Rudine und die Gardinenstange

Rudine ist meine Nachbarin. Sie wohnt zwei Stockwerke über mir. Das zwischen uns liegende Stockwerk ist wichtig. Denn Rudine ist ein sehr lauter Mensch. Rudine ruft immerzu.

Ich bin durchaus ein lärmempfindlicher Mensch, was sicher auch mit meinem Tinnitus zu tun hat, auch wenn Lärm natürlich den Vorteil hat, den Tinnitus zu übertönen. Das ist vergleichbar mit autoaggressivem Verhalten. Um seelischen Schmerz zu übertönen, fügen Betroffene sich einen noch stärkeren (körperlichen) Schmerz zu. Ich neige zu meinem Glück nicht dazu, habe aber jedes Mitgefühl. Auch wenn ich es rational nicht nachvollziehen kann – denn: Füge ich mir etwas Intensiveres zu, müsste ich dieses doch auch übertönen. Also was nützt mir der Lärm, der den Tinnitus in den Schatten stellt, wenn ich dann den Lärm ertragen muss?! Aber wir wissen natürlich, dass gerade die Seele nicht immer rational handelt und Rationalität nicht immer ein überzeugendes Mittel gegen alles ist.

Rudine glaubt, sie spreche in normaler Lautstärke. Doch täte sie das wirklich, würde ich sie nicht schon dann wahrnehmen, wenn sie noch gar nicht in meine Sichtweite geraten ist. Ich höre sie immer schon vorher.

„Pass auf, in zehn Minuten hörst du oben die Wohnungstür. Rudine kommt!“, prophezeie ich regelmäßig meiner Mitbewohnerin.

„Ja, ich weiß. Ich hab sie auch schon gehört.“

Wenn sie bewusst ruft, dann nützt auch der Stockwerkpuffer zwischen unseren Wohnungen nichts mehr. So auch am vergangenen Samstag um zehn Uhr morgens, weil alle Geschichten im seppolog um zehn Uhr morgens ihren Anfang nehmen.

Meine Mitbewohnerin und ich sind mit unseren Körpern beschäftigt, als wir ein Krachen über uns vernehmen.

„Huch! Was war das?!“, fragt meine Mitbewohnerin.

„Oh, bin ich zu stürmisch?!“, verkenne ich die Situation.

„Nein, nein. Da hat was gerummst.“

„Ja, ich weiß. Ich komme gewaltig.“

„Ach, du bist schon? Wie wäre es mal mit Warten?!“

Es dauert nur wenige Sekunden, da hören wir ein Rufen aus dem Treppenhaus: „Seppoooooo. Komm mal bitte hoch! Es ist was passiert!“

„Grundgütiger. Sie weiß, dass wir zuhause sind?!“

Meine Mitbewohnerin und ich wagen es nicht, uns zu regen. Dann klingelt es an unserer Wohnungstür. Wir blicken uns mit aufgerissenen Augen an. Ich lese Panik in den Augen meiner Mitbewohnerin.

(Kurzer Einschub: Dachte gerade, ich rieche massiv nach Schweiß. Unauffällig an mir gerochen. Es ist wohl das Chili, das den Raum betrat.)

Dann klopft es an der Tür: „Seppoooo. Ich weiß, dass ihr da seid! Kannst du mir helfen? Mir ist die Gardine runtergekommen!“

Ich flüstere zu meiner Mitbewohnerin: „Woher weiß sie das?! Hat sie hier Kameras installiert?!“

Rudine ist ein Mensch, dem ich alles Schlechte der Welt zutraue. Was nicht wundert, da ich das so ziemlich jedem zutraue. Der Mensch ist ein berechnendes Wesen. Das stelle ich ganz nüchtern ohne Enttäuschung fest. Ich habe es oft genug erlebt.

„Sie wird solange warten, bis wir aufmachen, Seppo. Zieh dir was an und geh mit ihr hoch“, rät meine Mitbewohnerin.

