Herr Sonderlich und das Rumpeln im Baum – drittes Kapitel

Zum ersten, zum zweiten Kapitel!

„Ich höre jemanden reden, Herr Sonderlich! Da ist jemand … im Baum!“, ruft Jonas ganz aufgeregt!

Herr Sonderlich reißt seine Augen auf, als er das hört. Und dann sagt er: „Das hatte ich mir schon fast gedacht. Kannst du denn jemanden erkennen?“

Jonas hat inzwischen die Baumkrone erreicht, als er eine Öffnung in dieser sieht. Und jetzt reißt auch Jonas seine Augen weit auf: „Ein Mädchen!“

„Ein Mädchen, ein Mädchen!“, ruft es plötzlich aus dem Baum, „Woran hast du das wohl erkannt?“

„An deinen Zöpfen, glaube ich“, sagt Jonas.

„Schlauberger. Und jetzt zieh mich hier raus. Ich stecke fest“, sagt das Mädchen mit den Zöpfen.

Jonas ist unsicher. Es ist das erste Mal, dass ein Mädchen ihn bittet, es aus einem Baum zu ziehen. Und dann noch an seinen Zöpfen!

„Sie will, dass ich sie rausziehe!“, ruft Jonas Herrn Sonderlich zu.

„Dann solltest du das tun! Du bist zwar noch jung, aber den Rat gebe ich dir mit: Tu, was die Mädchen dir sagen! Und schließlich hat kein Mädchen etwas in meinem Flummibaum zu suchen!“

„Wie soll ich sie denn ziehen?!“

„Hat sie Zöpfe?“

„Ja. Zwei.“

„Dann weißt du, was zu tun ist, Jonas!“

Das gefällt Kater Karla überhaupt nicht. Und weil es Katzen eigen ist, sich lautlos anschleichen zu können, erschrickt Herr Sonderlich, als Karla plötzlich hinter ihm faucht.

„Was soll ich tun, Karlo?!“, sagt er, „Der Eingang ist verstopft. Es steckt ein Mädchen drin.“

„Es ist deine Aufgabe, den Eingang zu bewachen. Nie hätte das Mädchen ihn finden dürfen!“, denkt Kater Karla, der in Wirklichkeit Karlo heißt. Eigentlich hat das jeder begriffen. Nur eben Frau Hinkearm nicht.

Herr Sonderlich ist ratlos. Er habe doch immer aufgepasst, sagt er.

„Und nun hat auch noch der Junge den Eingang gesehen!“, denkt Kater Karlo.

„Was blieb mir anderes übrig?! Ich selbst kann ja nicht hoch auf den Baum! Und dich konnte ich ja auch nicht schicken. Als du das letzte Mal auf einem Baum saßt …“

… hatte Frau Hinkearm die Feuerwehr alarmiert. Und dann hätte wohl die ganze Wolkengasse von dem Eingang im Baum erfahren, erklärt Herr Sonderlich dem mürrischen Kater.

„Auuuu!“, ruft das Mädchen, dessen Kopf nun immerhin aus der Baumkrone herauslugt, „Warum müssen Jungs immer an unseren Zöpfen ziehen?!“

Jonas weiß so recht keine Antwort. Eigentlich zieht er Mädchen nie an den Haaren. Diese Situation sei aber doch etwas völlig anderes. Ein bisschen fühlt er sich wie ein Feuerwehrmann, der jemanden rettet.

„Wenn sie vorher in einen Flummi gebissen hätte, dann wäre sie jetzt drin!“, mault Kater Karlo.

„Hat sie aber nicht. Darum ist sie ja steckengeblieben. Sie hat in keinen Flummi gebissen und sie hat nichts gesehen“, beruhigt Herr Sonderlich.

In einen Flummi beißen?, denkt Jonas verwirrt, während er das Mädchen befreit hat. Mit zerzaustem Haar sitzt das jetzt neben ihm auf dem dicken Ast und sieht sich um.

„So also sieht es auf dieser Seite aus!“

Jonas versteht gar nichts mehr und hat sich vorgenommen, auch nichts mehr verstehen zu wollen. Und auch unten am Baum macht sich eine gewisse Ratlosigkeit breit.

