Über zwei Auswirkungen des Sports (II)

„Willkommen in meiner Welt!“

Sagt meine Mitbewohnerin in letzter Zeit immer dann zu mir, wenn ich ihr meine neueste Sportverletzung zeige. Es ist jedoch nicht so, dass ich ernsthafte Blessuren beklagen könnte, da ich jede sportliche Betätigung vermeide, bei der ich mich schwer beschädigen könnte, da ich ungern infolgedessen mein sportliches Treiben pausieren wollen würde. Allein deshalb kommt beispielsweise das durchaus reizvolle Parkourlaufen für mich nicht in Frage. Eine Hodenquetschung ist nichts, was ich anstrebe, solange meine Frucht noch fontänengleich sprudelt. Ebenso wenig peile ich gebrochene Schien- oder Nasenbeine an.

Meine Mitbewohnerin war kürzlich – ich glaube, das darf ich sagen – in einem Frauenhaus. Das sind Stätten, in die sich Frauen flüchten können, sollten gar, wenn sie sich ausgerechnet in einen dieser nicht seltenen schlagenenden Männer verliebt haben. In diesem Zusammenhang muss ich mal zugeben, dass wirklich ein ziemlich großer Teil der Männer Arschlöcher sind. Zwar kenne ich auch Frauen, die zuschlagen, aber sie sind eine Minderheit.

Meine Mitbewohnerin war nicht aus Gründen der Flucht dort, sondern aus anderen, und ich war froh, dass sie derzeit mal kein blaues Auge mit sich herumträgt. Sie ist Kampfsportlerin. Sie macht inzwischen in derart vielen Disziplinen, dass ich nicht eine mehr nennen kann. Wenn mich jemand fragt, sage ich immer „Kickboxen“, denn damit nahm alles seinen Anfang. Heuer zeigt sie anderen Frauen, wie sie sich effizient gegen attackierende Männer wehren können, womit wir wieder bei der Hodenquetschung wären.

Im Zuge ihres Sporttreibens kann es gelegentlich durchaus vorkommen, dass ihr Sparingpartner mal zu fest zuschlägt. Das sind dann diese Abende, wo sie völlig matschig – auch im Hirn – nach Hause kommt und nur noch schlafen will. Meist ziert sie dabei einer unserer Kühlakkus, von denen wir eine zunehmende Anzahl besitzen. Deshalb ist für Lebensmittel in unserem Eisfach kein Platz mehr.

Unsere Nachbarn denken vermutlich mitunter, dass ich meine Mitbewohnerin schlage. Wir sahen uns schon einmal gezwungen, unseren Nachbarn Herrn Fahrgescheit davon zu überzeugen, dass dem eben nicht so ist. Auch in der Notaufnahme hat man sie schon kritisch befragt, was nur allzu verständlich ist, zumal Ärzte genau das tun müssen. Das gilt auch für ihren Frauenarzt, dem das sagenhaft große Hämatom am Oberschenkel natürlich nicht entgangen war.

„Willkommen in meiner Welt!“

Sagte sie also, als meine ersten Judorollen-Versuche in die Hose gingen. Die Judorolle ist so etwas wie der Purzelbaum für Erwachsene, bei der man tunlichst vermeidet, über den Kopf abzurollen. Das bleibt Kindern vorbehalten, deren Genick noch nicht so überempfindlich ist. Meine ersten Judorollenversuche gingen selbstverständlich schief und sind damit das Gefährlichste, was ich jemals bei meinem Sport ausgeführt habe, sieht man mal von den kiloschweren Hanteln ab, die ich teilweise über meinem Kopf schweben lassen muss, wobei sich ein Loslassen verbietet. Das geht nur einmal schief …

Für einen bald 39-Jährigen ist die Herausforderung bei der Schulterrolle, sich überhaupt zu trauen. Nachdem ich jahrelang Kraftsport mit Fremdgewicht betrieben habe, nähere ich mich seit einigen Monaten der Kallisthenie an, die gerne mit Turnen verwechselt wird. Calisthenics findet zu einem Teil (aber nicht nur) an Stangen statt und ist das Gegenteil vom isolierten Gewichte-Training. Eine Hantel monoton in alle Richtungen zu bewegen, lernt der Körper sehr schnell, führt aber entgegen landläufiger Meinung nicht zu einem Kraftzuwachs, lediglich zu einem des Muskels. Nichts gegen Hanteln, ich hebe sie nach wie vor jeden Tag, bereichere diese Trainingsform aber durch funktionelles Training, das auf Muskeln und das neuronale System abzielt: Der Körper muss dabei viel lernen. Eben auch, dass der Kopf sich nun auch unterhalb der Füße befinden kann. Für Kinder ist das kein Problem, bevor sie es mit zunehmenden Alter verlernen.

Bei der Schulterrolle geht es nun darum, sich aus dem Stand irgendwie galant auf den Rücken zu werfen, sich zu drehen und am Ende wieder zu stehen. Für mich war es die ersten Trainingstage eine Hemmschwelle, die überwunden werden wollte, mich einfach mal auf den Boden zu werfen.

