Zur Engelbertstraße

„Zur Engelbertstraße, wo geht’s da hin?“, fragte mich eine ältere Dame, nachdem ich mir meine Ohrstöpsel aus den Ohren gezogen hatte. Bevor ich das getan hatte, sah ich lediglich zwei betagte Damen, die mich ansahen, wobei die eine, etwas dominanter im Auftritt, ihren Mund öffnete und wieder schloss – im schnellen Wechsel.

Es war mein 161. Lauf in diesem Jahr, 205 sollen es werden. Wie in den vergangenen Jahren auch. Ich bin nebenbei erwähnt schon viel zu weit fortgeschritten, sodass ich bald meine alljährliche Laufpause nehmen muss, die ich mir in diesem Jahr für meinen Umzug nach Münster aufgespart habe. Was etwas naiv war, denn das erste, was ich in Münster werde tun wollen, sobald ich einen meiner Füße auf das Pflaster meiner Traumstadt, in der alles wieder gut wird, setze, sein wird: Laufen!

Beim Laufen werde ich sehr oft nach dem Weg gefragt. Womöglich sogar häufiger, als mir bewusst ist, da ich mich mit ausgesprochen lauter Musik währenddessen beschalle. Zur Zeit ist das wieder klassische, da die es am besten vermag, mich in einen Tunnel zu katapultieren, in dem ich von der Außenwelt nichts mehr mitbekomme. Das ist nicht ganz ungefährlich, ich würde sogar sagen, es ist ausgesprochen gefährlich! Prüfungsrelevant ist die folgende Begründung für diesen Sachverhalt:

Ich laufe bevorzugt durch die Stadt. Nichts gegen einen ordentlichen Waldlauf, aber manchmal bin ich des Grüns dort überdrüssig. Ich schätze es hingegen sehr, mich bei hohem Tempo durch die Menschenmengen zu bewegen, diese gekonnt zu umschiffen und immer wieder die rasche Entscheidung zu treffen, überhole ich links oder rechts? Schaffe ich es noch, zwischen dem Typen mit dem Kinderwagen und der ihm entgegenkommenden Rundgewachsenen hindurchzuspringen, ohne das sich im Kinderwagen befindliche, ebenfalls adipöse Kind zu beschädigen? Es ist eben meine Art des Parkourlaufens und bis jetzt ist es noch nie zu einem Zusammenprall mit Fußgängern gekommen. Bei älteren Herrschaften jedoch bin ich etwas vorsichtiger, da ich, selbst ein massiv schreckhafter Mensch, immer leicht besorgt bin, sie im Wortsinne zu Tode zu erschrecken. Was ich nicht mitbekäme, während mir Beethovens Siebte die Ohren verschließt.

Und dann sind da die Autos und die Straßenbahnen. Wenn ich die schon nicht höre, sollte ich jederzeit mit ihnen rechnen. In Brandenburg wurde ich vor einigen Monaten von einem Auto touchiert. Das allerdings hatte ich durchaus gesehen. Ich sah es lange vorher. Ich hatte sogar derart viel Zeit beim Es-Sehen, dass ich vorausrechnete, dass es mich mindestens berühren würde, drosselte es nicht sein Tempo. Es gab diesen Moment, in dem ich dachte, jetzt erwischt es mich nicht einmal in Düsseldorf … Es ging gut, blieb bei einem sanften Aufprall.

Beim Laufen habe ich die Augen überall. Das lernt man schnell. Und wer in Münster seinen Autoführerschein erworben hat, der rechnet sowieso in sämtlichen toten Winkeln mit Radfahrern. Und das deutsche Wort „Führerhäuschen“ ist etwas fragwürdig.