Diese Seite?! Was meint sie mit … das heißt ja …“, denkt Karlo.

„Das heißt, dass sie aus dem Verkehrtherum kommt!“, beendet Herr Sonderlich den Satz, „Dann bin ich ja gar nicht schuld!“

Jonas und das zweizöpfige Mädchen klettern vorsichtig vom Baum herunter.

„Wie komisch, hier steht ja alles auf dem Fuß!“, staunt das Mädchen.

Jonas würde sich ja darüber wundern. Aber er hatte sich vorgenommen, nichts mehr verstehen zu wollen und so sagt er einfach nur: „Ja. Wir stehen auf dem Fuß.“

Herr Sonderlich lacht plötzlich laut auf. Und Kater Karlo macht einen Buckel: „Du wirst einiges erklären müssen“, denkt der rote Kater.

„Du hast recht, Karlo“, sagt Herr Sonderlich.

„Karlo?! Ich heiße Cantaba!“, empört sich das Mädchen.

„Ich muss euch einiges erklären. Das da, das ist Karlo“, fängt er an und zeigt auf den Kater.

„Karla!“, korrigiert Jonas.

„Nein. Also auch. Für uns ist es Kater Karlo. Kater Karlo und ich, wir sind die Wächter des Flummibaums. Also eigentlich bin ich der Wächter des Flummibaums. Und Kater Karlo ist der Wächterwächter. Weil die Verkehrten glauben, dass der Wächter bewacht werden muss.“

„Und offenbar hatten sie recht!“, denkt Karlo. Und was Kater Karlo denkt, das kann Herr Sonderlich hören!

„Und ich verstehe Karlo. Und Karlo meint, ich müsste euch nun einiges erklären.“

„Mir nicht, ich bin im Bilde!“, ruft Cantaba.

„Im Bilde?! Wir sind wo?!“, fragt Jonas, „Ich habe Fragezeichen im Gesicht. Ich habe ganz viele Fragezeichen im Gesicht!“

„Der Flummibaum ist der Eingang ins Verkehrtherum“, beginnt Herr Sonderlich, „und Cantaba ist offensichtlich eine Besucherin aus dem Verkehrtherum. Darum stehen ihre Zöpfe wohl auch nach oben ab. Denn Im Verkehrtherum hängen die Verkehrten mit dem Kopf nach unten.“

Jonas versucht sich das vorzustellen und hat arge Probleme dabei. Aber dass es da irgendwo eine andere Welt geben müsse, das war ihm eigentlich immer klar. Nur hatte er immer hinter den Spiegeln gesucht. Und nicht in Bäumen!

„Und die junge Dame aus dem Verkehrtherum ist offenbar im Baum steckengeblieben. Weil sie sich nicht an die Vorschrift gehalten hat!“, wird Herr Sonderlich nun streng, „Nur in Ausnahmefällen darf jemand das Verkehrtherum betreten oder verlassen! Und wenn, junge Dame, dann muss vor dem Passieren des Durchgangs in einen Flummi gebissen werden!“

„Wer würde denn in einen Flummi beißen?!“, fragt Jonas erstaunt.

„Wer in einen Flummi des Flummibaumes beißt, der wird für kurze Zeit so beweglich wie ein … naja … Gummiflummi eben. Und kann den Durchgang ins Verkehrtherum passieren. Ist doch logisch, oder?“

„Ja“, sagt Jonas nur, „das alles ist ganz logisch.“

„Frag das Mädchen!“, denkt Karlo.

„Achja, nun wäre von allgemeinem Interesse, warum du, Cantaba, auf unsere Seite wolltest?“

Plötzlich wird Cantaba ganz traurig. Und fängt an zu erzählen: „Immer wenn ich singe, fallen die Vögel vom Himmel! Weil ich so schrecklich singe, sagen sie im Verkehrtherum! Und sie haben gesagt, wenn ich noch einmal singen würde, würde ich aus dem Verkehrtherum verbannt. Aber weil ich doch so gerne singe, habe ich, ganz leise nur!, weitergesungen. Aber das haben sie gehört und mich verbannt. Und dann blieb ich stecken. Weil ich vor lauter Weinen vergessen habe, in einen Flummi zu beißen. Und jetzt bin ich so traurig, dass ich am liebsten singen würde. Aber ich weiß nicht, ob ich das hier darf!“

