Gehirnkater

Okay, ich versuche es mal. Ich habe nichts zu verlieren. Ausgenommen ein bisschen Zeit; eine halbe Stunde etwa, wenn er zügig läuft – der Blick in mein Gehirn.

Ursprünglich war die Idee, über den Begriff „Fotze“ zu schreiben, den ich für den schlimmsten aller halte, doch schien es mir zu niveaulos, sodass ich nach einem Satz das Weite suchte, ihn löschte und auf andere Ideen wartete. Aber da kam nichts. Auch jetzt nichts. Also halte ich es für eine gute Idee, dass, wenn die Idee nicht zu mir kommt, ich zu ihr komme. Und da Ideen im Gehirn entstehen, muss ich also in mich gehen. Und da bin ich gerade. Und finde nichts. Welch unangenehme Überraschung! Denn meiner Erfahrung nach ist da immer irgendetwas, ich muss es nur herauskitzeln. Vermutlich gibt es Drogen, die das vermögen, aber ich neige nicht zum Drogenkonsum, da er viele unangenehme Nebenwirkungen hat. Es muss also auch ohne gehen, lediglich Kaffee unterstützt mich bei meiner Innenbetrachtung.

Bislang galt es für mich als die Kunst, verborgene Ideen durch entspanntes Denken zu „streifen“, sie nur leicht zu tangieren, ohne freilich zu wissen, wo genau die Tangente anzulegen ist, da die Idee ja im Verborgenen verharrt. Also wirft man möglichst viele Tangenten aus in der Hoffnung, mindestens einen Geistesblitz damit auszulösen oder doch zumindest eine Kettenreaktion von Gedanken. In der idealen Folge sprühen die Worte dann nur so aus einem heraus, vergleichbar mit einem Rasensprenger – sprrrscht, sprrrscht, sprrrrscht -,  und man kommt mit dem handschriftlichen Tippen gar nicht mehr hinterher. Läuft es dabei mal so richtig gut, verfällt man regelrecht in einen Schreibrausch, der in seiner intensivsten Form zumindest bei mir in Schweißausbrüche mündet: Der ganze Körper reagiert auf das kreative Schreiben. Auf der einen Seite ist das ein ausgeprochen positiver Zustand, auf der anderen Seite jedoch ein nahezu unerträglicher, da ich das Ergebnis des Schreibens bereits im Kopf, aber eben noch nicht auf den Bildschirm übertragen habe. Ich nenne das Ungeduld, aufgedrehte Ungeduld, auf die dann aber eine enorme Erleichterung und Befriedigung folgen; die abfallende Spannung ist körperlich deutlich spürbar. Ich bin dann nahezu froh, dass es vorbei, dass es erledigt ist. Denn der Prozess kann körperlich ausgesprochen anstrengend sein.

Und dennoch warte ich dann jedes Mal auf die nächsten Ideen. Bleiben diese aus, diagnostiziere ich mir einen Gehirnkater, nachdem das Hirn kreativ und rauschhaft aus allen Rohren gefeuert hat, herrscht Leere, als seien Synapsenverbindungen durchgebrannt, als schwömmen einsame Synapsen durch die graue Hirnmasse, die ohne Verknüpfung mit mindestens einer weiteren zu nichts Nutze sind.

Natürlich ist das biochemischer Schwachsinn, da wir wohl annehmen dürfen, dass jedes Denken zu mehr und nicht zu weniger Verknüpfungen führt. Vielleicht ist das der Ansatz: Zu viele Synapsen verderben den Gehirnbrei. Potenzielle Ideen finden den Ausgang nicht, weil dieser verstopft ist. Und wohin rektale Verstopfung führen kann, wissen wir: zum Darmverschluss, zum Tod, dessen Ursache niemand auf seinem Grabstein lesen möchte: „Stuhlgang-Synkope“ – Ohnmacht auf dem Klo mit Todesfolge.

Genau das meine ich! Ich schreibe ins Blaue hinein und streife den Toilettentod, dem die Stuhlgang-Ohnmacht voransteht. Ohne Anlass wäre mir dieser Gedanke mit Sicherheit nicht aus dem Sinn gekommen. Und gleichzeitig kann ich beruhigen: gesunde Menschen ereilt dieser Tod meist nicht. Aber was hilft einem Hypochonder das „meist“ in dem an sich beruhigenden Satz?! So oder so gilt: Pressen vergessen!

Ich frage mich oft, unter welchen Bedingungen man die besten Ideen hat. Mal hänge ich der Theorie nach, dass man sie dann hat, wenn man sich gerade in einer besonders entspannten und zufriedenstellenden Lebenssituation befindet. Bewahrheitet sich das aber nicht, glaube ich das Gegenteil: Erst in Verzweifelung entstehen die richtig guten Geschichten. Nach drei Jahren des durchaus intensiven Schreibens weiß ich allerdings immer noch nicht, wann der beste Zeitpunkt ist, sich an die Tastatur zu setzen. Womöglich spielen Faktoren eine Rolle, die ich noch gar nicht auf dem Schirm habe. Oder aber es ist alles Zufall, doch wir wissen ja, alles hat eine Ursache, einen Zufall gibt es also nicht.

