Sonntag

Der Sonntag macht 50 Prozent des Wochenendes aus, schert man sich mal eben kurz nicht um den eigentlich ja dazugehörenden Freitagabend. Und trotz dieses Wochenend-Schwergewichtes weiß man sonntagmorgens bereits, dass die Wochenend-Uhr tickt: Die Zeit läuft ab; sie will genutzt werden. Und jetzt schon weiß ich, dass ich gar nicht alles unterbekomme in diesen Tag! Allein der Sport wird mindestens drei Stunden beanspruchen. Und ich sage es exklusiv hier und aus Gründen des Selbstschutzes nicht gegenüber meiner Mitbewohnerin: Das, was sie heute alles machen will, wird sie nie in rund 18 Stunden unterkriegen! Sie hat sich viel zu viel vorgenommen. Darf ich aber laut nicht sagen … Hauptsache, sie schafft es zu kochen. Denn heute kocht sie … nach jetztigem Planungsstand.

Meine Mitbewohnerin und ich schlafen bis etwa halb neun, was für uns praktisch dekadentes Ausschlafen bedeutet, ein Abrutschen gar in den den Tag verschlafenden Bodensatz der Gesellschaft. Ein Dilemma: Zwei Tage, an denen man eigentlich so lange schlafen könnte, wie man wollte; doch was nützt es am Ende, die Hälfte des Wochenendes verschlafen zu haben?! Wo es doch die meiste Zeit bietet, möglichst hedonistisch zu leben?! Darum mein Appell an die Gewerkschaften: Seht zu, dass Ihr den Freitag arbeitsfrei bekommt! Wir brauchen ein längeres Wochenende! Man könnte dann an einem Tag nur schlafen, an den anderen Tagen dann der Freizeit frönen. Aber leider, leider: Die Gewerkschaften verlieren an Einfluss … Das wird uns noch um die Ohren fliegen. Inzwischen geht man davon aus, dass der typische Gewerkschaftsanhänger gar nicht links ist, sondern eher zur anderen Seite orientiert, wenn auch freilich nicht radikal! Das wiederum spielt der AfD in die Hände. Die sich allerdings nicht um den „Arbeiter“ kümmert.

Wie dem auch sei, Nazis hin, Nazis her, zwingen wir uns an Wochenenden zu frühem Aufstehen, zumal heute einiges wie Ohren anliegt.

Als erstes lese ich eine Whatsapp-Nachricht in meiner Gruppe „Herrenklub„. Es gibt Ärger.

hast du allen ernstes öffentlich über unseren club geschrieben?!?!

Es ist Brunsthardt, der das schreibt. Und es lässt mich kalt. Ich weise ihn auf zwei Dinge hin: Erstens schreiben wir Klub mit „K“ und zweitens kann ich als Gründer des Klubs die Regeln, die ich aufgestellt habe, nach Lust und Laune auch wieder brechen. So ein Herrenklub ist caine Demokratie. Da Brunsthardt keine Demut zeigt, schmeiße ich ihn direkt aus dem Herrenklub raus. Der Sonntag entwickelt sich ganz nach meinem Geschmack. So eine Machtprobe macht wach. Außerdem habe ich damit das Thema der heutigen „Sonntagsrunde“ im Klub gesetzt, der ich diese Woche nicht beiwohnen kann, da ich mich nicht in Münster aufhalte. Man wird sich wohl das Maul über mich zerreißen, was ich aber inzwischen aus anderen Lebensbereichen gewohnt bin. Man härtet ab. Oder stumpft ab. Man steht über den Dingen, ist man sich selbst genug.

Ein jeder Sonntagmorgen beginnt mir der spannenden Frage, wo meine Sonntagszeitung liegt. Liegt sie vor der Wohnungstür, weil Frau Fahrgescheit, unsere Nachbarin, eine treusorgende Seele, sie bereits dort deponiert hat, oder steckt sie noch unten an der Haustür im auswärtigen Türgriff? Das wäre der GAU, denn ich lehne es ab, schlaftrunken und halbnackt durch unser Treppenhaus zu flitzen, um möglichst ungesehen die Zeitung zu holen. Ich bin da sehr eitel. Nicht auszudenken, ich träfe dabei beispielsweise Nachbarin Rudine! Darum erbarmt sich meist meine Mitbewohnerin, die Zeitung zu holen, obwohl sie diese gar nicht liest, sondern sich heute Morgen zunächst um das neueste „Rusty Lake“-Spiel kümmert.

