Zu Potte kommen

„Konzentriere dich auf deine Arbeit!“, rufe ich Lyrich zu, der auch am dritten Tag der Gamescom nur Augen für Julia hat, nicht aber für sein Gewerk an der Kamera. Der jedoch reagiert gar nicht auf mich, was ich ihm angesichts Julias Angesicht nicht einmal verübeln kann. Außerdem habe ich hier gar nichts zu sagen, denn mein Job besteht darin, einen Knopf zu überwachen und hin und wieder zu betätigen. Wenn es wenigstens der Knopf eines Atomkoffers wäre, denke ich, während ich in etwa 50 Metern Entfernung mein Ziel sehe: die Toiletten.

Wenn man auf der Gamescom Harndrang verspürt, ist schnelles Handeln vonnöten, da man nicht mal eben so zu Potte kommen kann, sondern eine halbe Stunde für den Toilettengang einplanen muss, wobei Toilettengang hier tatsächlich zunächst nur den Weg zur Toilettenanlage meint, nicht das Wasserlassen selbst.

Der Stolz, mit dem sie ihre Brüste trägt, entbehrt jeder Grundlage, schießt es mir duch den Kopf, als ich eine so genannte Cosplayerin sehe, deren Brüste ausgesprochen üppig sind, jedoch fast zur Stolperfalle für die Trägerin werden.

Ob diese Gedanken sexistisch sind, frage ich mich als nächstes, sage mir dann jedoch, dass die Gedanken frei sind; aussprechen sollte ich es wohl aber nicht. Bei aller politischen Korrektheit, die derzeit unseren gesellschaftlichen Diskurs vergiftet, bleiben wir doch Mensch. Ich habe schon lange kein Interesse mehr, es allen rechtzumachen. Davon abgesehen sind nicht nur Männer sexistisch.

Beim Gang zum Klo hat man hier viel Cait zum Nachdenken, darf sich aber nicht im Denken verlieren, da höchste Konzentration erforderlich ist. Wo immer es meinem freien Willen obliegt, vermeide ich Menschenmassen. Nicht, dass ich Panik anheimfallen könnte, ich schätze es lediglich nicht, mehr geschoben zu werden, als willkürlich voranschreiten zu können. Insbesondere dann, wenn es um die kleine Notdurft geht.

Ich komme den Toiletten immer näher, ahne jedoch, dass ich mich in einem Menschenstrom befinde, der geradewegs an der Eingangstür zu den Sanitäranlagen vorbeiströmt. Hoffentlich noch früh genug fasse ich also den Plan, mich irgendwie nach links zu bewegen, wo das Porzellan auf mich wartet. Doch Links kennt kein Erbarmen, stelle ich fest: Auf die Gegenfahrbahn gewechselt, reißt mich die Masse mit in die Richtung, aus der ich gerade gekommen war. Und so sehe ich, wie sich die rettende Tür wieder von mir entfernt.

Nach erfolglosen Versuchen, wieder auf die Gegenspur zu gelangen, komme ich resigniert an meinem Startpunkt an, wo ich den Harndrang das erste Mal verspürte.

„Das ging aber schnell für Gamescom-Verhältnisse!“, sagt Lyrich zu mir. Natürlich sieht er mich dabei nicht an, da meine Schönheit gegen die von Julia keine Chance hat.

„Ich war noch gar nicht. Ich war zwar fast da, aber dann riss mich der Gegenstrom bis hier wieder zurück. Vielleicht sollte ich einfach ins Bällebad pissen“, sage ich unter Zuhilfenahme einer Wortwahl, die ich eigentlich nie treffe. Doch der Frust sitzt tief.

„Ich versuche einen zweiten Anlauf“, informiere ich Lyrich, der immer so tut, als würde er gar nicht Julia anstarren, sondern an ihr vorbei. Also rate ich ihm:

„Es fällt jedem auf, wie du sie anstarrst. Sie ist zu jung für dich. Und ehrlich gesagt sicherlich nicht deine Klasse.“

„Das weiß ich, Seppo. Aber sie ist mein einziger Lichtblick. Sag mal, hast du eine Schusswaffe? Ich würde dem Ganzen gerne ein Ende setzen.“

Ich lasse Lyrich unbewaffnet zurück, da ich mich vielleicht noch selbst erschießen will und mache einen U-Turn in Richtung Klo. Todesmutig stürze ich mich in den entsprechenden Menschenstrom und versuche nach fünf Minuten auf Höhe der Klotür wieder nach links zu kommen, ohne jedoch wieder mitgerissen zu werden.

Ein weiteres Mal bei Lyrich angekommen entgeht mir nicht, wie Julia mit einem Amazon-Bällebad-Betreuer flirtet. Sie zupft an ihm herum, was auch Lyrich beobachtet.

„Dieses Miststück!“, ruft er, „Schlampe! Die macht’s wohl mit jedem!“

Kurz überlege ich, Lyrich doch meine Waffe zu überlassen, sehe jedoch akut werdenden Urinierdrangs davon ab und starte meinen dritten Versuch.

Wieder kurz vor der Toilettentür: Ich habe keinen Hemmungen mehr, meine Ellbogen einzusetzen. Nun weiß ich, warum ich Kraftsport betreibe: um Menschen umhauen zu können, die sich mir in den Weg stellen. Ein etwas rundgewachsener Typ des Gegenstroms versperrt mir den Weg zur Tür, doch den lasse ich ziehen, da er nicht den Eindruck macht, dass ein Schlag meinerseits etwas gegen seine Leibesfülle ausrichten könnte. Also haue ich das Mädel hinter ihm um.

„Tut mir leid, aber ich muss dringend!“, entschuldige ich mich. Das Mädel darauf:

„Vollstes Verständnis!“

Wir lachen herzhaft und ich steige über sie hinweg: Ich erreiche die Toilettenräume!

„Hey, was bist du denn für einer?!“, raunzt mich plötzlich ein Mensch im Yoshi-Kostüm an. Seine Stimme ist eindeutig weiblich und nun merke ich, dass ich von Frauen umgeben bin.

„Oh, Damenklo?!“, frage ich.

„Ja, sicher!“

„Ich bitte um Asyl. Im Sinne des Unisex-Gedanken würde ich gerne hier bei Euch urinieren. Wie finden wir da zusammen?!“

„Gar nicht, du Asieh!“, höre ich noch, bevor mich der Schlag einer Zwölfjährigen zu Boden reißt. Mein Körper nutzt das zur Entspannung und so liege ich eingenässt am Boden der Damentoilette.


 

3 Kommentare

  1. Politisch oder Gesellschaftlich korrekt ist das in den Augen von Engstirnigen nicht.
    Ich reihe mich aber gern unter die Engstirnigen ein, wenn es um die Rettung der deutschen Sprache und damit der Klein- und Großschreibung im Text geht – schon wegen der besseren Lesbarkeit.

    Was den Sexismus angeht: ja, die Gedanken sind frei und selbst der gesprochene Gedanke, wenn er nicht in Richtung Individium ausgesprochen wird. Ansonsten könnte der/die/das angesprochene Exemplar es als Sexistisch werten, was einen unglaublich langen Rattenschwanz an Unannehmlichkeiten nach sich ziehen könnte. dem kann man ja ausweichen, indem man in dem Moment nur denkt und das schweigend.

    Schade … ich meine das Ende … für Dich. Ich hoffe, Du bist noch halbwegs geordnet der Teenyattacke entkommen.

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