Der Hundehaufen

„Vorsicht, Aa!“, warnte ich vor fünf Wochen meine mir Zugetraute, als wir zu unserem Auto gingen und sie unbedarften Schrittes Kurs auf den Haufen nahm. Ihre Schritte hochgerechnet, war ich mir sicher, würde sie ihne voll mitnehmen. Einen großen Haufen, auf den der Verursacher, so Gott will ein Hund, sicherlich stolz gewesen ist, sofern Hunde Stolz empfinden können. Mein treuer Leser Lyrich dazu:

Ob Hunde diese Emotion empfinden können, kann ich trotz meiner in der Nähe geschlossenen Allwissenheit nicht beantworten.

Bitte was?! Nähe geschlossenen?! Pardon, dass ich dich unterbreche, aber was willst du damit sagen?!

Ich meine damit meine nahezue Allwissenheit. Und da es das Wort „nahezue“ nicht gibt, machte ich daraus „in der Nähe geschlossen“.

Verstehe. Mein Fehler. Bitte fahre fort.

Wer einmal einen Hund, nennen wir unseren Beispielhund einfach mal Nelson, also, wer schon einmal Nelson mit einem Stock im Maul gesehen hat, dem wird der Stolz in dessen Augen, nicht des Stockes, sondern Nelsons, gesehen haben. So betrachtet könnte ein Hund womöglich auch stolz auf seinen Haufen sein.

Danke, Lyrich. Wir können es an dieser Stelle nicht verifizieren, aber nehmen deinen Gedankengang gerne auf. Denn groß war der Haufen in der Tat und sehr frisch, der da mitten auf dem Bürgersteig lag, gut ins Licht gesetzt durch die pralle Sonne, die uns in diesem Sommer des Jahres 2018 sehr verwöhnt hat.

Meine mir Zugetraute und ich setzten uns ins Auto und fuhren ins Reisebüro, wo wir uns einen Trip nach Düdskurvan haben andrehen lassen, in die Hauptstadt Rutztekostans also. Um einige Euro ärmer wieder in unserer nicht vorhandenen Parkgarage angekommen, ist sie es dieses Mal, die mich davor bewahrt, in jenen Haufen zu tapern:

„Obacht! Der Haufen, Seppo!“

Gerade noch einmal gut gegangen, werden sich auch die Fliegen gedacht haben, die den Haufen derweil für sich entdeckt hatten und fröhlich naiv an ihm herumknabberten. Ich meine, gehört zu haben, wie eine Fliege rief: „Genug Kacke für alle da! Haut rein, Jungs!“ Festmahlsstimmung bei der hiesigen Fliegenpopulation.

„An sich habe ich ja nichts gegen Fliegen. Aber wenn man bedenkt, wie sehr sie es an Ansprüchen an ihre Mahlzeiten mangeln lassen, möchte man eigentlich nicht ihr nächster Landeplatz sein“, gab ich dem Allmendegut Luft zu bedenken.

Ist Luft wirklich ein Allmendegut, Seppo?

Gute Frage, Lyrich! Aber ja, ein so genanntes „unreines“ allerdings. Doch das soll hier gar nicht das Thema sein. Dennoch danke für deinen Einwurf. Auf diese Weise können wir Fragen zum Text direkt klären.

Dafür bin ich da!

Naja, eigentlich hast du eine andere Funktion in meinen Texten, Lyrich.

Welche?!

Wirst du schon merken. Doch nun weiter in der Kackhaufen-Saga:

Die Tage vergehen … für meine mir Zugetraute in Düsseldorf, für mich in Berlin. Sie schreibt derweil Wohnungsbewerbungen und ich Fernsehgeschichte bei Twitch. Nicht das erste Mal, dass ich daran beteiligt wird, wenn Fernsehgeschichte geschrieben wird, die allerdings … nun ja … Kopf hoch …

Wie dem auch sei, es ist Freitagmittag, als ich den Düsseldorfer Hauptbahnhof betrete und eine Bahnfahrt hinter mir liegt, die auf dem Papier lediglich vier Stunden gedauert hat. Auf dem Papier … Und Iggy Pop habe ich auch noch nie im ICE getroffen. Aber Rosberg, den tatsächlich.

Es muss schwer sein, über Hundehaufen zu schreiben, oder? Ich meine, du schweifst permanent ab!

Das Abschweifen gehört zu meinem Stil, Lyrich. Liest du hier zum ersten Mal?!

Mich gibt es ja erst seit einer knappen Woche. Sorry, dass ich nicht Merugin bin!