Das Leben als Quell der Inspirationen muss auf alle Fälle etwas bereithalten. Vermutlich sind verquere Bahnen ein besserer Nährboden für Ideen, für Kreativität, als geordnete Bahnen. Ruhiges Fahrwasser verursacht nicht die notwendige Bugwelle, die Ideen vor sich her treibt, bis sie ans Ufer geschwemmt werden. (An Metaphern mangelt es mir heute schon mal nicht …)

Auch das Lebensalter dürfte eine Rolle spielen. Lese ich heuer meine ersten Texte des seppologs, stelle ich enorme Unterschiede zu heutigen fest. Lese ich Texte aus meiner Jugend, der Sturm- und Drangphase, die bei mir erst deutlich später einsetzte, schäme ich mich geradezu fremd. Daraus darf ich folgern, dass ich mich in vielleicht schon zehn Jahren für die derzeitigen Texte schämen werde. Welche Urteilsbasis ist denn nun die bessere? Die des 37-Jährigen, der auf halb so alte Texte zurückblickt, oder die des 18-Jährigen, der sich gerade geschrieben hat? Es gibt wohl keinen korrekten Maßstab, allein es ist der zeitliche Kontext, der eine Bewertung erlaubt. Was der 18-jährige Seppo gut fand, der doppelt so alte aber nicht, muss zwangsläufig deshalb nicht schlecht sein und womöglich findet der 60-jährige Seppo das ja wieder toll! Das Schöne ist, ich werde das überprüfen können, sofern mir weiteres Leben vergönnt ist. Und dann sitze ich da in rund 20 Jahren, lese vielleicht diesen Text und denke:

„Schwimmende Synapsen, Bugwellen und Fotze – was für einen Schwachsinn habe ich da mit 40 geschrieben?! Kein Wunder, dass ich den Literaturnobelpreis erst mit 59 bekommen habe!“

Aber wer braucht schon Auszeichnungen?! Ich selbst bin bislang ganz gut damit gefahren, sie selbst auszuloben, um sie mir dann direkt zu verleihen. So läuft es ja auch in etwa in der „echten Welt“, die sich von der in meinem Kopf unterscheidet.

Gott sei Dank.

Ich muss aufhören. Meine Unterhose ist eine unheilige Allianz mit meinen Gonaden eingegangen.


 

13 Kommentare

  1. Unsere Gehirne sollten mal zusammen einen Trinken gehen! Ohne den Deinen IQ nun herunterstufen zu wollen behaupte ich: Die denken anscheinend ähnlich 😉
    Und immer diese Panik bestimmt NIE WIEDER etwas Tolles schreiben zu können! Bis zum nächsten Flash…

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  2. Tröste Dich! Ich weiß den Unter auch häufig vom Schiet nicht zu unterscheiden. Sitzt das Hirn nun im Kopf oder im Rückenmark? Oder hat das Nervzentrum nichts mit dem Hinterkopf gemein? Bei den meisten sitzt es wohl im Fuß?! Wenn ich hier abends die Füße meiner Angebeteten durchwalke, fängt sie immer an zu schnurren.

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  3. Ich hatte schon beim Begriff: „Fotze“ ganz am Anfang einen 70er/80er Jahre Flashback. In dieser düsteren Zeit schrieb man Fotze noch mit V. Sämtliche Wandschmierereien die Bekannte oder Nachbarinnen bezichtigten, ein einziges röhrenförmiges Genital zu sein waren immer mit V.
    Ich bin also mit Votze aufgewachsen und musste mich mitten in der Pubertät, die ja schon knifflig genug war, an Fotze gewöhnen. Kein Wunder, das ich etwas komisch bin. Die Welt kann froh sein das ich nicht zum FOTZEFETZER oder gar FOTZEZERFETZER wurde. Bestie von Bochum klingt auch ok.

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  4. Ein abendfüllendes Thema… durch gar nicht so widrige Umstände (eine Ausstellung steht an) bin ich gezwungen, mich durch Bilder aus den letzten 25 Jahren zu wühlen, von „fremdschäm“ bis „DAS fand ich damals doof?!? Ist doch gar nicht so übel!“, ist alles drin. Und dann spielte eine Cover-Band (alle so um die 60) neulich ganz prima „All Along the Watchtower“ von Jimi, der schon mit 27… Zeit ist relativ oder so. Das muss für den Moment genügen, bin müd.

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  5. Von Höckchen auf Stöckchen. Oder in Seppo-Sprache von Gehirn zu Genoden. Wenn das eine halbe Stunde war, würde ich mir wünschen, dass du das mal drei Stunden machst und dann die ersten und letzten Sätze mit uns teilst. Ich freue mich drauf!

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  6. Hingeschrieben ist manchmal schnell was, aber bei mir muss dann dazu immer noch eine mehrtägige Qualitätskontrolle kommen, durchaus mit ein paar Tagen Pause dazwischen. Deshalb schaffe ich auch nur einen Text in der Woche.
    Aber das ist vielleicht nicht die Idee des Prinzips „Spontaner Blog“? Egal, jeder macht es anders. Nach ein paar Tagen kommt es dann bei mir schon auch vor, dass ich manch unausgereiften Schmarrn wieder lösche. Auf jeden Fall macht mir das Feilen an Texten und das Korrigieren bis zur Endfassung genauso viel Spaß wie der kreative erste Schritt.
    Seppo, du bist ja hochproduktiv, deinen Output finde ich immer wieder erstaunlich.
    Grüße aus München!

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