst du nicht wie jede andere Katze auch auf deinen Pfoten landen?!“

Jonas will nur noch ins Haus. Sein Vater hat ihm schon immer gesagt, dass Nachbar Sonderlich etwas sonderbar sei, man sich in acht nehmen müsse. Jonas hat nicht ganz verstanden, was das bedeutet. Wie soll man sich acht nehmen? Und wann muss man sich in sieben nehmen? Wie gerne würde er eine zweite Meinung dazu einholen. Das sagt auch immer sein Vater: eine zweite Meinung einholen. Sein Vater will jeden Tag eine zweite Meinung einholen. Jonas versteht auch das nicht. Er würde ja seine Mutter fragen, aber das geht ja nicht mehr. Und weil das nicht mehr geht, ist Jonas nach der Schule auch immer alleine Zuhause.

Als das mit seiner Mutter passierte, sagte sein Vater: „Wir beide müssen das jetzt alleine hinkriegen.“ Dazu hätte Jonas gerne eine zweite Meinung eingeholt.

„Jonas! Hab keine Angst!“, sagt Herr Sonderlich.

„Ich hab gar keine Angst!“, lügt Jonas. Denn natürlich hat Jonas Angst vor dem Mann mit der großen Nase, der durch das Fenster aus seinem Haus kommt. Das Haus von Herrn Sonderlich hat keine Türen!

„Ich möchte dich um etwas bitten, Jonas. Es geht um meinen Baum.“

„Um den Flummibaum?“

Jetzt staunt Herr Sonderlich: „Woher weißt du, dass es ein Flummibaum ist?“

Jetzt muss Jonas lachen. „Dass das kein Apfelbaum ist, wie alle denken, sieht man doch sofort! Und Tomaten wachsen nicht auf so großen Bäumen. Also kann es ja nur ein Flummibaum sein!“

„Du hast recht. Eigentlich ist es ganz logisch.“

„Warum hat Ihr Haus keine Türen?“, will Jonas es jetzt wissen.

„Wozu braucht man Türen, wenn es doch Fenster gibt? Türen lässt man doch nur offen und dann zieht es nur. Und dann schlägt der Wind sie zu“, erklärt Herr Sonderlich, als sei es das normalste der Welt, keine Türen zu haben.

„Aber Fenster lässt man doch auch offen?“, hakt Jonas schlau nach.

„Nein! Dann regnet es ja rein.“

Plötzlich rumpelt es.

„Da!“, ruft Herr Sonderlich, „Da! Jetzt rumpelt er wieder! Der Baum!“

Auch Jonas hat das gehört und bekommt es mit der Angst.

Im Haus Gegenüber ergreift Kater Karla die Flucht. Denn er hat gute Ohren. Nicht aber Frau Hinkearm. Die hört nicht mehr ganz so gut und versteht nicht, warum alle so erschrocken sind. Sie hat das Rumpeln nicht gehört.

„So geht das schon den ganzen Morgen“, erklärt Herr Sonderlich. Und das sei sehr ungewöhnlich für Flummibäume. Ob Jonas schon einmal auf einen Baum geklettert sei, will er wissen.

„Ja, klar! Sogar schon mal auf die große Eiche von Frau Hinkearm.“

Herr Sonderlich erinnert sich gut. Denn Frau Hinkearm fand das gar nicht lustig, dass jemand auf ihren Baum stieg. Doch Jonas wollte nur die armen Katzen vom Baum retten. Mehr als 30 Katzen hätten dort gesessen und nicht mehr hinunter gekonnt. Nur ein roter Kater, der sei runtergefallen und auf seinem Rücken gelandet.

„Weißt du, Jonas, auf einen Flummibaum zu klettern, ist etwas schwieriger. Denn Flummibäume mögen das nicht und schütteln sich dann.“

„Aber warum sollte ich denn auf Ihren Flummibaum klettern? Dazu würde ich gerne eine zweite Meinung einholen“, sagt Jonas und lacht. Und jetzt sieht er, dass Herr Sonderlich ein Fragezeichen im Gesicht hat.

„Äh, also, ich möchte gerne wissen, was in meinem Flummibaum vor sich geht. Und weil ich zu schwer für einen Flummibaum bin, dachte ich, dass du da vielleicht …“

„Okay. Ich hab Flummis zuhause. Wenn ich mit Flummis umgehen kann, dann auch mit einem Flummibaum. Logisch, oder?“

„Ja, absolut!“, lacht Herr Sonderlich.

Frau Hinkearm platzt vor Neugierde, als sie beobachtet, wie Herr Sonderlich und Jonas zu dem seltsamen Apfelbaum gehen. Was will Herr Sonderlich mit der Leiter? Für die Apfelernte ist doch noch gar nicht die Zeit! Während sie mit ihrer Nase an der Fensterscheibe klebt, merkt sie nicht, dass Kater Karla durch die Katzentür, die kleine Klappe in Frau Hinkearms Haustür, nach draußen gegangen ist. Argwöhnisch beobachtet nun auch Karla, wie Jonas auf den Baum klettert.

Wenn Kater Karla sprechen könnte, würde er jetzt sagen: „Gleich finden sie den Eingang und das Geheimnis ist in Gefahr!“

Weil Katzen aber nicht sprechen können, nicht einmal Kater Karla, kann dieser das nur denken.

Herr Sonderlich steht nervös unter seinem Flummibaum. Noch schüttelt sich dieser nicht, obwohl er gerade beklettert wird. Hoffentlich geht alles gut, denkt er.

Und Jonas, der inzwischen ganz oben in der Baumkrone sitzt, ruft:

„Ich höre jemanden reden, Herr Sonderlich! Da ist jemand … im Baum!“


Gute Nachrichten derweil von der Blutwertefront. Sämtliche Werte tadellos. Eine genaue Auflistung ist auf meiner Webseite zu finden: www.seppo.tv

 

Wie eigentlich für jeden Text im seppolog gilt, dass „Rebloggen“ erlaubt ist, Kopieren hingegen nicht. Bei den Texten um Herrn Sonderlich gilt das jedoch ganz besonders. Wer kopiert, wird von mir höchstselbst auf brutalste Weise ermordet.

13 Kommentare

  1. Es mag nur mir so gehen, aber irgendwie weht ein Hauch von Michael Ende durch diese Geschichte … 🙂

    Abgesehen davon möchte ich dann doch nochmal meine Begeisterung für den unvollständigen Satz „16 Jahre lang hat uns eine Birne …“ aus Kapitel eins kundtun. Ich hab sehr gelacht! 🙂

    20 Jahre nach besagter Birne weiß ich sie bzw. ihn irgendwie mehr zu schätzen, trotz der Spendenaffäre …

    Gefällt 2 Personen

  2. Sehr spannend.
    Herr Sonderlich hat Recht: Türen sind völlig überbewertet, außer man wohnt nicht im Erdgeschoss 😉
    Hat schon irgendwer dem Tierheim Bescheid gesagt? Die gute Frau Hinkearm (was für ein Name!) klingt ein ganz kleines bisschen nach so einer Animalhoarderin *miau – Pssst Katzen, bin gleich bei euch, muss nur noch den Send-Knopf drücken*

    Gefällt 2 Personen

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