Der Handstand

„Halt mich unbedingt fest! Nicht weggehen!“, rufe ich von der Bodenebene meiner Mitbewohnerin zu, deren Kopf sich etwa im zweiten Drittel der Höhe unseres Flures befindet, „Wir müssen mich nun langsam wieder irgendwie umdrehen!“

Ich hatte es mir einfacher vorgestellt. Denn auf meine Körperbeherrschung bilde ich mir zurecht einen ein. Doch nun ist mir klar, über diese Beherrschung verfüge ich nur, solange sich meine Füße unterhalb des Kopfes befinden. Im Falle des umgekehrten Verhältnisses sieht die Welt hingegen ganz anders aus. Zumal sie dann natürlich Kopf steht.

Ich habe das mobility-Training für micht entdeckt, das einhergeht mit dem so genannten „HIIT“, dem hochintensiven Intervalltraining, das wiederum eine Form des Cardio-Trainings sein kann. Letztlich geht es darum, maximal beweglich zu sein, sodass das Ziel der freie einarmige Handstand sein kann. Ich allerdings muss den erst einmal auf zwei Händen hinbekommen und habe unterschätzt, wie ungewohnt es ist, seine Beine nach oben zu katapultieren, während der Kopf sich in Bodennähe befindet. Zum einen braucht es dazu Kraft in den Armen, zum anderen ein fein austariertes Körpergleichgewicht. Nicht alles davon ist in der umgekehrten Senkrechten bei mir bereits vorhanden, sodass ich mich mittels diverser Übungen an die Nummer herantasten muss.

„Isolation! Integration! Improvisation!“, sagt dazu mein neuer Trainer Mario Manki. Das Prinzip habe ich, nachdem kapiert, direkt meiner Mitbewohnerin erklärt:

„Also, es ist wohl so, dass man zunächst die einzelnen Elemente des Handtstandes isoliert trainieren muss. Fängt also mit der Griffkraft an. Haken wir ab, kann ich. Dann integriert man das alles zum kompletten Handstand. Ganz einfach eigentlich.“

Ich war sicher, es praktisch aus dem Stand heraus zu können, probierte es zunächst allein. Nachdem ich in Folge eines ungelenken Überschlages auf meinem Rücken gekracht war, holte ich meine Mitbewohnerin dazu.

„Pass auf, es gibt Probleme mit der Integration“, erklärte ich ihr.

„Was hat da eben so gekracht?!“, sie nur.

„Nun, es gibt noch Probleme mit dem Gleichgewicht. Ich hielt den Handstand nur für Sekundenbruchteile und fürchte, das zählt nicht. Du musst mich also festhalten, sobald ich einigermaßen senkrecht bin.“

Also nächster Versuch. Überschwangbedingt schleuderte ich meiner Mitbewohnerin meine Füße ins Gesicht. Sie gab an, das nicht auf Dauer mitmachen zu wollen und schlug vor, dass ich mir eine Wand zur Hilfe nehme, die meine unkontrolliert schwingenden Beine abfedern würde.

Und so kam es, dass ich eben kopfüber (Müsste es nicht „kopfunter“ heißen?!) an unserer einzig freien Wand im Flur stehe und realisiere, dass ich in dieser Position bar jeder Körperbeherrschung bin. Und an einarmig ist wohl erstmal nicht zu denken. Zumal ich Panik bekomme:

„Du darfst jetzt nicht weggehen!“, erkläre ich schnappatmig meiner Mitbewohnerin, „Ich drohe zu kippen! Ich weiß gar nicht, wie ich schadfrei ohne Hilfe aus dieser Position wieder zurückkomme!“

„Du musst einfach nur mit den Beinen wieder Richtung Boden schwingen und mit den Füßen aufkommen! Mache ich beim Yoga auch immer so.“

„Das ist hier kein Yoga, das ist mobility!“

„Mobil siehst du aber gerade nicht aus!“

„Immerhin stehe ich auf meinen Händen!“

Stolz war ich durchaus etwas, obwohl ich als kleiner Knirps schon einmal den Kopfstand beherrschte. Aber Kinder wogen damals ja auch noch nichts.

„Zum Abrollen sollte man den Purzelbaum beherrschen, sagt Mario. Hätte ich vorher auch isoliert üben sollen. Man möchte meinen, ein Purzelbaum ist sehr einfach.“

Sage ich und stelle fest, dass sie weggegangen ist.

„Hallo?! Wo bist du?!“

„In der Kücheeee!“, ruft sie.