Und so bekomme ich mitunter auch gar nicht mit, dass Menschen mit einem Anliegen auf mich zukommen. Ältere Herren neigen meist dazu, mir als Läufer gut gelaunt das Offensichtliche mitzuteilen:

Sie laufen aber!“

Beängstigend oft, gerade im Hinblick auf meine eigene seniorale Zukunft, höre ich:

„Früher konnte ich das auch!“

Mein eigener Plan ist an sich, auch mit 70 noch zu laufen …

Und nun waren da die zwei Damen, die mich derart insistierend anstarrten, dass ich mich angesprochen fühlte, umgehend Brahms erste Sinfonie aus meinen Ohren verbannte und noch Simon Rattle rufen hörte „Warte, Seppo, jetzt geht es doch erst los!“

„Ja?“, fragte ich fragend die fragende Dame.

„Zur Engelbertstraße, wo geht’s da hin?“, fragte diese mit einem fragenden Unterton samt fragendem Blick.

„Engelbertstraße“, sagte ich, „Engelbertstraße … da klingelt so gar nichts bei mir.“

„Da klingelt was“ ist derzeit nach einer jahrelangen Unterbrechung wieder einer meiner Top-Sprüche, der auf fast alles passt. In diesem Fall aber klingelte gar nichts.

„War Engelbert nicht so ein seltsamer Musikant?“, fragte ich, um Cait zu gewinnen.

„Ja! Den kennen Sie?!“, fragte nun die andere Dame.

„Nicht persönlich“, sagte ich.

Als Läufer kenne ich zwar nicht Engelbert, dafür aber die Stadt nahezu gut wie ein Taxifahrer, wobei man einschränken sollte, dass viele Taxifahrer inzwischen ohne Navigationsautomaten nicht mehr ans jeweilige Ziel finden würden. Weil ich jeden meiner Läufe handschriftlich dokumentiere, kenne ich in meinem elften und letzten Jahr in Düsseldorf jede noch so kurze Straße. Sie können mich betrunken nachts um drei Uhr in Düsseldorf-Lörick aussetzen, ich wüsste sofort, wo ich bin. Zeigen Sie mir eine beliebige Hausfassade, ich wüsste sofort, wo das dazugehörige Haus steht und mit wem die Cousine des Hausbesitzers am vergangenen Donnerstag geschlafen hat. Im Zweifel mit mir.

„Engelbertstraße. Nie gehört“, gab ich dann zu, um anschließend endlich auf die Idee zu kommen, mein Handy zu befragen, das ich zufällig bei mir trug, was beim Laufen nicht immer der Fall ist, da ich nur zwei Hände habe und in der rechten stets meinen Schlüsselbund trage, in der linken meinen „iPod“. In diesem Zusammenhang wurden mir schon öfter von Lesern diese Gürtel- oder Oberarmtaschen für das Handy empfohlen, die für mich aus naheliegenden Gründen nicht in Frage kommen. Kommen mir Läufer entgegen, die sich ihr Handy auf den Oberarm geschnallt haben, überkommt mich stets das Verlangen, diese vor den nächsten LKW zu stoßen. Das klingt erstmal nach einer unverhältnismäßigen Methode, scheitert aber meist ohnehin mangels gerade unterwegsenem LKW.

„Moment, ich schaue mal nach“, sagte ich also, tappte auf meinem Handy herum und stand vor einem Problem, das tiefe Gedankengänge einforderte, sodass ich das

„Was haben Sie denn daaaaa?“

der anderen, bislang schweigsamen Damen fast überhörte.

„Google Maps. Da kann ich nachsehen, wo die Julio-Eglisias-Straße ist …“

„Engelbert!“

„Achja, Engelbert.“

Das Problem bestand darin, dass das Gyroskop meines Handys nicht weiß, wo Norden ist. Es gab da mal Probleme beim Einnorden, seitdem muss ich bei meinen Kartendiensten immer geistig nachnorden. Das fiel mir in diesem Moment sehr schwer. Ich sah zwar meinen Standort, die Erkrather Straße, wie auch die Engelbertstraße, die gar nicht mal weit weg war.

„Also die Engelbertstraße ist gar nicht mal weit weg. Sie mündet in die Erkrather. Aber wo? Links der Kettwiger oder rechts?!“

„Gut, danke“, sagte die dominante Dame und ging, während die andere bei mir verweilte.