„Hier darfst du singen!“, sagt Herr Sonderlich, um Cantaba zu trösten. Und das lässt diese sich nicht zweimal sagen und singt laut los:

„Ich bin so eeeeeinsaaaaaaam und traaaaaurig!“

Herr Sonderlich hält sich plötzlich die Ohren zu! Jonas geht in Deckung! Kater Karlo sträubt sein Fell, miaut laut auf und springt auf den Flummibaum. Der Flummibaum erschrickt sich so sehr, dass er sich zu schütteln beginnt, wie Flummibäume das so machen, und Kater Karlo über die Straße schleudert, wo Frau Hinkearm inzwischen neugierig steht und ihn auffängt:

„Da bist du ja, Karla!“, sagt sie ganz glücklich. Sie hat allen Grund, glücklich zu sein. Denn weil sie schwerhörig ist, kann sie den schrecklichen Gesang von Cantaba nicht hören.

„Gut, gut, gut!“, ruft Herr Sonderlich, „Das klingt ja ganz prima!“

Jonas muss lachen: „Ja, prima! Hebe dir aber den Rest für später auf, ja?“

„Okay!“, sagt Cantaba zufrieden, „Im Verkehrtherum finden sie meinen Gesang ganz furchtbar! Aber trotzdem möchte ich wieder zurück!“

„Wir werden einen Weg finden. Wir bringen dich zurück!“, ruft Herr Sonderlich feierlich aus, „So sehr wir deinen Gesang hier auch vermissen würden!“

Dabei zwinkert er Jonas zu, der wiedereum ganz aufgeregt fragt: „Ich darf mitkommen?!“ Und dann sagt er ganz leise und nachdenklich:

„Vielleicht finde ich dort meine Mutter! Papa sagt zwar, sie sei oben, aber immer wenn ich in den Himmel gucke, sehe ich sie nicht. Vielleicht gucke ich immer dann hin, wenn sie gerade nicht da ist! Darum gucke ich ganz oft in den Himmel.“


Jonas und Herr Sonderlich kehren zurück – in:

12 Kommentare

    • abgesehen davon, dass die zahl der kommentare für mich nicht kriterium ist, sondern die zahl der abrufe und die reaktionen bei twitter, instagram und co., ist es caine überraschung, dass diese art von text bei mir wohl eher nicht erwartet wird und auch deutlich weniger menschen anspricht. für mich steckt allerdings hinter dieser geschichte etwas ganz anderes als die hoffnung auf viele likes usw …

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    • man muss bedenken, es kommentieren ohnehin nur die, die auch bei wordpress angemeldet sind. als nicht-angemeldeter ist die hürde höher (mailadresse hinterlassen usw.). die kommentarleiste eines blogs ist immer auch eine echokammer. neben den kommentaren erreichen mich viele emails. die sagen viel mehr aus, da sie mehr aufwand erfordern. die sonderlich-geschichten werden bei twitter oft geteilt, das ist bei anderen texten weniger der fall. so findet jede textgattung woanders mehr oder weniger anklang. und gerade bei sonderlich ist es ja so, dass die zielgruppe vermutlich NIE kommentieren wird! der einzige maßstab, der sich aus zahlen für mich ergibt, ist das verhältnis aus absoluten abrufen und likes. und das stimmt bei sonderlich. aber es gilt: herr sonderlich hat einen auftrag. selbst bei miesen zahlen würde ich ihn weiterschreiben müssen! Ob eine Geschichte Zukunft hat, weiß man leider oftmals erst in der Zukunft.

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  1. super geschrieben , ich hab mir wirklich erst alle teile durchgelesen ( derzeitig lese ich wenig bei dir ,schuld ist die reha ) bevor ich meinen kommentar schreibe …. hast du jemals versucht fantasy-geschichten zu schreiben und zu veröffentlichen? ich behaupte das wäre eine lohnende beschäftigung ,deine texte sind gut und fesselnd geschrieben … gratulation … ich hoffe es gibt eine fortsetzung 🙂

    es grüßt die wolfskatze …

    Gefällt 2 Personen

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