Julia

Das surreale Moment dieser Geschichte ist nicht Julia, die in Wirklichkeit einen noch schöneren Namen trägt, sondern die Tatsache, dass unser Held Lyrich aus beruflichen Gründen eine Woche lang mit einem „Bällebad“ oder auch „Bälleparadies“ zu tun hatte, wobei das Wort „Paradies“ paradisische Zustände lediglich verspricht, tatsächlich aber eine Hölle beschreibt. Das kann jedoch hier nicht weiter ausgeführt werden, denn Lyrich hatte sechs Tage lang nur Augen für Julia. Bitter bewusst war dem fast Vierzigjährigen durchaus der fragwürdige Zustand, dass

“ … ich hier sitze wie ein alter Sack und eine junge Frau fotografiere.“

Hier sollten wir aber Lyrich beruhigen. Denn Lyrich hatte tagelang nichts anderes gesehen als Bälle. Es müssen Tausende gewesen sein! So gönnte er sich freimütig Julias Dasein, um wenigestens für einige wenige Momente die Freuden des Lebens genießen zu können.

Wir sehen jene Fotografie oben, die leider DSGVO-konform gestaltet werden musste, sodass wir die Schönheit Julias nur erahnen können, die Lyrich von etwa 10.000 Bällen abgelenkt hat. Es ging Lyrich nicht um die medial propagierte Schönheit, sondern um eine Schönheit, die nur wenige Gesichter auszustrahlen vermögen. Es geht um Mimik, es geht darum, wie sich ein Mensch bewegt, und vor allem, wie viel sein Antlitz von seiner Seele offenbart. In Julias Gesicht konnte Lyrich lesen wie in einem Buch. Und er sah eine Schwäche Julias, die ihm sehr gefiel …

Möglicherweise führt das stundenlange Starren auf Bälle dazu, dass der Geist völlig verödet – oder aber dahin, dass er sich öffnet für die wirklich schönen Dinge des Lebens, für Frauen. (Der Vergleich von Bällen mit Körperteilen einer Frau sollte hier nicht vom Leser gezogen werden, da er das Niveau dieser Ereignisse massiv unterschreiten würde. Dass es sich ausgerechnet um ein Bälleparadies handelte, neben dem sich all dieses abspielte, ist leider bittere und zufällige Realität. Julia hat es nicht verdient, damit in einen anrüchigen Zusammenhang gebracht zu werden.)

Lyrich war sich seiner Empfänglichkeit für diese unvergleichliche Schönheit der Frauen durchaus bewusst, allerdings ohne zu wissen, ob es jedem Mann so geht. So findet Lyrich auch seine elektrische Kaffeemühle schön, doch geht die Schönheit von manch Frauen über die von Kaffeemühlen, die Designpreise gewonnen haben, weit hinaus! Die Schönheit von Frauen vermag es, Lyrichs Geist in Wallungen zu versetzen und ungeahnte Kräfte freizusetzen.

„Gott, wie lange war ich bitte tot?! Nun spüre ich das Leben wieder!“, dachte Lyrich.

Julia war nicht nur Lyrichs Star, sie war auch schnell der heimliche Star des Publikums, was Lyrich so gar nicht wunderte. Mit gehöriger Eifersucht hat Lyrich drei Tage lang beobachten können, wie ein Besucher des Bällebads abseits der anstehenden Ballfreunde dastand und wie Lyrich selbst nichts anderes tat, als Julia zu beobachten. Zu mustern gar. Lüstern.

„Was für ein schmieriger Typ!“, brummte Lyrich, als ihm dieser Spanner zum ersten Mal auffiel. Ihm entging auch nicht, wie der stillose Halbstarke nicht nur Julias Gesicht musterte, sondern vor allem seinen Blick nicht von ihrem Po losreißen konnte, was in Lyrich eine ungeahnte Aggression hervorrief. Gerne wäre er aufgestanden, um dem Typen einen auf seine Fresse zu geben, der da offen eine Fleischbeschau betrieb. Doch Lyrich entging ebenfalls nicht, dass der Typ mit vier weiteren Typen dastand, die seine Schläge vermutlich mit ebensolchen und dem Faktor acht erwidert hätten, was Lyrich vermutlich nicht nur sein Antlitz, sondern auch seinen Job gekostet hätte. So beschloss Lyrich, lediglich darauf aufzupassen, dass jener Typ nicht zu weit ging und nicht eine Grenze der Anständigkeit und des Respekts überschritt. Denn Lyrich wusste, dass es Momente gibt, in denen gerade ein Gentleman – ungeachtet möglicher Folgen – für eine Frau auch mit Fäusten einstehen muss.

