Ein Mord in Oberbilk (III)

Ein ruhiges Pflaster, das war Düsseldorf-Oberbilk weißgott nie. Wer hier lebt, der denkt nicht an das Morgen. Wer hier sein Dasein fristet, weiß morgens nicht, was der Tag bringt.

„Dieser Tag könnte den Tod bringen.“

Mit diesem Gedanken wacht unser unscheinbarer Held, Detektiv Seppo, jeden Morgen aufs Neue auf – und dennoch kämpft er an vorderster Front gegen das Verbrechen. Sein einziger Hoffnungsschimmer ist eine Frau: Melina. Sie ist sein Antrieb, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Doch nur in seinen tiefsten Träumen erlaubt er sich diesen einen Funken Hoffnung.

Werden Träume wahr? Seppo weiß, meist sind es die Albträume, die wahr werden. Doch dass es einmal Oberst Obersten erwischen würde, das hätte er nie erwartet. Der Oberst ist tot, mit fünf Schüssen brutal ermordet. Sein Schlächter hat seine Signatur hinterlassen: das Entfernen der Augäpfel seines Opfers – die eindeutige Handschrift des Monokelhenkers.

Die Polizei, angeführt von Inspektor Ordophob Ohßem, hat Detektiv Seppo nicht auf seiner Seite. Im Gegenteil: Sollte sie eigentlich den Monokelhenker jagen, steckt sie Seppo und seine treue Begleiterin ins Kittchen; in ein Kellerloch, in dem schon viele Unschuldige ihren Tod fristeten, das berüchtigt ist. Wer dort hineingehe, der komme nicht mehr lebend heraus, erzählen sie sich in Oberbilk. Doch gilt das auch für

Detektiv Seppo?


„Doch gilt das auch für uns?“, fragt Melina.

„Was?“

„Dass wir hier nicht mehr lebend herauskommen, Seppo?!“

Keine Antwort. Seppo tastet sich an den Wänden des Kerkers entlang und hofft auf eine Anomalie. Sehen können beide nichts, ist es doch düsterer hier als die Oberbilker Nacht, die als besonders düster gilt, seit Düsseldorf die Gaslaternen abgeschaltet hat.

„Wir müssen uns beschäftigen“, sagt Seppo.

„Wie meinst du das?“

„Sie setzen darauf, dass wir hier unten mürbe werden. Nicht mehr wissen, scheint die Sonne oder leuchtet der Mond.“

„Der Mond leuchtet ja eigentlich immer“, gibt Melina zu Bedenken, „Und außerdem kann uns das egal sein. Hier ist kein Fenster, hier sind einfach nur Mauern.“

„Ist das so, Melina? Oder will man uns nur glauben machen, dass hier keine Fenster sind?“

„Angesichts der Tatsache, dass hier keine Fenster sind, würde ich sagen, hier sind keine Fenster, Seppo.“

Seppo lächelt sein mildes Lächeln, was jedoch niemand sehen kann: „Melina, seit Glas erschwinglich geworden ist, baut der Mensch Fenster.“

„Aber dieses ist eine Gefängniszelle!“

„Auch der Architekt eines Zuchthauses unterliegt der Architektenehre. Ein Architekt, der etwas auf sich hält, der plant mit Fenstern.“

Melina runzelt die Stirn, was jedoch ebenfalls ungesehen bleibt. Doch:

„Runzele nicht die Stirn, Melina! Glaube mir!“, überrascht Seppo.

„Wie kannst du das sehen?!“

„Ich kann es nicht sehen, aber ich kann es … hören!“

„Du erstaunst mich immer wieder mit deinen Fähigkeiten, Seppo!“

„Ja, das mag sein. Meine Hypersensibilität ist jedoch nicht nur Segen, sondern auch … dings … wie sagt man?“

„Fluch?“

„Fluch, genau. Segen und Fluch.“

„Eigentlich ja andersherum. Fluch und Segen.“

„Aber auch in dieser Welt, Melina? Auch in dieser Welt?“

Beide schweigen. Doch dann:

„Melina, sprich weiter. Erzähle mir irgendetwas!“

„Warum? Und was?“

„Was hast du gefrühstückt?“

„Nun, ich hatte so ein Eiweißbrot. Mit Käse.“

„Du und dein Lowcarb-Wahn“, schmunzelt Seppo, „Du weißt schon, dass Eiweißbrot voller Kohlenhydrate ist? Aber rede weiter. Ich versuche, die Reflexionen der Schallwellen deiner Stimme zu verorten. Ich höre Unregelmäßigkeiten.“

Und tatsächlich. Seppo bemerkt, dass die Schallwellen nicht gleichmäßig von den Wänden zurückgeworfen werden.