Warten wir zu lange mit der Befreiung der Zeitung aus dem Türgriff, gehen wir das Risiko ein, dass ein Passant der Zeitung illegalerweise habhaft wird, sie also stiehlt. Verstehen tue ich das nicht. Denn: Der Zielgruppe der Sonntagszeitung – und wir reden hier nicht von der „BamS“! – gehören keine Menschen an, die Zeitungen stehlen würden. Würde ich zumindest mal so vermuten. Dennoch wird sie gerne entwendet. Aber von wem?! Von Menschen, die sie eigentlich gar nicht lesen?! Dann steckte nicht etwa Informationsbedürfnis dahinter, sondern reine Boshaftigkeit. Zeitungsdiebstahl nehme ich stets persönlich und ich fände es moralisch völlig in Ordnung, den Täter, falls frisch ertappt, auf der Stelle öffentlichkeitswirksam hinzurichten.

Heute läuft es gut für mich, ich muss niemanden hinrichten. Das angeblich so konservative Blatt liegt vor unserer Wohnungstür zusammen mit dem „Spiegel“, den ich aber erst im Zug nach Berlin, morgen, lesen werde. Ich bin seit nun 20 Jahren dessen Abonnent und ziehe es jetzt so lange durch, bis der Seitenumfang auf 100 geschrumpft und der copypreis auf zehn Euro gestiegen ist.Außerdem hoffe ich auf eine Treueprämie.

Sehr geehrter Herr Flotho,

da Sie nun seit 20 Jahren Leser des SPIEGELs sind,

Der „Spiegel“ schreibt sich selbst immer in Kapitälchen …

möchten wir Sie heute mit einer Prämie überraschen!

Das wäre dann ein Füllfederhalter oder so. Habe schon unzählige als Aboprämie. Von „Geo Epoche“ bekam ich diese tatsächlich Woche einen Brief! Weil ich langjähriger Leser sei, habe man für mich ein kleines Geschenk hinterlegt! Ich müsse nur anrufen! Mache ich aber nicht, da ich vermute, dass „Gruner + Jahr“ mir nur irgendwie ’ne Reise vergünstigt anbieten will. Außerdem habe ich doch schon diesen tollen „Rolltrolley“ als Prämie von denen erhalten! Achja, auch diese Woche: Post aus Österreich. Ich hätte meine Rechnung für „Terra Mater“ angeblich nicht beglichen. „Red Bull Media House“ droht mit Einstellung der Belieferung. Ich habe natürlich umgehend überwiesen, obwohl ich mich weder an eine Rechnung noch an eine Mahnung erinnere. Aber ich zahle gerne die Mahngebühren. Denn Print braucht es!

Ich werde nicht müde, den Niedergang des Prints zu bejammern, weil der heutzutage angeblich so gut informierte Mensch lieber snippets liest; Hintergrundwissen ist ja völlig überbewertet und stört auch beim Konstruieren von Verschwörungstheorien. Bloß nicht mehr impfen! Zum Beispiel …

