Ein Mord in Oberbilk (II)

Unsere wahre Geschichte spielt sich ab in Düsseldorf-Oberbilk, dem Oberbilk Düsseldorfs, einem Stadtteil, der einst das industrielle Herz des Schreibtisches des Ruhrgebiets war. Wo vormals große Stahlwerke wie die Düsseldorfer Röhren- und Eisenwalzwerk AG dem Menschen ein Auskommen ermöglichten, hat der holprige Strukturwandel der Kriminalität Vorschub geleistet. Aus der Perle Düsseldorfs ist ein Moloch geworden, fest in der Hand des Organisierten Verbrechens. Nun sind es die Schwarzmärkte, auf dem der Oberbilker seinen täglichen Überlebenskampf bestreitet, während Politik und Polizei im Sumpf der Korruption versunken sind. Oberbilk, ein Ort, der für Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung steht. Doch es gibt einen Lichtblick: Es ist ein auf den ersten Blick gewöhnlicher Bürger, der sich gegen das Verbrechen stellt. Es sind seine Schultern, die die Last eines besseren Morgen tragen. Ihm trauen die Menschen zu, den kriminellen Machenschaften der Verbrecher den Garaus zu machen:

Detektiv Seppo.


Seppo bleibt keine Zeit, den plötzlichen Tod des Oberst wirklich zu realisieren. Auch wenn direkt vor ihm dessen Leiche liegt mit den sieben Einschusslöchern im Gesicht, weigert der Detektiv mit den breiten Schultern sich, das Unfassbare zu fassen, war Oberst Obersten doch einer der letzten aufrechten Menschen in Oberbilk. Einer der letzten, dem selbst hartgesottene Gauner noch so etwas wie Respekt entgegenbrachten.

Sieben Schüsse. Abgefeuert in das Gesicht. Die eindeutige Handschrift des Siebenschüssigen, wie wir bereits in der vergangenen Folge erfahren haben. Doch etwas passt nicht ins Bild, blitzmerkt Seppo sofort:

„Melina, etwas passt nicht ins Bild. Sieh ihn dir genau an, den Oberst. Und zähle noch einmal die Einschusslöcher.“

Melina beugt sich über den Leichnam und zählt leise. Sie kommt durcheinander. Seppo schreitet ein:

„Nimm deine Finger zur Hilfe.“

Und tatsächlich, Melina reiht Einschussloch an Einschussloch: „Eins, zwei … Seppo, das ist genial! Meine Finger sind praktisch ein …“

„Ein Rechenschieber. Korrekt. Als Detektiv weiß man so etwas. Zähle weiter.“

„Drei, vier, fünf … Moment, ich habe keine Finger mehr!“

„Nimm deine andere Hand dazu!“

Melina staunt nicht schlecht: „Der Daumen ist die Sechs?“

„Richtig. Vertrau mir. Zähle weiter.“

„Sechs, sieben. SIEBEN! Es sind sieben Einschusslöcher! Wie ich sagte!“

Milde lächelt Detektiv Seppo Melina an. Diese: „Ich bin ein Dummerchen, oder?“

„Nicht doch, Melina. Du bist eben kein Detektiv. Darum bin ich ja hier. Denn ich habe sofort gemerkt, dass uns ein Fehler unterlaufen ist. Der Siebenschüssige ist nämlich nicht der Täter! Er kann es gar nicht sein! Denn es sind nur …“

Seppo pausiert. Melina kneift ihre Augen zusammen. Unbedingt will sie Seppo zeigen, dass sie alles gibt, um mit seinem Genie gleichzuziehen. Zwecklos. Sie blickt Seppo resigniert an. Und der löst das Rätsel:

„Es sind nur fünf Einschusslöcher. Das da“, sagt er und deutet dabei mit Zeige- und Mittelfinger in des Obersten Obersten Gesicht, „Das da sind seine Augenhöhlen!“

Melina reißt nun ihre Augen auf: „Seppo! Genial! Aber … aber …“

„Ja, ganz richtig. Wo sind seine Augen? Der Mörder hat uns eine Botschaft hinterlassen. Seine Visitenkarte.“

„Wo?! Was steht drauf? Name und Anschrift?“

„Nicht doch, Melina. Die Entnahme der Augäpfel ist seine Visitenkarte. Und ich kenne sie sehr gut. Der grauenvolle Mord an Oberst Obersten ist das Werk keines geringeren als des ‚Monokelhenkers‘!“

Melina schaudert es, ist doch der Monokelhenker Seppos Erzfeind, sein größter und widerspenstigster Gegner. Der Monokelhenker ist der Grund, warum Seppo überhaupt zum Verbrechensbekämpfer geworden ist. Gegen seinen Willen.

