Irrtum der Götter

Es ist der dradundrölfte Quadrotember im Jahre viermilliardensechshundermillionenundeins. Freilich nach göttlicher Zeitrechnung, die gar nicht so einfach in unseren gregorianischen Kalender umzurechnen ist. Vermutlich schreiben wir ein Jahr zwischen 1932 uns 2018; genauer lässt sich das kaum einkreisen.

Zumal wir uns auch gar nicht auf der uns bekannten Erde befinden, sondern im Reich der Götter. Funfact am Rande: Dort werden wir weder den Gott des Christentums, des Hinduismus, des Islams oder sonst einer anderen friedlichen Religion finden, denn es gibt all diese vom Menschen gemachten Götter gar nicht. Wir treffen vielmehr auf

Sindbad, Eugen, Jeremiah, Rotkäppchen und Aset,

die wirklichen Götter, auf die, die den Menschen schufen und bis heute für seinen Nachschub zuständig sind. Eugen beispielsweise bestückt zusammen mit Rotkäppchen weitestgehend den europäischen Kontinent, da sie beide ganz gut in hellen Hautfarben sind. Aset hingegen kann ganz gut schwarz, hat früher viel Afrika gemacht. Doch diese Grenzen spielen für die fünf Götter eigentlich keine Rolle, da jeder Mensch im Grunde gleich produziert ist, das Betriebssystem ist immer das gleiche: DOS 5.1, hat sich bewährt.

Das Produzieren von Menschen ist für die Götter Akkordarbeit, viel zu optimieren gibt es nicht, lediglich alle paar Jahrhunderte wird hier und da mal an Stellschrauben gedreht. In 400 Jahren beispielsweise sollen die ersten Menschen ohne Blinddarm ausgeliefert werden. Noch ist aber nicht ganz klar, was dann mit den bereits vorgefertigten Blinddarmen geschieht, die Sindbad vor einigen Jahrhunderten, als er randvoll von einer Party nach Hause gekommen war, in Auftrag gegeben hatte. Wegen des Mengenrabattes, hat er damals gesagt. Neun Billionen Blinddarme lagern seitdem in Halle G2 der göttlichen Produktionsstätte. Abschreiben oder weiterhin in den Menschen einbauen?, ist also die Frage, die jedoch beim heutigen meeting, dessen Zeugen wir sein dürfen, nicht zur Debatte steht. Diese Konferenz ist eine außerordentliche, denn es gibt Probleme in der Menschenproduktion. Es droht sogar ein Rückruf.

„Liebe Götterfreunde“, beginnt Sindbad, „wir haben in den europäischen Breiten ein Problem.“

Eugen und Rotkäppchen verdrehen die Augen, blicken dann verschämt auf den Boden. Sie ahnen wohl, es geht um ihre Modelle. Sindbad fährt fort:

„Ich habe hier mal einen Rohling eines Europäers Modell Deutsch mitgebracht.“

Sindbad reißt ein Laken von einer menschlichen Silhouette. Die anderen Götter erschrecken angesichts des sich offenbarenden Anblicks.

„Wo sind die Haare?“, fragt Aset bass erstaunt.

„Was müffelt hier so?“, ruft Jeremiah.

Sindbad geht auf Eugen und Rotkäppchen zu: „Das sind gute Fragen, die die Kollegen da stellen. Und das ist Euer Modell. Freilich nicht alle Deutsch-Modelle sind betroffen, doch es sind inzwischen so viele, auch bereits ausgelieferte, dass sie unangenehm auffallen!“

Eugen räuspert sich. Windet sich. Und versucht sich in einer Rechtfertigung:

„Nun, ja, also er müffelt. Das stimmt. Das ist sein Schweiß. Also dieses ist ein kostengünstig produziertes Modell. Ein Versuch gewissermaßen. Wegen der Nachwuchskrise in Europa. Wir nennen ihn ‚Nazi‘. Er schwitzt schnell, weil er sehr schnell abkühlen muss.“

„Warum? Wegen der heißen Sommer?“, fragt Aset, „Dann kommt mal nach Afrika!“

„Nein, nein, er muss schnell abkühlen, weil er sehr schnell heißläuft!“

„Warum?“, fragt Aset.