Beim ersten Mal krachte ich auf die hintere Hüfte. Prellung, zwei Wochen Schmerzen. Keinesfalls sollte man nun meinen, zwei Wochen aussetzen zu dürfen. Im Gegenteil: Was geprellt ist, will durchblutet werden, was bedeutet, dass man eben nicht ruht. Man macht weiter. Und kracht immer und immer wieder auf die Prellung. In der Folge ist die Hemmschwelle noch höher, sich mutwillig auf den Boden zu katapultieren, wodurch man zögerlicher wird. Doch ist es genau dieses Zögern, dass eine saubere Ausführung vereitelt. Am dritten Trainingstag fiel ich auf die linke Hüftseite. Der Schmerz war nun immerhin symmetrisch.

Er hat jedoch auch einen Vorteil: Man möchte ihn vermeiden, sodass man sich noch mehr anstrengt. Und nach etwa zwei Wochen war meine Judorolle einigermaßen sauber, inzwischen geht sie routiniert vonstatten (Clarissa von Anstetten). Von dem Zwischenfall auf dem trockenen Gras abgesehen, bei dem ich lernte, dass trockenes Gras sehr hart sein kann.

Im besten Fall rollt man sich bei der Rolle über die Schulter ab. In jenem Fall rollte ich mich über meine Schädelplatte ab, was mir einen kleine Schürfwunde sowie einen Riss in meiner obersten Haut einbrachte. Beides habe ich nicht sofort bemerkt, da ich vom erheblichen Kopfschmerz abgelenkt war. Erst als meine Mitbewohnerin mir abends den Kopf rasierte, wurde das Ausmaß klar:

„Du blutest! Da ist ein Riss!“

„Wo?!

„Auf deinem Kopf.“

In dem Moment kam der Schmerz und meine Mitbewohnerin mit einem Spiegel.

„Oh, das kommt von meiner Schulterrolle. Es gab da heute einen Vorfall.“

„Willkommen in meiner Welt!“

Eine kleine Narbe erinnert mich nun an diese, meine bislang „schlimmste“ Sportverletzung. Leider wachsen dort nun auch keine Haare mehr, was bei mir jedoch ohnehin nicht auffällt.

Die Schulterrolle ist für mich nur eine Spaßveranstaltung. Sie ist nicht schwer, nach wenigen Tagen hat man sie dauf. Sie ist lediglich eine Vorübung für den frontflip, der eine Form des Saltos darstellt. Dieser Flip ist also das eigentliche Ziel, wobei die Schulterrolle einen zweiten Zweck erfüllt: Man lernt zu stürzen. Nicht Kuchen, aber so, dass man sich nicht verletzt. Beim Handstand ist das nicht unwichtig. Gerät man bei dessen Ausführung einmal zu Fall, ist es sinnvoll, der Körper hat gelernt (Hier wird das neuronale System wichtig!), wie er verletzungsfrei fällt. Das Abrollen über die Schulter schont Kopf und Rücken. (Bisschen albern, dass man beim Lernen der Schulterrolle den Kopf manchmal eben nicht verschont!). Und davon abgesehen empfinde ich beim Rollen einen kindlichen Spaß! Man bewegt sich wieder! Man merkt, wozu der Körper eigentlich in der Lage ist, man lernt ihn zu kontrollieren!

Sport muss man mögen, lieben vielleicht, um ihn durchzuziehen. Sich zu Sport überwinden zu müssen, bringt nichts. Wer mit einem inneren Schweinehund zu kämpfen hat, der mag Sport nicht. Aber Sport ist ja auch keine Pflichtveranstaltung. Ich kann jeden verstehen, der keinen Bock auf Sport hat. Ich habe ihn 22 Jahre lang gemieden und musste mich oft dafür rechtfertigen. Warum eigentlich?! Ich fand Sport scheiße! Ich muss mich ja auch nicht dafür rechtfertigen, dass ich keine Briefmarken sammle oder nicht angle!

Das hat sich nun gedreht. Inzwischen muss ich mich hier und da für den Sport rechtfertigen. Da für mich unherblich und gleichgültig ist, was andere tun oder unterlassen, erwarte ich das naiverweise auch von meinen Mitmenschen. Tatsächlich aber werde ich permanent gewarnt. Es ist ein einziges Warnen. Ich stoße permanent auf eine hinterfragende Skepsis. Das sei doch viel zu viel Sport, höre ich oft, und habe schon keine Lust mehr, diese pauschale und mit Halbwissen unterfütterte Aussage zu widerlegen, obwohl es ein Leichtes wäre. Vielmehr sehe ich mir diese Leute dann an und denke mir meinen Teil. Frage mich, wie jemand, dem ein bisschen Sport ganz gut täte, es wagt, sich so weit aus dem Fenster zu lehnen. Dabei ist es mir völlig gleichgültig, ob jemand Sport treibt oder nicht. Aber er möge dann auch mir gegenüber die Fresse halten. Ich weiß, was ich tue.