„Ja, soll ich jetzt Gardinen aufhängen?!“, frage ich und blicke dabei zu unserer Gardinenkonstruktion. Als ich vor einigen Wochen unsere Vorhänge im Schlafzimmer abnahm, um sie schonend bei 30 Grädern zu waschen, kam mir unsere Gardinenstange entgegen, da ich maßgeblich an dessen „Befestigung“ vor sechs Jahren beteiligt war. Nach dem Unglück habe ich die Dübel mit Klebeband fixiert. Es muss ja auch nicht mehr lange halten …

Ich beschließe, wie mir geheißen, ziehe mich an, richte meinen Bart und öffne schlecht gelaunt die Wohnungstür.

„Rudine! Du weißt doch, wie gerne ich Menschen empfange!“

„Ich bin doch deine beste Freundin!“

„Nein, eben nicht.“

Rudine kann man so etwas sagen. Sie hört ohnehin nur, was sie will und neigt generell dazu, Menschen für ihre Zwecke zu benutzen. Insbesondere naive Männer wie mich. Männer neigen überhaupt zu einer gewissen Treudoofheit; ich sowieso.

„Soll ich die Gardine wieder aufhängen? Hängt die Stange noch?“, frage ich.

„Ja.“

„Was ‚ja‘?“

„Achso. Ja, also aufhängen und nein, Stange liegt auf meinem Bett. Sie hätte mich fast erschlagen!“

„Aber eben nur fast. Man kann nicht alles haben.“

„Was?!“

„Nichts. Lass uns hochgehen.“

„Wart ihr schon wach?“

„Gewissermaßen.“

„Dein Bart riecht nach Kaugummi.“

„Ja, ich hab auf die Schnelle zur falschen Pomade gegriffen.“

„Du stylst dich für mich?!“

„Ich sytle meinen Bart immer.“

„Darf ich mal reinfassen?“

„Ganz sicher nicht.“

Rudine greift mir in den Bart.

„Der ist ja ganz klebrig!“, ruft sie.

„Ja, da ist ja auch Pomade drin. Ich hätte Stacheldraht reinflechten sollen.“

Wir gehen in ihr Schlafzimmer. Ich sehe sofort, dass ich der falsche Mann für die Nummer bin.

„Rudine, es gibt einige Dinge, die ich nicht kann. Dazu gehört praktisch alles, was mit handwerklichem Geschick zu tun hat. Mir scheint, die Dübel sind draußen. Man müsste bohren. Hast du einen Bohrer?“

„Nein. Ich leihe mir sowas immer.“

„Dann hast du noch unseren Bohrer!“, ich messerscharf.

„Achso, Moment, ich gucke.“

Sie sucht in der Abstellkammer und findet auch etwas.

„Hab nur diesen Akku-Schrauber.“

„Aha. Nein, das ist die Schlagbohrmaschine meiner Mitbewohnerin.“

Fürs Bohren ist bei uns meine Mitbewohnerin zuständig. Ich halte immer nur den Staubsauger unter das zu bohrende Loch. Ich habe einmal ein Wandregal an eine unserer Wände gedübelt. Beim Testen auf Stabilität krachte es mir runter und demolierte meine neue Musikanlage, aus der nie Musik, dafür aber Hörspiele kommen.

(Hier übrigens ist die deutsche Grammatik gnädig: Das „kommen“ genügt, es bedarf keines auf den Singular der Musik bezogenes „kommt“.)

Damals beschloss ich, nie wieder etwas zu dübeln, da Dübeln sich zu mir verhält wie Bälle zu … auch mir. Es geht nicht. Solche Entscheidungen zu treffen, finde ich wichtig. Sie nehmen Druck und erleichtern das Leben.

„Rudine, ich könnte den Staubsauger halten, während du bohrst. Zunächst aber müssen wir feststellen, welchen Durchmesser das Dings vorne am Bohrer haben muss. Hast du Dübel?“

Innerlich breche ich zusammen. Denn es braucht auch passende Schrauben. Schrauben, Dübel und Bohrerdings müssen zusammenpassen. Ich bin überfordert und überlege, Rudine umzubringen, weil es einiges an Arbeit sparen würde. Und weil ich Rudine schon lange umbringen möchte, die juristischen Konsequenzen aber fürchte.