Gegen seinen Willen … (Bitte mit Echo-Effekt lesen.)

„Ich habe verdammt lange nichts mehr von ihm gehört, Melina. Die Polizei geht davon aus, dass der Monokelhenker Opfer bandeninterner Kriege geworden ist. Ich hatte schon immer meine Zweifel an dieseer Theorie. Und ich soll Recht behalten. Die Bullen stecken doch tief mit drin in diesem Sumpf aus Gier und …“

„Und was?“, fragt Melina.

„Gier und … mir fällt nichts ein. Woraus besteht denn Sumpf?!“

„Naja, Erde und Wasser. Schlamm.“

„Torf? Auch aus Torf?“

„Nein, dann wäre es Moor.“

„Ach?“

„Ja.“

Seppo bewundert Melina für ihre hellen Momente. Ihr Wissen beeindruckt ihn immer wieder. Fast verliert er sich in ihren rehbraunen Augen, als er sie anblickt.

„Seppo?“

„Ja? Was? Achso. Die Bullen stecken doch mit drin in diesem Sumpf aus Gier und Schlamm.“

Melina schmunzelt. Seppo entgeht das nicht. Hat sie mich ausgelacht?!, denkt er. Schnell spannt Seppo seinen Bizeps an, um von seinem missglückten Vergleich abzulenken. Melina schluckt den Köder sofort. Aus ihrem Schmunzeln wird lechzende Bewunderung des bescheidenen Detektives.

„Ah, das war klar! Der Herr Detektiv ist natürlich auch schon an Ort und Stelle!“

Es ist die Stimme des Polizeioberwachtmeisters Ordophob Ohßem, der nicht nur Melina aus ihren Träumen reißt.

„Wachtmeister Ohßem! Welche Freude! Warum kommt die Polizei eigentlich immer erst so spät?“, fragt Detektiv Seppo.

„Anders als Sie haben wir viel zu tun, den Laden zusammenzuhalten. Außerdem bin ich derzeit schlecht zu erreichen, ich habe irgendwo mein Telefon verloren. Es ist aber auch verflixt mit diesen Dingern. Sie werden immer kleiner!“

„Eigentlich werden sie immer größer!“, schießt es aus Melina heraus. Seppo lacht laut auf. Es ist ihr blitzgescheiter Humor, der ihn so fasziniert, und manchmal gesteht Seppo sich in seinen ehrlichen Momenten, dass vielleicht Melina der einzige Grund dafür ist, dass Seppo sich dem Verbrechen entgegenstellt. Um die Welt nur für sie ein bisschen besser zu machen …

„Da hat sie Recht, Herr Inspektor!“, pflichtet Seppo ihr bei.

„Was verstehen Frauen schon von Technik, mein Lieber?! Und jetzt verschwinden Sie hier. Das ist ’ne Nummer zu groß für Sie!“, rumpelt Inspektor Ohßem los.

Niemand greift ungestraft Melina an, wenn ich in der Nähe bin, denkt Seppo, der seine Wut kaum bändigen kann: „Diese Frau, Herr Inspektor, DIESE FRAU KENNT DEN UNTERSCHIED ZWISCHEN SUMPF UND TORF!“

Moor, Seppo, zwischen Sumpf und Moor„, korrigiert Melina.

„Ja, sag ich doch. Sagte ich nicht? Was sagte ich?“

„Zwischen Sumpf und Torf.“

„Achso. Nein, das ist natürlich Unsinn. Torf macht den Unterschied zwischen Sumpf und Moor, nicht wahr? So war es doch?“

„Korrekt, Seppo.“

Ordophob Ohßem ist beeindruckt, das kann er nicht verbergen: „Ja ja, gut, gut. Wie dem auch sei, ich will Sie hier nicht mehr sehen. Jeder Idiot sieht ja, dass es sich hier um einen Mord handelt. Vermutlich ein Junkie der Täter.“

„Ein Junkie, der fünf Mal in das Gesicht des Oberst Obersten schießt und dann die Augäpfel mitgehen lässt?!“, fragt spitzbübisch Detektiv Seppo.