Anders ist es freilich bei Gleichgesinnten. Wann immer ich einen der Kallisthenieparks in Düsseldorf aufsuche (die ja derzeit in vielen Städten aus dem Boden sprießen wie damals die Trimmdich-Pfade), treffe ich dort die immer selben Menschen. Man kennt sich inzwischen. Da ist beispielsweise der große Blonde (ohne schwaren Schuh), der gerne angibt, mir bei Liegestützen allerdings gnadenlos unterlegen ist. Er gehört zu der Clique, die sich von uns abgrenzt, nicht einmal grüßt. Ich gehöre zu „den anderen“. Die treffe ich dort fast jeden Tag, von denen gucke ich mir vieles ab. Beispielsweise den einarmigen Handstand oder die „menschliche Flagge“. Da ist zum Beispiel Jerome, der wirklich jede freie Minute dort verbringt und dabei die ganze Gegend mit seiner Musik beschallt. Auch dann, wenn der Blonde bereits für laute Musik gesorgt hat. Da keiner von beiden nachgibt, laufen dort dann eben zwei Soundboxen. Ich bin noch nicht lange genug dabei, um selbst noch eine, die dritte dann, aufzustellen. In diesem Umfeld wird Sport und das Streben nach neuen Höchstleistungen als etwas völlig Normales betrachtet. Wenn ich sehe, wie Jerome sich warmmacht, sehe ich die Parallelen zu mir und merke, ich mache vieles richtig, was man ja nie so genau weiß, macht man es autodidaktisch, was nun einmal meinem Wesen entspricht. Ich sehe, Jerome ergeht sich in denselben Mobilitätsübungen wie ich und fühle mich auf dem richtigen Wege. Ein bisschen fühle ich mich wie früher als Kind auf dem Spielplatz, wobei Jerome die „Großen“ repräsentiert. Er kann wirklich alles. Ich hasse ihn dafür.

Wenn ich kommenden Freitagmittag wieder dort sein werde, weiß ich, Jerome wird auch da sein. Ich mag diesen Respekt voreinander, der dort herrscht. Diesen gesunden Respekt. Dort erlebe ich keinen Neid, keine Missgunst, kein Nörgeln. Da gibt es auch solche Menschen, die kommen und machen ein, zwei Stunden lang ihr Programm, ohne ein Wort dabei zu sagen. Und gehen dann wieder. Aber man kennt sich. Mir gefällt das. Diesen kleinen Mikrokosmos werde ich vermissen, wenn ich demnächst in Münster lebe.

Inzwischen weiß ich von mindestens fünf Menschen meines Umfeldes, dass ausgerechnet ich! (wer mich kennt, versteht das „ausgerechnet“) sie zur Aufnahme von sportlicher Betätigung motiviert habe. Und ich freue mich jedes Mal, wenn mich Fragen erreichen. Fragen, wie „Was muss ich tun, damit ich mit 40 nicht den Körper eines 60-Jährigen habe?!“ oder „Wie schaffe ich zehn Klimmzüge?“

Auf die Weise tue ich das erste Mal in meinem Leben etwas, das auch andere motiviert. Und ich wäre ja doof, ich würde da nichts draus machen … ;)

Bis dahin versuche ich, heile zu bleiben. Allein damit meine Mutter nicht Recht behält, die mir frühen Tod durch Leichtsinn in Aussicht stellte. Das Foto mit meiner Kopfwunde habe ich ihr daher nicht gezeigt, das wäre nur Wasser auf ihre Mühlen. Und weil sie gelegentlich hier mitliest, muss ich mir das Foto auch an dieser Stelle verkneifen.


Dieses war der zweite Teil von Über zwei Auswirkungen des Sports.


 

 

3 Kommentare

  1. Kann Deine Begeisterung fürs Rollen völlig nachvollziehen. Ich habe mich vorletzte Woche beim Besuch in einer Trampolinhalle mit meinem Sohn und seinen Kumpels (alle so um die 9 Jahre) zum ersten mal seit über 20 Jahren wieder getraut einen Salto vorwärts zu machen. Ein saugutes Gefühl, dass das mit 44 noch geht (okay, Rolle vorwärts konnte ich immer und habe es auch regelmäßig geübt, man weiß ja nie, wofür es gut ist). Judorolle ist Klasse: ein Kumpel von mir, der früher mal Judoka war (aber schon lange nicht mehr aktiv) ist bei einem Waldlauf neben mir mal so über eine Wurzel gestolpert, dass ich an seiner Stelle lang auf die Fresse gefallen wäre (was mir tatsächlich auch schon passiert ist). Er hat reflexartig über die Schulter abgerollt, ist wieder auf die Beine gekommen und direkt weitergelaufen, als sei nichts gewesen! Fazit: wohl dem, der Rollen kann!

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