Meine Mitbewohnerin ist ein Wrack. Ich auch. Wir wachen völlig gerädert auf. Ich kann meine Arme kaum bewegen, sie wiederum ist von einer Zerrung im Leistenbereich geplagt. Grund ist wohl der gestrige Tag im Wald, als ich sie zwang, an meinem Liegestütze-Marathon teilzunehmen. Meine Repertoire an Liegestütze-Varianten umfasst derzeit rund 30. Vermutlich gibt es doppelt so viele, auswendig kann ich aber eben nur jene 30. Und all die wollte ich ihr gestern bei einem Waldlauf demonstrieren. Und sowas ist hart. Aber darum geht es ja. Man jazzt seinen Puls mittels Cardio auf maximale Höhen und stürzt sich dann in ein Krafttraining. Brennen die Muskeln nicht, wird man cainen Trainingseffekt haben. Brennen die Muskeln meiner Mitbewohnerin, wird sie laut. Und leicht aggressiv. Ich war überrascht. Das kannte ich nicht von ihr. Gefiel mir! Ich kann es ja auch sehr gut nachvollziehen: Nichts ist schlimmer als ein Trainer, der einen anschreit, während man einfach nicht mehr kann. Das ist auch der Grund dafür, dass ich Probleme mit Trainern habe. Wenn ich am Boden liege, weil sämtliche Muskeln versagen, brauche ich niemanden, der neben mir steht und schreit:

„Einen noch! Stell dich nicht so an! Mann oder Memme?!“

Ich weiß, er will dann motivieren, aber ich würde ich ihm dennoch gerne eine verpassen! Ich brauche auch keinen Motivator. Beim Sport bin ich das selbst. Und so brauchte auch meine Mitbewohnerin mich nicht als Motivator, doch ich genoss es, sie leidend am Boden liegend zu sehen. Obwohl es ja wirklich totaler Unsinn ist: Da bricht jemand unter Liegestützen und planks aus gutem Grund zusammen, weil er alles gegeben hat, und dann steht einer daneben und tut so, als hätte der Proband nicht alles gegeben, obwohl das doch offensichtlich ist!

„Verfickte Scheiße“, kam es aus ihr heraus.

„Aha, du kannst ja doch aggressiv!“, sagte ich.

„Ruhe!“

„Komm, einen noch! Mann oder Memme?!“

Beide haben wir durchgehalten und nach zwei Stunden den Heimweg angetreten. Völlig fertig. Viel ging danach nicht mehr. Ich hatte eh nicht viel mehr anderes vor, als endlich die dritte Staffel von „Rick and Morty“ anzufangen und zu essen.

Heute geben wir uns den Rest. Sie ist gerade mit einer Freundin in Oberkassel laufen, ich stehe vor einem unerträglichen Cardio-Training, bei dem ich imaginäre Trainer anschreien werde, da Cardio mich grundsätzlich aggressiv macht. Reines Krafttraining ist simpel. Aber Cardio holt die Bestie aus einem heraus, das Böse in Reinform. Denn das Böse, das mag diesen Muskelkater im Podex nicht, den ich seit einer Woche mit mir rumtrage. Seit einer Woche schmerzt mich das Sitzen. Und man bleibt dennoch sitzen, da das Aufstehen als einziger Ausweg aus der Sitzposition derart schmerzt, dass ich den ganzen Tag nur jammere. Obwohl das das Geile am Sport ist: Das Körpergefühl, das man entwickelt. Und darum habe ich etwas neues für mich entdeckt, das das Krafttraining künftig flankieren wird und einen tollen englischen Namen trägt: mobility-Training; ein weiterer Schritt zum parcours-Lauf.

Und weil wir nun bereits elf Uhr 16 haben, fange ich direkt damit an!


Einige Liegetütze-Varianten von mir höchstselbst durchgeführt finden Sie auf meinem Instagram-Profil.

10 Kommentare

  1. Deine Reaktion auf die Anwürfe aus Münster rechne ich Dir hoch an, denn auch wenn Du es vielleicht nicht weißt: Es gibt nur einen Club mit „C“, nämlich DEN Club, den Ruhmreichen, den 1. FC Nürnberg (der mit der Fortuna zur Zeit wacker in Richtung 1. Liga marschiert. Naja, spielt, das mArschieren überlassen wir mal die AfD).

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  2. Da fällt mir noch was ein: hast du an anderer Stelle schonmal deinen C und K Gebrauch erklärt? Hat das was mit Walther von der Vogelweide oder so zu tun? Oder mit Sprachgrenzen? Oder einfach um sich abzuheben von anderen Sprachkünstlern?

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