„Weil er viel marschiert. Also er ist sehr effizient in seiner Fortbewegung. Er marschiert gerne. Wenn er einmal losmarschiert, gibt es kein Halten mehr! Selbst wenn es dunkel ist, marschiert er. Mit Fackeln dann aber.“

„Und brüllt!“, ergänzt Rotkäppchchen.

„Genau. Also es ist eher ein Grölen. So ein dumpfes Grölen. Er kann marschieren und grölen gleichzeitig! Das fand unsere Entwicklungsabteilung ganz putzig.“

„Warum ist das Modell nun so günstig?“, will Jeremiah wissen.

„Nun, wir haben am Gehirn gespart. Der Nazi sollte eigentlich nicht weltbewegend werden, mehr so ein einfaches Gemüt, das marschiert und ruft. So als Gag. Für den Zirkus. Wir haben ihn für den Zirkus entwickelt, genau!“, erklärt selbstbewusst Rotkäppchen.

Sindbad atmet schwer aus: „Euch ist klar, dass das ziemlich in die Hose gegangen ist?! Wir haben so viele von denen ausgeliefert, dass sie sich beim Herummarschieren auf Erden getroffen und zusammengetan haben. Und die Fehlfunktionen sind nicht zu übersehen!“

„Du meinst die Übersprungshandlung des rechten Armes?“, fragt schuldbewusst Rotkäppchen.

„Genau! Ihr rechter Arm, der klappt einfach hoch beim Grölen!“, so Sindbad.

„Ja, also da sind die Techniker dran. Das ist irgendwie so eine Kurzschlussreaktion. Kriegen wir hin“, rechtfertigt sich Eugen.

„Am Arsch! Die Nummer verselbstänidgt sich: Die anderen, eigentlich funktionsfähigen Menschen, machen das inzwischen teilweise nach!“

„Wie?!“, fragt Aset.

„Naja“, so Sindbad, „Modell Nazi marschiert, grölt und klappt den Arm hoch – und die anderen, nicht alle, aber offenbar sehr Dumme, machen das plötzlich nach! Die Nummer entgleitet uns!“

„Ja, aber das hieße ja, dass die anderen auch nicht perfekt sind!“, triumphiert Eugen.

Jeremiah: „Nun mal langsam! Das sind dann Mitläufer. Schlimm genug, aber es sind keine Nazi-Modelle. Vielleicht, das gebe ich zu, müssen wir da auch nachjustieren. Aber Eure Modelle, die sollten wir aus dem Verkehr ziehen.“

„Was?!“, erbost sich Rotkäppchen, „Wie sollen die denn zum Problem werden, wenn die doch nur marschieren und grölen?!“

„Und den Arm hochklappen“, leise Aset.

„Ihre Gehirnmasse ist dermaßen geringgehalten, dass von ihnen gar keine Gefahr ausgehen kann! Ausgeschlossen, dass diese Modelle irgendwann einmal in Regierungsverantwortung beim Menschen geraten! Das wäre ja abstrus! Gerade in den Demokratien undenkbar! Wer würde denn diese hohlen Geschöpfe wählen?!“, lacht Rotkäppchen.

„Nun, das möchte man annehmen“, Sinbad senkt seine Stimme, „Aber es sieht so aus, als würde da gerade etwas ins Rutschen geraten. Obwohl wir die Menschen mit immer mehr Vernunft ausgestattet haben, sind sie anfällig für Marschieren und Grölen. Im Grunde ist unser Projekt Mensch gescheitert. Im Vorstand steht schon zur Debatte, als nächstes die Katze mit Intelligenz auszustatten.“

Mit diesen Worten beendet Sindbad die außerordentliche Sitzung, während auf Erden der Mob tobt.


 

11 Kommentare

  1. Das erklärt so vieles!

    Sollten die Menschen allerdings immer mit dem Betriebssystem DOS 5.1 produziert worden sein, müssen Rotkäppchen und Eugen aber geflissentlich den DOS 5.1-Fehlercode 1F „übersehen“ haben, der da lautet: „general failure“. Da merkt man wieder, wie wichtig intensives QM sein kann.

    Gefällt 3 Personen

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