„Wie kann man so schamlos eine so hübsche Frau beobachten?!“, fragte sich Lyrich, während er seinen schamlosen Blick von Julia nicht losreißen konnte. Doch Lyrichs Blick verfing stets in Julias Gesicht – ein feiner Unterschied. Und eigentlich war sein Blick alles andere als schamlos, er war voller Scham – und Respekt.

„Wie bekomme ich bloß ihre Aufmerksamkeit?“, fragte sich Lyrich, während er sich vom Boden, auf dem er so viele Stunden saß, erhob, dabei ins Schlawingern geriet und stolperte, ja, fast sogar fiel, weil sein rechter Fuß unglücklicherweise eingeschlafen war und so die nötige Standfestigkeit fehlte. Diese Lyrich leider sehr eigene Tölpelhaftigkeit war es dann aber auch, die Julia tatsächlich mit Aufmerksamkeit goutierte. Sie lächelte Lyrich zum ersten Mal an! Dem wiederum war das etwas unangenehm, da er nicht gerade die männlichste Version seiner selbst im Stolpern abgeliefert hatte, sondern eher die ungeschickte. Doch Lyrich war nicht doof, er wusste genau, dass manch Frau seine leichte Trotteligkeit gar nicht so übel findet! Im Grunde war das sein einziges Pfund, das er für die Eroberung von Frauen in die Waagschale werfen konnte. Und sein Bartöl der Marke „Eisenbart“, das er jedem nur empfehlen kann, wofür er allerdings kein Geld erhält …

(Das lesen nun einige Tausend Menschen, überlegen Sie es sich! Meine Seele steht zum Verkauf!)

„Ha! Sie hat mich angelächelt!“, dachte Lyrich, während er sich an einer Wand wieder aufrichtete. Sein Tag war gerettet. Es brauchte zu dieser Zeit nicht viel, um seine Tage zu bereichern. Ein Lächeln Julias – das war mehr als genug, das trug ihn bis in den Abend.

Weitere Stunden vergingen, in denen Lyrich viel Cait zum Denken hatte.

„Vielleicht hat sie mich gar nicht angelächelt, sondern ausgelächelt! Was für ein Miststück!“

Lyrichs Stimmung schwankte und stabilisierte sich erst wieder, als Julia ihm abends ein kleines Geschenk übergab, das der Rede allerdings nicht wert ist. Aber auf diese Weise konnte Lyrich die ersten Worte mit Julia wechseln.

„Danke, Julia!“

Na, Hut ab, Lyrich! Das war aber kreativ! Aber ihm war sofort klar, dass er sich revanchieren würde – am letzten Tag der Bällebad-Veranstaltung. Denn so unscheinbar Lyrich durch sein Leben stolpert, so mutig ist er gegenüber Frauen. Und so sagte er am Ende der Veranstaltung zu Julia einige Worte, die zum einen ein Lächeln in ihr Gesicht zauberten, zum anderen sein Geheimnis bleiben. Hier schweigt er und genießt. Nur so viel sei verrraten: Julia war für einen Augenblick noch glücklicher, als sie eh schon zu sein schien … Und Lyrich war zufrieden und konnte das Bälleparadies abschließen.


Dieser Text wie auch das Beitragsbild enthalten Markennennungen. Da wir derzeit in einer rechtlich nicht vollumfänglich geklärten Situation (DSGVO) schweben, muss ich im Grunde alles mit WERBUNG kennzeichnen, auch wenn dieser Blog in Gänze nicht gewerblich ist. Allein die Nennung von Marken bedingt diese Umständlichkeit. Aber: Ich erhalte kein Geld. Die Personen, die ich auf dem Foto unkenntlich gemacht habe, müssten strenggenommen auch in ihrer Silhouette verfremdet werden, sodass man sie nicht mehr als Menschen identifzieren könnte. Mir kommt allerdings der Umstand zugute, dass jene Personen sich am gezeigten Ort damit einverstanden erklärt haben, dass sie „gezeigt“ werden dürfen. Nur um sicher zu gehen, habe ich sie dennoch verfremdet.


 

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