„Du kannst mich hier nicht einfach stehenlassen! Ich hab dich doch extra angewiesen, dass du mich auffängst, falls das mit dem Abrollen nicht klappt!“

„Du redest zu viel!“

„Das kommt, weil mein ganzes Blut ins Hirn gesickert ist! Wer garantiert einem eigentlich, dass da jetzt nichts platzt?!“

„Niemand!“, ruft sie.

Ich stehe so da und beobachte unsere Badezimmertür.

„Alles falschherum. Als Baby sieht man ja alles auf dem Kopf.“

Mir wird langweilig und die Kraft in den Armen lässt nach.

„Kannst du kommen und mich nun irgendwie wieder hinstellen?!“, rufe ich meiner Mitbewohnerin zu, die zu telefonieren scheint, „Hallo?“

„Ich telefoniere gerade mit deiner Mutter, Seppo!“

„Was will sie?!“

„Wegen des Geburtstages!“

„Wer hat Geburtstag?“

„Deine Mutter!“

„Oh … Heute? Was ist denn heute?“

„Sie bedankt sich für das Geschenk.“

„Ah, haben wir ihr was geschenkt?“

„Nein, wir nicht. Aber ich.“

„Sag ihr, ich rufe zurück, es ist gerade ungünstig. Sag ihr aber nicht, dass ich auf den Händen …“

„Er steht gerade auf seinen Händen, er ruft zurück“, höre ich sie sagen.

„ICH RUF ZURÜÜÜCK! ALLES GUUTE! Kannst du jetzt auflegen und mich abfangen?“

Ich merke einen gewissen Schwindel. Außerdem steigt der Druck in meinem Kopf. Meine Arme zittern, ich gerate ins Wanken.

„Ich wanke schon!“

„Momeheeent!“

„Ich wanke bereits bedenklich!“

„Einfach abrollen!“

Na gut, denke ich, wird sie schon sehen, was sie davon hat. Dann rolle ich auf eigene Faust ab. Das wird wohl mit „Improvisation“ gemeint sein, wenn es nach Marios Prinzip geht. Allerdings versagen nun meine Arme, ich beschließe, mich auf dem Kopf abzustützen. Für diesen Fall hatte ich mir extra ein Kissen auf den Boden gelegt. Langsam senke ich mich ab und stelle fest, dass nun der Kopf ein erhebliches Gewicht stemmen muss. Die Situation spitzt sich zu.

„Hallo? Es gibt Probleme!“

Keine Reaktionen. Ein Lachen höre ich.

„Verstehst dich ja bestens mit meiner Mutter! Kannst ihr ja beim Abrollen helfen! Ich bin ja nur dein langjähriger Lebensgefährte!“

Aus großer Sorge um meinen Hirndruck beschließe ich nun, mich auf gut Glück in eine komfortablere Position zu bringen. Ich neige langsam meine Beine von der Wand weg und … krache zu Boden.

„Nichts passiert!“, stelle ich erleichtert fest und habe großen Respekt vor Menschen, die auf ihren Händen laufen können. Das freilich bleibt mein Ziel für die kommenden Wochen, vielleicht sogar Monate. Und übrigens, den einarmigen Liegestütz habe ich noch nicht aufgegeben, im Gegenteil, ich habe ihn wieder forciert und kann große Fortschritte verkünden.

Letztlich ist mein Ziel die totale Körperbeherrschung. Neben Kraft ist dabei viel wichtiger, die Körperspannung in jeder Situation aufrechterhalten zu können. Am Ende steht dann die Kunst des Parcours-Laufes, den ich jedoch nur mit Helm absolvieren würde, da ich um meine motorischen Aussetzer durchaus weiß.

„Grüße von deiner Mutter. Oh, du bist schon wieder unten?“

„Ja, danke. Das üben wir nun jeden Tag.“  


 

8 Kommentare

  1. Ich empfehle: mit dem Rücken zur Wand in die Hocke gehen und kontrolliert die Wand hochlaufen. Wenn ganz oben mit den Händen möglichst nah an die Wand. Nach vorne kippen und Kinn auf die Brust. Kopf steuert Rücken.
    Und sich hier inspirieren lassen über gekonntes nichtkönnen:

    Gefällt 3 Personen

  2. Ich hatte mal einen Mit-Berufsschüler der trotz starkem Alkohol- und Drogenmißbrauchs jeden Sport sofort konnte. Hat sich ein Skateboard gekauft und fuhr wie ein junger Gott, ohne Üben. Snowboard, Gleitschirmfliegen, Dirtbike u.v.m. Der kann sehr lange auf den Händen laufen, Saltos aus dem Stand und all sowas.
    Fazit: Leute wie wir sollten das lassen. Wenn man was erst üben muss macht´s keinen Spaß.

    Gefällt 2 Personen

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