„Es gibt hier eine Stelle, durch die sie entkommen, Melina. Hier muss ein Loch sein. Eine Aussparung. Für ein dereinst geplantes Fenster! Wenn wir Glück haben, wurde es nie eingesetzt!“

„Genial, Seppo!“

„Rede weiter, rede nur weiter!“

Seppo wird euphorisch und auch Melina schöpft neue Hoffnung: „Meinst du etwa, wir sind die ersten, die bemerken, dass dieser Kerker einen Ausgang hat?“

„Korrekt. Deshalb hat Inspektor Ohßem das Licht ausgeschaltet. Damit wir ihn nicht sehen und die Hoffnung auf Freiheit aufgeben! … Hier! Hier ist der Ausgang!“

Und tatsächlich! Melina und Seppo, Seppo und Melina, gelangen durch das Loch in die Freiheit! Dank Seppos Ultraschall-Sinn entkommen sie denkbar knapp dem Tode und finden sich im Hinterhof des Polizeipräsidiums am Oberbilker Markt wieder, der vom Mond hell erleuchtet wird.

„Vollmond … Jetzt aber schnell weg, Melina. Das ist unsere einzige Chance!“

„Eigentlich wundert es mich, dass du nicht auch fliegen kannst, Seppo! Du bist wirklich ein Held!“

„Wie kannst du dir so sicher sein, dass ich nicht fliegen kann?“, fragt Seppo und sieht Melina dabei spitzbübisch in ihre hellblauen Augen.

„Kannst du?“

Doch Seppo bleibt die Antwort schuldig. Denn ein furchtbarer Gedanke kommt ihm in den Sinn. Was, wenn der Monokelhenker es irgendwann einmal auf ihre traumhaften Augen absieht? Es schaudert Seppo.

„Los, suchen wir den Monokelhenker! Es wird Zeit, ihm das Handwerk zu legen!“, ruft er.

Seppo ahnt nicht, dass er dem Monokelhenker noch vor wenigen Minuten nahe wie noch nie zuvor war. Lassen wir Seppo und Melina, Melina und Seppo, für einen Moment allein und widmen uns einer markerschütternden Szene im Polizeipräsidium, die nicht nur Mark, sondern auch das Vertrauen in die Justiz erschüttert.

„Dann sind wir uns also einig?“, fragt zufrieden Inspektor Ordophob Ohßem.

„Das sind wir wohl. Für dieses eine Mal“, antwortet der Monokelhenker.

„Sie geben mir mein Telefon zurück und ich weiß nichts von Ihrem Mord an Oberst Obersten. Wir haben bereits einen Junkie dafür zur Verantwortung gezogen. Glauben Sie mir, die Bürger werden Ruhe geben, wenn wir ihnen einen Täter präsentieren. Junkies, mein Lieber, vermisst eh niemand. Wir werden ihn in den Morgenstunden hängen.“

„Eines noch“, sagt der Monokelhenker, „Dieser Detektiv, dieser Seppo, was machen Sie mit ihm? Er ist mir recht lästig und er wird nicht locker lassen.“

„Machen Sie sich keine Sorgen. Er sitzt im Loch.“

„Und die Fensteraussparung?“

Ohßem lacht auf: „Wie soll er die finden? Ich habe das Licht ausgeschaltet! Er ist ja schließlich keine Fledermaus!“

Der Monokelhenker stimmt in das Lachen ein: „Weißgott nicht, weißgott nicht!“

„Ich hätte auch noch eine Frage“, der Inspektor.