„Rudine, wie wichtig sind dir die Gardinen? Ich meine, so ohne fällt doch viel mehr Licht in die Wohnung. Wertet das Wohnerlebnis doch enorm auf!“

Rudine sieht mich an wie ein staunender Hund. Spannende Sekunden. Sie scheint darüber nachzudenken. Vielleicht habe ich ja Glück!

„Seppo! Quatsch! Kann mir ja jeder hier reingucken! Die müssen da wieder hin!“

Verdammt. Habe sie wohl unterschätzt. Doch töten?

„Rudine, weiß jemand, dass ich hier bin?“

„Was?! Nein. Deine Mitbewohnerin.“

Die würde mich wohl kaum verraten, denke ich und lache auf.

„Was gibt es da zu lachen?“

„Nichts, hab nur kurz überlegt, dich umzubringen.“

„Ha-ha, Seppo. Ich weiß sehr wohl, wann du scherzt und wann nicht.“

„Ja, ich glaube sogar, dass du das glaubst. Folgender Plan: Du beschaffst Werkzeug in passender Größe. Also, hast du Dübel?“

„Was sind Dübel?!“

„Und ich hielt mich schon für eine Niete. Nun gut, der Dübel wurde erfunden von Artur Fischer. Das sind diese Dinger, die die Schrauben fixieren.“

„Schraubenzieher?!“

„Pass auf, heute Nachmittag komme ich mit meiner Mitbewohnerin wieder. Wir müssen gleich weg, bei einem Umzug in Lörick zur Hand gehen.“

„Wer zieht um?“

„Sandra. Kennst du nicht.“

„Ob du der Richtige bist, um bei einem Umzug zu helfen?!“

„Ich werde ja wohl Kisten schleppen können. Ich bin eher der absolut Falsche für dieses hier! Großer Gott, hoffentlich hängen bei Sandra schon die Gardinenstangen. Wobei, einer muss ja den Staubsauger halten.“

 

Bis heute kam es nicht mehr zum Aufhängen der Gardinen, die übrigens auch bei Sandra (noch) nicht hingen. Denn darauf kann man bei Rudine immer setzen: Ihr leicht hyperaktives Wesen neigt dazu, Dinge zu vergessen. Kaum hatte ich die Wohnung wieder verlassen, hat mit Sicherheit etwas anderes Rudines vollste Aufmerksamkeit verlangt. Es ist ihre Art, Projekte anzugehen: Es bleibt stets beim bloßen Angehen.


Sollte sich dennoch etwas in Sachen Gardinenstange tun, erfahren Sie es als erstes auf meiner Webseite und als zweites hier!

22 Kommentare

  1. Jetzt denke ich völlig überflüssigerweise darüber nach, ob das „kommen“ wirklich ausreicht, oder ob man – wolle man korrekt sein – nicht doch das „kommt“ hinzufügen müsste. Darüber hab ich die Geschichte vergessen und muss sie nochmal lesen – vielen Dank auch ;-)

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  2. Ich sinniere über den Satz: „Es ist wohl das Chili, das den Raum betrat.“ Das Chili hat aktiv den Raum betreten? Also quasi selbsttätig? Dann würde ich die Nähe dazu meiden …

    Und anstelle der drei Pünktchen am Ende von: „Es muss ja auch nicht mehr lange halten …“, hätte ich mir irgendwie einen mit „weil“ eingeleiteten, erläuternden Nebensatz gewünscht.

    Gefällt 2 Personen

  3. Seppo–gezählt habe ich und ich kam zu der Zahl fünf.Ich musste also fünfmal laut aus dem Bauch heraus lachen. Und ich stellte fest das Du Humor hast. Einen tollen Humor …ich dacht die ganze Zeit Du wärst nur Narzistisch unterwegs.Aber nein,es ist nicht so.Danke wieder hierfür.

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  4. Ich finde ja auch, Gardinen werden manchmal überbewertet.
    Und vielen Dank für Deine Likes auf meinem Aikido-Test-Blog.
    das hat mich doch glatt darauf aufmerksam gemacht, dass ich ihn mal wieder auf „privat“ schalten sollte ;-)

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