„Halt, Moooment, ich gucke doch noch nach“, rief ich hinterher, doch die Ziehende ließ sich nicht aufhalten. Die andere guckte mich derweil erwartungsvoll, nahezu liebenswürdig, an. Und ich fragte mich, warum sie nicht ihrer Freundin folgte. Erst später entwickelte mein manchmal erschreckend langsames Gehirn die Theorie, dass die dominante Dame als erste von der anderen nach dem Weg gefragt worden war und die beiden darüber hinaus gar nichts miteinander verband.

Da ich die Situation zu einem für beide Seiten zufriedenstellenden Ende führen wollte, ließ ich nun Kollege Zufall entscheiden und sagte sehr selbstbewusst, als wüsste ich, was ich sagte:

„Folgen Sie dieser Straße, auf der wir gerade sind, das ist die Erkrather. Über die große Kreuzung da, die Kettwiger, und dann die erste rechts. Engelbertstraße. Nicht weit! Zehn Minuten vielleicht!“

Sie bedankte sich höflich und marschierte in ihrem Tempo los, sodass ich dachte, vielleicht doch eher 20 Minuten.

Und dann kamen mir Zweifel. Vielleicht war es ein Fehler. Vielleicht musste sie doch in die andere Richtung. Die Standortverfolgung auf meinem Handy läuft mitunter rückwärts. Wer sich auskennt: Dort wird ja durchaus die Fortbewegungsrichtung mittels eines blau eingefärbten Sektors angezeigt. Genau der verläuft bei mir aber in die falsche Richtung, weil eben mein Gyroskop verwirrt ist. Im schlimmsten Fall, reine Theorie, in die Tüte gesprochen, Sabrina, mit dem Autobus, hatte ich die alte Dame, die mich so lieb anblickte, in die falsche Richtung geschickt, was sie vielleicht erst in vielen Stunden bemerken würde! Ich nahm mir vor, zuhause umgehend nachzugooglen, wo genau diese Engelbertstraße ist.

Und das hatte ich direkt vergessen. Erst vor einigen Minuten, als ich diesen Text in Angriff nahm, fiel es mir wieder ein. Und gottseidank, ich habe sie in die korrekte Richtung geschickt! Die Vorstellung, eine nicht mehr ganz so gehtüchtige Dame rund um den Globus zu schicken, nur weil ich die Fehlstellung meines Gyroskopes nicht umdenken kann, hätte mich selbst sehr betrübt.

Achja: Liberal heißt im liberalen Sinne nicht nur liberal.


 

6 Kommentare

  1. pssst …. leute in die falsche richtung zu schicken war früher mal ein hobby von mir … ;-) bin auch schon in die falsche richtung geschickt worden …. “ was haben sie denn daaaaaaaa?“ solche leute gehören grundsätzlich in die falsche richtung geschickt … meint eine breit grinsende wolfskatze

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  2. In Münster brauchst Du das Teil gewiss nicht mehr.
    Apropos Münster. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, Münster, die Stadt,. In der ich so vieles zum ersten Mal tat, wird um (noch) eine Attraktion reicher. Was ist schon Hamburgs Elphi gegen den laufenden Seppo?
    Ein Touristenmagnet ohne Gleichen, betrachtet man die Vielzahl Deiner Follower. Die Übernachtungszahlen werden sprunghaft steigen.

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  3. Neben mir hielt mal einer sein Auto an und befragte mich, an seinem automatischen Navigator verzweifelnd, wo der Stadtteil Hahn denn in Frankfurt sei.

    Ich stand in diesem Fall nicht einmal in Hessen, wo die Frage nahe läge, oder auch nur in Mainz, sondern in Mössel an der Maar.

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  4. Ich habe mir diese „Retro-Kopfhörer“ zugelegt, also jene die Aussehen wie Ohrwärmer und werde immer verdattert angesehen wenn ich selbige nach Passantenansprache an mich abnehme und mal ein „Wie bitte?“ von mir gebe, meinen wohl alle sie sind lediglich Zier.
    Mein Vater läuft noch, er ist knapp unter 70, Kopf hoch also :)

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