„Schießen Sie los!“

„Warum musste der Oberst sein Leben lassen? Stand er nicht lange unter Ihrem Schutz?“

„Sie fragen nach einem Motiv?“

„Ja. Eine solch spannende Geschichte braucht ein Motiv!“

„Mein lieber Herr Inspektor! Glauben Sie wirklich, dass ich ein Motiv brauche? Hahahahahaha!“

„Sie haben ganz Recht! Ich Narr! Hahahahaha!“

„Lachen Sie nicht!“, raunzt der Monokelhenker den korrupten Gesetzesvertreter an, „Natürlich hatte ich ein Motiv! Der Oberst hat das fein austarierte Gleichgewicht des Oberbilker Verbrechersyndikats gefährdet. Er befand sich kurz vor dem Abschluss von Verhandlungen mit dem Siebenschüssigen. Ihm ist es fast gelungen, den Siebenschüssigen auf die Seite des Guten zu bringen! Das durfte auf keinen Fall passieren!“

„Das ergibt absolut Sinn“, so Ohßem.

„Und eines noch: Auf Ihrem Telefon habe ich einen Kontakt gespeichert. Sie finden ihn unter W wie ‚Wäsche‘. Wenn ‚Wäsche‘ anruft, gehen Sie dran.“

„Wäsche?!“

„Ja, ich habe lange überlegt. Es steht für ‚Eine Hand wäscht die andere‘. In diesem Fall wäscht die ihre Hand die meine. Sollten Sie sich meinen Anliegen künftig verweigern, könnte diese unsere erste Zusammenarbeit an die Öffentlichkeit gelangen. Und dann, mein Lieber, sind Sie erledigt!“

Inspektor Ohßem knirscht mit seinen Zähnen. Bitter wird ihm bewusst, dass sein Schicksal nun eng verbunden ist mit dem des größten Gauners Oberbilks.

Ohßem will mit einem flotten Spruch die Situation entspannen, doch da ist der Monokelhenker bereits fort. Irritiert sieht der Inspektor sich im Raume um, da klingelt sein Telefon. Auf dem Display erscheint:

„Wäsche“.

Er geht ran: „Ja?“

„Machen Sie es gut, Herr Inspektor! Hahahahaha!“, vernimmt Ohßem vom anderen Ende der Leitung. Es knackt. Die Verbindung ist beendet.

Der Monokelhenker hat sein Ziel erreicht, hat sich die Polizei womöglich endgültig vom Halse geschafft. Nun kann er in Oberbilk schalten und walten, wie es seinem kriminellen Geiste beliebt. Seppo ahnt noch nichts von dieser schicksalhaften Verbindung zwischen der staatlichen und der Untergrundexekutive.

„Wo gehen wir hin, Seppo?“, fragt Melina.

„Wir müssen zurück zum Tatort. Zu Oberst Oberstens Villa. Wir müssen herausbekommen, warum der Oberst das jüngste Opfer des Monokelhenkers geworden ist.“

„Aber man wird uns suchen, Seppo!“

„Ach Melina, als ob ich daran nicht gedacht hätte. Wir werden unser Antlitz verändern müssen.“

„Operativ?“

„Nein. Für solche Fälle habe ich immer Brillen dabei.“

Seppo holt zwei Brillen aus seiner Manteltasche. Zwischen den jeweilen Brillengläsern sind Plastiknasen montiert.

„Setze sie auf“, rät er Melina, während er sich ebenfalls eine solche aufsetzt.

„Seppo!“, ruft Melina aus, „Du bist nicht wiederzuerkennen!“

„Ganz richtig. Wir können ab sofort inkognito arbeiten!“

„Oh, Seppo! Du hast immer für jeden Fall vorgesorgt! Bist du eigentlich wirklich nur ein Mensch?“

„Vielleicht, Melina, vielleicht aber auch nicht“, antwortet Seppo gedankenversunken, „Doch es geht hier nicht um mich, es geht um die Welt.“


Wird Seppo die Welt retten können? Gedulden wir uns und warten auf den vierten Teil dieser spannenden Krimisaga!

Alle bisherigen Fälle der Detektei Seppo: hier!


 

11 Kommentare

  1. Die Flucht erfolgt ein wenig abrupt. Kellerloch, Loch, Aussparung, und plötzlich soll da ein „Ausgang“ sein, durch den die Helden mal eben hinaus spazieren? Nein, das glaube ich nicht, so blöd ist die Oberbilker Verschwörung nun auch wieder nicht, dass sie ihrem gefährlichsten Feind ein solches Schlupfloch überlassen würde. Der Plot hakt!

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