Ach, Merugin, den werde ich vermissen, wenn ich in Münster bin! Also: Ich betrete Düsseldorfer Boden, freue mich kurz, schnalle meinen Koffer an meine Hand und ziehe ihn den dreizehnminütigen Fußweg zu unserer Wohung in Oberbilk. Dort treffe ich Frau Fahrgescheit, unsere Nachbarin. Die gute Seele unseres Mietshauses verlässt dieses gerade.

„Oh, Herr Flotho, wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen!“, sagt sie und hat Recht. Es ist mir fast unangenehm. Immerhin tauschen wir zu Weihnachten immer selbstgebackene Plätzchen aus. Im vergangenen Jahr hatte ich ein schlechtes Gewissen, da wir ihr nur unsere Backwaren ohne Kohlenhydrate anbieten konnten, die zweifellos richtigen Keksen in allem nachstehen. Lowcarb-Plätzchen sind wie Tofu – ein vollkommen ungeeignetes Generikum.

„Ich war ein paar Tage in Berlin arbeiten!“, entgegne ich und erblicke im Plotz und Augenwinkel …

Im Plotz?! Erzähl mir jetzt nicht, das Wort gibt es!

Doch, Lyrich. Es ist das Substantiv zu „plötzlich“. Also, ich erblicke plötzlich im Augenwinkel …

Im Leben nicht!

IM PLOTZ ERBLICKE ICH IM AUGENWINKEL den Hundehaufen! Obwohl nur ein Häufchen Scheiße, lenkt dieser mich famos von Frau Fahrgescheits smalltalk ab. Immerhin bekomme ich mit, dass sie über das Wetter spricht und steige ins Gespräch ein:

„Ja, sehr heiß.“

„Wir hatten nicht einen Tropen Regen in Düsseldorf!“, klagt sie vollkommen zurecht.

„In Berlin hatten wir etwa zwei“, sage ich gedankenbesoffen und überlege, den Hundehaufen zum Gesprächsgegenstand zu machen, da mir nichts besseres einfällt.

„Dieser Haufen da, der liegt da auch schon seit zwei Wochen!“

„Ja, den sehen mein Mann und ich auch jeden Tag!“, sagt Frau Fahrgescheit.

„Regen wäre nicht schlecht“, schwadroniere ich, „allein wegen dieses Haufens. Wusste gar nicht, wie alt die werden können, wenn es nicht regnet.“

„Er war schon mal größer.“

„Sehr trocken. Selbst Fliegen interessieren sich nicht mehr für ihn.“

Ich blicke vom Haufen hoch in Frau Fahrgescheits Gesicht, dass ich nur unscharf erkenne, da sie ihren Kopf energisch schüttelt.

„Herr Flotho, ich muss in den ‚Netto‘! Machen Sie es gut!“

„Schönen Tag!“, wünsche ich und gehe ins Haus.

Erst seit vergangener Woche, als der erste Regen fiel, ist der Hundehaufen Geschichte. Nie zuvor habe ich einen Haufen gesehen, der ein höheres Alter erreicht hat.


 

9 Kommentare

  1. Hunde können so etwas wie Stolz empfinden. Sie wissen auch, wenn sie Dummheiten angestellt haben und fühlen sich sogar schuldig. Das wird ihnen regelmäßig abgesprochen, aber sie emfinden Trauer, wie auch Freude … sie können sogar lachen – natürlich nicht mit Ton, aber man sieht es ihnen an. Ihre Mimik ist genauso ausgefeilt, wie vielfältig.

    Was die Fliegen angeht … nein, man mag nicht ihr nächster Landeplatz sein, obwohl sie zur Reinlichkeit neigen und nach jeder Mahlzeit eine ausgiebige Putzarie folgen lassen. Das wäre dann auch der Moment, sie einfangen zu können – sollte man so schnell sein, dass die Fliege den Angriff auf ihre Freiheit nicht vorher sieht. Fliegen sehen unsere schnellsten Bewegungen in Zeitlupe und kommen deshalb (meist) ohne Belssuren aus einer solchen Begegnung.

    … und da fälltmir noch ein Spruch ein, den mein Großvater immer auf den Lippen hatte: „Wenn der Hund nicht geschissen hätte, wärst du nicht reingetreten.“ … aber das bist Du ja nicht, Seppo. Shit happens … ;-)

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  2. Ich könnte jetzt wieder mit den weißen Hundehaufen aus den 70ern anfangen. Dann wird mir aber wieder vorgeworfen ich hätte das bei Sarah Silverman geklaut. Dabei ist mir das aufgefallen, BEVOR ich die betreffende Folge Sarah Silverman geguckt habe. Aber wie soll ich das beweisen?
    Und die einzig richtige Antwort auf: „Ich muss zu Netto.“ ist: „DANN GEH DOCH ZU NETTO!“.

    Gefällt 2 Personen

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