Inspektor Ohßem winkt ab: „Ich sehe sieben Einschusslöcher und ob da vorher Augen waren, lässt sich nun weißgott nicht mehr feststellen. Sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen oder ich lasse Sie abführen.“

Detektiv Seppos Mundwinkel werden durch ein spektakuläres Zusammenspiel unzähliger Gesichtsmuskeln nach oben gezogen.

„Was zur Hölle tun Sie da?!“, fragt erbost Inspektor Ohßem.

„Ich lache, Inspektor.“

„Was gibt es denn da zu lachen?!“

„Abführen. Sie haben ‚abführen‘ gesagt!“

„Grundgütiger. Aus meinen Augen!“

Nun kann auch Melina sich ein Lachen nicht verkneifen. Beide sehen sie sich an, Melina und der charmante Detektiv. Es ist ein Moment, ein besonderer Moment, in dem die Zeit für die beiden für einen weiteren Moment, einen anderen, stehenzubleiben scheint. Melina und Seppo, gebeugt über den Leichnam ohne Augen, ganz weltvergessen.

Und dann legt man ihnen Handschellen an.

„Inspektor! Sie können doch nicht-„, protestiert Seppo.

„Doooch, ich kann. Sie behindern die … dings … die … na! …“

„Ermittlungen?“, ergänzt Melina.

„Richtig.“

Der Detektiv und Melina werden abgeführt. Und Seppo ruft dem Inspektor zu: „Es war der Monokelhenker! Suchen Sie den Monokelhenker!“

Doch es ficht den Inspektor nicht an. Zu einem Wachtmeister sagt er:

„Schreiben Sie in den Bericht, das war ’ne harmlose Drogensache. Diese Akte können wir getrost schließen. Wir haben uns nicht überall einzumischen. Wir sind ja schließlich nicht die Polizei!“

„Aber wir sind die Polizei!“, stellt der rangniedrige Wachtmeister klar.

„Darüber haben Sie nicht zu entscheiden! Sie suchen wohl Ärger!“

In einem Streifenwagen werden Melina und der ungewöhnlich gutaussehende Detektiv zur Polizeihauptwache am Oberbilker Markt gebracht.

„Seppo, was werden sie mit uns tun?“, fragt Melina.

„Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.“


Kann der Mensch den Kampf gegen das Verbrechen jemals gewinnen, wenn selbst die Guten möglicherweise die Seiten gewechselt haben? Wie kann Detektiv Seppo die Hoffungen, die auf ihn lasten, erfüllen, wenn man ihn wegsperrt? Oder gelingt ihm gar ein spektakulärer Ausbruch aus der einsamen Gefängniszelle? Erleben Sie es bald in der dritten Folge von „Mord in Oberbilk“!

Alle bisherigen Fälle der Detektei Seppo: hier!


 

7 Kommentare

  1. Wie soll ich denn in Friedrichstadt jetzt einschlafen, wissend, dass der Monokelmörder noch frei herumläuft hier irgendwo in der Gegend?!? Oh wie ich cliffhanger hasse! Am Oberbilker Markt arbeitet ein Freund von mir, er ist Richter, vielleicht kann er Euch rauspauken, damit Ihr die Welt retten könnt (oder zumindest verhindern, dass ich schweißgebadet nachts wach liege)…

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  2. Herrje, wie gern würd ich jetzt kommentieren, doch leider, leider bin ich ja gestern der Fingerchen beider Hände verlustig gegangen. Verschwunden vor wahnsinniger Aufregung in meinem Verdauungstrakte, auf nimmer wieder sehen. Nur mit meinem Monokel bin ich in der Lage den Zeilen gebannt, Buchstabe für Buchstabe, zu folgen und langsam meine Unterarme zu zerkauen. Leider kann ich das jedoch nicht mehr zur Niederschrift bringen, leider, leider.

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